Formel 1 - Rückblick: Der kleine Preis der USA

Erinnerungen an Indianapolis 2005

In einer Woche startet der US GP in Austin. Grund genug, das kontroverseste aller USA-Rennen noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
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Motorsport-Magazin.com - Patrick Friesacher im Minardi auf Rang sechs, Narain Karthikeyan im Jordan auf Rang vier. Was sich nach einem äußerst ereignisreichen Rennen mit vielen Zwischen- und Ausfällen anhört, begann eigentlich schon im Freien Training und endete mit einem der schwärzesten Tage der Formel 1. Der US GP 2005 ging als der kleine Preis der USA in die Geschichte ein. Nach der Einführungsrunde bogen alle Michelin-bereiften Teams in die Boxengasse ab, nur sechs Fahrer nahmen das Rennen auf. Reifengate war geboren.

Traditionell hat es die Formel 1 schwer in den Vereinigten Staaten. Die Amerikaner lieben ihre legendären Ovalrennen und die engen Windschattenduelle der PS-Boliden. Als die Formel 1 nach langer Pause im Jahr 2000 wieder in die Staaten zurückkehrte, war der Zuspruch eher mäßig. Vieles wurde unternommen, um die Formel 1 auch über dem großen Teich populärer zu machen, noch mehr, um die Beziehung dann wieder zu erschüttern. Das altehrwürdige Oval in Indianapolis wurde sogar um ein Infield erweitert, die Formel 1 sollte auf gewohntem Terrain ihre Rennen austragen.

Formel 1 wird zur Formel Farce

Doch im Jahr 2005 kam alles anders. Nicht die Amerikaner hatten Probleme sich, an die Formel 1 anzupassen, die Formel 1 - genauer gesagt Reifenhersteller Michelin - hatte Probleme sich an die amerikanischen Begebenheiten anzupassen. Die Formel-1-Variante des Indianapolis Motor Speedway beinhaltete noch zwei Steilkurven, bevor es auf die Start- und Zielgerade und über den legendären Brick Yard ging. 9 Grad Kurvenüberhöhung - für amerikanische Verhältnisse geradezu lächerlich - brachten nicht nur die Michelin-Techniker ins Schwitzen, sondern auch die Pneus des französischen Ausrüsters zum Platzen.

Musste Rede und Antwort stehen: Pierre Dupasquier - Foto: Sutton

Der nicht haltbare Michelin-Reifen hatte zur Folge, dass beim Rennen nur die Bridgestone-Teams antraten. Das waren Ferrari, Jordan und Minardi. Abgesehen von Ferrari nicht gerade die Creme de la Creme des Motorsports und mit einem Starterfeld von sechs Piloten auch nicht eines Großen Preises würdig. Das sahen auch die Fans so, die von der Formel Farce maßlos enttäuscht waren und ihr Geld zurückforderten. Doch wer war eigentlich Schuld am Debakel? Hätte man nicht eine Lösung für das Problem finden können und wird Michelin nur der schwarze Peter zugeschoben?

Michelin traf eine zu aggressive Reifenwahl

Bereits im zweiten Freien Training traten die ersten beiden Reifenschäden auf. Weil sie beide an Toyota-Boliden auftraten, ging man zunächst von einem Toyota-Problem aus. Nach eingängigen Untersuchungen in Frankreich und Indianapolis kam Michelin jedoch zu dem Ergebnis, dass auch alle anderen Teams davon betroffen wären. Laut dem damaligen Reglement war es den Reifenherstellern gestattet, zwei verschiedene Compounds für die härtere Reifenmischung mitzubringen, damit es eine Backup-Lösung für eventuell auftretende Probleme gibt.

Michelin war bei der Wahl der Mischung ein zu hohes Risiko eingegangen, statt auf Haltbarkeit - damals waren Reifenwechsel während des Rennens nicht gestattet - setzte man lieber auf Performance. Somit gab es aus Reifensicht keine Backup-Lösung, eine andere Alternative musste her. Dabei gab es die wildesten Einfälle. Die populärsten Ideen waren: Eine Schikane in die Steilkurve einzubauen, damit die Geschwindigkeit reduziert würden, oder die Michelin-bereiften Teams durch die Boxengasse fahren zu lassen.

Verärgerte Fans

Die aufgebrachten Fans forderten Ersatz - Foto: Sutton

Dass die Zuschauer vor Ort nicht besonders "amused" waren, ist mehr als nachvollziehbar. Viele von ihnen hatten eine weite Anreise hinter sich und Formel-1-Tickets sind allgemein nicht als Schnäppchen bekannt. In einem Gerichtsverfahren zwei Jahre später entschied ein Gericht gegen die aufgebrachten Kläger, welche die Kosten für Anreise und Tickets erstattet haben wollten. Sie hätten kein vertraglich zugesichertes Recht darauf gehabt, ein Rennen mit zumindest zwölf Fahrern zu sehen, hieß es in der Urteilsbegründung, auch wenn die Regeln der Formel 1 das verlangen.

Das Gerichtsurteil war nicht nur ein Urteil gegen die Fans, sondern auch gegen die Formel 1 in den USA. Seit 2007 fand außer in Montreal kein F1-Rennen mehr in Nordamerika statt. Nun soll die Formel 1 im über 1000 Meilen entfernten Austin wieder Fuß fassen. Der Kartenvorverkauf in Austin läuft gut, viele Fans scheinen der Formel 1 verziehen zu haben. Nun bleibt zu hoffen, dass die Königsklasse des Motorsports ihrem Namen alle Ehre macht und weitere Pannen ausbleiben - die gab es in Amerika schon zur Genüge.


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