"Eine zu groß geratene Kartbahn" - so beschreibt Norbert Haug seinen Eindruck vom Kurs in Oschersleben. Unrecht hat der Mercedes-Motorsportchef damit bei weitem nicht. Den Kartbahn-Charme rekrutiert die 1997 eröffnete Strecke in der Magdeburger Börde bei ihren DTM-Läufen dabei nicht zuletzt auch aus der Kombination von Fahrzeug und Streckenlayout:
Die winklige und maximal 13 Meter breite Fahrbahn stellt sich in Verbindung mit den leicht über Kartmaße hinausreichenden DTM-Boliden Überholversuchen immer wieder wehrhaft entgegen - vorausgesetzt, es handelt sich nicht um ein besonders geschickt geplantes und meisterhaft ausgeführtes Exemplar. Die Tatsache, dass sich auf den 3,667-Oschersleben-Kilometern die nicht unbeträchtliche Anzahl von 14 Kurven konzentriert, ändert daran nichts.
Bietet der Kurs bis auf eine durchaus interessante Dreifach-Linkskurve im mittlereren Streckenteil fahrerisch kaum etwas Atemberaubendes, so kann sich bei den Teams die Suche nach dem richtigen Set-up als umso anspruchsvoller herausstellen...

Audi
Kam der Ingolstädter Oschersleben-Topform der vergangenen beiden Jahre auch die Tatsache zu Gute, dass auf dem Lowspeed-Kurs der Topspeednachteil im Vergleich zu Mercedes kaum eine Rolle spielte, so braucht man auch in diesem Jahr bei Abt-Audi keine Performance-Pleite zu befürchten: Am mechanischen Grip, der in Oschersleben von besonderer Bedeutung ist, mangelte es bei Audi bislang ebenso wenig wie bei Mercedes.
Beim ebenso wichtigen aerodynamischen Abtrieb brauchen sich die Herren der Ringe traditionsgemäß nach wie vor nicht zu verstecken - dennoch bedarf es beim dritten Saisonlauf endlich eines Gesamtpakets, das dem nur in Nuancen bestehenden Rückstand zu Mercedes ein Ende setzt. Audi-Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich zeigt sich zuversichtlich. "Oschersleben lag unserem Auto und unseren Fahrern bisher ziemlich gut, deshalb hoffe ich, dass der Knoten endlich aufgeht", stellt Dr. Ullrich fest und verweist auf den bislang noch zu festen Qualifying-Knoten: "Im Rennen stimmt unsere Performance bereits. Jetzt brauchen wir endlich einmal ein gutes Qualifying-Ergebnis, dann bin ich zuversichtlich, dass wir auch ein gutes Rennergebnis schaffen."

Während Heinz-Harald Frentzen nach seinem persönlichen Abstimmungschaos beim letzten Rennen wieder auf seinen gewohnten Renningenieur hoffen darf, macht sich Tom Kristensen auf die Jagd nach den Sieg, um eine vorzeitige Meisterschaftsweichenstellung in Richtung Stuttgart zu verhindern. Der 20 Kilogramm betragende Gewichtsvorteil im Vergleich zu Mercedes sollte dabei nicht hinderlich sein - gerade angesichts des in Oschersleben besonders häufigen Herausbeschleunigens aus Kurven.
Mercedes
Eben jenen Gewichtsnachteil im Vergleich zu Audi beziffert Tabellenführer Bernd Schneider auf zweieinhalb bis drei Zehntelsekunden pro Runde - womit die Kräfteverhältnisse durchaus verschoben werden könnten. Profitierte Gary Paffett im vergangenen Jahr auf dem Weg zu seinem Oschersleben-Sieg vom im wahrsten Sinne des Wortes stehenden Start des Pole-Setters Tom Kristensen, so will man sich bei den Stuttgartern dennoch nicht alleine aufs Glück verlassen.

Bruno Spengler, der sein vorhandenes Potenzial in Oschersleben zumindest in einen Podestplatz umsetzen muss, um im HWA-Vierkampf nicht ins Hintertreffen zu geraten, setzt auf akribische Vorbereitung. "In Oschersleben ist es nicht einfach, eine gute Abstimmung zu finden", bestätigt der Kanadier und verweist auf die Wichtigkeit effektiver Testsessions gemeinsam mit den Ingenieuren: "Deshalb sind die Tests am Freitag besonders wichtig. Hier können wir uns mit Longruns auf das Rennen vorbereiten und viel für das Qualifying ausprobieren."
Und wenngleich der sachsen-anhaltische Kurs frei von Mutkurven mit Highspeed-Charakter ist, bietet der Kurs laut Jean Alesi dennoch seine speziellen Herausforderunugen: "Das Rennen auf dieser kurvenreichen Strecke ist physisch sehr anstrengend und erfordert höchste Konzentration." Ob es für den 41-jährigen Franzosen hinderlich sein wird, dass seine Kartkarriere bereits zwei Jahrzehnte zurückliegt...?

diese DTM Hintergrund