Formel 1 - Kolumne - Karin Sturm

Sebastian Vettel - gibt es noch Grenzen für den Superstar?

Bundeskanzlerin Merkel gratulierte - nicht nur die Formel 1, sondern die gesamte Sportwelt lag Sebastian Vettel nach seinem dritten Weltmeistertitel zu Füßen.
von

Motorsport-Magazin.com - Wie er in Interlagos unter schwierigsten Bedingungen mit einem nach einer Startkollision beschädigtem Auto, ab Halbzeit des Rennens mit nur einseitig funktionierendem Boxenfunk, vom letzten Platz nach der ersten Runde auf den sechsten Platz nach vorne fuhr und sich damit am Ende drei Punkte Vorsprung vor Fernando Alonso sicherte, das nötigte allen Experten größten Respekt ab, von den ebenfalls dreimaligen Weltmeistern Niki Lauda und Nelson Piquet bis zu den Teamchefs der Konkurrenz von Norbert Haug bis Stefano Domenicali. Dabei sind es neben der fahrerischen Leistung vor allem die kleinen Details, die zeigen, welche unfassbaren mentalen Kapazitäten dieser 25-Jährige aus Heppenheim hat.

Kann Sebastian Vettel eines Tages die Rekorde von Michael Schumacher toppen? - Foto: Sutton

In der Auslaufrunde, als der WM-Sieg feststand, gratulierte Red-Bull-Teamchef Christian Horner und zählte Vettel gleichzeitig auf, welchem exklusiven Club der drei- und noch mehrmaligen Weltmeister er jetzt beigetreten sei. "Er fing mit Schumacher an, das war logisch, dann zählte er alle anderen auf, unter anderem Fangio, Senna, Lauda, Stewart, die ganze Reihe halt..." Einen allerdings vergaß Horner - und das fiel Vettel, in dieser Situation wohlgemerkt, direkt nach einem solchen extremen Rennen, voller Emotionen und Adrenalin, sofort auf: "Ich habe ihm gleich gesagt, Moment, du hast Alain Prost vergessen", grinste der alte und neue Champion nachher - und war sich gar nicht dessen bewusst, was er damit bei den Zuhörern für ein Erstaunen auslöste. Wie kann jemand in so einem Moment überhaupt in der Lage sein, die komplette Statistik im Kopf zu haben und so etwas zu registrieren?

Während der Weltmeister sich dann in der Nacht mit seinem Team zum "heftigen Feiern" in einen Club in Sao Paulo verabschiedete, fragt sich die Formel 1 bereits: Wo führt der Weg dieses Sebastian Vettel noch hin, ist er überhaupt noch irgendwann zu stoppen? Er selbst will davon im Moment natürlich nichts hören. "Ich sage immer, dass es das wichtigste ist, den Moment zu leben, die Gegenwart zu genießen, ich will mich jetzt nicht damit beschäftigen, was in Zukunft sein könnte." Den als Frage getarnten Hinweis, er könne schließlich derjenige sein, der den Rekord von Michael Schumacher mit sieben WM-Titeln einmal knacken würde, schließlich sei er jetzt mit drei Titeln jünger als Schumacher bei seinem ersten, wischte er mit der Bemerkung weg, das gar nicht kommentieren zu wollen, schließlich seien Schumachers Erfolge einzigartig.

Doch ganz so abwegig ist der Punkt nicht. Denn der Blick in die Zukunft - zumindest einmal ins nächste Jahr - zeigt deutlich: Die Kombination aus dem überragenden Fahrer Vettel und dem Red-Bull-Team mit Design-Genie Adrian Newey an der Spitze hat die besten Aussichten, eine Epoche zu prägen, wie es zuletzt die Kombination Michael Schumacher und Ferrari von 2000 bis 2004 tat.

Ich sage immer, dass es das wichtigste ist, den Moment zu leben, die Gegenwart zu genießen, ich will mich jetzt nicht damit beschäftigen, was in Zukunft sein könnte.
Sebastian Vettel

Vor allem im nächsten Jahr sieht es so aus, als würde der einzige ernsthafte Gegner wieder genau der sein, den Vettel jetzt nach 2010 zum zweiten Mal in einem dramatischen Finale hinter sich ließ: Fernando Alonso im Ferrari. Denn blickt man auf den Rest der Konkurrenz, tun sich da doch viele Fragezeichen auf: McLaren ist durch den Weggang von Lewis Hamilton sicherlich geschwächt. Jenson Button ist zwar absolute Weltklasse, wenn alles passt, aber, wie sich RTL-Experte Christian Danner ausdrückt, "er funktioniert nur in einem sehr schmalen Fenster - und das kann natürlich über eine gesamte Saison kritisch werden." Neuzugang Segio Perez wird McLaren wohl noch einige Kopfschmerzen bereiten, wenn er so weiter macht wie zuletzt. Der Mexikaner neigt dazu, im Übereifer viel zu viele Fehler zu machen, "er ist jemand, der in 80 Prozent der Fälle sein Auto überfährt..."

Wer wird Sebastian Vettel 2013 herausfordern? - Foto: Sutton

Bei Mercedes weiß man selbst, dass man wohl 2013 noch nicht so weit sein wird, um den WM-Titel mitzufahren - auch nicht mit Lewis Hamilton. Das große Ziel ist 2014, wenn dann das neue Reglement kommt, 2013 sieht man bei den Silbernen als Übergangssaison, in der man regelmäßig um Podestplätze mitfahren und vielleicht den ein oder anderen Sieg holen will. Lotus mit Kimi Räikkönen könnte zwar wieder mit Konstanz weit vorne mit dabei sein, aber für ganz vorne fehlen dem Team schon allein die finanziellen Ressourcen, Geldprobleme sind ein ständiger Begleiter, auch wenn sie immer wieder dementiert werden.

Sicher, 2014 mit dem neuen Reglement könnten sich die Kräfteverhältnisse verschieben, am Ende der Saison 2014 läuft dann auch Vettels Red Bull-Vertrag aus, ein Wechsel zu Mercedes, wenn man dort bis dahin wirklich ein Spitzenauto hat, oder zu Ferrari, vor allem wenn Alonso dort doch vorzeitig das Feld räumen sollte, könnten eine Option werden. Dass das an der grundsätzlichen Ausnahmestellung Vettels etwas ändern wird, ist zweifelhaft. Und wenn das Szenario Wirklichkeit wird, das am Sonntagabend im Fahrerlager von Interlagos schon einmal skizziert wurde, dann erst recht nicht. Da wurde Adrian Newey nämlich von einem italienischen Journalisten gefragt, wen Ferrari denn nun holen müsste, um endlich wieder einmal Weltmeister zu werden, ihn oder Vettel. Während Newey der Antwort auswich und nur vor sich hin grinste, kam von einem anderen Medienkollegen schon der Zwischenruf: "Am besten beide!"

Ihre Karin Sturm

Unterschrift von Karin Sturm


Weitere Inhalte:

Motorsport-Magazin.com fragt
Facebook
Wir suchen Mitarbeiter
x