Formel 1 - Melbourne-Rekordzeit: Warum nicht noch schneller?

Das war nur der Anfang

Lewis Hamilton unterbietet die letztjährige Pole-Zeit in Melbourne locker. Aber viele fragten sich: Warum ging es nicht noch schneller mit den neuen Autos?
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Motorsport-Magazin.com - Die neue Generation der Formel-1-Autos ist verdammt schnell. Was sich schon bei den Testfahrten vor der Saison in Barcelona abzeichnete, bestätigte sich beim Auftakt in Australien: Dieses Jahr werden haufenweise Rundenrekorde gebrochen. Den Anfang machte der Albert Park in Melbourne. Sebastian Vettel fuhr schon im 3. Training neue Rekordzeit, Lewis Hamilton setzte im anschließenden Qualifying noch einen drauf.

Mit einer 1:22.188 fuhr der Mercedes-Pilot zur ersten Pole Position des Jahres. Nur knapp schrammte er daran vorbei, die 1:22er-Marke zu knacken. Doch der bisherige Pole-Rekord, aufgestellt von Sebastian Vettel im Jahr 2011, fiel locker. Damals brauchte Vettel im Red Bull 1:23.529 Minuten für seine Pole-Runde - 1,341 Sekunden langsamer als Hamilton jetzt sechs Jahre später.

Echte Monster

Im Vorjahr war Hamilton noch knapp am Rekord vorbeigeschrammt. 2016 fuhr er im Qualifying eine 1:23.837 - diesmal war er 1,649 Sekunden schneller. Als echte Monster bezeichnete Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff die 2017er-Rennwagen - aber sind sie wirklich so brutal, was die reinen Rundenzeiten betrifft? In Melbourne herrschte diesbezüglich zumindest etwas Verwirrung. Nicht wenige hatten erwartet, dass es noch einiges schneller auf der Strecke zugehen würde.

"Natürlich dachten wir, dass es mehr sein würde", sagte Hamilton nach seiner insgesamt sechsten Pole im Albert Park. "Ich bin nicht ganz sicher, warum es so nah dran war (an der Pole-Zeit 2016;d.Red.)." Im Schnitt sollten die neuen Autos drei Sekunden schneller sein pro Runde, Pirelli sprach während der Testfahrten von Unterschieden von zwei bis sechs Sekunden - je nach Streckenprofil.

Pole-Jahr Bestzeit Avg. Speed Top-Speed
2017 1:22.188 232.282 328,6
2016 1:23.837 227.713 330,3
2011 1:23.529 228.552 314,2

Lag es an den Bedingungen?

Während die Formel 1 in Barcelona mehr als locker hielt, was sie versprach, konnte Melbourne mit den vorausgesagten Fabelzeiten nicht ganz mitgehen. Gründe für den kleinen Australien-Durchhänger gibt es so einige. Nicht wenige Fahrer glaubten etwa, dass die Streckenverhältnisse auf dem temporären Kurs nicht so gut gewesen seien wie in den vergangenen Jahren. "Liegt an der Strecke, heute war es kühl", meinte Hamilton.

Felipe Massa stimmte zu: "Vielleicht ist die Strecke ein bisschen langsam." Schon am Freitag hatten sich die Streckenverhältnisse vom 1. zum 2. Training hin nicht so entwickelt wie es einige Teams vorausberechnet hatten. Besonders Kurse, auf denen das Jahr über normale Straßenautos fahren beziehungsweise keine Rennautos, machen üblicherweise einen extremen Sprung von Session zu Session. "Es liegt an den Streckenbedingungen", war auch McLaren-Pilot Stoffel Vandoorne überzeugt.

Wissenswertes über den F1-Australien GP: (01:07 Min.)

Beeindruckende Kurvenspeeds

Zumindest in den Autos hatten die Fahrer das Gefühl, in wirklichen Downforce-Monstern zu sitzen. "Das kann man auf den Onboards sehen, die Kurvenspeeds sind sehr beeindruckend", sagte Toto Wolff. Selbst Sebastian Vettel, der sich während der Testfahrten noch etwas skeptisch gezeigt hatte, war inzwischen vollends begeistert: "Das fühlt sich an wie vor zehn Jahren - aber mit noch einer Schippe drauf. Ich hatte noch nie so ein schnelles Auto in der Formel 1."

Schnell in den Kurven - auf den Geraden waren die Autos erwartungsgemäß etwas langsamer unterwegs als im Vorjahr. Melbourne gilt nicht gerade als Highspeed-Kurs, doch auch hier bremsten die Geraden die Aero-lastigen Autos etwas ein. Lance Stroll gelang im Qualifying ein Topspeed-Wert von 328,6 km/h. Im Vorjahr war Nico Hülkenberg (330,3 km/h) mit seinem Force India knapp 2 km/h schneller unterwegs.

Was fühlt ein Formel-1-Pilot in einer Kurve?: (01:44 Min.)

Viel schwerer als früher

2017 sind die Autos nicht nur Aero-lastiger, sondern auch einiges schwerer. 728 Kilo bringen sie aktuell auf die Waage, zudem soll bei einigen Teams - unter anderem Mercedes - noch Übergewicht wegen neuer Teile herrschen. Zum Vergleich: Als Vettel 2011 in Melbourne den Pole-Rekord bis dato aufstellte, war sein Red Bull mit V8-Motor fast 100 Kilo leichter als Hamiltons Hybrid-Mercedes jetzt. 2016 waren die Autos etwa 20 Kilogramm leichter.

"Dass die Zeiten vielleicht nicht um Sekunden schneller sind als letztes Jahr, liegt daran, dass wir natürlich auch mehr Widerstand die Gerade runterschleppen und da deshalb ein bisschen schwerer tun", erklärte Vettel. "Hier gibt es auch ziemlich viele Geraden, das ist eine Power-Strecke." Auf Strecken wie Monza oder Spa mit ihren ewig langen Geraden wird sich der Topspeed-Nachteil noch wesentlich eklatanter herauskristallisieren.

Je länger, desto schneller

Der Albert Park ist also nicht gerade die Paradestrecke für Rundenrekorde, auf anderen Kursen sollten die Unterschiede zum Vorjahr deutlicher ausfallen. Wie etwa in Barcelona, wo Kimi Räikkönen beim Test die 2016er Pole-Zeit um 3,366 Sekunden unterbot. Zu Melbourne sagte Williams-Technikchef Paddy Lowe hingegen: "Ich schätze, dass dieser Kurs nicht die Charakteristiken hat, um die Unterschiede in den Regeln voll auszuschöpfen."

Das kommende Rennen in China könnte dafür besser geeignet sein. Und je länger sich die Saison hinzieht, desto besser werden die Autos aerodynamisch aussortiert sein. In Melbourne kämpfen viele Teams noch mit der Balance, bei Red Bull wurde gar die Motorpower zugunsten einer verbesserten Aerodynamik etwas nach unten geregelt. "Die Autos sind neu, deshalb steigt die Entwicklungsrate dieses Jahr viel schneller an", sagte Hamilton. Melbourne war nur der lockere Auftakt eines Jahres, in dem Rundenrekorde pulverisiert werden.


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