Eigentlich heißt er ja Anthony Hieatt, aber in der englischen Rennsportszene kennen den Teammanager von Räikkönen Robertson Racing alle nur als "Boyo". "Boyo", das ist im Grenzgebiet zwischen England und Wales der Spitzname, den die Engländer den Walisern gegeben haben, "und ich komme nun mal aus Wales", sagt er, der mit seinem Team in diesem Jahr die britische Formel 3 aufmsicht.

Einst arbeitete er als Mechaniker für Steve Robertson, als der Ende der Achtziger selbst noch in der englischen Formel 3 fuhr, war dann dort bei verschiedenen Spitzenteams und auch in anderen Nachwuchsserien, ehe ihn die Gebrüder Steve und Dave Robertson dann 2005 mit dem Aufbau ihres Teams betrauten. Von Anfang an "sein Fahrer" war Bruno Senna, den Hieatt auch als Renningenieur betreut - und dem er eine große Zukunft voraussagt.

Der Rohdiamant im Einsatz: Bruno Senna, Foto: adrivo Sportpresse
Der Rohdiamant im Einsatz: Bruno Senna, Foto: adrivo Sportpresse

Bruno Senna hat mit seinen großen Erfolgen in dieser Saison einige überrascht. Sie kennen ihn wahrscheinlich am allerbesten, haben durch ihre Erfahrung auch optimale Vergleichsmöglichkeiten. Wie weit, glauben Sie, kann er wirklich kommen?

Anthony Hieatt: Mir wird die Frage oft gestellt, wie gut Bruno wirklich ist - und ich kann nur sagen: Man hat überhaupt noch nicht gesehen, was er wirklich kann, er ist ja noch ein Rohdiamant... Er hat auf jeden Fall etwas ganz Spezielles, wenn man denkt, wie er mit seiner geringen Erfahrung - schließlich fährt er ja erst seit Sommer 2004 überhaupt Rennen - in diesem Jahr schon die ganzen wesentlich erfahrenen Leute schlägt. Das ist schon toll. Es ist fantastisch, seine Entwicklung zu beobachten, wie er im gleichen Maß, wie er Selbstvertrauen gewonnen hat, immer besser wird. Letztes Jahr war alles neu für ihn, das Auto, die Strecken, vor allem auch die Erfahrung direkter Zweikämpfe, da war er noch sehr unsicher, wenn er eine Menge anderer Autos um sich hatte. Das ist alles weg. Er ist jetzt schon um 1000 Prozent besser als im letzten Jahr - aber ich würde sagen, dass er trotzdem im Moment überhaupt erst 20 Prozent seines vorhandenen Potenzials ausschöpfen kann, einfach aus mangelnder Erfahrung. Er kann noch sehr viel dazu lernen - und er lernt sehr schnell!

Wo liegen seine besonderen Stärken?

Anthony Hieatt: Bruno ist technisch sehr gut, er ist ein Traum für jeden Ingenieur, hat ein sehr gutes Gefühl für das Auto. Und er ist auch sehr ehrlich, wenn er eigene Fehler macht, dann sagt er das auch, und wenn er sagt, dass das Auto ein Problem hat, dann kann man darauf vertrauen, dass das auch so ist und keine Ausrede.

Sie haben mit vielen heutigen Formel-1-Piloten gearbeitet, mit Button, Räikkönen, Sato, Davidson - wo würden sie Bruno einordnen?

Anthony Hieatt: Von der Fahrweise her irgendwo zwischen Button und Davidson. Er hat einen sehr runden, weichen Fahrstil - ohne große Korrekturen, nicht so spektakulär. Auf diesem Niveau bewegt er sich ganz bestimmt. Der Vergleich mit Kimi ist sehr schwierig, Kimi ist speziell, hat einen ganz anderen Stil. Bruno wird ganz sicher seinen Weg in die Formel 1 machen, ob er dort dann so überragend wie ein Räikkönen oder Schumacher werden wird, das kann man beim besten Willen noch nicht sagen. Da ist es noch zu früh, da muss man auch die Entwicklung abwarten. Eine sehr gute Grundschnelligkeit hat er auf jeden Fall, ob dieser absolute "Raw Speed" wie bei Kimi ist, das muss man sehen - aber das ist auch nicht immer das einzig wichtige für den Erfolg in der Formel 1.

Hieatt sieht Senna bald als Testfahrer in der F1., Foto: Sutton
Hieatt sieht Senna bald als Testfahrer in der F1., Foto: Sutton

Wird der Druck auf ihn jetzt nicht allmählich sehr hoch?

Anthony Hieatt: Bruno arbeitet sehr konzentriert, sehr professionell - und der größte Druck kommt wahrscheinlich daher, dass er sehr hohe Erwartungen an sich selbst hat. Man muss ihn jetzt manchmal ein bisschen bremsen, ihm klarmachen, dass er noch am Anfang steht, dass nicht alles immer hundert Prozent funktionieren, er nicht immer gewinnen kann. So ein Wochenende wie hier in Pau, wo nicht alles glatt läuft, das ist nicht das Ende der Welt, im Gegenteil - nur dann, wenn auch mal nicht alles klappt, weiß man die Erfolge auch richtig zu schätzen. Und er hat sicher wieder sehr viel daraus gelernt, auch über Taktik und Strategie, und er wird gewisse Fehler dann ganz sicher nicht mehr machen. Er hatte einen fantastischen Saisonbeginn, hat jetzt schon mehr Punkte als letztes Jahr in der ganzen Saison. Wenn er am Ende die Meisterschaft gewinnt, wäre das natürlich fantastisch, aber wenn er Zweiter oder Dritter wird, ist es doch auch noch sehr, sehr gut.

Wo sehen sie seine Zukunft im nächsten Jahr - in der GP2, oder vielleicht sogar schon, wie zum Teil spekuliert wird, gleich in der Formel 1?

Anthony Hieatt: Also ich würde ihm nicht unbedingt raten, auf jeden Fall in die GP2 zu gehen. Es kommt dort auch sehr darauf an, in was für ein Team man kommt und manchmal ist das vorher nicht einfach einzuschätzen. Bei uns in der Formel 3 kann man technisch an den Autos sogar mehr machen als in der GP2, ist weniger durch strikte Regeln eingeschränkt. Man kann den Schritt aus der Formel 3 in die Formel 1 später auch direkt machen, das haben mir viele heutige F1-Fahrer gesagt, gerade jetzt, wo die Formel 1 auch nicht mehr ganz so viel Leistung hat. Aber um direkt als Race Driver in die Formel 1 zu gehen, ist es für ihn 2007 sicherlich noch zu früh. Was ich mir vorstellen könnte, wäre zum Beispiel, dass er noch ein Jahr in der Formel 3 bleibt, daneben aber schon einen Testjob in der Formel 1 macht, vielleicht auch schon als Freitagsfahrer irgendwo.

Werden Sie versuchen, ihn von diesem Konzept zu überzeugen?

Bruno Senna auf dem Weg zu größeren Ehren?, Foto: Sutton
Bruno Senna auf dem Weg zu größeren Ehren?, Foto: Sutton

Anthony Hieatt: Wir, ich das Team, die Robertsons, wir alle können Brunos Entscheidung nicht wirklich beeinflussen. Wir können nur Ratschläge geben, wenn er das will. Unser Ziel ist es jedenfalls, in unserem Team einen Fahrer so auszubilden, dass er dann absolut reif ist für die Formel 1. Denn dort kümmert sich ja dann in dieser Beziehung keiner mehr wirklich um einen jungen Piloten.

Es sieht so aus, als würde die Meisterschaftsentscheidung zwischen ihren beiden Top-Fahrern, Bruno und Mike Conway fallen - wird das für Sie als Teammanager dann schwierig, da Frieden im Team zu halten, Spannungen zu entschärften?

Anthony Hieatt: Ach, ich kenne aus meiner Erfahrung solche Situationen, das ist alles nicht ganz so wild. Sicher werden sie irgendwann einmal aneinander geraten, das ist zwischen Top-Leuten eben so, da steht der eine halt mal dem anderen im Weg, und dann wird auch mal wieder umgekehrt so gehen. Wir sagen nur, ihr könnt gegeneinander kämpfen, aber schießt euch nicht gegenseitig ab. Aber auch das wird wahrscheinlich mal passieren, und erst dann werden sie daraus lernen. Ich sehe das ganz gelassen.