Formel 1 - Titel in Brasilien? Rosberg wäre nicht der Erste

Triumphe und Tränen vor den Toren São Paulos

Zwei Rennen sind 2016 noch zu fahren, doch die Entscheidung könnte bereits beim vorletzten Lauf in Interlagos fallen. Es wäre nicht das erste Mal.
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Motorsport-Magazin.com - Traditionell stand der Große Preis von Brasilien seit seiner Erstaustragung im Jahr 1973 am Anfang des Formel-1-Kalenders. Ob zunächst Sao Paulo oder zwischenzeitlich auch Rio de Janeiro - in Brasilien gastierte die Königsklasse stets im Frühjahr. Doch das war einmal: 2004 brach die Formel 1 mit dieser Tradition und verlegte das Rennen in Südamerika ans Ende der Saison. Seitdem haben sich auf dem Autódromo José Carlos Pace vor den Toren São Paulos wahrliche Dramen abgespielt. Wir zeigen, welche Fahrer in Brasilien ihren Traum vom WM-Titel verwirklichen konnten und für wen am Ende nur die große Enttäuschung blieb.

2005 - Fernando Alonsos erster Streich

Fernando Alonso sicherte sich 2005 in Brasilien den ersten WM-Titel - Foto: Sutton

Schon im ersten Jahr nach der Umdisponierung des Rennens, feierte der erste Fahrer einen WM-Titel in Brasilien. Fernando Alonso, 2005 noch in Diensten von Renault, kam im WM-Duell gegen McLaren-Pilot Kimi Räikkönen mit einem komfortablen 25-Punkte-Vorsprung zum drittletzten Saisonrennen nach São Paulo. Der Spanier erfüllte seine Aufgabe schon am Samstag perfekt und sicherte sich die Pole Position. Räikkönen hingegen zeigte Nerven und landete nach einem Verbremser im damaligen Single-Lap-Qualifying nur auf Startplatz fünf.

Wie so oft in der Saison 2005 war McLaren Mercedes am Rennsonntag jedoch bärenstark. Alonso hatte gleich nach dem Start beide McLaren hinter sich und wurde in Runde drei erst von Montoya und im späteren Rennverlauf auch von Räikkönen kassiert. Alonso wusste jedoch, dass ihm auch der Platz hinter dem McLaren-Duo zum ersten WM-Titel reichen würde. So fuhr der damals 24-Jährige nach 71 Runden hinter den Silberpfeilen als Dritter über die Ziellinie und machte sich zum zu dieser Zeit jüngsten F1-Weltmeister der Geschichte.

2006 - Michael Schumachers letzter Titelkampf

Michael Schumacher musste sich in seinem letzten Titelkampf Renault und Fernando Alonso geschlagen geben - Foto: Sutton

Fernando Alonso setzte seine Erfolgsgeschichte mit Renault in der Saison 2006 nahtlos fort. Sein Gegner hieß in diesem Jahr allerdings nicht Kimi Räikkönen, sondern Michael Schumacher. Der Rekordweltmeister und sein Ferrari-Gespann waren nach der ernüchternden Saison 2005 wieder zur Höchstform aufgelaufen und mittendrin im Kampf um den WM-Titel. Schumacher, der wenige Wochen zuvor in Monza seinen Rücktritt aus der Formel 1 angekündigt hatte, kam nach einem Motorschaden in Suzuka jedoch mit zehn Punkten Rückstand zum Finale nach Interlagos. Die Aufgabenstellung für den Titelgewinn war klar: Er musste gewinnen und Alonso gleichzeitig leer ausgehen.

Während Alonso sich als Fünfter qualifizierte, hatte Schumacher mit Startplatz zehn nach einem Benzindruck-Problem in Q3 die deutlich schlechtere Ausgangslage. Nach dem Start kämpfte der Deutsche sich zunächst schnell durchs Feld, bis er sich beim Überholversuch an Alonsos Teamkollege Giancarlo Fisichella den linken Hinterreifen aufschlitzte. Nach dem Reifenwechsel fast überrundet setzte Schumacher zu einer furiosen Aufholjagd an, an deren Ende er es noch bis auf den vierten Platz nach vorne schaffte. An der Spitze aber fuhr sein Ferrari-Stallgefährte Felipe Massa zum ersten Sieg auf heimischem Boden, während Alonso sich dahinter als Zweiter den WM-Titel sicherte.

2007 - McLaren demontiert sich selbst und Räikkönen triumphiert

Kimi Räikkönen triumphierte 2007 unerwartet gegen das McLaren-Duo Alonso und Hamilton - Foto: Sutton

Das WM-Finale 2007 stand ganz im Zeichen der McLaren- Teamkollegen Fernando Alonso und Lewis Hamilton. Nachdem der spanische Doppel-Weltmeister in Woking eine neue Herausforderung suchte, hatte er diese dort auch gefunden: Er bekam als Teamkollegen den damals 22-Jährigen Rookie Hamilton zur Seite gestellt. Nach einem knallharten Duell auf und abseits der Rennstrecke kam der Youngster mit vier Punkten Vorsprung auf Alonso nach Interlagos. Kimi Räikkönen wurden im Ferrari nur noch Außenseiterchancen eingeräumt - doch es kam alles ganz anders.

Während sich Felipe Massa die Pole Position sicherte, landeten Hamilton, Räikkönen und Alonso gleich dahinter. Räikkönen übernahm gleich am Start die zweite Position von Hamilton. Dieser wiederum verbremste sich im Duell mit Alonso und fiel bis auf Rang acht zurück. Zu allem Überfluss ereilte Hamilton bei seiner Aufholjagd noch ein Getriebe-Problem, dass ihn bis auf den 18. Platz zurückwarf - der Brite war raus aus dem Titelkampf. An der Spitze kontrollierten die Ferraris die Pace, bis sie beim zweiten Boxenstopp die Positionen tauschten. Während Alonso Dritter und Hamilton Siebter wurde, fuhr Räikkönen zum Sieg. Der Finne kürte sich dadurch mit 110 zu jeweils 109 Punkten von Hamilton und Alonso zum Weltmeister.

2008 - Timo Glock lässt Brasiliens Herzen brechen

Felipe Massas kurzzeitiger WM-Gewinn ist vielen noch in guter Erinnerung - Foto: Sutton

Ein Jahr später befanden sich wieder McLaren und Ferrari im Titelkampf. Die Protagonisten hießen dieses Mal allerdings Felipe Massa und Lewis Hamilton. Der Brite lag nach dem vorletzten Rennen in China nach Punkten mit 94 zu 87 vorne. Für viele hatte jedoch Massa, der in den vergangenen beiden Jahren in Interlagos den Ton angegeben hatte, zumindest Außenseiterchancen. Der Lokalmatador wurde den Erwartungen in jeder Hinsicht gerecht - und war am Ende doch der tragische Held.

Schon am Samstag fuhr Massa in dominanter Manier zur Pole Position, während Hamilton sich lediglich als Vierter qualifizierte. Kurz vor dem Start prasselte heftiger Regen auf das Autódromo José Carlos Pace nieder. Doch Massa ließ sich nicht beirren. Der Ferrari-Pilot führte das Rennen von der ersten Runde souverän an. Hamilton, der bei einem Massa-Sieg mindestens Fünfter werden musste, tat sich in der Schlussphase schwer und kämpfte mit Sebastian Vettel um Position vier. Etwa zehn Runden vor Schluss setzte erneut Regen ein, woraufhin alle Fahrer an der Spitze die Reifen wechselten. Weiter hinten jedoch zockte Timo Glock im Toyota: Er versuchte, das Rennen auf Trockenreifen zu Ende zu fahren.

Da Glock durch seine Risiko-Strategie auf die vierte Position nach vorne gespült wurde und Vettel nach einem Verbremser von Hamilton Platz fünf übernahm, machten die Beiden Massa zu diesem Zeitpunkt zum Champion. In der letzten Runde wurde der Regen stärker und Massa überquerte als Sieger - und in diesem Moment auch Weltmeister - die Ziellinie. Während Ferrari zu feiern begann, bekam Glock auf den Trockenreifen richtig Probleme. In der allerletzten Kurve hatte Hamilton schließlich aufgeschlossen und übernahm den rettenden fünften Platz vom Deutschen, was ihm mit einem Punkt Vorsprung auf Massa den Weltmeistertitel sicherte. In der McLaren-Box knallten daraufhin die Korken, während in der Ferrari-Garage und auf den Tribünen die Herzen brachen.

2009 - One-Hit-Wonder von Button & Brawn

Jenson Button kämpfte sich vom 14. Startplatz nach vorne und zum WM-Titel - Foto: Sutton

Nachdem Ross Brawn Ende 2008 den Nachlass des aufgelösten Honda-Werksteams aufgekauft und daraus mit Brawn GP seinen eigenen Rennstall geformt hatte, spielte sich in der Saison 2009 eines der unwirklichsten Formel-1-Märchen aller Zeiten ab. Der von Mercedes befeuerte BGP 001 war in der ersten Saisonhälfte unschlagbar und Jenson Button fuhr bis zum Sommer sechs Siege ein. In der zweiten Saisonhälfte schwächelte der Brite jedoch, und Teamkollege Rubens Barrichello und Red-Bull-Star Sebastian Vettel holten in Siebenmeilenstiefeln auf.

Als es zum vorletzten Rennen nach Interlagos ging, hatte Button nur noch 14 respektive 16 Punkte Vorsprung auf die Verfolger, obwohl er den Titel in den Augen von Fans und Experten längst hätte sicherstellen können. Im Qualifying von Interlagos enttäuschte er mit Platz 14, während Barrichello auf die Pole Position fuhr. Am Renntag allerdings konnte der Brasilianer die Pace an der Spitze nicht mitgehen und fiel sukzessive zurück. Button hingegen kämpfte sich mit einer Einstopp-Strategie und nach einigen harten Duellen als Fünfter über den Zielstrich. Damit sicherte der Brite nicht nur sich, sondern auch seinem Team den Weltmeistertitel.

2012 - Alonso am Rande der Verzweiflung

Fernando Alonso verzweifelte 2012 an Sebastian Vettel - Foto: Sutton

Fernando Alonso hatte 2010 beim Saisonfinale in Abu Dhabi den WM-Titel nach einem Strategiefehler seiner Ferrari-Mannschaft um Haaresbreite verpasst. Zwei Jahre später stieg das Finale wieder in São Paulo und der Spanier stand erneut im Duell gegen Red Bulls Sebastian Vettel. Mit 13 Punkten Rückstand auf den Deutschen brauchte es allerdings eine gehörige Portion Glück für den Ferrari-Fahrer, um Vettel noch abzufangen. Dieses Glück beziehungsweise Vettels Pech schien zunächst auch auf Alonsos Seite zu sein.

Im Qualifying erlebte Alonso allerdings ein Desaster und landete nur auf der zwölften Position, während Vettel sich als Vierter qualifizierte. Am Start erlebte wiederum Vettel eine Katastrophe. Nachdem er erst schlecht weggekommen und von Alonso überholt worden war, kollidierte er in Kurve 4 mit Bruno Sennas Williams. Als Letzter und mit einer beschädigten linken Fahrzeugseite nahm Vettel das Rennen wieder auf, während Alonso seine Chance witterte und der Spitze hinterherjagte. Bei wechselhaften Bedingungen kollidierte Nico Hülkenberg an der Spitze mit Lewis Hamilton, woraufhin Alonso zwei Positionen gutmachen konnte.

Nachdem Ferrari per Boxenstopp einen Platztausch zwischen Massa und Alonso arrangiert hatte, war der Spanier auf Platz zwei auf WM-Kurs. Vettel hingegen stürmte weiter durchs Feld und übernahm wenige Runden vor Schluss von Michael Schumacher den rettenden sechsten Platz, der ihm die Weltmeisterschaft einbringen würde. Der Zweitplatzierte Alonso stand nach dem Fallen der Zielflagge minutenlang mit starrem Blick im Parc Ferme - er hatte alles gegeben und doch hatte es nicht gereicht. Vettel wiederum hatte sich zum jüngsten dreimaligen Weltmeister in der Geschichte der Formel 1 gemacht.


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