Formel 1 - Vettel und Arrivabene: Was steckt hinter dem Zoff?

Arrivabene-Interview sorgt für Aufregung im Fahrerlager

Ein Interview von Ferrari Teamchef Maurizio Arrivabene sorgt in Japan für Aufregung. Kriselt es zwischen Sebastian Vettel und Ferrari?
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Motorsport-Magazin.com - Am Freitag des Japan GP gab Ferrari Teamchef Maurizio Arrivabene den Kollegen vom italienischen Sky ein ausführliches Interview. Am Samstagmorgen waren die Aussagen von Arrivabene in aller Munde: Hatte der Teamchef tatsächlich Sebastian Vettel angezählt? Nach ein paar schlechten Rennen?

Was hat Arrivabene genau gesagt?

"Ich glaube nicht, dass Leute mit Neuauflagen Erfolg haben. Die Zeiten haben sich ein bisschen geändert. Was bei Michael [Schumacher] funktioniert hat, muss nicht unbedingt mit Sebastian funktionieren. Sebastian muss sich auf sein Auto fokussieren. Er ist eine Person, die sehr viel gibt und das bedeutet manchmal, dass er sich für alles interessiert. Manchmal muss man ihn daran erinnern, dass er sich auf seine Hauptaufgabe konzentrieren soll. Er macht das nicht auf polemische Art und Weise, er ist nur komplett in diese Ferrari Familie eingesunken."

"Sebastian hat einen Vertrag mit uns. Wir haben dieses Jahr noch Arbeit zu tun und nächstes Jahr genauso. Während der nächsten Saison werden wir sehen. Jeder hat Ziele: Ich habe Ziele, das Team hat Ziele, Sebastian hat Ziele. Deshalb ist es nur richtig, egal um wen es sich handelt, dass jeder seinen Platz und sein Gehalt verdient."

Vettel tut sich aktuell schwer gegen Kimi Räikkönen. Nachdem er ihn anderthalb Jahre klar im Griff hatte, ist Räikkönen aktuell stärker. Der Startunfall beim Malaysia GP geht auch klar auf Vettels Kappe. Dazu wirkte der viermalige Weltmeister in Medienrunden zuletzt weniger entspannt als zu Beginn seiner Ferrari-Zeit. In Ungarn holte Vettel zum Rundumschlag gegen die Medien aus, machte sich lustig darüber, dass alle James Allison von Ferrari wegschreiben - eine Woche später war er tatsächlich weg.

Fehler und Strafe: Für die Startkollision in Malysia wurde Vettel drei Plätze in Japan zurückversetzt - Foto: Sutton

Bei Sebastian Vettel ist in den letzten Wochen und Monaten nicht alles rund gelaufen, aber die Arrivabene-Zitate sind größtenteils harmloser, als manche Kollegen sie verkaufen wollten. Dass, wenn nach dem nächsten Jahr der Vertrag ausläuft, verhandelt werden muss, war ohnehin klar. Dass niemand eine Vertragsgarantie hat, dürfte auch jedem klar sein. Arbeitnehmerschutzgesetze gibt es in der Formel 1 nicht. Wenn nicht jeder seinen Platz und seinen Lohn verdienen müsste, bräuchte man bei einem Wettbewerb gar nicht erst mitmachen.

Nach der ganzen Aufregung musste Arrivabene seine Aussagen klarstellen. Bei RTL sagte er: "Zuerst einmal reden wir über einen viermaligen Weltmeister und nicht über einen Rookie. Im Sport, vor allem in Italien, bist du ein Star, wenn du gut bist. Wenn du am Tag danach nicht so gut bist, bist du ein Idiot. So ist es, glücklicherweise oder unglücklicherweise."

Arrivabene weiter: "Die meisten Leute haben wahrscheinlich etwas falsch aufgegriffen, aber was ich gesagt habe, ist einfach: Es ist zu früh, um über Verträge zu sprechen. Sebastian ist bei uns und wir sind stolz darauf. Er arbeitet sehr tief im Team. Er ist so enthusiastisch, dass er in allen Bereichen arbeiten will. Deshalb habe ich zu ihm gesagt: 'Konzentriere dich auf deinen Job, das brauchst du jetzt.' Über den Vertrag zu reden ist ziemlich lächerlich in dieser Phase der Saison - Sebastian ist ein Ferrari-Fahrer."

Spielt Vettel den Ferrari-Teamchef?

Hätte man das Interview mit Sky Italia übrigens zu Ende gelesen, hätten sich viele Fehlinterpretationen erübrigt. "Denken Sie, dass Sebastian das Problem ist?", wurde Arrivabene gefragt. "Seb ist definitiv keines unserer Probleme", stellte er klar.

Maurizio Arrivabene und Sebastian Vettel: Musterschüler oder Unruheherd? - Foto: Sutton

Einzig die Aussage über Vettels Fokus lässt Raum für Interpretationen. Will Vettel teamintern zu viel? Es ist kein Geheimnis, dass der Deutsche nicht nur interessiert in viele Dinge ist, sondern auch die richtigen Leute und die richtigen Strukturen fordert. Stört das Arrivabene? Schließlich sollte das Aufgabe des Teamchefs sein. Der machte erst kürzlich klar, dass er großes Vertrauen in den eigenen Nachwuchs hat, Ferrari bräuchte keine spektakulären Neuzugänge.

Genauso gut könnte man in Arrivabenes Worte aber Positives hineininterpretieren. Mario Isola, Pirellis Rennleiter, sagte nach den Reifentests für 2017 fast genau das gleiche über Vettel - mit leuchtenden Augen wohlgemerkt. "Sebastian ist sehr interessiert in die ganzen Tests. Er will verstehen, was er testet. Er stellt viele Fragen, so dass man ihn manchmal stoppen muss: 'Du musst uns Feedback geben und keine Fragen stellen.' Aber so ist seine Persönlichkeit: Er ist sehr interessiert daran, Dinge zu verstehen."

Vettel selbst - der die Aussagen am Samstagnachmittag noch nicht gekannt haben will - nimmt die Situation gelassen: "Wir haben eine gute Beziehung. Wenn es etwas gibt, das mir nicht gefällt, dann sage ich es ihm. Und genauso macht er es. Ich weiß, dass da nichts zwischen uns steht. Da gibt es nichts auszuräumen. Unser beider Fokus ist gleich. Wir wollen das gleiche erreichen. Rennen gewinnen, stärker werden."


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