Formel 1 - Russland GP - 7 Schlüsselfaktoren vor dem Rennen

Wenn es Nacht wird in Sochi...

... träumt Ferrari vom Doppelsieg, Mercedes von einem guten Start und Red Bull von der Flucht vor Felipe Massa. Die sieben Schlüsselfaktoren in Sochi.
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1. S wie Startaufstellung

Das Zeittraining für den Großen Preis von Russland 2017 wartete gleich mit mehreren Überraschungen auf: Ganz vorne fuhr Sebastian Vettel zum zweiten Mal in seiner Karriere in den Farben von Ferrari auf die Pole Position, dahinter stellte Kimi Räikkönen seinen SF70H auf Startplatz zwei - und das mit nur einer halben Zehntelsekunde Rückstand. Die erste Startreihe wurde damit quasi ein doppeltes Comeback der Scuderia, das die Herzen der Tifosi höher schlagen lässt. Herzklopfen auf eine andere Art und Weise dürfte dieses Ergebnis Mercedes bereitet haben: Valtteri Bottas fehlte zwar nur eine Zehntel auf die Pole Position, dennoch steht er als Dritter zusammen mit Lewis Hamilton nur in der zweiten Startreihe. Dieser wiederum war völlig neben der Spur und ließ nach einigen Fahrfehlern auf die Bestzeit über eine halbe Sekunde liegen.

Hinter den beiden Top-Teams kommt wie gewohnt ein Red Bull. Doch dem RB13 von Daniel Ricciardo folgt ausnahmsweise nicht sein Teamkollege, sondern Felipe Massa im Williams. Max Verstappen teilt sich dahinter als Siebter die vierte Startreihe mit Nico Hülkenberg im Renault. Die Top-10 komplettiert das Force-India-Duo mit Sergio Perez vor Esteban Ocon. McLaren-Pilot Fernando Alonso wurde auf dem Sochi Autodrom nicht zum Tier: Mehr als Platz 15 war für den spanischen Superstar nicht drin. Ebenfalls ernüchternd lief das Qualifying für den dritten Deutschen im Bunde. Pascal Wehrlein geht nur von Startposition 18 ins Rennen. Hinter ihm bilden sein Teamkollege Marcus Ericsson sowie der überraschend schwach aufgelegte Romain Grosjean die letzte Startreihe.

2. S wie Start

Die erste Kurve ist in Sochi immer eine heiße Angelegenheit - Foto: Sutton

Der Start ist auf dem Sochi Autodrom seit jeher eine heiße Angelegenheit. Bis zum ersten Bremspunkt legen die Piloten 844 Meter zurück. Mit kalten Reifen und kalten Bremsen kann es schnell passieren, dass im Startgetummel ein Pilot über das Ziel hinausschießt. In der Saison 2014 ruiniert sich Nico Rosberg mit einem heftigen Verbremser in der ersten Kurve sein Rennen, letztes Jahr ruinierte sich Daniil Kvyat mit dem Abschuss von Vettel seine Karriere bei Red Bull. Auch beim diesjährigen Rennen dürfte es wieder eng zugehen, denn der eine oder andere Pilot hat sich mit einer eher durchwachsenen Qualifying-Vorstellung in eine Position gebracht, aus der er sich am liebsten gleich beim Start schon befreien möchte.

Aus der dritten Reihe werden Bottas und Hamilton gleich versuchen, das Ferrari-Duo an der Spitze zu sprengen um Vettel und Räikkönen die Chance zu nehmen, an das Rennen zu kontrollieren. Hamilton ist allerdings wenig optimistisch. "Ich starte von der schmutzigen Seite der Startaufstellung. Somit habe ich mir für den Start keinen Gefallen getan", so der Mercedes-Pilot. Dahinter ist Red Bull auf der Flucht vor Massa. Beide Bullen fürchten, dass sie, einmal hinter den Brasilianer zurückgefallen, am Williams mit Mercedes-Power im Heck nicht mehr vorbeikommen könnten. Ricciardos Fluchtplan ist nicht ungefährlich: "Für mich geht es darum zu versuchen, mich von einem der beiden Mercedes vor mir ziehen zu lassen und ihren Windschatten zu nutzen, um mich bis zur ersten Kurve ziehen zu lassen."

3. S wie Strategie

Wissenswertes über den Russland GP: (00:46 Min.)

Dank der extrem glatten Asphaltbeschaffenheit in Sochi, haben die Reifen auf dem Kurs am Schwarzen Meer leichtes Spiel - zumindest was den Verschleiß angeht. Schon nach dem ersten Trainingstag war klar, dass der Ultrasoft-Reifen im Rennen die erste Wahl sein wird. "Die Strecke hier hat einfach keinen großen Effekt auf den Reifen. Man könnte mit einem Satz ewig fahren", so Sauber-Pilot Pascal Wehrlein. Dementsprechend nahe liegt, dass die meisten Teams die Renndistanz aller Voraussicht nach mit nur einem Boxenstopp absolvieren. Die Reifenkontingente dafür sind bei den Piloten von Ferrari und Mercedes identisch: Alle vier Piloten haben jeweils drei angefahrene Sätze Ultrasoft sowie zwei neue Sätze Supersoft und einen benutzen Satz Soft.

Allerdings sind nicht alle im Fahrerlager so felsenfest von der Einstopp-Variante überzeugt. Daniel Ricciardo rechnet damit, dass sich der Reifenverschleiß im Rennen anders darstellen könnte, als in den Trainingssessions. "Wenn du die Strecke für dich alleine hast, könnte es ziemlich klar sein. Da wäre sicherlich eine Einstopp-Strategie drin. Dieses Jahr ist das Hinterherfahren schwieriger. Wenn du hinter ein langsameres Auto zurückfällst und kämpfst, deine Reifen rannimmst und aus dem Fenster rutschst, könnte es sein, dass du zu einem frühen stopp oder zwei Stopps gezwungen bist", so der Australier.

4. S - wie Sonntagswetter

In Sochi hatte die Formel 1 bei ihren bisherigen drei Auftritten stets beste äußere Bedingungen. Auch dieses Jahr sollte Petrus keinen Einfluss aufs Wetter nehmen. Für den Rennsonntag sind zur Mittagszeit bis Sonnenschein und bis zu 22 Grad Celsius, womit sich der russische Frühling von seiner guten Seite zeigt. Einzig der Wind könnte, wie zuletzt in Bahrain, eine kleine Rolle spielen. Bei Nico Hülkenberg hatte sich dieser in den Trainings bereits bemerkbar gemacht. "Es ist sehr windig, besonders in Kurve 14, wo wir so tief hineinbremsen", so der Renault-Pilot. Die für das Rennen prognostizierten Windgeschwindigkeiten sind mit 8 km/h jedoch äußerst human.

5. S - wie Strecke

Ferrari-Vorschau auf den Russland GP: (01:33 Min.)

Das mit der Saison 2014 in den Formel-1-Kalender aufgenommene Sochi Autodrom besitzt trotz eines weitläufigen Charakters ein äußerst anspruchsvolles Streckenlayout. Die insgesamt 19 Kurven bieten viel Abwechslung aus schnellen und flüssigen Passagen sowie 90-Grad-Kurven, für welche die Piloten teilweise hart verzögern müssen. Besonders anspruchsvoll ist Kurve 14, für welche die Piloten noch während des Durchfahrens von Kurve 13 aus über 300 km/h den Bremsvorgang einleiten müssen. Darüber hinaus bietet die 5,848 km lange Rennstrecke einige gute Überholmöglichkeiten. Wobei es in Sochi oftmals nach mehr Platz für einen Angriff aussieht, als eigentlich vorhanden ist. Kimi Räikkönen und Valtteri Bottas können ein Lied davon singen, gerieten sie doch 2015 kurz vor Rennende aneinander.

Streckendaten
Länge: 5,848 km
Runden: 53
GP-Distanz: 309,745 km
Rundenrekord: 1:39.094 (Nico Rosberg, 2016)
Kurven: 18
Weg bis zum ersten Bremspunkt: 844 m
Länge Boxengasse: 330 m
Zeit in Box bei 60 km/h: 21,0 Sekunden

6. S - wie Stats!

Obwohl noch kein Rennen gefahren wurde, hat das Wochenende auf dem Sochi Autodrom für Statistikfreunde schon einige Leckerbissen geliefert. Vettels Pole Position für Ferrari ist die erste der Scuderia seit Singapur 2015 - das sind 588 Tage. Insgesamt geht der viermalige Weltmeister zum 47. Mal von Startplatz eins ins Rennen. Sein Teamkollege steht zum ersten Mal seit Monza 2015 wieder auf Startplatz zwei - das ist 601 Tage her. Die rote erste Startreihe, welche zu Zeiten von Schumacher und Barrichello an der Tagesordnung war, ist außerdem die erste seit 3203 Tagen. Zuletzt starteten Räikkönen und Massa beim Frankreich-GP 2008 zusammen für die Scuderia aus Reihe eins.

7. S - wie Sieganwärter

Bottas war in Russland bereits zu Williams-Zeiten stets gut unterwegs - Foto: Sutton

Die Statistik des Grand Prix von Russland spricht bisher eine mehr als deutliche Sprache. Drei Rennen, drei Mal Mercedes. 2014 und 2015 holte Hamilton den Sieg, 2016 war es Nico Rosberg, der für die Silberpfeile triumphierte. Ferrari kann gerade einmal auf zwei Podestplätze von Vettel und Räikkönen zurückblicken. Dieses Jahr könnte es aber ganz anders aussehen. Von der einstigen Mercedes-Dominanz war bisher nichts mehr zu sehen - und anders als bei den ersten drei Saisonrennen, war Ferrari schon am Samstag schneller als die Silberpfeile. Sollten die Italiener am Sonntag wieder mit ihrer bisher sehr zuverlässigen Rennpace punkten, könnte Mercedes schnell die Luft ausgehen. Vettel hält sich aber gewohnt bedeckt: "Jedes Rennen ist anders. Wir wissen, dass es morgen schwer wird. Der Start, der Weg zur ersten Kurve, die erste Runde, die Strategie. Da gibt es so viel Variablen, die man nicht vorhersehen kann. Aber das ist ja auch gut so, denn das ist der Grund, weshalb die Leute zuschauen."

Vettel hat zu Recht die Konkurrenz auf der Rechnung, denn vor allem Bottas war im Qualifying nicht weit weg. Außerdem war der Finne in den vergangenen Jahren im Williams auf dem Sochi Autodrom jeweils stark unterwegs. 2014 fuhr er als Dritter aufs Podium und ein Jahr später wurde er auf der gleichen Position liegend kurz vor Schluss von Räikkönen aus dem Rennen torpediert. "Es gibt natürlich Strecken, die einem mehr liegen als andere. In der Vergangenheit lief es hier mit Williams generell sehr gut", so Bottas. Teamkollege Hamilton macht sich trotz zwei Siegen in Russland wenig Hoffnung. "Mein Longrun gestern war schrecklich. Anhand der bisher gesammelten Daten habe ich aber kein überwältigendes Gefühl."

Und wie tippt die Motorsport-Magazin.com-Redaktion? Das sind unsere (nicht immer ganz ernst gemeinten) Tipps für den Russland Grand Prix:

Jonas Fehling: Ich will einfach wissen was passiert, wenn in Russland ein Franzose im amerikanischen Team gewinnt. Deshalb setze ich einfach mal auf Romain Grosjean. Vorsorglich wette ich außerdem auf einen Defekt der Soundanlage in Sochi kurz bevor die Nationalhymnen bei der Siegerehrung fällig sind. Damit auch noch ein paar realistische Dinge in meinem Tipp vorkommen, genießen ansonsten beide Ferrari-Jungs die Ruhe auf dem Podium.

Jonas' Top-3-Tipp: 1. Grosjean 2. Räikkönen 3. Vettel

Chris Lugert: Ferraris großes Problem könnte der Start werden. Durch den langen Weg zu Kurve eins könnte die erste Startreihe durch den Windschatten vielleicht sogar ein Nachteil sein, zumindest Vettel dürfte es schwer haben. Kimi Räikkönen wird daher nach Kurve eins in Führung liegen. Diese hält der Finne auch bis zum Ende eines insgesamt ereignisarmen Rennens, auf eine Stallorder verzichtet Ferrari, weil Vettel Zweiter ist und vor den Silberpfeilen landet. Lewis Hamilton lässt Valtteri Bottas im Rennen wieder alt aussehen und komplettiert das Podium.

Chris' Top-3-Tipp: 1. Räikkönen 2. Vettel 3. Hamilton

Manuel Schulz: Kimi rockt die Bude, zumindest nachdem Vettel bereits in der ersten Kurve wegen eines Unfalls mit Hamilton ausfällt. Der Mercedes-Pilot erwischt einen guten Start und will den Ferrari-Pilot in Kurve 2 attackieren, was jedoch schief geht. Räikkönen kann daraufhin das Rennen gemütlich zuende fahren. Perez profitiert vom Safety-Car nach dem Unfall in der ersten Runde, da er als einziger schon die Reifen wechselt und das Rennen zuende fahren kann, was ihn auf Platz zwei vorspült.

Manuels Top-3-Tipp: 1. Räikkönen 2. Perez 3. Bottas

Florian Becker: Die Finnen und Sochi, das passt irgendwie. Auch wenn es vielleicht nur daran liegt, dass Bottas und Räikkönen 2015 in Russland mal kollidiert sind. Am Sonntag wird es jedenfalls nicht dazu kommen und stattdessen gibt's den Doppelsieg für die beiden Eismänner. Um den Weg dafür zu ebnen, braucht es aber leider einen Motorschaden bei Sebastian Vettel - sorry, Seb! Hamilton eiert hinterher und wird Dritter...

Florians Top-3-Tipp: 1. Räikkönen 2. Bottas 3. Hamilton


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