Formel 1 - Analyse: So hat Ferrari Vettels Podium versaut

Strategie, die nicht aufgehen konnte

Ferrari schmiss in Japan ein sicher geglaubtes Podium von Sebastian Vettel weg. Der offensichtlichste aller Strategie-Patzer von Ferrari.
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Motorsport-Magazin.com - Sebastian Vettel wurde beim Japan GP Vierter. Nach seiner Startplatzstrafe, die er für die Startkollision in Malaysia erhalten hatte, könnte man meinen, ein gutes Ergebnis. War es aber nicht. Der Ferrari war in Suzuka das zweitschnellste Auto. Die neuen Teile, die in Malaysia nicht funktioniert hatten, vollbrachten in Japan fast Wunder.

Trotz der Strafe kämpfte Vettel nach seinem starken Start gegen Max Verstappen um Rang zwei. Wider Erwarten war der Ferrari schneller als der Red Bull - im Qualifying und im Rennen. Das gesamte Rennen über fuhr Vettel direkt hinter Verstappen. Doch auf der Strecke gab es keinen Weg vorbei.

Normalerweise versucht man es dann mit einem Undercut, also einem früheren Boxenstopp. Fährt man direkt hinter seinem Rivalen, kommt eine Runde früher rein und kann die Outlap mit den frischen Reifen nutzen, dreht sich die Reihenfolge oftmals um.

Ferrari verpasst Undercut

Das Problem: Man weiß natürlich nicht, wann der Konkurrent zum Stopp kommt. Red Bull holte Verstappen extrem früh zum ersten Reifenwechsel rein, weil er früh über den Reifenverschleiß klagte. Damit hatte Ferrari wohl nicht gerechnet. Der Niederländer holte sich in Runde 10 die harten Reifen. Vettel folgte erst zwei Runden später.

Auch beim zweiten und letzten Stopp verpasste Ferrari den Undercut. Dabei hatte die Scuderia offensichtlich weniger Reifenverschleiß als Red Bull, Vettel schloss gegen Ende der Stints zweimal auf Verstappen auf.

Fahrer Start 1. Stopp 2. Stopp
Verstappen Soft Hard (Runde 10) Hard (Runde 28)
Hamilton Soft Hard (Runde 13) Hard gebraucht (Runde 33)
Vettel Soft Hard (Runde 12) Soft (Runde 34)

Statt unmittelbar auf Verstappens Stopp in Runde 28 zu reagieren, hatte Ferrari eine andere Idee: Weil Vettel auf der Strecke nicht vorbeikam, müsste man mit der Strategie nachhelfen. Also ließ Ferrari Vettel noch länger draußen, um den letzten Stint zu verkürzen. Durch die kürzere Stint-Länge sollte auch der Soft-Reifen bis Rennende durchhalten. Mit frischen Softs hätte Vettel dann eine Chance, Verstappen zu überholen.

Die Ferrari-Strategie ging gleich auf zwei Weisen nicht auf: Verstappen fuhr mit frischen Reifen Vettel mehr als zehn Sekunden davon, bis der Ferrari-Pilot in Runde 34 endlich wechselte. Nach seinem Boxenstopp hätte Vettel zuerst die Lücke zufahren müssen - dann wären die Soft-Reifen ohnehin kein Vorteil mehr gewesen.

Was allerdings noch deutlich schlimmer wog: Hamilton, der im zweiten Stint Schritt für Schritt näher an das Duo Verstappen/Vettel herankam, stoppte ebenfalls vor Vettel. Zu diesem Zeitpunkt lag er nicht einmal mehr fünf Sekunden hinter dem Ferrari. Beim Ziel, den letzten Stint kürzer zu machen, hatte Ferrari die Gefahr von Lewis Hamilton übersehen.

Eine Runde nach Hamilton kam Vettel zum Stopp - zu spät. Mit einer starken Outlap funktionierte der Undercut und der Brite kam vor Vettel wieder auf die Strecke. Auf seiner Inlap hatte Vettel übrigens keinen Verkehr. Die Stopps von Mercedes und Ferrari dauerten ungefähr gleich lang. Die frischen Reifen brachten in der Outlap knapp vier Sekunden.

Reifen-Vorteil nach wenigen Runden vorbei

Den Vorteil der weichen Reifen konnte Vettel nicht mit einem Überholmanöver an Hamilton umsetzen. Dachte Ferrari, Vettel käme am Mercedes nur wegen der weichen Reifen vorbei? Hatte Ferrari den Rundenzeitgewinn durch frische Reifen in der Outlap unterschätzt? Hatte Ferrari Hamilton vergessen? Egal welches Szenario, die Entscheidung wird nicht besser.

Mit jeder Runde wurde Vettels Druck auf Hamilton weniger. Die Softreifen gingen schnell ein, während Hamilton auf Hard sogar noch einmal zulegen konnte. Vettel musste Hamilton fahren lassen und sich mit Platz vier zufrieden geben.

Noch schlechter wird die Strategie beim Vergleich mit Verstappen: Vor Verstappens zweitem Stopp war Vettel im Getriebe des Red Bulls. 1,8 Sekunden lagen zwischen den beiden. Mit den frischen Softs konnte Vettel den nach dem Stopp auf 11 Sekunden angewachsenen Rückstand immerhin zwischenzeitlich auf 4,5 Sekunden verkleinern. In Runde 42 von 53 drehte sich das Bild aber wieder: Vettel auf Soft wurde langsamer, Verstappen konnte auf Hard noch einmal zulegen.

Am Ende kam Verstappen 15 Sekunden vor Vettel ins Ziel - obwohl der Ferrari das schnellere Auto war. Verstappen konnte auch Hamilton im direkten Zweikampf hinter sich lassen, obwohl der Red Bull einen enormen Topspeed-Nachteil gegenüber dem Mercedes hat. Wahrscheinlich hätte auch Vettel den Weltmeister hinter sich lassen können und wäre damit auf Rang drei gelandet - und hätte vielleicht noch einen Angriff auf Verstappen starten können.

Vettel: Hatten Pace, aber nicht die Strategie

Vettel, der das erste Mal in seiner Karriere in Suzuka nicht auf dem Podium stand, gab anschließend sogar selbst den Fehler zu: "Unsere Strategie ist leider nicht aufgegangen. Im Nachhinein ist es immer einfach. In dem Moment war ich einverstanden, es zu probieren. Am Ende war ich aber überrascht, wie groß der Abstand zu Platz zwei und drei war. Es war eine Teamentscheidung und ich war dafür - wie alle anderen. Man kann sich mit Sicherheit darüber streiten. Der Speed für Platz zwei war da, wir sind aber nur Vierter geworden."

Ferrari muss sich ernsthaft Gedanken um seine Strategie-Abteilung machen. Schon beim Saisonauftakt verspielte Ferrari einen möglichen Sieg durch eine fragwürdige Strategie-Entscheidung, beim Kanada GP genauso. In Singapur vermasselte Ferrari Kimi Räikkönen ein sicher geglaubtes Podium, weil man auf einen Undercut von Mercedes hereinfiel.

GP in Japan: Die Highlights aus Suzuka: (02:09 Min.)


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