Formel 1 - Kolumne - Karin Sturm

Vettel vor dem WM-Finale: Der Favorit, der viel zu verlieren hat

Sebastian Vettel hat im WM-Kampf viel zu verlieren. Wenn Fernando Alonso gewänne, würde der Ferrari-Star als Held gefeiert werden.
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Motorsport-Magazin.com - Nicht nur Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, auch die meisten anderen Experten setzen, "zumindest unter normalen Umständen", im Formel-1-WM-Finale auf Sebastian Vettel. Das einzige "Problem" für den großen Favoriten: Er kann eigentlich gar nicht mehr viel gewinnen, nur verlieren. Holt er in Interlagos den Titel, wird das wohl von den meisten als geradezu selbstverständlich angesehen, geht doch noch etwas schief, wird wohl sein Rivale Fernando Alonso als der große Held gefeiert werden, der es quasi im "Alleingang" geschafft hat, in einem schlechteren Auto das gesamte Red-Bull-Team zu besiegen.

Martin Whitmarsh empfand Ferraris Getriebemanöver als unsportlich. - Foto: Sutton

Da würde es dann wohl auch keine Rolle mehr spielen, dass der Trick von Ferrari, den Spanier in Austin per provozierter Strafe für seinen Teamkollegen Massa auf die bessere Seite der Startaufstellung zu befördern, zwar bei einigen, aber nicht bei allen im Fahrerlager auf Zustimmung traf, zwar einerseits verständlich, aber trotzdem diskutierbar ist. McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh fand die Aktion jedenfalls alles andere als sportlich, "vor allem, weil dabei auch noch völlig Unbeteiligte benachteiligt wurden - die Fahrer, die dadurch von der guten auf die schlechte Seite rutschten, also Hülkenberg, Grosjean und Senna. Wenn ich einer von denen gewesen wäre, hätte ich mich wahnsinnig geärgert. Wir bei McLaren hätten so etwas jedenfalls nicht gemacht..."

Und auch, dass Vettel in Texas den Sieg und damit sieben weitere Punkte ein bisschen unglücklich verlor, weil er genau am "falschen" Punkt der Strecke auf den überrundeten Inder Narain Karthikeyan im HRT auflief, würde dann keine Rolle mehr spielen. Genau die entscheidende halbe Sekunde verlor er dadurch, so dass Hamilton aufschließen und zwei Kurven später mit DRS-Hilfe mühelos überholen konnte. Klar, dass man sich bei Red Bull über den Hinterbänkler aufregte, der wieder einmal nicht rechtzeitig aus dem Weg gefahren war, klar auch, dass sich Karthikeyan rechtfertigte: "Ich habe nichts falsch gemacht, FIA-Rennleiter Charlie Whiting hat bei der Fahrerbesprechung extra gesagt, dass man dort in dem Kurvengeschlängel nicht Platz machen muss, weil es da nicht risikolos geht. Hat Vettel da nicht zugehört?"

Aus seiner Sicht vielleicht auch nicht falsch, trotzdem eben unglücklich für Vettel. Lewis Hamilton gab ja zu, von der "Verkehrssituation diesmal schon wirklich profitiert zu haben." Und eine Frage kann man zumindest dem Team von Karthikeyan, HRT, schon stellen: Wenn man merkt, dass die absolute Spitze, die um den Rennsieg und eben auch um die WM kämpft, aufschließt, kann man dann nicht dem eigenen Fahrer, der zwei Runden zurückliegt und in keinerlei Kampf verwickelt ist, sagen, er solle schon vorher mal kurz vom Gas gehen - damit die kritische Situation in der "Schlängelpassage" gar nicht auftritt? Die nötigen Informationen dafür hat jeder Renningenieur auf den Computern an der Boxenmauer, man braucht kein Einstein zu sein, um so etwas vorauszuberechnen und entsprechend zu reagieren.

Regen könnte in Brasilien für Chaos sorgen. - Foto: Sutton

Bei 13 Punkten Vorsprung reicht Vettel in Brasilien auf jeden Fall ein vierter Platz zum Titelgewinn, auch wenn Alonso gewinnen sollte. Bei einem Ausfall des Heppenheimers müsste Alonso mindestens Dritter werden, um ihm den Titel doch noch vor der Nase wegzuschnappen. Und ein Ausfall ist etwas, das natürlich in der Formel 1 nie ausgeschlossen ist - vor allem, da sich der Red Bull in diesem Jahr ja nicht gerade als das allerzuverlässigste Auto präsentierte. Vor allem das leidige Thema Lichtmaschine steht da ja seit dem erneuten Defekt bei Mark Webber in Austin wieder ganz oben auf der Liste der Sorgen - Renault ist schon wieder mal ein bisschen ratlos.

Auch andere Unwägbarkeiten können noch eine Rolle spielen - vor allem das in Interlagos immer wieder unberechenbare Wetter - Regen am Rennsonntag wäre keine Überraschung, und dann ist nicht nur Chaos, sondern auch mal schnell ein Ausritt ins Grüne oder schlimmer - in die Leitplanken - vorprogrammiert. Sicher kann sich der amtierenden Weltmeister also noch nicht fühlen, optimistisch angesichts seinen eigenen Stärke und der Schnelligkeit seines Autos dagegen schon - was er ja auch tut....

Ihre Karin Sturm

Unterschrift von Karin Sturm


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