Exklusiv

DTM - Interview - Jens Marquardt im Kreuzverhör

Wenn sich Timo mal wieder rasiert...

Jens Marquardt bezieht im Exklusiv-Interview Stellung: Wie sieht es mit Fan-Nähe in der DTM aus? Macht die ARD einen guten Job? Wie erkennt man Timo Glock?
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Motorsport-Magazin.com - Herr Marquardt, wie fällt Ihr Fazit nach zwei Jahren BMW in der DTM aus?
Jens Marquardt: Wir sind sehr glücklich. Aus Sicht von BMW hat sich das Engagement in der DTM in allen Bereichen, die wir angestrebt haben, ausgezahlt. Es ist die beste Tourenwagenplattform weltweit und sie zeigt auch weiterhin ein sehr gutes Entwicklungspotenzial. Das ist für die Zukunft sehr wichtig.

Die Fan-Nähe der DTM ist weiterhin ungeschlagen. Die Basis ist nach wie vor extrem gut, aber es ist Arbeit - es fliegt einem nichts zu.
Jens Marquardt

Ist es wirklich so eine heile Welt?
Jens Marquardt: Man muss es realistisch sehen. Ich war nie einer, der gesagt hat: BMW kommt in die DTM und jetzt geht alles steil bergauf. Interessen und Gewohnheiten ändern sich bei den Menschen. Auch Serien wie die Formel 1 haben mit einem Schwund zu kämpfen. Die DTM hat sich auf einen - sicherlich noch nicht zufriedenstellenden - Wert eingepegelt. Der Zuspruch der Fans vor Ort ist meiner Meinung nach sehr gut. Die Fan-Nähe der DTM ist weiterhin ungeschlagen. Die Basis ist nach wie vor extrem gut, aber es ist Arbeit - es fliegt einem nichts zu. Die Fußball-Bundesliga hat auch Phasen gehabt, in der der Zuschauerzuspruch nicht so riesig war. Wir haben in Deutschland zurzeit einfach extrem guten Sport und da musst du mit deiner Serie echt etwas zeigen.

Wie bewerten Sie die oft angepriesene Fan-Nähe der DTM?
Jens Marquardt: Der Zuschauer erhält vor Ort ein tolles Programm: Du kommst überall gut hin und kannst überall dabei sein. Die Nähe der Fahrer, Teams und aller Involvierten ist einzigartig. Auf solch einem Top-Niveau gibt es das sonst nirgendwo.

Zahlreiche Fans kritisieren, dass diese Nähe in der Realität nicht herrscht.
Jens Marquardt: Ich habe Timo Glock als Referenz, der in der Formel 1 ein Fahrerlager hatte, in dem dies so nicht möglich war. Er meinte nach der Saison, dass er nicht geglaubt hätte, dass das Fan-Aufkommen so groß ist. Timo plant nun für 50 Meter Weg zu Fuß im Fahrerlager eine halbe Stunde mehr ein, weil es so lange dauern kann.

Wenn sich Timo mal wieder rasiert, erkennen ihn sicherlich einige Leute auf der Straße. Das denke ich auch von Bruno Spengler und Martin Tomczyk.
Jens Marquardt

Gilt dieses Interesse auch für nicht-eingefleischte Motorsport-Fans?
Jens Marquardt: Wenn sich Timo mal wieder rasiert, erkennen ihn sicherlich einige Leute auf der Straße. Das denke ich auch von Bruno Spengler und Martin Tomczyk. Augusto Farfus ist dem einen oder anderen sicherlich auch bekannt, da er in den vergangenen Jahren mehrfach auf dem Podium stand. Die Herausforderung besteht darin, dies an die Leute heranzutragen. Wenn sie im Fernsehen nur die Autos und Fahrer mit Helm auf dem Kopf sehen, weiß man nicht viel über die Jungs. Auf Herstellerseite sind wir sehr aktiv: Unsere Fahrer sind auf großen Veranstaltungen präsent und werden stark in die Außendarstellung eingebunden.

Die Stimmung anheizen

Mehr Sendezeit im Fernsehen würde auch nicht schaden, oder?
Jens Marquardt: Das ist natürlich vergleichbar mit der Frage, ob man ein gutes Rennfahrzeug nicht noch etwas schneller machen könnte. Im Ernst: Woher sollen wir die nehmen? Im Detail könnte man natürlich sehen: Man könnte den Vorlauf vor den Rennen ändern, damit man die Fahrer auch einmal ohne Helm sieht. Timo war im vergangenen Jahr bei der DFB-Pokal-Auslosung im TV-Studio - einen solchen Crossover zwischen den Sportarten finde ich sinnvoll.

Man könnte den Vorlauf vor den Rennen ändern, damit man die Fahrer auch einmal ohne Helm sieht.
Jens Marquardt

Ist die ARD für diesen Crossover-Plan der richtige Partner?
Jens Marquardt: Die ARD hat vergangenes Jahr einen Preis für die Sendung 'Brisant' bekommen. Für diese oder andere Formate sind unsere Fahrer auch gut geeignet. An solchen Konzepten wird gearbeitet. In der direkten Berichterstattung ist natürlich auch noch Luft nach oben, um Fahrer anders herauszustellen.

Solche Sätze hören wir allerdings seit einigen Jahren aus Reihen der DTM - und warten immer noch darauf, dass das Potenzial auch wirklich genutzt wird...
Jens Marquardt: Das ist nicht ganz trivial. Letztlich ist es auch eine Frage des Budgets: Man könnte jetzt Werbesports von der DTM produzieren lassen und die bei allen möglichen Sendern platzieren. Aber wäre das zielführend? Wichtig ist, dass wir nicht nur Im direkten Umfeld bei einer Veranstaltung Interesse generieren, sondern schon im Vorfeld aktiv sind. Das funktioniert am besten, wenn man schon vorab vor Ort ist und die Stimmung mit Showcars oder Fahrern anheizt.

Rahmenprogramm noch attraktiver machen

Ist die Kostenreduzierung der richtige Weg, oder wäre es angebracht, auch mal wieder zu investieren - zum Beispiel in mehr Streckenzeit?
Jens Marquardt: Wie viele Zuschauer haben früher die Freitage wirklich in Anspruch genommen? Die meisten Leute müssen freitags schließlich noch arbeiten. Hier muss man die Relation zu den Kosten betrachten - früher mussten wir immer schon donnerstags an die Strecke reisen. Ich denke, dass sich das kompakte Rennwochenende bewährt hat.

Seit 2013 wird nur noch am Samstag und Sonntag gefahren. - Foto: DTM

Wie bewerten Sie den Wegfall des Warmup am Sonntag? Die Zuschauer würden sich bestimmt über fahrende Autos auf der Strecke freuen.
Jens Marquardt: Das hat nichts mit den Kosten zu tun, sondern mit dem neuen Reglement und den Parc-Fermé-Bestimmungen. Wenn die Autos umgebaut werden könnten, hätte man nach dem Qualifying kein Gefühl dafür, wie das Rennen wird. Meiner Meinung nach wurde hier der richtige Schritt gemacht. Mit Blick auf die Zuschauer müssen wir das Rahmenprogramm noch attraktiver gestalten und uns auf den Sonntagvormittag konzentrieren, damit die Zuschauer Autos auf der Strecke sehen - aber eben aus den Rahmenserien.

Stichwort: Reglement. Aktuell wird darüber diskutiert, Platzierungsgewichte einzuführen. Wie stehen Sie dazu?
Jens Marquardt: Die DTM zeichnet sich dadurch aus, dass alle drei Hersteller auf Augenhöhe fahren. Ansatz des Reglements war es stets sicherzustellen, dass dies der Fall ist. Nach zwei Jahren mit stabilem Reglement durften die Autos nun in bestimmtem Rahmen weiterentwickelt werden. Da gibt es immer Fragezeichen, wie ausgeglichen das Feld danach ist. Nach den ersten gemeinsamen Testfahrten werden wir ein Gespür dafür haben, wie weit das Feld auseinanderliegt.

Mercedes startet dieses Jahr mit sieben Autos. Was sagen Sie dazu?
Jens Marquardt: Es ist ein erster Schritt. Natürlich wäre es für die Serie besser gewesen, wenn wir 24 Autos auf dem Grid gehabt hätten und zwar acht von jedem Hersteller - so wie eigentlich auch die Vereinbarungen sind.

Wie bewerten Sie die Qualität des diesjährigen Fahrerfeldes?
Jens Marquardt: Wir haben wieder ein extrem hohes Niveau und eine gute Mischung zwischen Erfahrung und schnellen jungen Fahrern. Es wird dieses Jahr hart, den Meistertitel zu gewinnen. Ich erwarte wie in den vergangenen Jahren auch die Autos wieder sehr nahe beieinander.


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