MotoGP - Zeelenberg über Lorenzos Ausnahmetalent

Wie ein Schwamm

Jorge Lorenzo dominierte über weite Strecken die MotoGP-Saison 2012. Sein Teammanager analysiert die Gründe und die Entwicklung des Mallorquiners.
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Motorsport-Magazin.com - Wilco Zeelenberg kann auf eine äußerst erfolgreiche Saison zurückblicken. Als Teammanager bei Yamaha führt er Jorge Lorenzo zu dessen zweiten WM-Titel und einer außergewöhnlichen Konstanz. Bei all seinen Zielankünften - er beendete 16 von 18 Rennen - wurde Lorenzo entweder Erster oder Zweiter. Den Grund für die erfolgreiche Saison sieht Zeelenberg in einer erfolgreichen Aufbauarbeit, die 2010 begann und dem außergewöhnlichen Talent von Jorge Lorenzo. Dessen Charakter versucht Zeelenberg ebenfalls zu beleuchten. Dabei geht es hinter den Kulissen meist lockerer ab als der Beobachter glauben mag.

"Natürlich war es eine Teamarbeit und Jorge ist äußerst talentiert", analysiert der Niederländer gegenüber On-Track Off-Road die Gründe für die erfolgreiche Saison. "Wenn ich auf 2012 zurückblicke, dann denke ich, war das Ergebnis eine Folge der Veränderungen, die wir 2010 vorgenommen haben. Wir haben an einigen Dingen gearbeitet, wo er nicht so gut gewesen ist, wie seinen Starts und der Konstanz." Zusätzlich habe man außerdem an Lorenzos mentaler Einstellung gearbeitet.

Erster Schritt: Ansprüche herunterschrauben

Der Kampf gegen Dani Pedrosa gegen Saisonende war eine große Show - Foto: Repsol Honda

Zeelenberg erläutert: "Als ich ihn das erste Mal getroffen habe, sagte er: 'Ich will Rennen gewinnen'. Ich antwortete ihm: 'Jorge, mal ehrlich, du willst 18 Rennen gewinnen? Das Ziel ist die Weltmeisterschaft und um das zu erreichen, musst du an jedem Wochenende auf dem Podium stehen.' Von diesem Moment an haben wir angefangen, an diesem Aspekt zu arbeiten." 2009 habe Lorenzo nur Valentino Rossi in jedem Rennen schlagen wollen, statt an die Weltmeisterschaft zu denken. Es habe ihn durchaus auf einer Seite überrascht, dass ein zweifacher 250er-Weltmeister noch so dachte.

"Andererseits sprechen wir hier aber auch über einen jungen Mann im Alter von 21, 22 Jahren", analysiert Zeelenberg weiter. "In der 250er hat er jeden niedergemacht, aber hatte auch einige schlechte Tage, weil die Dinge ihn durcheinander brachten und er Leute um sich hatte, die ihm vorgegeben haben, wie er vorzugehen und zu reagieren habe." Deshalb sei er andererseits auch wenig überrascht gewesen über Lorenzos Auftreten. "Er ist wie ein Schwamm, verschließt nie seine Ohren, nimmt alles auf und will immer lernen. Er ist nie zufrieden." Im Laufe seiner Yamaha-Zeit habe sich der von Rennen zu Rennen denkende Lorenzo zu einem Piloten entwickelt, der von Jahr zu Jahr plant.

Arbeit an, auf und neben der Strecke

Doch auch auf der Strecke wurden einige Dinge angepasst: "An der Sitzposition haben wir nicht viel gearbeitet, denn das kommt von alleine und ist schwer anzupassen. Wir haben an seinem Fahrstil am Kurveneingang gearbeitet, denn er liebt es, schnell in Kurven hinein zu fahren. Das ist in schnellen Kurven okay, aber in langsamen Kurven mussten wir evaluieren, wann der beste Zeitpunkt sei, ans Gas zu gehen. Sein Talent in schnellen Kurven ist phänomenal." Es habe gute Fortschritte gegeben, denn nun sei er auf jeder Art von Strecke konkurrenzfähig.

Die Frage ist nun: Wie lange kann er die Form halten? Valentino hat bewiesen, dass diese Höchstform über einen langen Zeitraum gedehnt werden kann.
Wilco Zeelenberg

Lorenzos Drang nach Perfektion machte auch vor dem Teamchef nicht Halt, den er direkt einmal um die Strecke jagte: "Das erste, worum er mich bat, als wir angefangen haben, zusammenzuarbeiten, war, dass ich für ihn an der Strecke stehe, wenn er fuhr. Er wollte wissen, was die anderen machen und was er in Relation dazu anstellte." Dabei habe Wilco Zeelenberg vor allem seine Erfahrung als Ex-Fahrer geholfen, da er dieselbe Mentalität zu seiner aktiven Zeit an den Tag gelegt habe. "Wenn man Rennen fährt, kann man sich nur auf sich selbst konzentrieren und versuchen, besser zu werden." In den Trainingssessions sehe man nie die gegnerischen Fahrer. Deshalb schauten sich beide jedes Training noch einmal im Fernsehen an.

Jorge Lorenzo sei nun in seiner Höchstform, stellt Zeelenberg fest: "Die Frage ist nun: Wie lange kann er die Form halten? Valentino hat bewiesen, dass diese Höchstform über einen langen Zeitraum gedehnt werden kann." Allerdings habe er auch schon 2010 gedacht, dass Lorenzo auf dem Maximum gewesen sei, gibt er zu. "Aber diese Saison hat er noch einmal 50 oder 60 Punkte mehr geholt. Er war in der Lage, mit Fahrern wie Stoner oder Pedrosa in den Ring zu steigen." Im kommenden Jahr würden aufgrund der neuen Reifen jedoch alle wieder bei null anfangen.

Viel Spaß in der Hospitality

So ernst ist Jorge Lorenzo nur an der Strecke - Foto: Milagro

Persönlich ist der manchmal scheinbar sehr auf den Erfolg fixierte Jorge Lorenzo sehr umgänglich: "Am Rennwochenende ist er ernst, aber die Atmosphäre im Motorhome ist immer sehr locker. Er mag es, Späße zu machen und Musik zu hören. Ich denke, es ist ein wichtiger Teil des Jobs, ihn wirklich genießen zu können, denn sobald man anfängt, diese Show als Arbeit anzusehen, dann wird man nicht mehr schneller werden. Man muss das Fahren am Limit genießen." Dort habe seines Erachtens Dani Pedrosa in der abgelaufenen Saison große Fortschritte gemacht, was sich insbesondere auf den Pressekonferenzen gezeigt habe.

Zurück zu Lorenzo: "Jorge mag es, zu lachen. Wenn die Dinge schlecht laufen, hat er seine schlechte Phase von zehn Minuten, aber dann befreit er sich davon. Er macht Blödsinn, mag Youtube-Videos und hat den kompletten Gangnam Style getanzt, als wir in Indonesien waren. Er mag es, zu singen. In manchen Dingen sind wir gut, aber in anderen, dem Singen, sind wir echt schlecht!", lacht er.


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