Formel 1 - Kolumne - Braucht die Formel 1 Benimmregeln?

Vorbild MotoGP

Stinkefinger und Beleidigungen am Boxenfunk - einige F1-Piloten lassen ihrem Temperament freien Lauf. Ist das nötig? Soll die FIA dem einen Riegel vorschieben?
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Pro: Auch Kinder schauen zu

Klar, Motorsport ist grundsätzlich Sport für Heranwachsende und Erwachsene. Doch die Erinnerungen nicht weniger Fans gehen bis zurück in die Kindheit, als man sonntags nach dem Mittagsfestmahl mit der gesamten Familie vor dem Fernseher verharrte und sich auf die Duelle von Senna und Prost freute. Ein Stinkefinger oder andere Gesten vulgäreren Ursprungs saugen die Junioren auf wie ein Schwamm. Ein Graus für jeden pflichtbewussten Erziehungsberechtigten. Und überhaupt: Was für ein Zeichen sendet man denn an das Millionenpublikum mit derlei Gesten? Das falsche, zweifellos.

Jeder Motorsportler ist primär Mensch. Dazu gehören Emotionen, dazu gehört Heißblut. Angesichts der schwindelerregenden Gagen, die ein Profisportler einsackt, kann man ein gewisses Maß an Disziplin erwarten. Geschieht so eine Entgleisung zwischen Kollegen auf der Arbeit oder zwischen Teilnehmern am Straßenverkehr, wird dies berechtigterweise sanktioniert. Eine vulgäre Geste oder eine verbale Entgleisung bleiben unterm Strich, was sie sind - nämlich Beleidigungen. Das gehört sich zwischen erwachsenen, zivilisierten und kultivierten Menschen nicht.

Liebe Sebs & Co dieser Welt: Den Kindern ein Vorbild! - Foto: Sutton

Ganz von der Wirkung solch beleidigender Gesten abgesehen. Sind die Motorsportler denn wirklich so naiv, zu denken, so etwas würde unentdeckt und ungeahndet bleiben? Klar kann man sich die Frage stellen, wo die Grenze gezogen werden soll, ob Geldstrafen wie jüngst in der MotoGP eingeführt, überhaupt Sinn machen. Bei wiederholter Auffälligkeit wären auch empfindlichere Strafen durchaus angemessen.

Contra: Lasst den Fahrern ihre Emotionen!

Der Rennsport ist zwar bekannt für seine VIP-Gäste und die teils klinisch-perfekte Umgebung. Auf der Strecke gelten aber nun mal andere Gesetze. Dort geht es zur Sache, der Blutdruck steigt an, das Adrenalin schießt durch den Körper. In derartigen Situationen ist beim besten Willen kein Platz für Knigge. Es geht um Siege, um Prestige, um Leistungssport. Emotionen zählen da absolut dazu. Wem diese Realität zu fremd ist, der kann tatsächlich auch anderen Interessen nachgehen.

Sicher ist ein Wild-West-Feeling, wo sich die Fahrer auf der Strecke verprügeln, nicht mehr zeitgemäß. Keine Frage, hier muss es eine Grenze geben. Aber gegen verbale Auseinandersetzungen, Gestiken oder Beschimpfungen ist nichts einzuwenden. Wenn man auf der Strecke in Situationen gerät, in denen man sich ungerecht behandelt fühlt, liegt es einfach in der Natur eines Rennfahrers, Dampf abzulassen. Das hängt im Übrigen auch nicht von der Erziehung ab. Viel mehr zeigt sich an derlei Situationen, wie groß die Verbundenheit und das Engagement eines Profi-Rennfahrers zu seinem Beruf ist.

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Wollen wir tatsächlich Fahrer, die jede Situation klaglos hinnehmen? Dann heißt es sofort wieder, Fahrer x wäre ein Weichei. Was will man also? Ganz einfach: Leidenschaft! Um diese zu zeigen gibt es zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Ich ramme meinen Kontrahenten von der Strecke. Das ist gefährlich und zu Recht verboten. Also bleibt nur Möglichkeit zwei: Ich lasse verbal meinen Dampf ab. Die Option, von der übrigens alle am meisten haben. Wir Journalisten haben etwas zu schreiben, die Internet-Gemeinde zeigt sich kreativ - und der Fahrer bleibt von Strafen verschont. So soll es auch bleiben!


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