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Formel 1 - Test-Analyse: Ferrari, Mercedes oder Red Bull?

Williams Best of the Rest

Wie stark ist Ferrari wirklich? Hat Mercedes nur geblufft? Was ist mit Red Bull? Die Analyse der Formel-1-Testfahrten zur Saison 2017.
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Fazit der Formel 1-Tests in Barcelona: (05:53 Min.)

Das Gefühl vor der Formel-1-Saison 2017 ist ähnlich wie nach den Wintertestfahrten 2016: Ferrari zeigt starke Zeiten, gute Rennsimulationen und dreht fleißig Runden. Doch irgendwie will man doch nicht so ganz an die Scuderia glauben. Die Saison 2016 mit guten Testzeiten aber keinem einzigen Sieg hat Spuren hinterlassen. Und was macht eigentlich Red Bull? Motorsport-Magazin.com analysiert die Lage vor dem Saisonauftakt in Melbourne.

Die Rundenzeiten

Am offensichtlichsten ist immer der Blick auf das finale Tableau, das die Tagesbestzeiten ausweist. Doch die reine Zeitenliste ist natürlich mit Vorsicht zu genießen: Die Reifenmischungen sind unterschiedlich, die Benzinmengen unbekannt, die Zeiten wurden auf unterschiedlich langen Stints gefahren und außerdem tricksen die Teams noch mit den Motoreinstellungen. Insofern macht es nur wenig Sinn, auf die reine Zeitenliste zu blicken.

Pirelli hatte nach dem zweiten Test genügend Daten gesammelt, um einigermaßen verlässliche Delta-Zeiten für die verschiedenen Mischungen zu haben. Laut den Italienern waren die Ultrasofts in den vergangenen zwei Wochen rund drei Zehntelsekunden schneller als die Supersofts. Der Sprung von Supersoft auf Soft war noch einmal so groß. Natürlich sind auch das nur Faustformeln: von Auto zu Auto, von Tag zu Tag variieren diese Zahlen.

Absolut schnellste Runden

POS Fahrer Team Reifen Zeit
1 Räikkönen Ferrari SS 1:18,634
2 Vettel Ferrari US 1:19,024
3 Bottas Mercedes SS 1:19,310
4 Hamilton Mercedes US 1:19,352
5 Massa Williams US 1:19,420
6 Verstappen Red Bull SS 1:19,438
7 Sainz Toro Rosso US 1:19,837
8 Hülkenberg Renault US 1:19,885
9 Ricciardo Red Bull US 1:19,900
10 Perez Force India US 1:20,116
11 Ocon Force India US 1:20,161
12 Palmer Renault US 1:20,205
13 Stroll Williams S 1:20,335
14 Kvyat Toro Rosso SS 1:20,416
15 Magnussen Haas US 1:20,504
16 Grosjean Haas US 1:21,110
17 Vandoorne McLaren US 1:21,348
18 Alonso McLaren US 1:21,389
19 Ericsson Sauber US 1:21,670
20 Wehrlein Sauber US 1:22,347

Trotzdem erhält man mit dem Reifen-Handicap eingerechnet zumindest eine halbwegs plausible Tabelle. Die Bestzeit von Kimi Räikkönen, aufgestellt am letzten Testtag, katapultiert den Ferrari-Piloten auch in der Reifen-bereinigten Wertung auf Rang eins - mit deutlichem Vorsprung. Dabei sagt der Finne selbst: "Wenn wir wollten, könnten wir noch schneller."

Das gilt für Sebastian Vettel auf jeden Fall. Er hätte ohne Probleme eine ähnliche Zeit wie sein Teamkollege fahren können, wollte aber nicht. Für jedermann gut hörbar ging Vettel beim Rausbeschleunigen aus der Zielkurve deutlich vom Gas. Er wollte wohl mit Test-Fabelzeiten keinen zusätzlichen Druck aufbauen.

Wie deutlich Vettel vom Gas ging, wird bei der Geschwindigkeitsmessung deutlich: Bei seiner schnellsten Runde wurde er auf Start/Ziel mit lediglich 229,7 km/h gemessen - den Umlauf zuvor waren es noch 284,9 km/h. Vettel fuhr seine Runde auf Ultrasoft, Teamkollege Räikkönen auf Supersoft. Bei Ferrari ist die Delta-Zeit zwischen den Mischungen offenbar etwas geringer.

Hinter Räikkönen reiht sich mit einem Respekt-Abstand von fast sieben Zehntelsekunden Valtteri Bottas im Mercedes ein. Er fuhr seine Runde auf Supersofts. Teamkollege Lewis Hamilton fuhr mit Ultrasoft fast die identische Zeit. Doch kaum jemand glaub, dass Mercedes schon annährend alles gezeigt hat. Bottas selbst ging in der ersten Testwoche davon aus, dass die 1:18er Marke locker fallen würde - da weiß jemand mehr. Benzinmengen und Motoreinstellung bei den Mercedes-Runden wären höchst interessant.

Reifen-bereinigt schnellste Runden

Pos Fahrer Team Reifen Zeit Handicap Korr. Zeit Gap
1 Räikkönen Ferrari SS 1:18,634 + 0,3 1:18,934
2 Bottas Mercedes SS 1:19,310 + 0,3 1:19,610+ 0,676
3 Vettel Ferrari US 1:19,024 + 0,6 1:19,624 + 0,690
4 Verstappen Red Bull SS 1:19,438 + 0,3 1:19,738+ 0,804
5 Hamilton Mercedes US 1:19,352 + 0,6 1:19,952+ 1,018
6 Massa Williams US 1:19,420 + 0,6 1:20,020+ 1,086
7 Stroll Williams S 1:20,335 1:20,335+ 1,401
8 Sainz Toro Rosso US 1:19,837 + 0,6 1:20,437+ 1,503
9 Hülkenberg Renault US 1:19,885 + 0,6 1:20,485+ 1,551
10 Ricciardo Red Bull US 1:19,900 + 0,6 1:20,500+ 1,566
11 Kvyat Toro Rosso SS 1:20,416 + 0,3 1:20,716+ 1,782
12 Perez Force India US 1:20,116 + 0,6 1:20,716+ 1,782
13 Ocon Force India US 1:20,161 + 0,6 1:20,761+ 1,827
14 Palmer Renault US 1:20,205 + 0,6 1:20,805+ 1,871
15 Magnussen Haas US 1:20,504 + 0,6 1:21,104+ 2,170
16 Grosjean Haas US 1:21,110 + 0,6 1:21,710+ 2,776
17 Vandoorne McLaren US 1:21,348 + 0,6 1:21,948+ 3,014
18 Alonso McLaren US 1:21,389 + 0,6 1:21,989+ 3,055
19 Ericsson Sauber SS 1:21,824 + 0,3 1:22,124+ 3,190
20 Wehrlein Sauber US 1:22,347 + 0,6 1:22,947+ 4,013

Max Verstappen war im Red Bull gar nicht so weit hinter den Mercedes-Zeiten. Dabei hat der Red Bull sicherlich noch Reserven, mindestens beim Motor. Denn da hatte Renault beim Test noch ein paar Probleme.

Allerdings: Während Ferrari und Mercedes an mehreren Tagen in die Region ihrer Top-Zeiten kamen und die Performance bestätigten, konnte Red Bull nicht immer überzeugen. Entweder der einstige Dauerweltmeister fuhr stark unterschiedliche Programme, oder er versteht das Auto noch nicht so ganz. Oder aber: Red Bull testete mit unterschiedlichen Aufhängungen.

Denn man hört, dass Red Bull das komplexe Aufhängungssystem zu weit getrieben hat und bei der FIA damit nicht mehr durchkommt. Motorsportberater Dr. Helmut Marko ist sich trotzdem sicher: "Unser System ist legal." Doch die FIA änderte über den Winter ihre Ansicht diesbezüglich ein wenig. "Nicht mehr alles, was im letzten Jahr ging, lassen wir auch jetzt noch durchgehen", sagte der Technische Delegierte Jo Bauer.

Wer ist Best of the Rest?

Hinter den Top-3 ist Williams die positive Überraschung. Felipe Massa konnte sogar an die Zeiten von Verstappen und Hamilton anknüpfen. Weit hinter der Spitzengruppe ist der Traditionsrennstall nicht. Williams hängt ein wenig in der Luft. Vorne die Top-3, dahinter das erneut extrem enge Mittelfeld. Bei Renault, Force India, Haas und Toro Rosso traut sich noch keiner einschätzen, wo man genau liegt. Force India könnte noch einen größeren Sprung machen, weil der Bolide bis Melbourne etwas an Gewicht verlieren soll. Man befindet sich aktuell noch recht deutlich über dem Mindestgewicht.

Hinter dem engen Mittelfeld scheint sich McLaren einsortiert zu haben. Doch wenn Honda die Motorenprobleme zumindest einigermaßen in den Griff bekommt, sollte sich der Traditionsrennstall deutlich weiter vorne einsortieren. Bitter sieht es derzeit für Sauber aus: Marcus Ericsson und Pascal Wehrlein mussten schon deutlich vom Mittelfeld abreißen lassen. Der Motor-Nachteil wird über die Saison hinweg nicht besser. Doch wenn vorne Pessimismus herrscht, darf hinten auch Optimismus verbreitet werden: Benzinmengen unbekannt.

Das sagen die Rennsimulationen

Deutlich aussagekräftiger als Bestzeiten sind Rennsimulationen. Aber auch hier ist die Analyse nicht frei von Fehlern: Wann wurde die Rennsimulation abgespult? Mercedes beispielsweise ging schon in der ersten Testwoche an den Tagen zwei und drei über die Renndistanz und beließ es dann dabei. Red Bull und Ferrari sparten sich diese Arbeit lieber für den Testabschluss auf - als es deutlich wärmer war und die Ingenieure ihre Autos schon besser verstanden. Deshalb auch hier: Vorsicht!

Valtteri Bottas hatte bei seiner Rennsimulation mit starkem Wind zu kämpfen, flog deshalb Ausgang von Kurve neun sogar ab. Seine Zeiten sind keine Referenz - auch weil er alle Stints auf Soft abspulte. Hamilton fuhr am Mittwoch der ersten Woche Soft - Medium - Soft. Eine Rot-Phase unterbrach die Hamilton-Simulation. Im Schnitt zeigte die Stoppuhr eine Rundenzeit von 1:24,7 Minuten.

Bei Ferrari konnte nur Sebastian Vettel seine Rennsimulation abspulen. Bei Kimi Räikkönen gab es in Runde 47 einen Elektronik-Defekt, Räikkönen drehte sich und blieb auf der Strecke stehen. Später setzte er die Rennsimulation fort, konnte sie aber nicht vor Testende abschließen. In Rund 60 fiel die karierte Flagge.

Sebastian Vettels Simulation lief besser, wurde aber von einer kurzen Rot-Phase unterbrochen. Vettel fuhr die ersten beiden Stints auf Soft und wechselte dann auf Medium. Die Durchschnittszeit: 1:24,4 Minuten. Der schnellste Versuch während des Tests. Augenzeuge Hülkenberg bestätigt die Werte: "Der Ferrari sieht bis jetzt extrem stabil und gut aus. Ich bin letzte Woche um die Strecke gegangen und habe das Auto gesehen: Vom Fahrverhalten her sehr vielversprechend."

Fahrer Strategie Durchschn. Rundenzeit Besonderheiten
Vettel Soft - Soft - Medium 1:24,4 Rot-Phase vor Medium-Stint
Räikkönen Supersoft - Soft - Medium 1:24,7 Technik-Defekt, nur 60 Runden
Hamilton Soft - Medium - Soft 1:24,7 Rot-Unterbrechung
Verstappen Soft - Medium - Soft 1:25,2 Defekt in Runde 62
Ricciardo Soft - Medium - Soft 1:25,4 Rot beendet Simulation
Bottas Soft - Soft - Soft 1:26,1 Windig, Abflug in T9

Red Bull kann auch bei der Rennsimulation noch nicht ganz mit Ferrari und Mercedes mithalten. Daniel Ricciardo konnte seinen Run nicht beenden, weil die Session unterbrochen wurde. Bei Max Verstappen lief es besser, ein Defekt kurz vor 'Rennende' vermieste aber die Laune im Bullen-Lager. Verstappen fuhr wie Hamilton Soft - Medium - Soft. Seine Durchschnittszeit ist mit 1:25,2 Minuten ein ganzes Stück weg von der Konkurrenz.

Red Bull verliert vor allem im Mittelstint auf Medium - auf Soft ist Verstappen deutlich näher an Hamiltons Zeiten dran. Auch wenn das Wetter bei den Testfahrten gut war, reale Bedingungen waren es noch nicht. Vor allem die Asphalttemperatur lag noch weit unter den Werten, die im Mai in Barcelona üblich sind, wenn der Grand Prix stattfindet.

Zuverlässigkeit: Red Bull abgeschlagen

To finish first, first you have to finish - keine abgedroschene Phrase, sondern seit jeher Gebot Nummer eins im Motorsport. Renault war 2016 der einzige Motorenhersteller, der das Power-Unit-Kontingent nicht überschritt. Die Standfestigkeit der Franzosen war sogar besser als die vom ewigen Klassenprimus Mercedes.

Doch in diesem Jahr läuft es nicht so gut. Renault hat den Motor über den Winter komplett umgebaut, muss wieder neue Erfahrungswerte sammeln. Aber um bei der Leistung voranzukommen, musste man das Risiko eingehen. Um trotzdem fahren zu können, mussten die Renault-Teams im Sicherheitsmodus fahren. Trotzdem machte die MGU-K Probleme. Dass es sich nicht um ein Installationsproblem bei Red Bull handelt, ist klar: Red Bull fuhr mehr Kilometer als das Renault-Werksteam und Toro Rosso.

Trotzdem fuhr Red Bull deutlich weniger als Mercedes und Ferrari. Mercedes hatte nur am Regentag größere Technik-Probleme, kam sonst gut durch. Auch bei Ferrari lief es gut, ein Elektronikproblem bei Räikkönens Rennsimulation und ein Einschlag des Finnen in die Reifenstapel kosteten Zeit. Mit 1.096 Runden geht die Zuverlässigkeitswertung klar an Mercedes, Ferrari kommt immerhin auf 956 Runden. Das sind rund zwei Renndistanzen weniger. Red Bull kommt nur auf 684 Umläufe, also etwa sechs Renndistanzen weniger als Mercedes.

Ferrari-Kunde Haas konnte den gesamten Test mit einer einzigen Power Unit fahren. Ferrari selbst will nicht raus mit der Information, wie viele Antriebseinheiten eingesetzt wurden. Doch der ganze Test mit einem Antrieb - das wäre im Vorjahr noch unmöglich gewesen, Ferrari hat hier einen großen Sprung gemacht. Mercedes wechselte beim Werksteam die Power Unit, weil in der zweiten Woche eine neue Spezifikation kam. Die Mercedes-Kunden fuhren mit einer Power Unit durch, erhielten aber die Upgrades.

Fazit: Die Frage ist: Wie viel hat Mercedes schon gezeigt? "Wenn man historisch sieht, wie langsam sie bei Tests gefahren sind und was sie dann in den Rennen noch drauflegen konnten, dann ist klar, dass sie sehr schnell sind", meint Vettel.

Die GPS-Messungen und Berechnungen der meisten Teams sagen, dass Mercedes weiterhin vorne ist. Allerdings nur sehr knapp. Ferrari ist direkt dahinter, Red Bull direkt hinter Ferrari. Alle innerhalb von drei Zehntelsekunden - vorausgesetzt der Renault-Antrieb funktioniert in Melbourne. Ist es so eng, werden Bedingungen und Streckenlayout den Ausschlag geben. Und: Die Saison 2017 wird von Updates bestimmt. Davon wird es die ersten schon in Australien geben. Ein großes Fragezeichen steht vor allem bei Red Bull noch hinter dem Fahrwerk.


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