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Formel 1 - Interview - Christian Klien versteht die Formel 1 nicht mehr

Motorsport sollte man simpel halten

Christian Klien sprach mit Motorsport-Magazin.com über Le Mans, die Formel E und die Regeländerungen in der Formel 1.
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Motorsport-Magazin.com - Man darf ja noch fast nachträglich zum Geburtstag gratulieren. Wie fühlt man sich denn als 31-Jähriger? Im besten Rennfahrer-Alter, oder schon darüber hinaus?
Christian Klien: Die Zahl wird immer höher, aber eigentlich nicht anders wie noch vor ein paar Jahren. Es ändert sich zum Glück nicht viel, nur die Zahl wächst.

Körperliche Gebrechen hast du vermutlich auch noch nicht zu beklagen...
Christian Klien: [lacht] Nein, ich kann mich noch frei bewegen - auch ohne Schmerzen.

Gerade erst gab es gute Nachrichten von dir: Du wirst 2014 in der LMP2-Klasse in Le Mans an den Start gehen. Wie sieht dein restliches Programm aus?
Christian Klien: Ich werde in der ELMS, also der europäischen LeMans-Serie, an den Start gehen. Highlight wird dann das 24-Stunden-Rennen in Le Mans, für das wir den Startplatz zugesprochen bekommen haben.

Ich kann mich noch frei bewegen - auch ohne Schmerzen.
Christian Klien

Du bist ja in Le Mans kein Unbekannter, 2008 bist du sogar Gesamtdritter geworden. Gab es für dieses Jahr auch Kontakt mit Porsche?
Christian Klien: Nein, den gab es nicht. Ich wurde von Porsche nicht kontaktiert, sonst hätte ich das natürlich mit Handkuss angenommen. Aber natürlich habe ich inzwischen ein wenig Erfahrung sammeln können. Das wird mein vierter Start, zweimal bin ich im Werksteam von Peugeot gefahren, einmal von Aston Martin. Auch wenn das nicht so erfolgreich war, ist es dennoch für jeden Fahrer ein riesen Reiz, bei Le Mans am Start zu sein. Und auch wenn es in diesem Jahr die LMP2-Klasse sein wird: Diese Klasse ist richtig umkämpft, es werden viele Autos am Start sein, die mehr oder weniger auf dem gleichen Niveau sind.

Du hast die LMP2 angesprochen. Hast du nicht Angst, dass sich in diesem Jahr, in dem sich vermutlich alles um das Duell Audi gegen Porsche dreht - vielleicht mischt auch noch Toyota mit -, die LMP2 etwas im Schatten steht?
Christian Klien: Ganz klar: Die LMP1-Klasse wird natürlich das Highlight von Le Mans sein und auch immer bleiben. Der Zweikampf Audi gegen Porsche wird richtig groß sein. Nichtsdestotrotz gibt es noch andere Klassen. Auch wenn die LMP2 und die GT-Klasse sehr umkämpft sein wird, so wird in den Medien die LMP1 ganz klar im Vordergrund sein - das war in den vergangenen Jahren auch immer so.

Kein Kontakt zu Webber

Indirekt war Mark Webber dein Nachfolger bei Red Bull. Jetzt kommt er wieder nach Le Mans. Hattest du seitdem schon Kontakt zu ihm?
Christian Klien: Nein, bislang habe ich mit ihm noch nicht gesprochen. Ich war zwar über Weihnachten in Noosa in Australien, wo er auch ein Haus hat, aber genau zu dieser Zeit war er in England. Bisher habe ich ihn noch nicht getroffen und gesprochen. Bei den offiziellen Testfahrten Ende März oder Anfang April werde ich ihn aber in Paul Ricard sicher antreffen.

In Le Mans trifft Klien auf einen alten Bekannten. - Foto: Sutton

Hast du einen Tipp für ihn?
Christian Klien: Ich glaube, Ratschläge braucht er nicht. Er ist ja selbst schon in Le Mans gestartet - sehr spektakulär sogar. Ein Mark Webber braucht definitiv keine Tipps. Es ist natürlich anderes Rennfahren, daran muss man sich schon gewöhnen, denn es sind auch langsamere Autos auf der Strecke, zum Teil auch Amateurfahrer. Da muss man bei den Überholmanövern etwas mehr mitdenken und zum Teil etwas vorsichtiger sein. Sonst geht es eher um Konstanz und darum, keine Fehler zu machen. Das ist das Gleiche wie in der Formel 1. Und Webber hat zuvor auch noch ein Rennen in Silverstone. Bis Le Mans kommt, wird er überhaupt keine Probleme mehr haben.

Zum Thema langsamere Autos überholen und Amateurfahrer: Da gibt es ja noch das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Kommt das für dich in Frage?
Christian Klien: Dafür würde ich mich sicher interessieren und das kommt sicher in Frage. Bislang ging es sich entweder zeitlich nicht aus oder es gab kein Angebot. Aber irgendwann steht das sicher noch auf meiner Liste, bei den 24 Stunden auf dem Nürburgring teilzunehmen. 2011, als ich im Werksteam LMP2 gefahren bin, war ich von Aston Martin eingeladen und habe gesehen, dass das ein sehr, sehr interessantes Rennen ist.

Hardcore-Fans am Nürburgring

Kannst du zwischen Le Mans und Nürburgring einen Vergleich ziehen? Wie ist der Flair, wie der Stellenwert?
Christian Klien: Der Nürburgring ist in den letzten Jahren extrem gewachsen, weil teilweise auch Werke involviert waren. Mit BMW, Audi, Porsche und Mercedes ist das Rennen extrem professionell geworden und vorne wird auf einem sehr hohen Niveau gefahren. Trotzdem sind es verschiedene Rennen. In Le Mans hast du Prototypen, am Nürburgring ist es eine GT3-Angelegenheit. Aber nichtsdestotrotz sind beide Rennen gleich schwer zu gewinnen. Beim Flair sind beide Rennen ähnlich, denn beide haben richtige Motorsportfans an der Strecke. Am Nürburgring campen die Leute schon eine Woche vorher an der Rennstrecke, da sind die Fans mit Leib und Seele dabei. Das sind andere Fans als bei der Formel 1, bei diesen Rennen hast du wirklich die Motorsportfans, die richtigen Hardcore-Fans.

Du sprichst die Hardcore-Fans an. Die werden sich vermutlich mit der Formel E nicht so richtig anfreunden können. Du bist erst kürzlich in den Formel E Drivers Club eingetreten. Was hat es damit auf sich?
Christian Klien: Drivers Club bedeutet hier, dass du dich für die Serie einsetzt, dass du hinter dieser Serie stehst. Dazu wollte die Formel E verschiedene große Namen wie ehemalige Formel-1-Fahrer, die sich hinter das Projekt stellen. Das hat es mit dem Drivers Club auf sich. Ob du dann letztendlich einen Rennsitz bekommst oder nicht, das liegt immer noch bei den Teams. Aber die Chancen, wenn man in diesem Fahrerpool ist, sind größer. Das heißt aber noch lange nicht, dass man schon bei einem Team unterschrieben hat.

Die Formel E hat schon eine Plattform, auf der sie überleben kann, speziell weil sie in die großen Städte geht und es dann schon spektakulär aussehen kann.
Christian Klien

Würdest du gerne in der Formel E fahren?
Christian Klien: Ja, ich würde gerne dort fahren. Es wird eine ganz, ganz andere Motorsport-Rennserie, wie es sie je gegeben hat. Den Elektromotoren fehlt natürlich der Sound. Das wird etwas komplett Neues werden. Es geht in erster Linie darum, diese neue Technologie in den Motorsport zu bringen. Natürlich wird es am Anfang schwer sein, die Fans zu begeistern, auf der anderen Seite gehen sie mit der Formel E direkt in die Städte hinein. Die Fans müssen keine Anreise auf sich nehmen und haben es leicht, zur Rennstrecke zu kommen. Dadurch glaube ich schon, dass einige Zuschauer dort sein werden. Wie es dann anläuft, muss man erst noch abwarten, aber interessant wird es auf jeden Fall.

Gibt es bei dir schon konkreten Kontakt zu einem Team?
Christian Klien: Es gibt derzeit Kontakt zu mehreren Teams, aber spruchreif ist noch nichts. Die Serie geht ohnehin erst im September los.

Wir haben es schon kurz angerissen, nicht jeder ist von der Formel E begeistert. Der ein oder andere sieht die Serie als 'Dschungelcamp des Motorsports'. Wie stehst du solchen Äußerungen gegenüber?
Christian Klien: [lacht] Man muss erst einmal abwarten, wie das Ganze anläuft. Sicher ist man am Anfang immer skeptisch und kritisch - das ist bei den neuen Formel-1-Motoren das Gleiche, die haben auch recht wenig Sound, aber wenn die Rennsaison dann beginnt, rückt das alles wieder in den Hintergrund. Die Formel E hat schon eine Plattform, auf der sie überleben kann, speziell weil sie in die großen Städte geht und es dann schon spektakulär aussehen kann.

Zukunft im Langstreckensport

Wo siehst du dich in Zukunft lieber? Auf dem Podium in Le Mans oder in Miami, LA und Co.?
Christian Klien: Ich sehe mich in Zukunft sicher irgendwo im Langstreckensport. Le Mans und generell die Langstreckenrennen sind in den letzten Jahren extrem beliebt geworden, es kommen immer mehr Werke hinzu. Auch wenn ich meine Zukunft sicher im Langstreckensport sehe, ist die Formel E eine Rennserie, die in der Off-season über die Winterzeit läuft, wo ich mich auch sehr gut sehen kann.

Du hast die Formel 1 schon angedeutet. Als KERS und DRS eingeführt wurden meintest du, es würde dir gefallen. Du findest es gut, wenn der Fahrer mehr mitdenken muss. Findest du es nach den Testfahrten immer noch gut?
Christian Klien: Nach den ersten Testfahrten nicht wirklich [lacht]. Aber es sind die ersten Testfahrten gewesen und jetzt warten wir ab, wie es in Bahrain noch läuft und wie die Teams dann gerüstet sind. In der ersten Saisonhälfte wird es schwierig werden, da wird es sicherlich einige Ausfälle geben. KERS und DRS finde ich sehr gut, da muss der Fahrer selbst mitdenken und kann vielleicht irgendwelche Vorteile für sich herausziehen. Mit dem Spritsparen - das kennen wir schon aus Le Mans, aber das ist etwas anderes. Das sind Langstreckenrennen, bei der Formel 1 handelt es sich ganz klar um Sprintrennen. Da finde ich es ehrlich gesagt nicht wirklich gut.

Mit KERS und DRS war es schon schwierig genug. Und jetzt noch ERS statt KERS und Spritsparen - das wird alles ein bisschen zu kompliziert.
Christian Klien

In der Vergangenheit hatten wir KERS. Jetzt haben wir ERS-K, ERS-H und noch viel mehr. Verstehst du die Formel 1 noch?
Christian Klien: Nein. [lacht] Wenn du nicht vor Ort bist - und bei den Testfahrten war ich nicht vor Ort - dann ist es zu kompliziert. Für den Zuschauer ist es viel zu kompliziert. Mit KERS und DRS war es schon schwierig genug. Und jetzt noch ERS statt KERS und Spritsparen - das wird alles ein bisschen zu kompliziert. Ich glaube, Motorsport sollte man simpel halten. Ich bin die letzten zwei Jahre in Australien bei den V8-Supercars gefahren, da ist die Technik extrem simpel, aber man sieht die besten Rennen auf der Strecke. Für den Zuschauer, glaube ich, ist das der richtige Weg.

Laute Motoren und die schnellsten Autos

Du hast vorhin den Sound angesprochen. Du meintest, noch nicht an der Strecke gewesen zu sein. Mein Eindruck ist, es geht Sound-technisch fast ein bisschen Richtung Le Mans. Findest du das gut oder eher schade?
Christian Klien: Eher schade. Die Formel 1 sollte die absolute Speerspitze des Motorsports sein. Das heißt auch: Laute Motoren und die mit Abstand schnellsten Autos. Ich weiß nicht, ob die Autos überhaupt noch die schnellsten der Welt sind. Sicher werden sie über die Saison noch die ein oder andere Sekunde finden, aber zu langsam sollten sie nicht werden.

Klien würde am liebsten im Mercedes sitzen. - Foto: Sutton

Gefallen dir die neuen Autos vom Design her?
Christian Klien: Das ist immer so: Wenn das Reglement geändert wird, dann sieht am Anfang alles krass und ungewöhnlich aus. Nach einer halben Saison hat man sich schon wieder so daran gewöhnt, dass es gar nicht auffällt. Das war vor ein paar Jahren, als man die breiten Frontflügel eingeführt hat, genau dasselbe. Daran gewöhnt man sich - aber schön ist es nicht.

Ganz mutig: Eine Prognose, wer die (unschöne) Nase vorne haben wird?
Christian Klien: [stöhnt] Das ist sehr schwierig. Ich glaube Mercedes wird sehr stark sein, McLaren wird auch vorne dabei sein, aber es ist sehr schwierig das vorherzusagen. Da kann sich noch viel tun.

Fragen wir andersherum: In welchem Auto würdest du im Moment am liebsten sitzen?
Christian Klien: Im Mercedes. Der sieht mir nach den ersten Testfahrten sehr schnell und konstant aus.


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