Ex-Ferrari-Ingenieur prangert 'Terrorklima' an - Formel 1 - Motorsport-Magazin.com

Formel 1 - Ex-Ferrari-Ingenieur prangert 'Terrorklima' an

Ferrari ist kein Team mehr

Der ehemalige Chefingenieur Luca Baldisserri ging gegenüber der italienischen Presse hart mit der Teamführung rund um Präsident Sergio Marchionne ins Gericht.
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Motorsport-Magazin.com - Im Jahr 2014 fiel Ferrari in eine tiefe Krise, nachdem der italienische Traditionsrennstall unter Teamchef Stefano Domenicali und mit Fernando Alonso im Cockpit mehrmals am WM-Titel vorbeigeschrammt war. 2015 setzte die Scuderia deshalb mit Sebastian Vettel als Fahrer und Maurizio Arrivabene als Teamchef auf einen kompletten Neuanfang. Nach einem Jahr des Aufschwungs, in dem Vettel drei Siege einfahren konnte, steht das Team 2016 wieder knietief in der Erfolglosigkeit. Der ehemalige Ferrari-Chefingenieur Luca Baldisserri glaubt, die Gründe für die Stagnation seines Ex-Arbeitgebers zu kennen.

Ferrari ist kein Team mehr, sondern eine Gruppe ängstlicher Personen.
Luca Baldisserri

"Ferrari ist kein Team mehr, sondern eine Gruppe ängstlicher Personen", so der 53-jährige Italiener gegenüber der Corriere dello Sport. Baldisserri glaubt, dass der Erfolgsdruck durch die Teamführung wichtige Schlüsselfiguren des Formel-1-Teams dabei blockiere, innovative Lösungen zu wagen: "Die Teammitglieder erfinden nichts Neues. Sie fassen keine Beschlüsse, aus Angst, verjagt zu werden."

Damit ist wohl vor allem die Personalpolitik gemeint, durch welche die Stimmung im seit 2015 bestehenden Team nach der anfänglichen Euphorie ins Negative gekippt sei. "Dort herrscht ein Terrorklima", so Baldisserri weiter. Ferrari hatte sich kurz vor dem Deutschland-GP 2016 von Technikdirektor James Allison getrennt und auch Konzernchef Sergio Marchionne hatte angesichts der Misserfolge deutliche Worte für den Rest der Belegschaft gefunden. "Jeder, der keine Leistung bringt, sollte das Team verlassen", so der Italo-Kanadier im Sommer.

Baldisserri im Jahr 2011 mit dem damaligen Ferrari-Entwicklungsfahrer Jules Bianchi - Foto: Ferrari

Marchionne ließ Köpfe rollen

Dort herrscht ein Terrorklima.
Luca Baldisserri

Marchionne hatte in der Vergangenheit bereits kurzen Prozess mit Personal gemacht, das in seinen Augen nicht den hohen Anforderungen des traditionsreichen Rennstalls gerecht wurde. 2014 sägte er mit Stefano Domenicali und Marco Mattiacci gleich zwei Teamchefs in einer Saison ab, bevor er Maurizio Arrivabene auf den Posten setzte. Diesem spricht er, trotz der neuerlichen Durststrecke, zumindest in der Öffentlichkeit weiterhin sein vollstes Vertrauen aus. "Wir brauchen einen Boss wie ihn, der in der Lage ist, mit Leuten zusammenzuarbeiten und der ein Team führen kann", so Marchionne.

Dass bei Marchionne allerdings so gut wie jeder in Ungnade fallen kann, bewies der personelle Kahlschlag im Jahr 2014. Neben Domenicali und Mattiacci wurde vom Hardliner Marchionne damals sogar Ferrari-Präsidenten-Legende Luca di Montezemolo vor die Tür gesetzt, der seit 1973 fester Bestandteil der Ferrari-Familie war. Motorenchef Luca Marmorini und Chefdesigner Nicholas Tombazis mussten im Zuge der Umstrukturierung zu dieser Zeit ebenfalls ihre Hüte nehmen.

Baldisserri ist von Marchionnes und Arrivabenes Fähigkeiten alles andere als überzeugt - Foto: Sutton

Baldisserri hält Teamführung für inkompetent

Weder Ferrari-Präsident Sergio Marchionne noch Teamchef Maurizio Arrivabene haben Erfahrung mit der Formel 1.
Luca Baldisserri

Baldisserri allerdings sieht die Personalien Marchionne und Arrivabene selbst als ausschlaggebende Faktoren für Ferraris derzeitige Form. "Weder Ferrari-Präsident Sergio Marchionne noch Teamchef Maurizio Arrivabene haben Erfahrung mit der Formel 1", unterstellt er der Chefetage mangelndes Know-how.

Ein Kurswechsel bei der Teamführung sei deshalb der erste notwendige Schritt in die richtige Richtung. Denn zurück zum Erfolg finde Ferrari laut Baldisserri erst, "wenn das Team eine effiziente Organisation und Stabilität erreicht."

Zur Person Luca Baldisserri:

Luca Baldisserri begann 1989 bei Ferrari und wirkte als Ingenieur im Elektronik-Bereich an der Entwicklung des ersten halbautomatischen Formel-1-Getriebes mit. Danach war er unter anderem als Renningenieur von Eddie Irvine tätig und erlebte an der Seite von Jean Todt, Ross Brawn und Michael Schumacher die erfolgreichste Ära des Teams mit, bevor er 2006 nach dem Rücktritt von Brawn zum Chefingenieur und stellverstretenden Technischen Direktor ernannt wurde. 2010 wurde Baldisserri aus dem Formel-1-Team abgeschoben und als Manager der Ferrari Driver Academy abgestellt. Diese und damit auch Ferrari verließ er Ende 2015.


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