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Formel 1 - Spa-Unfall: 11 Antworten zum Mercedes-Wahnsinn

Star Wars in neuen Dimensionen

Mercedes dominiert das Geschehen beim Belgien GP. Der Ernstfall ist eingetreten: Es hat geknallt. Motorsport-Magazin.com liefert die Antworten zum Unfall.
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1. - Was ist eigentlich passiert?

Spa-Rennen, Runde 2, Kurve 5, Chaos: Nico Rosberg versucht nach schwachem Start, die Führung von Lewis Hamilton zurückzuerobern. Der Deutsche setzt zum Überholmanöver auf der Außenlinie an, Hamilton steckt nicht zurück. Rosberg touchiert mit seinem Frontflügel Hamiltons F1 W05 an der Hinterachse und schlitzt ihm den linken Hinterreifen auf.

Die Folge: Der Brite humpelt mit Plattfuß zurück an die Box, muss das Rennen später wegen eines defekten Unterbodens aufgeben. Rosberg legt einen ungeplanten, frühen Stopp ein und lässt den Frontflügel wechseln. Er beendet das Rennen auf Platz zwei und baut seine WM-Führung auf 29 Punkte Vorsprung aus.

Foto: Sutton

2. - Was machte Toto Wolff so rasend?

Der Chef war not amused. Noch am Samstag hatte Toto Wolff gesagt, dass es trotz Teamorder-Verzicht nicht zum Crash kommen dürfe. Kontrollieren könne man dies jedoch nicht. Einen Tag später hatte er den Salat und Mercedes den möglichen Doppelsieg verschenkt. "Das ist unglaublich", wetterte der Mercedes-Motorsportchef anschließend. "Es gibt nur eine Regel: nicht miteinander kollidieren."

Vor allem der Umstand, dass sich der Unfall so früh ereignete, brachte den Österreicher mächtig auf die Palme. "Solch eine Berührung so früh im Rennen zu riskieren, ist ein inakzeptables Risiko", sagte er. "Das darf und wird nicht mehr passieren." Wolff hatte schon im Hinterkopf mit dem Gedanken gespielt, dass es irgendwann einmal knallen könnte. "Aber so früh hatte ich nicht damit gerechnet", räumte er schlecht gelaunt ein und rief das Team umgehend zu einer ersten Lagebesprechung zusammen.

Foto: Sutton

3. - Warum gab Hamilton vorzeitig auf?

Das kennt man eigentlich nicht vom schnellen Briten: vorzeitige Aufgabe. Spätestens seit dieser Saison und all dem Pech in den Qualifyings ist Hamilton berühmt für spektakuläre Aufholjagden. In Spa jedoch fragte er während des Rennens, ob er das Auto nicht lieber abstellen sollte. Das Team orderte ihn zunächst an, weiter zu fahren. In Runde 33 war jedoch Feierabend, Mercedes bestellte Hamilton mit seinem beschädigten Auto an die Box. Das Team hatte bis dahin auf seine Safety-Car-Phase gehofft, um Hamilton doch noch in die Punkte zu bringen. "Am Ende können ein paar Punkte der Game Changer sein", erklärte Wolff die Maßnahme.

Hamilton hatte seine Aufgabe nicht aus Lustlosigkeit oder Frust angeboten, sondern mit Blick auf das Leben seiner Power Unit. "Ich wollte das Auto vorzeitig abstellen", sagte er. "Allerdings nicht, weil ich aufgegeben hatte, sondern weil ich die Fahrer vor mir nicht einholen konnte. Ich glaube, dass ich sie selbst nach einer Safety Car-Phase nicht hätte überholen können. Das Auto war recht stark beschädigt und meine Gedanken drehten sich darum, den Motor zu schonen, nachdem mein letzter in Ungarn zerstört worden war."

Foto: Sutton

4. - Warum wurde Rosberg ausgepfiffen?

Was eigentlich nur Sebastian Vettel kennt, suchte nun auch Rosberg heim: Buh-Rufe gegen den WM-Spitzenreiter während der Podiumsfeier. Deutlich hörbar drückte ein Gruppe von Fans ihre Meinung über Rosbergs diskutables Überholmanöver in Form von Pfiffen aus. Rosberg war sicher: Dabei handelte es sich um britische Fans und damit Hamilton-Supporter. Deshalb zeigte Rosberg auch Verständnis. "Das war eine kleine Minderheit da draußen - es waren die britischen Fans. Der Rest war glücklich, ein spannendes Rennen gesehen zu haben", meinte er. Gleichzeitig gab er zu: "Das war kein schönes Gefühl für mich."

Foto: Sutton

5. - Hatte Rosberg Schuld am Unfall?

Offizielle Antwort: nein. Die Rennleitung untersuchte den Zwischenfall nicht einmal. Das Ergebnis ist somit offiziell. Rosberg selbst wies die Schuld auch mit einigem Abstand zum Rennen noch von sich. "Ich war schneller zu dieser Zeit", sagte er überzeugt. "Es gab die Gelegenheit, also versuchte ich es. Und zwar außen, weil die Innenseite blockiert war. Ich habe kein Risiko gesehen bei dem Versuch zu überholen. Warum sollte ich es also nicht versuchen? Ich hatte die Gelegenheit, auch ohne DRS." Hamilton zeigte sich unterdessen überrascht, dass die Rennleitung den Fall auf sich beruhen ließ.

Rosberg berief sich auf die Entscheidung der Stewards, die die Situation als Rennunfall gesehen hatte. So könne man das beschreiben, sagte Rosberg. Beobachter Jacques Villeneuve bewertete die Situation ähnlich. "Aber: Auf diesem Niveau muss man beurteilen können, wann man eine Kurve verpasst hat", kritisierte er Rosberg im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com "Und es waren noch 42 Runden übrig. Aber das ist das Problem bei Nico: Er akzeptiert es nicht, wenn er etwas verloren hat."

Foto: Sutton

6. - Wie bewertete Mercedes den Unfall?

Anders als Rosberg. Für Niki Lauda war sofort nach Rennende klar: Der WM-Leader war für den Unfall verantwortlich. Äußerungen in der Hitze des Gefechts? Mitnichten. Auch Stunden später beharrte der Österreicher auf seiner Meinung und schob Rosberg die Hauptschuld zu. "Das ist Meinung gegen Meinung", kommentierte es Lauda kurz und bündig. Toto Wolff hielt sich zunächst etwas mehr zurück, sagte dann aber deutlich: "Die Kollision hätte vermieden werden können. Nico hat angegriffen und das hätte er nicht machen sollen. Damit zeigte sich, dass er nicht darauf vorbereitet war, nachzugeben."

Für Hamilton war sowieso alles klar: Rosberg hätte den Unfall vermeiden können. Als Beispiel führte er Sebastian Vettel an, der in einer ähnlichen Situation gegen ihn selbst in der Runde zuvor zurücksteckte und die Strecke verließ, um eine Kollision mit dem Silberpfeil zu verhindern. "Ihr könnt Fernando [Alonso; d.Red.] und alle anderen Fahrer fragen", führte Hamilton aus. "Wenn ein Auto weniger als eine halbe Wagenläge neben dir ist und du auf der Innenseite fährst, dann gehört die Rennlinie dir. Es ist nicht deine Aufgabe, stark zur Seite zu fahren und noch mehr Platz zu lassen."

Foto: Sutton

7. - Wie kam es zum eigentlichen Eklat?

Toto Wolff beschrieb den Unfall als Worst-Case-Szenario. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Hamilton ließ sich während einer Medienrunde mit britischen Journalisten ausführlich über die Inhalte des Mercedes-Meeting nach Rennende aus. Und sorgte damit für einen Eklat im Fahrerlager. "Er (Rosberg; d.Red.) hat praktisch gesagt, dass er es absichtlich gemacht hat", lautete Hamiltons Wortwahl mit Bezug auf den Unfall. "Er sagte, es sei Absicht gewesen. Er sagte, dass er es hätte vermeiden können. Er sagte: 'Ich habe es gemacht, um etwas zu beweisen'."

Schnell war die Schlagzeile 'Absicht von Rosberg bei Unfall' geboren und ging um die Welt. Medien und Fans rasteten förmlich aus. Die Geschichte hielt sich eine ganze Weile, bis Toto Wolff eingriff und um Aufklärung bemüht war. Zwar habe Hamilton Rosbergs Wortwahl aus dem Meeting korrekt wiedergegeben, doch bei der Interpretation habe es sich um ein Missverständnis gehandelt.

Hamiltons Aussagen zusammengefasst

  • Rosberg sei ihm absichtlich reingefahren
  • Das habe Rosberg im Team-Meeting zugegeben
  • Rosberg habe damit etwas beweisen wollen
  • Rosberg habe Hamilton die Schuld an Unfall zugewiesen
  • Rosberg sei schon beim Meeting am Donnerstag verärgert gewesen
  • Hamilton war von einer Untersuchung des Unfalls ausgegangen
  • Hamilton: Rosberg hätte den Unfall vermeiden können

"Nico hatte das Gefühl, seine Linie halten zu müssen", erklärte Wolff, was im Meeting nach Rennende besprochen worden war. "Er habe einen Standpunkt setzen müssen. Lewis war der Auffassung, dass es nicht er war, der auf Nico Acht geben muss. Rosberg hat nicht nachgegeben. Er dachte, dass es an Lewis sei, ihm Platz zu lassen und dass Lewis keinen Platz gemacht hätte." Beide Fahrer hätten sich darauf geeinigt, sich nicht einig zu sein. Laut Wolff sei es Unsinn, dass Rosberg den Unfall mit Absicht fabriziert haben könnte. Damit hatte Wolff zwar reinen Tisch gemacht, doch der Schaden war bereits passiert.

Foto: Sutton

8. - Droht Rosberg eine nachträgliche Strafe?

Theoretisch ja. Durch Hamiltons Offenlegung des Teamgesprächs könnten neue Fakten geschaffen werden, die den Rennunfall in einem anderen Licht erscheinen lassen. In diesem Fall die Information, dass Rosberg nicht die Linie hergeben wollte und es in der Folge zur Kollision kam. Das Verursachen eines Unfalls wird laut Sportlichem Reglement der FIA bestraft.

Der Weltverband kann den Fall theoretisch wieder öffnen und die Stewards des Rennens zu einem weiteren Meeting beordern, um den Zwischenfall zu untersuchen. Das war schon nach dem Rennen in Kanada der Fall gewesen, als Forca India versucht hatte, die Bestrafung für Sergio Perez nach dessen Unfall mit Felipe Massa abzuwenden. Es folgte eine weitere Anhörung, weil neues Material zum Vorschein gekommen war. Letztlich behielt der Mexikaner die Strafe jedoch. Ob die FIA im Fall Rosberg wirklich tätig wird, ist zu diesem Zeitpunkt völlig unklar.

Foto: Sutton

9. - Führt Mercedes jetzt die Teamorder ein?

Möglich. So kurz nach den turbulenten Geschehnissen wollte keiner der Verantwortlichen eine Entscheidung treffen. Klar ist aber, dass der Vorfall ausführlich diskutiert wird und Mercedes seinen Fahrplan - eigentlich auf Teamorder zu verzichten - überdenken muss. Sollte Wolff den Erfolg des Teams gefährdet sein, wird er mit voller Härte eingreifen. "Teamorder steht zur Diskussion", sagte der Mercedes-Motorsportchef. "Was können wir machen, damit so etwas nicht mehr passiert."

Auf die Frage, ob der zweitplatzierte Mercedes-Fahrer im Rennen künftig seinen Teamkollegen nicht mehr angreifen dürfe, antwortete Wolff: "Das kann sein." Auch Rosberg konnte sich zumindest vorstellen, dass Mercedes in Zukunft einen anderen Weg einschlägt. "Wir müssen schauen, ob wir da etwas anpassen müssen oder weitermachen wie bisher", sagte er.

Rosberg wolle die Entscheidung der Teamführung auf jeden Fall akzeptieren: "Ich fahre letztendlich für Mercedes, um die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft zu gewinnen. Ich respektiere, was mein Team entscheidet - in der Vergangenheit und in der Zukunft."

Foto: Sutton

10. - Wer profitierte vom Krieg der Sterne?

Ganz klar: Daniel Ricciardo. Der Red-Bull-Pilot war beim Mercedes-Knall der wortwörtlich lachende Dritte und erzielte schließlich seinen dritten Saisonsieg. Hätte es den Unfall nicht gegeben, hätte der Australier wahrscheinlich keine Chance gehabt. Er räumte auch ein, von dem Vorfall profitiert zu haben. Ricciardo half zum einen der Umstand, dass mit Hamilton ein sicherer Podiumskandidat aus dem Rennen geräumt war und zum anderen, dass Mercedes bei Rosberg die Strategie ändern musste.

Die Silberpfeile versuchten nach dem frühen Boxenstopp samt Frontflügeltausch, mit einer aggressiven Drei-Stopp-Strategie doch noch den Sieg zu retten. Nach dem Reifenwechsel in Runde 34 ging Rosberg aber schlichtweg die Zeit aus. 3 Sekunden fehlten ihm beim Zieleinlauf auf Ricciardo, obwohl er im Schlussspurt mehrere Sekunden pro Runde aufholte. "Insgesamt waren wir schon noch schneller", sagte Rosberg auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. "Es war stark zu sehen wie unser Auto lief an diesem Wochenende. Vom Team war es weiterhin eine starke Leistung."

Foto: Sutton

11. - Wie bewertet Motorsport-Magazin.com die Vorkommnisse?

Jeder hat nur drauf gewartet - irgendwann musste es passieren: Es knallte bei Mercedes. Wer seine Fahrer - beides titelgeile Alphatiere - gegeneinander racen lässt, muss einfach damit rechnen. Toto Wolff hatte es ja sowieso schon im Hinterkopf, hätte aber zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Ernstfall gerechnet. Von Absicht kann aber keine Rede sein. Mal ehrlich: Warum sollte Rosberg so dämlich sein, sein eigenes Rennen wegzuwerfen? Der ist selbstbewusst ohne Ende, jedes Rennen gewinnen zu können.

Aber sicherlich wollte Rosberg einen Standpunkt setzen und Hamilton zeigen, dass er nicht zurücksteckt. Hätte Rosberg gewusst, dass es zum Crash kommt, hätte er bestimmt anders gehandelt. Tja, that's Racing. Mercedes wird den verpassten Doppelsieg angesichts des horrenden WM-Vorsprungs verschmerzen können. Was aber wirklich schlimm und gefährlich ist: Hamilton leistete sich ein absolutes No-Go, als er in der Öffentlichkeit Interna aus dem Mercedes-Meeting ausquatschte. DAS ist wirklich der Worst Case für jedes Team.

Damit könnte sich Hamilton einiges an Vertrauen in den eigenen Reihen verspielt haben. Und das würde der Truppe nachhaltig schaden, die Harmonie wäre völlig dahin. Auf Wolff, Lowe und Lauda warten nun heiße Tage. Kann das Trio die Wogen glätten? Es wird die wohl größte Herausforderung für das Werksteam, dagegen wirkt selbst das Reifen-Gate nach Monaco 2013 wie ein Kinder-Kreuzworträtsel. (Robert Seiwert)


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