Fr, 30.05.2008

Formel 1 - Kolumne - Andi Gröbl

Mehr Mut zur Hässlichkeit

Stadtkurse sind nur für die Fans schön. Die Formel 1 ist immer froh, wenn der Spuk vorbei ist. Gerade deswegen gehören mehr Straßenrennen in den Kalender.
F1 in Monaco: auch Schumacher gefällt es.
© Sutton

Motorsport-Magazin.com - Auf einer Rennstrecke wie Monaco ein Formel 1-Rennen zu fahren gehört zu den hässlichen Dingen im Leben von Aerodynamikern, Mechanikern und auch vielen Fahrern. Da schiebt man Doppelschichten im Windkanal, um ein paar Tausendstel rauszuholen und dann geht ein blöder Gullydeckel auf, der einem die Karre kaputt macht. Da hat ein junger Pilot wie Adrian Sutil die einmalige Chance der Welt zu zeigen, dass sein Hintern zwischen den Leitplanken genauso sensibel ist wie der eines hoch bezahlten Ferrari-Piloten. Und dann kracht ihm der Weltmeister wie ein Anfänger ins Heck. Da leistet sich Nico Rosberg einen winzigen Fehler, der in Sepang oder Shanghai nur dem Dateningenieur am Telemetrie-Ausdruck aufgefallen wäre. Aber weil es Monaco ist, spielt Nico gnadenlos Ping Pong und muss ins Krankenhaus.

Flair wie in der guten alten Zeit: die F1 in Monaco. © Sutton

Man kann es relativ einfach auf den Punkt bringen: Jeder in der Formel 1 ist froh, wenn Monaco vorbei ist. Es ist der absolute Overkill. Während man auf anderen Rennstrecken mittlerweile in den Boxen locker Fußballspiele veranstalten könnte, musst Du in Monaco sogar beim Werkzeug sparen, das du in die Garage mitnimmst. Dauernd rennst du mit jemandem zusammen. Dauernd steigt dir einer auf die Zehen oder steht dir im Weg. Und wenn an so einem Ort dann ein Motorwechsel oder ein Getriebewechsel fällig ist, dann lernst du Stadtkurse richtig lieben.

Ich meine: Gut so! Mein Mitleid hält sich in Grenzen und der Formel 1-Fan hat mehrere Stadtrennen verdient. Bernie Ecclestone erfüllt mir heuer noch zwei Mal den Wunsch mit Valencia und Singapur. Und ehrlich gesagt kann ich es kaum erwarten. Das sind zwei echte neue Abenteuer. Ich hoffe, Herr Tilke nimmt's mir nicht übel. Bei aller Freude über aufregende Passagen wie die Kurve 8 in Istanbul oder die Schneckenkurve von Shanghai - die Aufregung darüber kann nur der Eingeweihteste nachempfinden. Für den Durchschnitts-Fan sind das Kurven wie jede andere auch. Aber wenn ein 800 PS-Bolide mit 200 Sachen an einem Juweliergeschäft vorbeiknattert, da schlägt das Herz höher. Die absolute Geschwindigkeit ist längst egal. Vor noch drei Jahren fuhren wir in Monza auf der Geraden über 370 km/h. Seit letztem Jahr sind es etwa 25 km/h weniger. Ist das irgendjemandem aufgefallen?

Singapur rüstet sich für den GP, einen Stadt-GP - in der Nacht. © Sutton

Ich habe schon einige Stadtrennen selbst miterlebt und kommentiert. Den Komfort, den moderne Rennstrecken bieten musste man freilich immer suchen. Vom Parkplatz bis zu den Toilettenanlagen, alles eher zweite Wahl. Und trotzdem waren es genau jene Orte, die sich ein Leben lang einprägen: Natürlich Monaco, wo du jedes Jahr nachher zwei Tage brauchst, um wieder normal hören zu können. Oder Pau, ein echter Klassiker. Montoya hat dort in der F3000 einmal in der dritten Runde begonnen, den Rest des Feldes zu überrunden!

Dann war da ein unglaubliches Wochenende in Cagliari auf Sardinien. Mein späterer Premiere Co-Kommentator Sven Heidfeld fuhr dort in der F3000. Ich glaube, er kriegt heute noch einen höheren Puls, wenn er daran zurück denkt. Nicht zu vergessen, die Champcar- und Indycar-Klassiker: Long Beach, San Jose, Surfers Paradise und so weiter. Alle diese Orte haben eines gemeinsam: Sie bringen den Faktor Mensch weit mehr heraus als eine normale Rennstrecke.

Mein Traum wäre eine Formel 1-Saison, die nach Rennstrecken gedrittelt wird. Ein Drittel klassische Rennstrecken, an denen der Zahn der Zeit nagt: Monza natürlich, Montreal mit seinen engen Mauern, Hockenheim (aber am liebsten wieder mit den langen Geraden im Wald). Dazu vielleicht ein paar Strecken, die man gemeinhin als "nicht F1-tauglich" einstuft: Zandvoort zum Beispiel oder Zolder, Brands Hatch, Suzuka.

Dazu sollte man ein paar der topmodernen Rennstrecken á la Istanbul oder Shanghai reinmischen. Damit hätten die ganzen Leute im Windkanal auch einen Arbeitsplatz. Für ein paar Rennen könnten die armen Formel 1-Millionäre dann gescheit parken, wären von allen Fans abgeschirmt und könnten in den Boxen so richtig ausspannen.

Lorenzo Bandini wurde das einzige Todesopfer in Monaco. © Sutton

Und dann gehören fünf bis sechs Stadtkurse rein: Monaco, Valencia, Singapur ist ja mal ein guter Anfang. Aber da wären ja noch jede Menge anderer Ideen: London Trafalgar Square - was für ein Bild wäre das. Moskau am Roten Platz oder in Paris entlang der Champs Elysee. Ein paar Städte haben ja vorgezeigt, wie es gehen kann. Die DTM war in Helsinki ein Mega-Erfolg. Auf den Straßen von Shanghai hätte sie auch einer werden können, wenn nicht zu viele Gullydeckel auf einmal geflogen wären. Und sogar Bukarest hat ein ordentliches Rennwochenende auf die Beine gestellt.

Zwei Argumente sprechen immer gegen Rennen in der Stadt: Die Kosten und die Sicherheit. Beides zählt für mich nicht. Ich war selbst vor einigen Jahren in einer Arbeitsgruppe, die eine Rennserie in die Städte bringen wollte. Die Kosten für die Absperrungen und Zäune sowie Security zahlt jeder Formel 1-Rennstall aus der Portokasse. Vielmehr wird jeder Versuch, in einer Stadt zu fahren zu einem Politikum, weil man zwangsläufig irgendwann beim Bürgermeister und den Stadträten landet, die naturgemäß immer eine Gegenpartei haben, die ihnen den Erfolg nicht gönnt. Und so was kann ein Bernie Ecclestone schon gar nicht haben.

Und zur Sicherheit: Meines Wissens ist in Monaco in über 50 Jahren ein einziger Fahrer - nämlich Lorenzo Bandini 1967 - tödlich verunglückt. Die geringere Höchstgeschwindigkeit hat da durchaus ihr Gutes. Und ehrlich gesagt, wenn man in Monaco Formel 1 fahren, dann kann man es überall sonst auf der Welt genau so.

Euer Andi Gröbl
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8 Leser-Kommentare
am 30. Mai um 21:47 Uhr
pit123: @n200
hmm... ovalkurse ? also ich weiß nicht... ;)
am 30. Mai um 14:36 Uhr
ruebenzutzler: Worum es bei den Rennstrechen tatsächlich geht ...
... es ist nicht alles Gold was glänzt, denn ein Rennkurs sollte zuallererst viele Überholmanöver begünstigen! Natürlich haben Retortenkurse diese zumindest teilweise bewusst eingebaut aber dafür eben keinen Flair und erst recht keine Renngeschichte. Aber falls es Euch noch nicht aufgefallen ist, um all das geht es ja gar nicht, sondern darum dass heutzutage dort gefahren wird, wo sich lukrative Märkte für die millionenschweren Sponsoren befinden. Es geht nicht um die Sicherheit der Fahrer, nicht um Rennaktion für die Zuseher, nicht um technische Aspekte für die Konstrukteure und schon gar nicht um Gerechtigkeit - Es dreht sich alles einzig und allein ums liebe Geld! Wenn dem nicht so wäre, ja dann ...
am 30. Mai um 13:36 Uhr
viste:
die piloten und bestimmt auch die zuschauer in valencia werden KOCHEN. Ich tippe mal auf über 40 grad im schatten und über 60 grad asphalt temperatur im august. Wie hoch ist denn dann die temp im kockpit?
am 30. Mai um 11:47 Uhr
n200: @Juan
Ich find den Artikel Gröbel dieses Mal sehr gut, denn auch ich möchte möglichst viel Abwechslung im F1-Kalender haben. Wo ich dir Recht geb, ist das man in Monaco nur bei Nässe ein anständiges Rennen zu sehen bekommt. Aber Stadtkurs ist nicht gleich Stadtkurs ... weisst du vielleicht noch vom alten Indyracegame ;). Valencia ist ne Strecke die auf der Brücke ne sehr lange Gerade besitzt, wo man schon Überholmanöver sehen könnte. Für mich braucht ne Strecke einfach ein Layout wo man mindestens an einer Stelle ohne Regen überholen kann. Denke darauf muss man achten, wenn man neue Stadtkurse aufnahmen möchte. Am liebsten hätte ich ja ein Ovalrennen, das wäre cool. Möglichst grosse Abwechslung/Eigenständigkeit bei den Strecken, das macht die Sache doch reizvoll. Wenn man alles in einen Kurs reinpacken möchte, endet es meistens im Einheitsbrei den wir so häufig bei den typischen F1-Strecken haben.
am 30. Mai um 09:43 Uhr
Jracer:
Kann Hr. Gröbel nicht überall recht geben, Monaco ist weder Logistisch noch Sicherheits-Technisch, noch bietet er wirklich Überholmöglichkeiten für die F1 Boliden. Hört man sich die Meinung der Fahrer an, ist Sie sehr differenziert, auf der einen Seite ist es ein Highlight mit knapp 200 Sachen entlang von Strassenabsperrungen und Betonwände zu fahren, andererseits kann der Einsatz von Safety Car Szenarien zu unglaublichen Frustrationen führen, aus bekannten Gründen, geschweige denn die Materialschlacht in solchen Rennen. Ausserdem sind Stadtrennen weder für Mensch noch Maschine Representativ. Für die Zuschauer Lohnenswert,Amüsant und Spannend im Gegenzug. Ich würde mir ein Stadtkurs wünschen, der nicht so unglaublich Eng ist und die Performance der Fahrzeuge mehr fordern würde. Auf jeden Fall ist die Wichtigkeit der Startposition zu minimieren. Meiner Meinung nach darf es Rundenlanges hintereinanderfahren in trockenem Streckenzustand nicht geben. Das Stadtrennen in Monaco ist wirklich nur in nassem Zustand wirklich spannend und führt beim Zuschauer den Gedanken auf: Wann knallt es endlich.......wenn ich Ehrlich bin, bedenklich dieser Ansatz, aber wahr. Meine Meinung
am 30. Mai um 08:46 Uhr
MassaFan: Teils Teils
Muss Herrn Gröbel da teilweise Recht geben. Für mich als Fan ist es reizvoller F1 Boliden in einem ansprechenden Umfeld fahren zu sehen (Monaco) als auf irgend welchen Retortenkursen. Leider sind diese Rennen einfach nur stinklangweilig und in den meisten Fällen einfach nur Glücksspiel. Beim letzten Monaco GP gab es mindestens drei Fahrer die definitiv schneller als Lewis Hamilton waren und zumindest einer davon war auch besser (Kubica) da er als einziger keinen Fehler gemacht hat. Mit extrem viel Glück (Saftycarphase) hat eben mal wieder der Falsche gewonnen. Leider passiert das in Monaco viel zu häufig und ja ich führe es auf die Strecke zurück. Ich will lieber eine Sieger der klar auf Grund seiner Leistung und der des Teams gewinnt und nicht weil alles verwässert wurde ala DTM (Gewichtsschwachsinn).
am 30. Mai um 04:02 Uhr
Carmenrosa: Von welchen Fans spricht er.
Es gibt doch nichts langweiligeres, als eine Monacoprozesion. Das Rennen war nur wegen dem Regen spannend, sonst sehe ich lieber eine Fronleichnamsprozesion, als das Rennen in Monaco. Bei Regen werden alle Strecken spannend. Künztlicher Regen, daß wäre etwas.
am 30. Mai um 00:23 Uhr
Formulaone:
Guter Artikel, stimme da in jedem Punkt zu!
Andi Gröbl
Andi Gröbl

Andi kennt die Boxengassen der F1-Welt in- und auswendig. Als Boxengassenreporter, Kommentator und Journalist berichtet er seit Jahren über seine Leidenschaft Motorsport.