Formel 1 - Best of 2013: Alonsos Ferrari-Fluch

Der Fluch der 10

Auf der Traum-Ehe Fernando Alonso und Ferrari scheint ein Fluch zu lasten. Seit vier Jahren schickt er sich an, der zehnte Champion im Ferrari-Olymp zu werden.
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Motorsport-Magazin.com - Ihre Mission, sollten Sie sie annehmen, lautet: Gewinnen Sie den WM-Titel für Ferrari. In diesem Augenblick hat Fernando Alonso wohl nicht gedacht, dass der Auftrag für ihn zu einer 'Mission Impossible' werden könnte. Seit nunmehr vier Jahren ist die Mission unerfüllt, in den vergangenen drei Jahren scheiterte Alonso jeweils an Sebastian Vettel. Auch dieses Jahr scheint der Deutsche die Oberhand zu bewahren und schickt sich damit an, die Erfolgsserie von Ferrari [fünf Fahrertitel in Folge von 2000-2005] zu brechen. Dass es sich bei besagtem Gegner ausgerechnet um ein Team handelt, das vom Verkauf eines Dosengetränks beschleunigt wird, schmerzt die italienische Ferrari-Seele umso mehr.

Immerhin sei Ferrari kein Getränkehersteller oder Sponsor, sondern eine erfolgreiche Marke, die Autos auf höchstem Niveau baue, wie Luca di Montezemolo gerne betont, natürlich mit dem höchsten Respekt gegenüber allen Herstellern von Getränken. Der Konkurrenz können solche Aussagen am Siegespopo vorbeigehen, angesichts dessen, dass Ferrari sowie Fernando Alonso vor der erneuten Schmach einer Saison ohne Titel stehen. Die Gründe sind vielfältig, je nachdem welches Lager man befragt. So mancher spricht sogar von einem Fluch der 10.

Ferrari ist immer größer als seine Angestellten.
Luca di Montezemolo

Fernando Alonso wäre der zehnte Ferrari-Weltmeister in der Formel-1-Geschichte, doch dieser zehnte Fahrertitel will und will nicht gelingen. Dabei sah Oberboss Luca di Montezemolo in Alonso eigentlich einen Garantieschein für WM-Titel in Serie, gewissermaßen die Reinkarnation von Michael Schumacher. Dass die spanische Trumpfkarte bis dato nicht stach, lässt das italienische Herz bluten. Auch Alonso ist der ständigen Niederlagen gegen Red Bull längst überdrüssig und übte zuletzt offen Kritik an seinem Team und seinem Auto.

Abseits des Großen Preises von Ungarn wünschte er sich zu seinem bevorstehenden 32. Geburtstag "la macchina degli altri" - das Auto der anderen, denn sein Ferrari sei einfach zu langsam. Das brachte das Fass in Maranello endgültig zum Überlaufen. "Ferrari ist immer größer als seine Angestellten", wies Montezemolo Alonso in die Schranken. Doch wer dreimal den WM-Titel im Finale mit insgesamt acht Punkten [WM 2007, 2010, 2012] verliert, der darf frustriert sein - vor allem, wenn er am Titelfrust nicht selbst die Schuld trägt. Das meint zumindest Damon Hill, Weltmeister von 1996.

Fernando Alonso wartet immer noch auf den ersten Ferrari-Titel - Foto: Sutton

"Wenn man kein Team hat, das einem das nötige Auto zur Verfügung stellt, dann kann man als Fahrer nicht sein volles Potenzial zeigen", betont Hill im Gespräch mit dem Motorsport-Magazin. Auch Sir Jackie Stewart nimmt den Spanier in Schutz: "Wenn das Auto nicht gut genug ist, dann kann er klarerweise nicht ständig gewinnen, aber Fernando ist stets nah am Sieg dran oder steht zumindest auf dem Podest."

Das Fazit der Ex-Weltmeister: Alonso ist keine nörgelnde Diva. Damit mögen Hill & Co Recht haben, doch Alonso ist auch kein Unschuldslamm. An seiner Titel-Misere der vergangenen Jahre trägt er durchaus eine Mitschuld, denn anders als Michael Schumacher hat er es versäumt, aus dem italienischen Haufen eine Einheit zu formen. Ex-Ferrari-Pilot Niki Lauda befürchtete eine Zeitlang sogar die Rückkehr zur alten 'Spaghetti-Kultur' vor dem erfolgreichen Triumvirat Michael Schumacher, Ross Brawn und Jean Todt.

Ferrari hat definitiv talentierte Leute, aber das haben die anderen Teams auch.
Johnny Herbert

Johnny Herbert begründet Alonsos verpasste Titelchancen hingegen mit dem hohen Niveau der aktuellen Formel 1. "Ferrari hat definitiv talentierte Leute, aber das haben die anderen Teams auch - Red Bull hat Adrian Newey, Mercedes hat Ross Brawn. Genauso verhält es sich mit den Piloten - Ferrari hat sehr gute Fahrer, aber das haben Mercedes und Red Bull auch. Für McLaren und Lotus gilt das gleiche, nur haben sie weniger Budget. Bisher hat keiner von ihnen den Sprung vor Red Bull geschafft, während sich Red Bull ständig weiter verbessert", macht Herbert den Teufelskreislauf gegenüber dem Motorsport-Magazin deutlich. Hill sieht Alonso im Fall von Red Bull sogar gegen eine nahezu unschlagbare Kombination kämpfen. "Die Kombination aus Newey, einem riesigen Budget und einem fantastischen Fahrer wie Sebastian Vettel ist schwer zu schlagen", betont der Brite.

Doch mit jedem Jahr ohne Titel steigen die Sehnsucht und der Druck - im italienischen Blätterwald werden die vergeblichen Titeljagden des Spaniers bereits als 'disastro' bezeichnet. Dabei beweist ein Blick in die Statistik, dass Alonso immer noch einer der besten Fahrer im Feld ist. In über 200 Rennen krönte er sich zwei Mal zum Weltmeister und holte über 30 Siege. Ihm allein ist es zu verdanken, dass der im Vergleich zu Red Bull kaum konkurrenzfähige Ferrari in den vergangenen Jahren überhaupt um die Weltmeisterschaft mitgefahren ist. Und auch dem springenden Pferd aus Maranello kann man das Final-Gen nicht absprechen.

Wirft Alonso bei weiteren Misserfolgen das Handtuch? - Foto: Sutton

In den vergangenen 15 Jahren mischte Ferrari zumeist im Rennen um den WM-Titel mit. Seit 1997 gewann der Rennstall sechsmal die Fahrerweltmeisterschaft. "Die anderen Top-Teams sind immer gegen Ferrari angetreten. In der Vergangenheit hieß es Williams gegen Ferrari, McLaren gegen Ferrari, Red Bull gegen Ferrari. Ferrari war stets die Messlatte - nur wer Ferrari schlug, wurde Weltmeister", erklärt Sir Jackie Stewart. Liegt also doch ein Fluch auf der 10?

Mit dem kommenden Umbruch - dem größter in der Formel 1 seit einem Jahrzehnt - könnte sich für Alonso endlich das Blatt wenden. "Es gibt keine Garantien, wer nächstes Jahr schnell sein wird. Niemand weiß, was passieren wird, denn die Teams fahren ein völlig neues Konzept. Das neue Reglement und die vielen Unbekannten könnten für Ferrari eine Chance darstellen", meint Herbert. Ferrari ist sich der Chance bewusst und setzt alles daran, 2014 den Getränkehersteller und den Rest des Feldes hinter sich zu lassen.

Hat er das Potenzial? Womöglich. Ist er ein Adrian Newey? Definitiv nicht!
Johnny Herbert

Zuletzt wilderten die Italiener bei Lotus und schnappten sich deren Aerodynamikchef Dirk de Beer sowie Technikdirektor James Allison. Letzterer soll als neuer Ferrari-Technikchef die Entwicklung des Chassis vorantreiben. "Allison kann dem Team mit Sicherheit helfen, denn er ist einer der Top-Leute. Bei Lotus hat er einen verdammt guten Job gemacht, vor allem mit dem limitierten Budget. Ob aber Allison den großen Unterschied ausmacht, dass Ferrari Red Bull künftig schlagen kann, vermag ich nicht zu sagen", sagt Herbert. "Hat er das Potenzial? Womöglich. Ist er ein Adrian Newey? Definitiv nicht!" Doch Adrian Newey ist nicht allein für den Red-Bull-Erfolg der letzten Jahre verantwortlich.

Viel mehr gelang es dem Rennstall, das richtige Paket zu schnüren. "Man kann Vettel nicht vom Team separieren, das gehört alles zusammen - der Fahrer, das Team, Adrian Newey, der Renault-Motor, Red Bull als Sponsor", betont Vierfach-Champion Alain Prost. Nur mit den richtigen Leuten in den richtigen Positionen, den richtigen Fahrern und den richtigen Ingenieuren, die verstehen, was die Fahrer brauchen, ist es möglich, eine Erfolgsserie hinzulegen, die ihresgleichen sucht. Aktuelles Beispiel sind Newey und Vettel, in der Vergangenheit waren es Rory Byrne und Michael Schumacher.

Wann darf Ferrari wieder Siege bejubeln? - Foto: Sutton

"Byrne gab Schumacher das Auto, das er brauchte. Dieses Verständnis zwischen den beiden war der Grund für Schumachers Dominanz", sagte Herbert dem Motorsport-Magazin. In der kommenden Saison könnten sich Allison und Alonso in die Riege von Schumacher/Byrne einreihen. Immerhin holten sie in der Vergangenheit bereits zwei Titel mit Renault. Somit könnte sich für Alonso endlich alles zusammenfügen. 2014 scheint Ferrari endlich über die perfekte Synergie sämtlicher Bausteine zu verfügen, die am Ende das perfekte Produkt ergeben.

Vieles scheint dafür zu sprechen, dass Alonso endlich seine Mission bei Ferrari beendet, wäre da nicht die Verpflichtung von Kimi Räikkönen. 2014 kehrt ausgerechnet der neunte und bislang letzte Ferrari-Weltmeister nach Maranello zurück. Alonso wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit der letzte rote Champion nicht auch der Nächste wird. Nur eines könnte den Spanier aufhalten - wenn tatsächlich ein Fluch auf der 10 liegt.

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