Formel 1 - Halbzeitbilanz: Williams

Wie ein Phönix aus der Asche

Sommerpause in der Formel 1. Zeit für eine erste Bestandsaufnahme - Motorsport-Magazin.com analysiert die Leistungen der Fahrer und Teams 2012. Heute: Williams.
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Das Auto

Ganze fünf WM-Punkte hatte Williams in der kompletten Saison 2011 eingefahren - heuer war dieses Ergebnis bereits nach dem zweiten Lauf in Sepang übertroffen. Eigentlich überraschend, blickt man einmal auf die Schlagzeilen des Teams vor dem Start: Von Paydrivern war da die Rede, vom kläglichen Ende eines Traditionsrennstalls - mit dem katastrophalen Vorjahr in den Knochen, gab es eigentlich kaum Vorzeichen auf eine Besserung und mit Sam Michael hatte man sich bereits frühzeitig von einem langjährigen Führungsmitglied getrennt. Lediglich der Wechsel, weg von den schwächelnden Cosworth-Aggregaten, hin zu Motorenhersteller Renault machte augenscheinlich Hoffnung.

Im Moment befinde ich mich in einer unglücklichen Phase. Ich habe seit dem Sieg keinen einzigen Punkt mehr geholt und das ist frustrierend.
Pastor Maldonado

Was folgte, darf deshalb getrost als Erfolgsstory und vielleicht sogar größte Überraschung der Saison 2012 deklariert werden: In Barcelona gewann Williams völlig überraschend sein erstes Rennen seit dem Brasilien GP 2004. War es damals noch Juan-Pablo Montoya am Steuer, besorgte den jüngsten Triumph mit Pastor Maldonado wieder ein Südamerikaner - und das nicht einmal unverdient. In Spanien zeigte er, welches Potenzial im technisch eher konservativ gehaltenen FW34 steckt. Besonders in langsamem Abschnitten, in denen viel Downforce benötigt wird, zeigte sich der Bolide gut aufgestellt - auch beim mittlerweile so wichtigen Reifenverschleiß kann der Wagen punkten.

Dass Williams 2012 als aus der Asche aufsteigender Phönix bezeichnet werden darf, hat aber noch einen anderen, weniger erfreulichen Grund. Kaum war der FW34 auf dem sportlichen Höhepunkt angekommen, löste er sich, frei nach dem genannten Sinnbild, in Rauch auf - bei einem Boxenfeuer in Barcelona wurde nicht nur ein Großteil der Ausrüstung beschädigt, auch Bruno Sennas Einsatzfahrzeug wurde arg in Mitleidenschaft gezogen - ferner verletzten sich mehrere Mechaniker. Dass dieser Nachteil auf der Strecke anschließend kaum zu spüren war, war dem unermüdlichen Einsatz von Mike Coughlans Technikertruppe geschuldet.

Team & Fahrer

Mit Rubens Barrichello hatte man sich von einem erfahrenen Routinier getrennt - Senna sollte für frischen Wind und zusätzliche Sponsorenmillionen sorgen. Obwohl er jedoch mit dem vertraglichen Nachteil ins Jahr gestartet war, sein Auto in den meisten Freitagstrainings dem erst 22-jährigen Testfahrer Valtteri Bottas überlassen zu müssen, waren die beiden Stallgefährten zu Saisonbeginn auf Augenhöhe. Für das große Highlight sorgte in Spanien dann aber Maldonado, was den ehemaligen GP2-Champion selbstredend stärker ins Interesse der Öffentlichkeit rückte. Mit diesem Druck schien er anschließend aber eher schlecht umgehen zu können.

Sternstunde in Barcelona: Maldonado verschaffte Williams einen Überraschungssieg - Foto: Sutton

Die Williams-Piloten 2012 - das ist vor allem viel Licht und Schatten. Mit Alexander Wurz hatte sich die Truppe aus Grove extra einen Fahrerberater besorgt - wohl bereits im Wissen, die jungen Wilden zügeln zu müssen - es half wenig. Besonders Maldonado fiel anhaltend durch ungestüme Aktionen auf der Piste auf. Seine Aktion mit Lewis Hamilton in Valencia kostete ihn ein sicheres Podium, im über mehrere Rennwochenenden ausgefochtenen Kleinkrieg mit Sergio Perez bekleckerte er sich nicht gerade mit Ruhm und musste viel Kritik einstecken. Ein Rennen ohne Strafe - in Maldonados Saison 2012 bislang eine wahre Rarität.

"Im Moment befinde ich mich in einer unglücklichen und schlechten Phase. Ich habe seit dem Sieg keinen einzigen Punkt mehr geholt und das ist frustrierend", ist sich auch der 27-Jährige über die kuriose Situation im Klaren. Seit seinem Spanien-Triumph wird er von einer zumeist selbst verursachten Pechsträhne verfolgt. Besser machte es in jüngster Vergangenheit Senna - aus den letzten sechs Rennen holte er viermal Punkte. Schwierig ist bei ihm allerdings noch das Qualifying - im internen Duell ist er seinem Kollegen dort mit 2:9 klar unterlegen. Fazit: Die Williams-Piloten machen keinen schlechten Job - es gäbe aber Fahrer, die einen besseren machen würden.

Ausblick auf zweite Saisonhälfte

Für Überraschungen in beide Richtungen sollte man auch weiterhin gut sein. Dadurch dass im Qualifying 2012 oft nur wenige Zehntel über zehn Startplätze entscheiden, ist die Williams-Bandbreite heuer sehr groß. Von den Top-6 bis hin zum knappen Erreichen von Q2 ist alles drin. Damit die möglichen Resultate aber endlich kommen und die Punkte Einzug in Grove halten, muss Maldonado seine Eskapaden im Rennen in den Griff kriegen und Senna die Steigerung im Zeittraining schaffen. Alles in allem fällt die bisherige Bilanz aber dennoch positiv aus, hätte man dem Rennstall vor Saisonbeginn doch noch viel weniger zugetraut.

Obwohl sich auch alle anderen verbessert haben, hat unser Team einen hervorragenden Job gemacht. Das ist nicht einfach und bedarf einer Menge Teamwork.
Bruno Senna

Gerade vor dem Hintergrund, dass man ein Privatteam ist, hat Williams 2012 eine bis dato lobenswerte Entwicklung genommen und sich im Vergleich zur letzten Saison mehr als deutlich gesteigert. "Was überraschend ist: Obwohl sich auch alle anderen verbessert haben, hat unser Team einen hervorragenden Job gemacht. Das ist nicht einfach, bedarf einer Menge Ingenieurskunst und vor allem auch Teamwork. Es ist schön, dass ich zu einem Zeitpunkt ins Team gekommen bin, an dem es wieder auf dem Weg nach oben ist", freute dieser Umstand im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com auch Senna. Unterm Strich machen bei Williams also viele Bereiche durchaus Mut.

So hat man sich in puncto Teamfitness beispielsweise mit Ex-Olymipasieger Michael Johnson als Berater verstärkt. Der Blick auf die Stoppuhr bei den Boxenstopps beweist: Die Zeiten werden besser. Interessant wird aber sein, in der zweiten Saisonhälfte die technische Entwicklungskurve der Mannen um Sir Frank Williams zu beobachten. Zwar hält man sich bei der Entwicklung keineswegs zurück - im Vergleich zu den Werksteams wägt man aber schon dreimal ab, bevor man in ein Hirngespinst und gewagte neue Technikideen investiert. Im Vergleich zu den Großen könnte man im weiteren Verlauf daher etwas ins Hintertreffen geraten.


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