Um Haaresbreite verpasste Timo Glock beim Champ Car Rennen in Montreal seinen ersten Sieg in der amerikanischen Rennserie. Und das ausgerechnet auf jenem Kurs, auf dem er vor einem Jahr sein F1-Debüt mit zwei WM-Zählern feierte.

Der gelernte Gerüstbauer aus dem Odenwald lag bis zur letzten Runde in Führung. Doch dann musste er die Spitze auf Geheiß der Rennleitung hergeben.

Vom elften Platz gestartet, machte das Aushängeschild der Deutsche Post Speed Academy in den ersten Runden zwei Positionen gut. Doch dann war's aus mit dem Vorwärtsdrang. Die Strecke auf der Insel Nôtre Dame, die für die Weltausstellung 1967 künstlich im Sankt-Lorenz-Strom aufgeschüttet worden war, ist zu eng und vom Layout generell nicht dazu geeignet, Gegner zu überholen, die nur einen kleinen Tick langsamer sind als der Angreifer. Deswegen musste Glocks Rocketsports-Team in die Taktik-Trickkiste greifen. Das Team änderte die Boxenstrategie und holte Glock früher zum ersten Tankstopp rein. "Das mussten wir machen, weil wir anders nie nach vorn gekommen wären."

Beim ersten Stopp ging das rechte Hinterrad nicht gleich drauf. Glock verlor drei Sekunden und zwei Plätze an der Box. Damit schien der Plan, Glock freie Fahrt zu verschaffen und ihm allein auf weiter Flur im besten Michael-Schumacher-Stil den Freiraum für fliegende Runden zu verschaffen, die ihn dann an den tankenden Gegnern vorbei führen, zunächst nicht aufzugehen. "Ich hing ein paar Runden hinter Nelson Philippe fest. Als ich an dem endlich vorbei war, machte ich eine halbe Gerade auf Jimmy Vasser gut."

Als er am langmähnigen Amerikaner dran war, bogen die Vorderleute reihenweise in die Box ein. Jetzt konnte Glock losglühen und unbedrängt schnellere Rundenzeiten fahren als die anderen zuwege gebracht hatten. Der Vorteil der angepassten Dreistopp-Strategie zahlte sich aus, weil Glock das Auto optimal ausnutzen und das Letzte aus dem Wagen herauskitzeln konnte. "Das Auto lag echt gut. Das war der Ausschlag für die geänderte Taktik - und die Entscheidung hat sich voll gelohnt."

So sehr, dass Glock nach seinem letzten Stopp in Führung gehen konnte. Denn 19 Runden vor Schluss gab es eine Gelbphase, die alle anderen zum letzten Boxenhalt nutzten. Glock hatte seinen finalen Service allerdings schon zwei Runden vorher absolviert - und schlich sich so hinter dem Safety-Car in Führung.

Danach kam allerdings recht bald noch eine Gelbphase, sodass der Rest des Feldes zu Glock aufschliessen konnte. "Und ich hatte keine Zeit mehr auf meinem Push-to-Pass-Button, weil ich den vorher schon einige Male einsetzen musste, um nach vorn zu kommen", grämte sich der Wahl-Niedersachse. "Oriol Servia, der direkt hinter mir lag, hat dagegen noch zwei oder drei Schüsse gehabt. Er hat dann nach dem Neustart versucht, mich nach der langen Geraden vor der Schikane zu überholen. Ich blieb außen, musste aber durch die folgende Schikane hindurch abkürzen." So verteidigte Glock seine Spitzenposition.

Dasselbe Spielchen wiederholte sich eine Runde später - der vorletzten Rennrunde. "Ich musste abkürzen, denn ich war noch vorn, als er sich neben mich gepresst hat. Wenn ich da nachgegeben hätte, dann hätte ich so viel Schwung für die folgende Gerade verloren, dass auch Justin Wilson noch an mir vorbei gezogen wäre."

Doch nach dem zweiten Abkürzen wurde die Rennleitung grimmig. Sie befahl Glock, Servia vorbei zu lassen, um keine noch drastischere Bestrafung nach dem Rennen aufgebrummt zu kriegen. "Das haben sie so geregelt, weil ich beide Male eigentlich noch vorn war und zum Abkürzen gezwungen wurde. Also liess ich Servia vor der Haarnadel vorbei - in der Hoffnung, ihn dann in der letzten halben Runde noch einmal angreifen zu können. Aber daraus ist nichts mehr geworden.

Natürlich ist es auf der einen Seite bitter, jemanden einfach so vorbei lassen zu müssen, wenn man so lange in Führung liegt. Aber andererseits ist Platz 2 mein bestes Resultat bislang. Damit kann ich eigentlich zufrieden sein."

Nur kurz dachte Glock darüber nach, was gewesen wäre wenn. "Wenn ich auch nur noch zweimal den Push-to-Pass-Knopf hätte bemühen können, dann hätte ich Servia wahrscheinlich in Schach gehalten. Aber auf der anderen Seite hat er nach dem Rennen zu mir gesagt, dass er es so oder so probiert hätte - notfalls auch mit der Brechstange. Denn für ihn war das die einmalige Chance zu gewinnen - und er muss hier einiges beweisen. So gesehen ist es vielleicht sogar gut, dass ich nicht mit letzter Macht gegen gehalten habe - sonst wären wir womöglich beide nicht ins Ziel gekommen."