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MotoGP - Interview - Best of 2013: Shuhei Nakamoto

Herr der Monster-Maschinen

Der große Mann hinter den Weltmeistern: Im Gespräch mit dem Motorsport-Magazin spricht HRC-Boss Shuhei Nakamoto über seine große und erfolgreiche Honda-Familie.
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Motorsport-Magazin.com - Casey Stoner, Marc Marquez, Dani Pedrosa, Stefan Bradl und Alvaro Bautista sind großartige Motorradfahrer. Talent allein macht aber noch keinen Weltmeister. Die nötige Unterstützung kommt von Honda. Shuhei Nakamoto gehört schon seit 1983 zur Honda-Familie. Der Japaner erlebte einen steilen Aufstieg bei der Entwicklung von Honda RS125 und RS250 Maschinen. Im Jahr 2000 wechselte er zeitweise zum Formel-1-Projekt, wurde erst Teammanger für die Rennabteilung, dann Chefingenieur und später Senior Technikchef des Honda F1 Teams. Am 1. Dezember 2008, vier Tage bevor Honda nach Erfolglosigkeit seinen Ausstieg aus der Formel 1 bekanntgab, kehrte Nakamoto zur Honda Racing Corporation zurück. Seitdem kümmert er sich als Vizepräsident um alle Honda-Belange in der MotoGP. Dabei kennt sich Nakamoto nicht nur mit der Technik der Prototypen bestens aus, sondern auch mit seinen Fahrern. Der 56-Jährige sprach mit dem Motorsport-Magazin über Glücksgriff Marquez und all seine anderen Schützlinge. Dabei verriet er auch, warum KTM die Moto3 zerstört und warum Valentino Rossi wohl nie wieder zur Honda-Familie gehören wird.

Akt I: Marc Marquez

Was können Sie zu Marc Marquez sagen?
Shuhei Nakamoto: Ein sehr, sehr guter Junge. Er hat uns alle überrascht und fährt viel besser, als wir erwartet hatten. Wir dachten schon, dass er in der Lage sein würde, einige Rennen zu gewinnen - zwei oder drei vielleicht. Wir hatten aber nicht erwartet, dass er so weit vorne sein würde. Außerdem dachten wir, dass er mehr Fehler machen und in den Rennen hin und wieder stürzen würde, aber das ist ihm nur ein Mal passiert. Auch das hat uns überrascht und überrascht uns noch immer.

Die Rookie Rule spielt jetzt keine Rolle mehr.
Shuhei Nakamoto

Also hat es sich gelohnt, dass die Rookie Rule abgeschafft wurde?
Shuhei Nakamoto: Die Rookie Rule spielt jetzt keine Rolle mehr. Natürlich durfte ein Neuling vorher nicht in ein Werksteam einsteigen, aber das hätten wir sowieso abschaffen müssen. Vielleicht hätten wir andernfalls nur mit Dani dagestanden, wer weiß? Es ist grundsätzlich gut, dass es diese Regel nicht mehr gibt, so haben junge talentierte Fahrer viel bessere Chancen in der MotoGP.

In welchen Bereichen kann Marc noch etwas lernen?
Shuhei Nakamoto: Eine MotoGP-Maschine ist wie ein Monster. Was zum Beispiel extrem wichtig ist, ist die Reifentemperatur in einem Rennen. Eine schnelle Runde zu fahren ist natürlich schwer, aber nicht so schwer. Im Rennen konstante Rundenzeiten zu fahren ist sehr schwer. Ein Rookie braucht dafür normalerweise Erfahrung von mindestens einem Jahr. Marco Simoncelli war zum Beispiel unglaublich schnell. Er konnte eine schnelle Runde fahren oder auch mehrere, aber am Rennende wurden die Zeiten langsamer. Stefan [Bradl] konnte im letzten Jahr auch schnell beginnen, fiel am Ende des Rennens aber zurück. In seinem zweiten Jahr konnte Marco die Pace dann halten. Stefan ist in dieser Saison auch viel besser. Er wächst. Die beiden haben also ein Jahr gebraucht. Marc hatte in den ersten zwei bis drei Rennen Probleme, die schnellen Rundenzeiten zu halten, aber danach konnte er die Reifen schon bis zum Ende schonen. Das ist so schwer, aber Marc hat es geschafft. Dann gibt es noch eine weitere Schwierigkeit. Die Moto2 entscheidet sich eigentlich gar nicht so sehr von der MotoGP. Einige Linien, einige Kurven sind anders, aber um das zu lernen, kann man einfach einem schnelleren Fahrerfolgen. Die Bremsen sind auch anders: In der Moto2 fahren die Jungs mit Stahlbremsen, in der MotoGP mit Karbon. Diese Karbon-Bremsen brauchen ebenso eine bestimmte Temperatur. Wenn sie zu hoch ist, klappt es nicht. Wenn sie zu niedrig ist, wird es auch nichts. Dafür braucht man ebenso Erfahrung. Das allerschwierigste sind die Reifen.

Sicherlich ist er im nächsten Jahr noch stärker, aber es kommen auch andere Fahrer aus der Moto2 in die MotoGP.
Shuhei Nakamoto

Valentino Rossi sagte, dass Marc lieber in die Formel 1 gehen sollte. Denken Sie, dass es in Zukunft jemanden geben könnte, der ihn aufhält?
Shuhei Nakamoto: [lacht] Marc ist momentan der beste Rookie. Sicherlich ist er im nächsten Jahr noch stärker, aber es kommen auch andere Fahrer aus der Moto2 in die MotoGP - Pol Espargaro zum Beispiel. Die beiden haben schon in der Moto2 hart gekämpft und vielleicht ist er in der MotoGP genauso stark. Wir sind gespannt darauf.

Akt II: Die Honda-Familie

Wie würden sie Dani Pedrosas Leistung in diesem Jahr einschätzen?
Shuhei Nakamoto: Danis Leistung ist okay. Er hat sich sein Schlüsselbein gebrochen und lag dadurch drei Rennen lang etwas zurück. In Misano war er wieder in Form. Letztes Jahr hatte Dani eine sehr, sehr starke zweite Saisonhälfte und das erwarten wir in diesem Jahr wieder.

Lastet auf Dani zusätzlicher Druck, weil Marc in diesem Jahr so stark ist?
Shuhei Nakamoto: Irgendwie scheint es schon so, dass Dani mittlerweile in Marcs Schatten steht. Vielleicht lastet schon zusätzlicher Druck auf ihm, aber ich bin nicht Dani. Ich kann das nicht so genau beurteilen. Also sollten wir ihn am besten fragen.

Alle sagen, die RCV ist aktuell das stärkste Bike im MotoGP-Feld. Würden Sie da zustimmen?
Shuhei Nakamoto: Unsere Maschinen sind nicht schlecht. Das zeigen wir die ganze Zeit. Wir kämpfen gleichzeitig aber auch bei 100 Prozent gegen Yamaha. Das bedeutet, die Performance der Maschinen zusammen mit den Fahrern ist ziemlich gleich. Wir glauben nicht, dass die Honda besser ist als die Yamaha. Auch das Niveau unserer Fahrer ist relativ gleich. Die Yamaha hat ein ziemlich gutes Tempo in den Kurven, das haben wir bei Honda nicht. Bei der Beschleunigung ist die Honda besser als die Yamaha. Beide sind aber extrem konkurrenzfähig, das sieht man auch an den engen Rundenzeiten.

Stefan ist zu Beginn der Saison oft gestürzt und hat besonders zum Vorderrad sein Vertrauen verloren. Jetzt nutzen wir ein anderes Bremssystem an der Front.
Shuhei Nakamoto

Sind Sie mit Stefan Bradl in dieser Saison zufrieden?
Shuhei Nakamoto: Stefan ist zu Beginn der Saison oft gestürzt und hat besonders zum Vorderrad sein Vertrauen verloren. Jetzt nutzen wir ein anderes Bremssystem an der Front. Sobald er sein Vertrauen zurückgewonnen hatte, ist er wieder gestürzt. Das war wirklich schwer.

Ist es aus Marketingsicht gut, einen deutschen Fahrer zu haben?
Shuhei Nakamoto: Um ehrlich zu sein, interessiert mich das Marketing nicht. Ich will gewinnen und mag schnelle Fahrer. [lacht]

Es gab Gerüchte, dass Stefans und auch Alvaro Bautistas Verträge im nächsten Jahr nicht eingehalten werden könnten. Bestand für beide Fahrer wirklich ein Risiko?
Shuhei Nakamoto: Stefan und Alvaro? Nein, keinesfalls. Sie werden weiter für die Honda-Familie fahren. Das war nur ein Gerücht.

Worin liegen die Unterschiede bei den Motorrädern von Marc, Dani, Stefan und Alvaro?
Shuhei Nakamoto: Die ganze Honda-Familie, inklusive Stefan und Alvaro, bekommt zu Beginn der Saison das gleiche Material. Das Gresini Team arbeitet aber zum Beispiel mit Showa-Federung und dem Nissin-Bremssystem. Das ist natürlich ein Unterschied. Stefan hat im Laufe der Saison auf Brembo gewechselt, also ist es haargenau das gleiche. Die Schwingen sind andere, diese Wahl treffen aber die Fahrer.

Akt III: Testfahrer Stoner

Hat es Sie im letzten Jahr überrascht, als Casey Stoner seinen Rücktritt in Frankreich bekannt gegeben hat?
Shuhei Nakamoto: Vor zwei Jahren gewann er die Weltmeisterschaft auf Philipp Island. An diesem Abend feierten wir eine Party im Hotel und Casey erzählte mir schon, dass er vom aktiven Rennsport zurücktreten möchte. Ab diesem Punkt habe ich versucht, ihn davon zu überzeugen, weiterzumachen. Ich habe es sechs Monate lang versucht, aber schließlich ist es mir nicht gelungen. Das war mein Fehler. Jetzt fehlt er uns.

Casey liebt es, Motorrad zu fahren. Ich wusste, dass er Interesse haben würde und dass wir einen guten Testfahrer brauchen.
Shuhei Nakamoto

Wie konnten Sie ihn dann überzeugen, die Honda jetzt wieder zu testen?
Shuhei Nakamoto: Casey liebt es, Motorrad zu fahren. Ich wusste, dass er Interesse haben würde und dass wir einen guten Testfahrer brauchen. Wir waren uns eigentlich von Anfang an einig. Er ist glücklich, dass er die Maschine wieder fahren kann. Also haben wir einen Vertrag für dieses Jahr abgeschlossen.

Da gibt es auch viele Gerüchte über eine Wildcard auf Philipp Island…
Shuhei Nakamoto: Nein, die Chance, dass er wieder Rennen fährt ist gleich Null. Er will es einfach nicht.

Werden Dani und Marc das Production Bike für nächstes Jahr auch testen?
Shuhei Nakamoto: Nein, Dani und Marc testen dieses Motorrad nicht. Die beiden testen das neue Werksbike. Für den Production Racer ist allein Casey zuständig.

Wie würden Sie das Niveau der neuen Maschine im Vergleich zu den aktuellen Werksbikes beschreiben?
Shuhei Nakamoto: Bei unserem Test in Motegi haben wir gesehen, dass der Unterschied bei den Rundenzeiten lediglich bei 0.17 Sekunden lag. Der Unterschied beim Top-Speed lag bei 7 km/h. Sie liegen also sehr dicht dran.

Das Gresini Team nimmt auf jeden Fall eines und auch das Team von Karel Abraham ist interessiert.
Shuhei Nakamoto

Welche Teams sind aktuell an dem neuen Motorrad interessiert?
Shuhei Nakamoto: Das Gresini Team nimmt auf jeden Fall eines und auch das Team von Karel Abraham ist interessiert. Mehr wissen wir aktuell noch nicht.

Besteht die Möglichkeit, dass Lucio Cecchinello einen Production Racer kauft und einen zweiten Fahrer einsetzt?
Shuhei Nakamoto: Das weiß nur Lucio selbst. Er bekommt möglicherweise nicht genügend Geld zusammen. Aber ich würde mich natürlich freuen, wenn ich ihm ein zweites Motorrad verkaufen kann. [lacht]

Akt IV: Die Zukunft

Die Honda in der Moto3 ist eine Production-Maschine und damit sehr günstig. Die KTM ist ein Prototyp und sehr gut.
Shuhei Nakamoto

Erst vor Kurzem haben Sie sich über KTM in der Moto3 beschwert…
Shuhei Nakamoto: Die Honda in der Moto3 ist eine Production-Maschine und damit sehr günstig. Die KTM ist ein Prototyp und sehr gut. Das ist okay für mich. Jetzt fing KTM aber an, die Fahrer für ein riesen Gehalt abzuwerben. Ein 16- oder 18-jähriger Junge muss kein so großes Gehalt bekommen. Für ein privates Team, ist es aktuell extrem schwer, die Rennen überhaupt zu fahren. Sie fahren Honda, dann kommt aber KTM mit viel Geld und ich verliere damit das Team und die Fahrer. Das ist keine gute Situation. Die 125er Klasse war früher ziemlich teuer. Honda lieferte einen annehmbaren Preis und eine gut fahrbare Maschine für die Moto3. Um im Motorsport weiterzumachen müssen die Fahrer viel Geld investieren. Viele Leute sind der Meinung, dass Motorsport einfach zu teuer ist und sie lieber Ski fahren oder schwimmen sollten. Die Anzahl an Lizenzen junger Fahrer sinkt gerade in allen Ländern. Das hat wirtschaftliche Gründe. Also entschieden wir mit der Dorna, die Moto3 zu schaffen, um jungen Fahrern einen relativ günstigen Einstieg zu ermöglichen. Die Leute von KTM machen jetzt aber, was sie wollen. Sie bauen zwar eine sehr, sehr gute Maschine, wollen dafür aber auch extrem viel Geld - fast wie zu 125er Zeiten und das entspricht meiner Meinung nach nicht der Philosophie der Moto3.

Denken Sie aus diesem Grund darüber nach, aus der Moto3 auszusteigen?
Shuhei Nakamoto: Wir denken darüber nach, aber Honda hat jetzt noch nichts entschieden. Es könnte zwei Szenarien geben: Wenn Honda aussteigt, gibt es nur noch KTM und dann geht ihr Preis nach unten. Dann wäre ich glücklich. Andererseits könnte Honda auch eine ähnliche Maschine bauen und einen ähnlichen Preis verlangen. Wir haben die Wahl, aber bisher noch nicht entschieden, was wir machen.

Ist Scott Redding ein Zugewinn für 2014?
Shuhei Nakamoto: Er ist aktuell in der Moto2 extrem gut, steht fast immer auf dem Podium und führt die Weltmeisterschaft an. Scott ist aber auch extrem groß, was für die Moto2 vielleicht ein Problem sein könnte. Also passt er möglicherweise am besten auf ein MotoGP Bike.

Wer ist in Ihren Augen der beste Fahrer aller Zeiten?
Shuhei Nakamoto: Ich mag alle Fahrer der Honda-Familie. [lacht]

Würden Sie Valentino Rossi eines Tages gerne noch einmal auf einer Honda sehen?
Shuhei Nakamoto: Aktuell hat er ja noch einen Zweijahresvertrag bei Yamaha. Damit könnte er erst 2015 zu Honda kommen. Vielleicht ist er dann schon zu alt. [lacht] Wir müssen ihn mal fragen.

Da es wirtschaftlich aktuell einige Probleme gibt, wünsche ich mir, dass die Anzahl der jungen Fahrer überall weiter ansteigt.
Shuhei Nakamoto

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Shuhei Nakamoto: Da es wirtschaftlich aktuell einige Probleme gibt, wünsche ich mir, dass die Anzahl der jungen Fahrer überall weiter ansteigt. Die jungen Fahrer sollen in die MotoGP kommen. Auf der Welt dominiert im Sport definitiv der Fußball, danach kommt die Formel 1 und dahinter irgendwo die MotoGP - auf jeden Fall unter den Top-10. Es wäre schön, wenn wir eines Tages noch weiter vorne wären. Ich wünsche mir auch, dass wir die hohe Anzahl an Fahrern dauerhaft halten können oder sogar noch steigern können und das ist möglich. Wenn möglich hätten wir auch gerne einen asiatischen Fahrer. In den 90ern war dieser Sport extrem beliebt. Ich würde mich freuen, wenn wir da wieder hinkommen würden. Ganz persönlich wünsche ich mir aber vorrangig, dass Honda die Weltmeisterschaft in jedem Jahr gewinnt.

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