Gerhard Berger
Gerhard Berger leitet inzwischen die Formel-Kommission des Automobilweltverbandes FIA. Damit ist der Österreicher damit beschäftigt, den Formel-Sport neu zu organisieren. Berger und die FIA wollen einen klaren, kostenüberschaubaren Weg bis in die Formel-1 für Nachwuchsfahrer entwickeln. Begonnen hat Berger mit der Neu-Strukturierung der Formel-3. Die F3-Europameisterschaft ist die neue starke F3-Serie, die nationalen F3-Meisterschaften haben daran zu knappen und sind geschwächt. Die italienische F3-Serie wurde sogar ganz eingestellt.
Berger ist für den Posten ideal. Erstens hat er genug Erfahrung im Rennsport, sowohl als Fahrer, als auch als Teambesitzer oder Motorsportchef eines Herstellers, zweitens hat Berger in Form seines Speditionsunternehmens (das er von seinem Vater Johann übernommen hatte) auch geschäftliche Kompetenzen – und drittens hat er auch ein persönliches Interesse daran, dass der Nachwuchssport wieder aufgeräumt wird. Denn Bergers Neffe Lucas Auer ist derzeit recht stark in der F3-EM und will eines Tages freilich seinem Onkel in die Formel-1 folgen.
Dort fuhr Berger 210 Rennen, gewann davon deren zehn, wurde zwei Mal (1988 und ’94) Gesamt-Dritter und sammelte 385 WM-Punkte. Das sind die Statistiken des heute 53-Jährigen. Aber diese Zahlen erzählen nicht die ganzen Geschichten, die sich um Gerhard Berger tummeln. Denn es gibt nur wenige Fahrer in der F1-Geschichte, die so gewitzte Lausbuben waren wie dieser Tiroler. In seinen Büchern listet Berger unzählige wilde Streiche an Kollegen auf. Die meisten davon sind jenseits von gut und böse – aber so war er eben, der Berger-Humor.
„Ich habe von ihm viel über Sport gelernt, aber er hat von mir das Lachen gelernt“, hat Berger deshalb einmal über Ayrton Senna gesagt. Senna – wahrscheinlich einer der populärsten und besten F1-Fahrer aller Zeiten. Und eben Freund von Gerhard Berger. Es gibt nur wenige, die akzeptiert haben, dass der Stallgefährte einfach besser ist. Stirling Moss war im Schatten von Juan-Manuel Fangio in den 50er Jahren so ein Fall. Gerhard Berger eben ein anderer. Er hatte gegen Senna keine Chance, vielleicht mit Ausnahme von 1992, als Berger die WM als Fünfter mit nur einem Punkt Rückstand auf Senna abschloss. Aber Berger akzeptierte, dass Senna fokussierter, fitter und vielleicht auch ehrgeiziger war.
Von 1990 bis ’92 fuhren die beiden für McLaren. In Japan 1991 ließ Senna Berger gewinnen – doch der bedankte sich überhaupt nicht, sondern war eher verärgert. Es war wohl dieser von seinen zehn GP-Siegen, der ihn am wenigsten freute. 1994 verunglückte Senna in Imola tödlich. Keiner hat die Schockstarre, in der die Formel-1 daraufhin verfiel, treffender formuliert, als Berger: „Es ist, als ob die Sonne vom Himmel fällt.“ Als Sennas Neffe Bruno Senna wieder mit dem Rennsport weitermachte, unterstützte Berger ihn. Senna brachte es auch bis in die Formel-1, konnte dort aber keine Bäume ausreißen.
Berger war also unbestritten schlechter als Senna, aber gut genug, um ihn lange als potenziellen, neuen Weltmeister einzustufen. Berger hatte Talent, eigentlich auch genug, um Weltmeister zu werden. Und er hätte besser sein können, denn er war ein regelrechter Spätzünder. Erst musste Berger im Unternehmen seines Vaters eine Lehre als Mechaniker abschließen, bevor er den Rennsport professionell betreiben durfte. Dann ging es aber sehr schnell: Dank Josef Kaufmann und Karl Wendlinger Senior (Vater des gleichnamigen F1-Fahrers) kam Berger 1982 in die deutsche Formel-3, stieg dank des heutigen Red-Bull-Beraters Dr. Helmut Marko 1983 in die F3-EM auf. Berger war gut, aber nicht dominant. Sein Highlight: Der Sieg beim Tourenwagen-Langstreckenklassiker 24 Stunden von Spa an der Seite von Marc Surer und Roberto Ravaglia.
All das langte zum F1-Einstieg 1984 bei ATS. Teamchef Günther Schmid hatte nur einen ATS BMW genannt, als Berger in Monza als Sechster in die Punkte fuhr, durfte er diese deswegen nicht behalten. Dank BMW kam Berger 1985 bei Arrows unter – und 1986 bei Benetton. Hier platzte der Knoten: Berger fuhr sich immer wieder an die Spitze des Feldes. Der Durchbruch erfolgte beim Mexiko GP: Der erste Sieg. Auch den letzten Sieg erreichte Berger mit Benetton: 1997 in Hockenheim. Es war vielleicht auch der beeindruckendste Sieg des Österreichers: Eine Woche zuvor verstarb sein Vater bei einem Flugzeugabsturz. Berger hatte außerdem eine schwere Saison hinter sich, war gesundheitlich angeschlagen, musste sogar Rennen aussetzen. In Hockenheim dann das Comeback – und gleich mit einem beeindruckenden Sieg.
Zwischen den Siegen 1986 und ’97 liegt ein Wechselbad der Gefühle. Gerade bei seiner Rückkehr zu Benetton 1996 hatte sich Berger nochmals den Gewinn des Titels erhofft. Zuvor wurde Benetton mit Michael Schumacher ja zwei Mal Weltmeister. Als sich Berger aber erstmals in den Benetton Renault zwang, war er verblüfft: Wie konnte der Deutsche mit diesem Auto WM werden? Benetton befand sich im freien Fall, verlor den Anschluss zur Spitze – nur beim Deutschland GP 1997 langte es eben nochmals zum Sieg.
Dabei hätte Berger 1996 sogar Weltmeister werden können – wenn er sich bei den Gehaltsverhandlungen nicht verpokert hätte und das Williams-Cockpit bekommen hätte. Denn Williams dominierte die WM 1996. Vorher war Berger eben zwei Mal für Ferrari aktiv, und einmal für McLaren. 1987 kam er von Benetton zu Ferrari, doch das Ferrari-Team befand sich im Sinkflug. Doch in der ersten Ferrari-Epoche gab es den wohl emotionalsten Berger-Sieg: In Monza 1988, vor heimischem Publikum des Ferrari-Teams. Dabei hatte McLaren das Jahr 1988 voll dominiert. Nur in Monza, eine Woche nach dem Tod von Enzo Ferrari, hatte Berger die Chance, nachdem Ayrton Senna beim Überrunden mit Jean-Louis Schlesser kollidierte.
Nach einem Abstecher zu McLaren kehrte Berger 1993 zu Ferrari zurück. Das Team war nicht mehr an der Spitze, erhoffte sich aber vor allem wegen der technischen Expertise von Berger den Weg zurück. Denn Jean Alesi, der auch bei Benetton in den letzten zwei Berger-Jahren an seiner Seite fuhr, war zwar schnell, aber beim Herausfahren eines Setups, beim technischen Input für Ingenieure und beim technischen Feedback hatte er eben Schwächen. Doch auch Berger führte Ferrari nicht zurück an die Spitze.
Ende 1997 trat Berger zurück, wurde Motorsportchef von BMW und brachte den bayerischen Hersteller zurück in die Formel-1. Mit Williams feierte BMW einige Siege, 2003 zog sich Berger zurück. Das F1-Comeback gab’s 2006, als er 50% des Toro-Rosso-Teams kaufte. Berger machte das ehemalige Minardi-Team zu einer schlagkräftigen Truppe, 2008 in Monza gab es den sensationellen Sieg von Sebastian Vettel. Doch Toro Rosso war nur als Nachwuchsschmiede von Red Bull gedacht, die Chancen, aus Toro Rosso ein Topteam zu machen, daher eingeschränkt. Berger zog die Konsequenzen und verkaufte Toro Rosso Ende 2008 wieder an Red Bull zurück.