Formel 1 - Neue Startregeln für 2017: Das hat sich geändert

Kupplung nicht mehr von Motorsteuerung kontrolliert

Beim Australien GP wird zum ersten Mal nach den neuen Regeln gestartet. Doch warum genau werden die Starts wieder deutlich schwieriger für die Fahrer?
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Motorsport-Magazin.com - Überholen wird beim Auftaktrennen zur Formel-1-Saison 2017 im Albert Park so gut wie unmöglich - darin sind sich die meisten einig. Weil alle von einem Einstopp-Rennen ausgehen, gibt es taktisch nicht besonders viele Möglichkeiten, zu überholen. Lewis Hamilton startet beim Australien GP von der Pole Position, Sebastian Vettel von Platz zwei. 2016 überholte Vettel beide Mercedes am Start und hätte das Rennen gewinnen können, hätte Ferrari bei der Strategie nicht gepatzt

Wiederholt sich Vettels Super-Start? Falls ja, hat er die besten Chancen, das Rennen zu gewinnen. Doch Ferrari könnte den Start-Vorteil der letzten Saison los sein. Denn über den Winter wurden die Start-Regeln noch einmal verschärft.

Die Starts in der Formel 1 standen seit längerer Zeit unter Beschuss. Der Tenor lautet: Die Fahrer sollen weniger abhängig von der Technik sein, mehr selbst unter Kontrolle haben. Der erste Schritt dazu wurde schon 2015 vor dem Belgien GP unternommen: Die Kommunikation zwischen Ingenieur und Fahrer in der Formationsrunde wurde eingeschränkt, der Schleifpunkt durfte nach dem ersten Verlassen der Boxengasse am Sonntag nicht mehr verändert werden.

Artikel 27.1 gegen Fahrhilfen

Doch Teams und Fahrer hatten sich schnell darauf eingestellt, die Starts wurden schnell wieder zur Routine. Kurz vor dem Saisonauftakt 2016 besserte die FIA noch einmal nach. Die Regeln mussten dafür nicht geändert werden, wie beim verschärften Funkverbot - das mitten in der Saison wieder aufgehoben wurde - bezog sich der Regelhüter auf Artikel 27.1 des Sportlichen Reglements, der besagt: "Der Fahrer muss das Auto alleine und ohne Hilfe fahren."

Die Rückseiten der Lenkräder bekam man 2016 nur selten zu Gesicht - Foto: Sutton

Die Änderungen für 2016 waren schon größer als die kleine Korrektur für Spa im Jahr zuvor: Die Fahrer durften nur noch mit einer Hand auskuppeln, zuvor nutzten sie beide Kupplungs-Hebel beim Start. Der zweite Hebel ist weiterhin am Lenkrad, um im Notfall schnell auskuppeln zu können, darf aber beim Start nicht benutzt werden.

Um Tricksereien zu vermeiden, mussten die Teams ihre Lenkrad-Konstruktionen zuvor von der FIA absegnen lassen. Wer sich wundert, warum es kaum Aufnahmen von den Rückseiten der Lenkräder gibt: Hier hatten einige noch einen kleinen Trick versteckt. Der Kupplungshebel muss sich linear zur Kraft bewegen. Je mehr Kraft, desto mehr Weg. Zwei Federn mit unterschiedlicher Stärke oder ähnliche Spielereien sind verboten. Das soll dafür sorgen, dass der Fahrer nicht irgendeinen Druckpunkt spürt, an dem sich der Kupplungshebel beim Startprozedere befinden soll.

Kleine Vorsprünge am Lenkrad konnten den Piloten aber dabei helfen, die optimale Hebel-Position zu finden. Zwei Fingerbreiten Abstand von diesem Vorsprung, und der Hebel ist genau in der richtigen Position - so etwa konnten die Teams tricksen. "Erlaubt war das nicht, aber geduldet", sagt ein FIA-Mann. Damit ist in diesem Jahr Schluss. Am Donnerstag vor dem Australien GP inspizierte die FIA die Lenkräder aller Piloten.

Keine automatische Kupplungs-Steuerung mehr

Doch das ist nur eine Kleinigkeit im Vergleich zur anderen Änderung: Die Regelklarstellung von Australien 2016 hatte es nämlich in sich. Ab 2017, so die Klarstellung, regelt das Einheits-Motorsteuergerät einen zusätzlichen Wert: Das Kupplungs-Drehmoment. Bislang konnten sich die Teams hier noch in gewissem Rahmen austoben.

Es ist jetzt wie im PKW.
Pascal Wehrlein

"Es gibt keine eigenständige elektronische Close-Loop-Regelung in der Kupplung mehr", erklärt Saubers Technikdirektor Jörg Zander. Über verschiedene Mappings konnten die Ingenieure bislang Kennfelder programmieren, die den Fahrern die Arbeit enorm erleichterten. Für Pascal Wehrlein sah das dann so aus: "Wir haben zuvor mit dem Ingenieur eine Position ausgemacht, wohin man mit dem Kupplungs-Hebel ungefähr kommen musste. Danach lag es am Ingenieur, ob die Kupplung zu viel oder zu wenig greift."

Durch das Kennfeld der Close-Loop-Regelung hat die Kupplung nicht linear zur tatsächlichen Hebel-Bewegung reagiert. Die Kupplung wurde über das Kennfeld zugefahren. "Damit musste der Fahrer das nicht mehr machen", erklärt Zander. Es handelte sich um eine zeitengesteuerte Zustellung. Jetzt muss es eine direkte Beziehung zwischen dem Ausrückmechanismus der Kupplung und dem Kupplungshebel geben. Ein Automatismus darf nicht mehr hinterlegt sein, in der Einheits-ECU (Motorsteuergerät) ist nun ein standardisiertes Mapping hinterlegt.

Musste der Fahrer zuvor nur den richtigen Punkt des Kupplungshebel finden und anschließend mit dem Gaspedal den Rest steuern und war sonst von den Einstellung abhängig, liegt nun ein weiterer Parameter in seiner Hand. Es ist nun ein Zusammenspiel aus Kupplungshebel- und Gaspedalstellung - alles in Abhängigkeit vom Grip-Niveau. "Es ist jetzt wie im PKW", vergleicht Wehrlein.

Bleibt Ferrari Start-König?

Die Teams bekamen schon in Barcelona in der zweiten Testwoche zusätzlich die Möglichkeit, in der Mittagspause Starts in der Startaufstellung zu üben. In Melbourne durften die Piloten wie gewöhnlich am Boxenausgang Startübungen vornehmen. Erkenntnisse kann man daraus aber nicht ziehen, meint Dr. Helmut Marko: "Das ist wie mit den Boxenstopps. Wenn du sie übst, funktioniert alles optimal. Genauso ist es mit den Starts. Wenn der Druck da ist und es einen Fahrer neben dir gibt, ist das aber eine andere Geschichte."

Ferrari machte Mercedes das Leben am Start 2016 oftmals schwer - Foto: Sutton

Besonders interessant wird der Start aus Mercedes-Sicht. In der vergangenen Saison hatte vor allem Lewis Hamilton damit zu kämpfen, verlor dabei zahlreiche Positionen. "Wir haben hier sicher noch eine größere Streuung bei den Starts, weil es noch mehr auf den Fahrer ankommt und nicht nur auf das Programmieren des Ingenieurs", glaubt Toto Wolff. "Wenn Überholen so schwierig wird, wie es sich andeutet, dann kann es schon sein, dass sich alles am Start oder über die Strategie entscheidet."

Sebastian Vettel lauert auf seine Chance. Hätte Ferrari ihn 2016 nach der Rennunterbrechung mit den richtigen Reifen rausgeschickt, hätte er den Australien GP wegen seines Starts gewinnen können. Die Änderungen in diesem Jahr sieht er nicht ganz so dramatisch: "In den letzten Jahren konnte man als Fahrer auch schon einen Unterschied machen", stellte Vettel klar. "Ich glaube, das wird in etwas gleich bleiben. Man hat aber noch mehr Verantwortung, vielleicht ist es auch ein wenig wie ein Los, das man ziehen muss. Es ist ein bisschen Glücks- und Gefühlssache."

Übrigens: Ein Startvorgang wie in anderen Rennserien, bei dem die Piloten auf der Bremse stehen, die Kupplung schon vorspannen und dann nur noch das Bremspedal lösen, wenn die Lichter ausgehen, ist in der Formel 1 nicht erlaubt. "Weil man die Befürchtung hat, dass der Motor in den Anti-Stall-Modus springt oder sogar komplett ausgeht", erklärt Zander. Das würde bedeuten, dass Autos stehen bleiben oder zumindest der Gang rausspringt, weil der Anti-Stall-Modus greift. Dann dauert es, bis der erste Gang eingelegt und das Startprozedere von Neuem in Gang gesetzt wird. Die Gefahr, dass ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf einen stehenden Boliden auffährt, ist so zu groß.


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