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Frühere Tage des Rennsports

Das Formel 1 Forum früherer Tage...

Beitrag Do Aug 08, 2002 6:29 pm
Tom Tom

Beiträge: 2713
Baudolino schrieb am 08.08.02:
(Post wurde leider gelöscht)

Ich habe gehört, in den früheren Jahren des Rennsports hatten die Wagen eines Landes immer die gleiche Farbe. Stimmt das ?
Wenn ja, wie kam es zu der Farbenaufteilung ? (Tradition oder Reglement o.ä.)



Hi Baudolino,

herzlich willkommen im Yesterday - Forum. Die früheren Tage des Rennsports (nicht nur die Zeit von Kaiser Friedrich Barbarossa ?)
lassen das Herz höher schlagen. Unser Zeitraum umfasst alle wichtigen Motorsport - Ereignisse der letzten 100 Jahre.

Richtig, die Rennwagen der damaligen Zeit wurden in verschieden Farben lackiert. Jedes Land hatte seine spezielle Farbe:

Italien = rot
Frankreich = blau
GB = grün
Deutschland = weiß (silber wurde auch toleriert)

Ausschlaggebend war das Regelement/Vorschrift des A.I.A.C.R (Vörgänger der FIA) im Jahre 1930. Hier findest du beim Eintrag vom 1. November 2001 eine Auflistung aller Rennfarben:
http://www.f1welt.com/apboard/thread.ph ... &BoardID=7

Diese "Traditon" wird teilweise bis heute (Ferrari, Jaguar) fortgesetzt.
[br]----------------[br]Gruß

Tom
Herzliche Grüße

Tom

Beitrag Do Aug 08, 2002 9:57 pm

Beiträge: 440
War der Vorgänger der FIA nicht die CSI???
[br]----------------[br]"To finish first, you have to finish first." - Sagt das mal einer JPM!
"7 Seidla Bier sind so viel wie a Brotzeit ..." :drink:

Beitrag Do Aug 08, 2002 10:05 pm

Beiträge: 1477
Der Vorgänger der FIA war die AIACR, die CSI (Commission Sportive Internationale) war eine Unterabteilung der FIA zuständig für den Motorsport.

Die Aussage "silber wurde auch toleriert" kann ich so nicht stehen lassen, 1934 wurde anscheinend ein Deal durchgezogen zwischen ONS und AIACR in Sachen "silber", dessen Details mir bis heute unbekannt sind.[br]----------------[br]Bild

Beitrag Fr Aug 16, 2002 12:21 am

Beiträge: 5
Hallo Ihr
Habe eine Frage zu den Silberpfeilen.
Was ist dran an der "Legende"; das zwecks Gewichtsersparnis; der Lack der Rennwagen abgeschliffen wurde?
Baudolino

Beitrag Fr Aug 16, 2002 11:15 pm
Tom Tom

Beiträge: 2713
@Baudolino,
eine Antwort ist auch hier im Thread "Piloten vor 1950" zu finden:
http://www.f1welt.com/apboard/thread.ph ... &BoardID=7

@Michael,
im Buch "Mercedes Benz Grand Prix Racing 1934 - 39" müßten Angaben zur "Silber - Toleranz" stehen. Ich müßte aber nochmals näher nachlesen....
Herzliche Grüße

Tom

Beitrag Di Aug 20, 2002 1:09 am

Beiträge: 5
Hallo Ihr.
Trotz aller Technik werden auch heute im Rennsport noch Flaggen verwendet.
Mich würde interessieren: Wann wurden die heute verwendeten Flaggen mit der entsprechenden Bedeutung das erste mal in einem Rennen verwendet. Außerdem würde mich interessieren, wer diese Bedeutungen festgelegt hat!
Gruß
Baudolino

Beitrag So Aug 25, 2002 9:22 pm
Tom Tom

Beiträge: 2713
Hier die Bedeutung der einzelnen Flaggen. Zu den Fragen müßte ich noch im Archiv blättern. Wer hat die nötigen Daten schon auf Lager ?


Rote Flagge
Das Rennen wird abgebrochen

Blaue Flagge
Damit wird einem F1 Fahrer signalisiert, daß er einen Überhol- bzw. Überrundungsvorgang behindert.

Gelbe Flagge
gehalten: Gefahr auf der Strecke, Überholen verboten geschwenkt: Gefahr voraus. Nicht überholen. doppelt geschwenkt: blockierte Strecke - bremsbereit halten

Grüne Flagge
Freie Strecke

Schwarze Flagge
Der Fahrer wird disqualifiziert, muß spätestens nach drei Runden in die Box kommen.

Weiße Flagge
Savety-Car auf der Strecke

Schwarze Flagge mit orangem Punkt
Nach der ersten Runde an die Box, Fahrzeug ist defekt

Schwarz-weiße Flagge (diagonal geteilt)
Verwarnung wegen unsportlichem Verhaltens

Gelb-rote Flagge (Sekrecht gestreift)
Rutschige Fahrbahn

Blau-weiße Flagge (weißes Kreuz auf Blau)
Letze Warnung - überholen lassen oder Disqualifikation

Schwarzweiß karierte Flagge
Das Rennen ist zu Ende
Herzliche Grüße

Tom

Beitrag Mo Sep 02, 2002 3:56 am

Beiträge: 5
Hallo Ihr!
Sieht man Bilder aus den frühen Tagen des Rennsportes (z.B um 1910). so tragen die Fahrer lederne "Fliegerkappen" und auch "Fliegerbrillen". Heute sind daraus Vollhelme mit mit z.B. mehrschichtigen Visieren zum Abreissen geworden.
Meine Frage: 1.Wann wurden im Rennsport die ersten Helme benutzt?
2. Ab wann gab es eine einheitliche Regelung, die allen Fahrern das Tragen von Helmen vorschrieb?
Mit der Hoffnung auf eine baldige Antwort!
Gruß
Baudolino

Beitrag Mo Sep 02, 2002 1:37 pm
Tom Tom

Beiträge: 2713
Hi Baudolino,

in meiner letzten Antwort hast du ja bereits die Bedeutung der einzelnen Fahnen gefunden. Entscheidend dabei war das Jahr 1963. Die FIA (oberste Motorsportbehörde) übernahm von den einzelnen Veranstaltern die Verantwortung für Sicherheitsinspektionen. In diesem Jahr wurden auch die verschiedenen Fahnensignale eingeführt.
Leider ist mir nicht bekannt, wann die erste Fahne geschwenkt wurde, aber bereits in den 20er Jahren wurde der Sieger abgewunken.

Hier noch die wichtigsten Daten zum Theama Strurzhelm:

1924
Henry Segrave (Sieger GP Frankreich 1923 und Geschwindigkeitsweltrekordhalter) fährt als erster Pilot der Geschichte mit Sturzhelm.

1952
Einführung der Helmpflicht für offene Rennwagen. Vor dieser Zeit wurde nur sporadisch mit Helm gefahren.

1968
Dan Gurney trägt beim Training (Formel 1) zum GP von England in Brands Hatch erstmals einen Vollvisierhelm.
Jackie Stewart plädiert als "Vordenker" für Sicherheitsfragen für eine allgemeine Tragepflicht.

1977
Helme müssen FIA - Standards erfüllen

1994
FIA überprüft Helme nach den Sicherheitsvorschriften[br]----------------[br]Gruß

Tom
Herzliche Grüße

Tom

Beitrag Di Sep 03, 2002 1:57 pm
Tom Tom

Beiträge: 2713
Die Fahnen haben mir keine Ruhe gelassen. In meinem Archiv war noch was zu finden:

Vor der Jahrhundertwende wurden bereits gelbe (Achtung Gefahr) und rote (Rennabbruch) Flaggen geschwenkt. Die karierte Flagge hat seinen Ursprung vermutlich von Radrennen, wann sie aber erstmals im Motorsport eingesetzt wurde, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Vielleicht wissen Michael oder McRonalds hierzu mehr ?

Anthony Noghes ist der Vater des GP von Monaco. Er schwenkte als Startflagge eine rot- weiß karierte Fahne (Landesfarben von Monaco), im Ziel eine schwarz - weiß karierte Fahne, weil er eine Verwechslung mit der roten Fahne vermeiden wurde. War Noghes der Erste bzw. der Erfinder ???
Herzliche Grüße

Tom

Beitrag Mo Sep 09, 2002 5:08 pm

Beiträge: 8060
Hier gibt's übrigens eine interessante Anti-Legende zu lesen - eine der wenigen die ich zum Thema Mercedes-Silberpfeil im Internet fand...

http://www.f1-plus.com/Deutsch/magazin/ ... pfeil.html
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Alfalfa = Apple User.

Beitrag Sa Sep 28, 2002 1:52 pm

Beiträge: 950
Interessante Geschichte. Ich weiß das auch Michael an der 'Entschleierung' dieser Legende arbeitet - bislang allerdings noch ohne den letzten Beweis. Ich war immer der Meinung, dass ein Bild vom Avusrennen mehr Aufklärung bringen würde, schließlich war das ja das erste offizielle Auftreten der neuen Mercedes-Mannschaft. Und Tatsache ist auch, dass sowohl Mercedes als auch die Auto Union bereits beim formelfreien Avusrennen silbern antraten. Hier ein Bild vom Brauchitsch-Merdedes (im Hintergrund sehen wir übrigens das Moll-Siegerfahrzeug)...

Bild

...und natürlich den unvermeidbaren Neubauer...

...aber was beweist das letztlich schon. Zwar ist das Fahrzeug unlackiert, aber es trägt ja nicht mal eine Startnummer - die Teilnahme wurde zurückgezogen. Offenbar war man bei Mercedes von der silbernen Erscheinung (und vielleicht auch von den AUs, die ja offenbar nie eine Lackierung vorhatten) so angetan, das eine Story hermußte um die 'Umlackierung' zu begründen. Und wer auch immer das erfunden hat, hat uns damit eine schöne Märchenstunde beschert (und manchen einige Kopfzerbrechen).

P.S.: Frage an die Spezialisten; kann es sein, dass kein Protest gegen die silbernen Mercedes erhoben wurde, weil auch auf der AVUS kein Protest gegen die silbernen AUs erhoben wurde und damit quasi eine Art Präzedenzfall geschaffen wurde? Oder war bei FL-Rennen die Farbe eh egal? Vielleicht kann Michael aufklärung schaffen. Würde auch mich interessieren - und sicher nicht nur mich.

Beitrag Sa Sep 28, 2002 9:48 pm

Beiträge: 1477
In der Tat, die “Silberpfeil-Legende” ist eines meiner Forschungsprojekte, Details können Interessierte eine Seite zurück in „Piloten vor 1950“ nachlesen. Ich habe vor einigen Monaten bereits versucht, mich mit Christian Sandkühler, dem Autor des Artikels in F1-Plus, in Verbindung zu setzen, aber der hohe Herr antwortet nicht.

Fakt ist, dass Daimler-Chrysler versucht mit den alten „Silberpfeilen“ Marketing zu betreiben, und alles daran setzt, diese Geschichte am Leben zu erhalten. Das von mir gepostete Photo vom Eifelrennen 1934 stammt aus dem MB-Werksarchiv, und stand früher auf der Mercedes-Homepage zum Download zur Verfügung, und zwar in einer Superauflösung (3 MB als JPG-Datei!). Auf dieser Ausführung war das einwandfreie Finisch der Lackierung noch wesentlich besser zu erkennen. Kurz nachdem ich mit meiner Theorie einigen Leuten auf die Füsse getreten bin (u.a. der Motor-Klassik, dem Haus-und-Hof-Werbeblättchen der Stuttgarter, eben wegen eines glorifizierenden Artikels über die „Silberpfeile“), wurde die Grossversion des Photos vom öffentlichen Server genommen. Auch Karl Ludvigsen, sicherlich einer der bestinformiertesten Automobilhistoriker in Sachen Mercedes-Benz, windet sich in dieser Sache wie ein Wurm, wahrscheinlich ist ihm die Zugangssperre zum DB-Archiv angedroht worden!

Wie wertvoll der Begriff „Silberpfeile“ für die Stuttgarter ist zeigt auch die Tatsache, dass man vor einigen Jahren mit Volkswagen einen Deal abschloss, man tauschte die Rechte am Markenzeichen „Horch“ (die man seit dem Kauf von Audi-NSU hatte, und bei dem Weiterverkauf an Volkswagen clevererweise zurückbehielt) gegen die Rechte an dem Begriff „Silberpfeil“, den sich Audi irgendwann prophylaktisch als Warenzeichen hat eintragen lassen.

Unwahr ist definitiv die Behauptung, dass Mercedes die silberne Rennwagenfarbe „erfunden“ habe, denn es ist erwiesen, dass die Auto-Union eine Woche vorher auf der AVUS bereits silbern waren. Gegen die Sache mit dem Lackabkratzen sprechen bis jetzt nur Indizien, Beweise stehen noch aus.

Absolut unklar ist immer noch der Wechsel von weiss auf silber im Allgemeinen. Noch in den 50er Jahren wurden Teilnehmer an internationalen Rennen von der Rennleitung ausgeschlossen, weil die Farbe nicht den Vorschriften entsprach. Mir ist auch noch nicht ganz klar, auf welche Rennen sich die Farbvorschrift des AIACR bezog, sicherlich nicht auf alle, denn bei nationalen Rennen waren die Farben frei. Sowohl das AVUS-Rennen als auch das Eifelrennen waren keine „Grand Prix“, aber international ausgeschrieben. Das AVUS-Rennen wurde darüberhinaus auch als „Formula Libre“ abgehalten. Inwieweit der AIACR für beide Rennen verantwortlich war, kann ich nicht sagen, aber die deutsche ONS als AIACR-Mtglied hatte die sportliche Hoheit in beiden Fällen, und muss folglich dieser Farbänderung zugestimmt haben. Die ONS war mittlerweile zu einer Nazi-Behörde mutiert, geführt von NSKK-Chef Hühnlein, und es kann sogar sein, dass die Farbänderung von der ONS bzw. noch höheren Stellen angeregt und beschlossen wurde.
Eines ist allerdings absolut sicher, es muss eine endgültige Absegnung der Farbe durch die AIACR stattgefunden haben, denn beim nächsten Rennen, dem Grand Prix de l’ACF in Montlhery, waren die deutschen Autos ja auch silbern, und die Franzosen versuchten sowieso alles um die deutschen Rennwagen am Siegen zu hindern. Der SEFAC hatte ca. 150 kg Übergewicht, und wurde trotz Wiegen durch die - französischen - Sportkommissare zugelassen. Dass er dann doch zurückgezogen wurde, hatte nichts mit dem Gewicht zu tun, sondern das Ding wäre dem Feld nur hinterhergefahren. In einen der Werks-Bugatti wurde in der Nacht vor dem Rennen der grössere - und erheblich schwerere - 5-Liter-Motor eingebaut, die Rennfunktionäre sollen dabei sogar Schmiere gestanden haben!
Wenn die neue silberne deutsche Rennfarbe also nicht offiziell abgesegnet gewesen wäre, wären die Wagen sicherlich nicht zum Start zugelassen worden. Allerdings gibt es nirgendwo in der Literatur, und auch nicht in der zeitgenössigen Fachpresse, irgendwelche Aussagen hierüber.

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Beitrag Mo Sep 30, 2002 10:55 am

Beiträge: 8060
@Michael;
Bin zwar ein Außenstehender in der 'Silberpfeil'-Diskussion - aber ich find's extrem interessant und möchte mal so meine Gedanken dazu beitragen.
Ich bin sicher MB hat noch einige (mehr oder weniger bedeckte) Leichen aus der Nazizeit im Keller - warum also nicht auch diese. Wenn es wirklich einen Zusammenhang bei dem Einfluß Naziführung auf den Farbwechsel von weiß zu silber - dann wollten man sich diesen 'Markenbegriff' nach Kriegsende und Entnazifizierung sicher nicht kaputt machen lassen und erfand diese Legende. Neubauer war sicher ein HARTER Rennleiter - aber Mercedes ergeben wie kein Zweiter. Ihm würde ich eine solche Legendenbildung schon zutrauen. Und schließlich; wenn ich Euch richtig verstehe ist die Abkratzaktion auch erst nach dem Krieg als Mythos aufgetaucht - vielleicht weil eine 'harmlose' Erklärung nötig wurde (als Deutschland wieder zu internationalen Rennen zugelassen wurde).
Interessant ist zudem: AU gab's nach dem Krieg nicht mehr - folglich brauchte die auch keine Legende bilden. AU waren wohl die ersten, die silber fuhren - und offenbar regte sich niemand darüber auf (war es nicht sogar so, dass Hitler beim Debüt auf der AVUS 1934 anwesend war? Ich habe irgendwo in diesem Forum so was mal gelesen - aber ich find's jetzt nicht mehr). Und witzigerweise ist ihre Lackierung (im Gegensatz zu Mercedes) auch nie bergündet worden.
Eine weitere Frage interessiert mich; wie reagierten die anderen Deutschen (Privatfahrer?) auf den Farbwechsel. Gab's eine Zeitlang silber für die großen Werke und weiß für den kleinen Privatfahrer?[br]----------------[br]Bild
Alfalfa = Apple User.

Beitrag Mo Sep 30, 2002 6:53 pm

Beiträge: 1477
@ Alfalfa (aber natürlich auch an alle anderen):

Nein, der Begriff „Silberpfeile“ und alles andere was mit Motorsport zu tun hat war Mercedes-Benz bis in die jüngste Vergangenheit schnurzpiepegal. Die wenigsten kennen die „No-Sport-Periode“ von Mercedes-Benz, aber ich bin ja anscheinend einiges älter als die meisten hier, und habe die 70er und 80er Jahre selber mitgemacht. Vielleicht einige Details zur „Entglorifizierung“ des Sterns (damit keine Missverständnisse aufkommen, habe seit 1972 - mit Ausnahme einer BMW-Firmenwagen-Periode - bis heute immer Mercedes gefahren, meine Kritik ist also nicht notorisch!).

Nachdem 1955 Schluss war, hatte jeder damit gerechnet, dass es nach einer Pause von 1 oder 2 Jahren weitergeht. Aber der Vorstand entschied sich dagegen, man war anscheinend der Meinung dass Motorsport mit dem seriösen Image der Marke nicht im Einverständnis steht.

In der ersten Hälfte der 60er Jahre war man im Rallyesport recht erfolgreich, die alten Heckflosser 220 SE und 300 SE sagen dem einen oder anderen vielleicht noch was. Das ganze hat sich aber mehr oder weniger unter der Hand abgespielt, vorbereitet wurden die Wagen von einer kleinen Gruppe „Unverbesserlicher“ abends und am Wochenende, immer beschirmt und behütet vor Angriffen von oben von Rudi Uhlenhaut, der damals Leiter der Entwicklung war. Eugen Böhringer hat erzählt, dass man vor den Rallyes die Autos gegen Quittung bekam, und man war persönlich haftbar für alle Schäden. Wenn es wirklich mal knallte, dann hat Uhlenhaut einen Bericht geschrieben, in dem er den Unfall irgendwelchen Testfahrten zuschrieb. Bezahlt wurden die „Werksfahrer“ nicht, sie bekamen den offiziellen Spesensatz für Geschäftsreisen, und das war’s dann auch! Wie Böhringer unter diesen Umständen Europameister werden konnte ist wirklich erstaunlich!

Ende der 60er Jahre hatte Erich Waxenberger, ein Ingenieur in der Versuchsabteilung, eine Idee. Er verpflanzte den 6.3-Liter-V8 aus dem Typ 600 in eine normale S-Klasse vom Typ 300 SE. Das Ding ging wie die berühmt-berüchtige „Sau“, und man wollte das Teil unbedingt bei einem Tourenwagen-Rennen ausprobieren. Man durfte aber nicht, also musste man irgendwo ganz weit weg fahren - beim Tourenwagenrennen in Macao! Das Geld organisierte sich Waxenberger hintenrum über einen Freund in der PR-Abteilung. Der Vorstand hätte von diesem Ausflug nie erfahren, wenn nicht - ja, wenn Waxenberger nicht gewonnen hätte! Prompt stand es Montags in der Zeitung, und nur dank der Hilfe von Uhlenhaut wurde Waxenberger nicht gefeuert.
Den 6.3er bohrte man dann auf 6.8 Liter auf, und versuchte sich - immer noch halboffiziell - in der Tourenwagen-EM, aber das ist eine Geschichte für sich.

In den 70ern schnupperte man wieder Rallye-Luft, mit einem relativ serienmässigen 450 SLC 5.0, aber nach einer durchwachsenen Periode - mal glänzender Sieger, mal Flop - wurde auch dieses Projekt wieder in die Schublade versenkt, wie so vieles vorher.

In den 80er Jahren kam der nächste Versuch, man wollte mit dem neuen 190 E in die Rallye-WM einsteigen. Walter Röhrl war bereits als Fahrer engagiert, und der neue Wagen hatte als erster - und einziger - Mercedes eine normale Handbremse bekommen, auf ausdrücklichen Wunsch von Röhrl. Aber als man im Vorstand realisierte, dass die Siege nicht von Anfang an vorprogrammiert waren, zog man das Projekt zurück.
Dass der 190er dann aber doch noch zu Motorsport-Ehren in der DTM kam, hat man einzig und allein Norbert Haug zu verdanken. Der war es nämlich, der den Vorstand auf den Boden der Tatsachen holte, und klipp und klar sagte, dass moderner Motorsport anders funktioniert. Eine professionelle Rennabteilung, viel Geld, und die Bereitschaft einige Jahre hinterherzufahren und zu lernen, bevor man an Siege denken kann.

Man erinnere sich auch an die Sportwagen-Zeit in den 80ern. Verschämt unter der Bezeichnung „Sauber“ in die Rennen geschickt, und erst nachdem Siege relativ sicher waren, wurde das Kind in „Mercedes“ umbenannt. Und in der F1 war es nicht viel anders, die ersten Sauber mit Mercedes-Motoren trugen nur einen kleinen Schriftzug „Concept by Mercedes-Benz“, und erst mit der McLaren-Partnerschaft bekannte man sich auch offiziell zu der Sache. Dass die Motoren aber nicht von Mercedes, sondern von Ilmor gebaut werden, ist ja eine bekannte Tatsache.

Mich ärgert eben, dass in den letzten Jahren mit den sportlichen Erfolgen der Vergangenheit Werbung bis zum Abwinken gemacht wird. Sicherlich, es gab immer wieder Perioden bei denen reine Werkswagen unglaubliche Erfolge erzielt haben, aber vergessen werden die Zeiten, in denen man mit Motorsport nichts am Hut hatte, und es nur dank dem Engagement einiger Privatpersonen zu verdanken ist, dass Siege erzielt wurden, die Mercedes sich heute ganz unverblümt auf die eigene Flagge schreibt. Zu den obigen Eskapaden hier noch einige andere:
1901 Nizza, der erste Rennsieg eines „Mercédes“. Wenn Emil Jellinek nicht gleich 30 Autos auf einmal geordert hätte, wäre Gottlieb Daimler bei seinen 15 PS geblieben, und die „furchterregende und für menschliche Wesen tödliche“ Geschwindigkeit des 35-PS-Mercedes wäre uns erspart geblieben.
Mille Miglia 1931, Sieg durch Rudi Caracciola auf Mercedes SSKL. Wer redet heute noch davon, dass das ein Privateinsatz war, weil man in Untertürkheim kein Geld locker machen wollte?

Aber zurück zum eigentlichen Thema, den „Silberpfeilen“.
Mit dem Neunanfang in den 50er Jahren wurden die Rennwagen automatisch silbern lackiert, denn das war ja nun die offizielle deutsche Rennfarbe. Dass hier bereits wieder von den „Silberpfeilen“ geredet wurde war Mercedes sicherlich recht, aber ob hierzu eine Marketing-Kampagne notwendig war wage ich anzuweifeln. Dann war 35 Jahre Ruhe in Sachen „Silberpfeile“, und erst mit den silbern lackierten Gruppe-C-Rennwagen wurde dieses Thema wieder aktuell, und mit der West-Lackierung der F1 schliesslich sogar brandheiss.

Was Neubauer angeht, so hat der sich sicherlich nie im Traum denken können, welche Folgen seine „Silberpfeil“-Story heute hat. Sein Buch ist Ende der 50er Jahre erschienen, also zu einer Zeit, in der eine erneute Werks-Rennbeteiligung eigentlich nicht mehr zur Diskussion stand. Man muss sein Buch gelesen haben, um ihn und seine Erzählungen zu verstehen. Don Alfredo war ein Geschichtenerzähler erster Güte, und wenn man abends im Hotel zusammensass, dann war auch oft genug die Konkurrenz dabei, um zuzuhören. Er war eben einer der wenigen, der die Rennen der 20er und 30er Jahre mit allen Höhen und Tiefen miterlebt hatte, und alle grossen Persönlichkeiten dieser Periode persönlich gekannt hatte. Die alten Geschichten wurden Jahr für Jahr neu erzählt, und jedesmal ausgeschmückt um sie noch interessanter zu machen. Nur so können Fabeln wie Tripolis 1933 und Eifelrennen 1934 entstehen. Gedacht hat sich Neubauer dabei sicherlich nicht viel, es waren eben einfach nur Geschichten aus der guten alten Zeit. Und wie mit vielen anderen auch wurde die „Lackabkratzstory“ dann von unzähligen anderen Autoren übernommen, so lange und so oft, bis sie als Tatsache feststand. Und dass Mercedes dann in der Neuzeit alles tut um diese Fabel am Leben zu erhalten, ist verständlich - wenn auch nicht unbedingt akzeptabel.

Wie gesagt, warum die Auto-Union auf der AVUS silbern waren - ich weiss es nicht! Der GRÖFAZ hatte zwar angewiesen, MB und AU mit finanziellen Mitteln zu unterstützen, aber rennbegeistert war er definitiv nicht. Die Subventionen waren einzig und allein als Mittel zur Propaganda zu begreifen. Es gibt da die Geschichte mit dem Miller von de Paolo beim AVUS-Rennen, dem direkt vor der Haupttribüne der Motor hochging, und ein Pleuel den GRÖFAZ nur knapp verfehlt haben soll, aber es gibt andere - seriösere - Berichte, die sagen dass Adolf überhaupt nicht anwesend war.

Beim AVUS-Rennen hatten auch die Zoller-Voituretten ihren ersten öffentlichen Auftritt, und die waren weiss, wie es sich gehört. Ich habe auch Zoller-Photos von 1935, aber ob weiss oder silbern kann ich beim besten Willen nicht erkennen.
Privatfahrer gab es zwar viele, aber die meisten traten nur bei nationalen Veranstaltungen an, die Farbe war also frei. Burggaller’s Bugatti 51 war zumindest 1934 weiss, über andere deutsche Privatfahrer bei internationalen Rennen kann ich Moment nichts sagen, müsste ich nachforschen. Und die BMW-Sportwagen bei der Mille Miglia 1940 waren teilweise weiss, und teilweise silbern (bzw. ein komisches Gemisch aus silber-gold-grün), also war anscheinend noch beides möglich.
Nach dem Krieg war silber dann die offizielle deutsche Rennfarbe, egal für wen.

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Beitrag Do Okt 03, 2002 11:03 am

Beiträge: 8060
Ich hatte gestern abend mal Gelegenheit mit einem Freund über das Thema zu reden, der zwar kein Motorsportkenner, dafür aber ein um so besserer Kenner des Dritten Reichs ist. Die Technik-Begeisterung der Nazis war ihm wohlbekannt und wahrscheinlich konnten auch nur zu diesem Zeitpunkt diese phantastischen technischen Leistungen der AU und MB vollbracht werden. Er war äußerst interessiert, als ich ihm die 'Umlackierungs'-Geschichte so gut es denn ging aus dem Gedächntnis und während des Genusses einiger Biere erzählte. Er schloß allerdings aus, dass die Nazis Anfang 1934 für solche Sachen Nerv und Zeit hatten - die saßen zu dem Zeitpunkt bei weitem noch nicht so fest im Sattel. Erst nach dem sogenannten 'Röhm-Putsch' vom 30.6/1.7.1934, als sich die NSDAP von ihrem linken Flügel befreite war die Lage soweit konsolidiert, dass man 'leichter' regieren konnte. Vorher hatte die Regierung mit sich selber genug zu tun. Er gab mir zudem auch noch einige Tipps zu entsprechender Literatur zu dem Thema (die ich natürlich leider nicht besitze), denn nachdem hier offenbar Motorsportliteratur nicht weiterhilft sollte man vielleicht mal an anderen Stellen suchen. Wenn ich mal Zeit habe gehe ich der Sache wohl mal nach. Bis dahin ist meine Theorie folgende; wahrscheinlich hat es sogar eine derartige Abkratzaktion gegeben - ich glaube nicht dass Neubauer sich so etwas aus dem Hirn saugt. Aber die gab es wohl nachdem man die silbernen AUs sah und die offenbar besser gefielen (über Geschmack läßt sich ja bekanntlich streiten, er ist aber auch eine Frage des Zeitgeschmacks. Versucht mal heutzutage ein weißes Auto zu verkaufen - silber hingegen als momentane Trendfarbe macht den Verkauf gleich leichter. Ich silber fahre ein silbernes!). Die waren ja schon silber bei ihren Rekordfahrten im Frühjahr 1934 auf der Avus, dann eben auch auf der Automobilaustellung in Berlin (wo sie sich silber mit aufgepinselten Hakenkreuz präsentierten) und dann eben beim Avusrennen selbst.[br]----------------[br]Bild
Alfalfa = Apple User.

Beitrag Do Okt 03, 2002 1:56 pm

Beiträge: 950
Nicht ganz korrekt; auf der Automobilaustellung hingen zwar schon munter Hakenkreuze herum - aber auf den Autos war da noch nichts:

Bild
Bild

Und es offensichtlich wirklich so, dass eine Zeit lang deutsche Teilnehmer in Weiß und Silber fuhren, wie dieses Starbild vom Eifelrennen 1934 zeigt:

Bild

Beitrag Sa Okt 05, 2002 1:00 am

Beiträge: 5
Hallo Ihr!
Auf Bildern aus den frühen Tagen des Motorsportes sieht man immer auch einen "Copiloten".
Mich würde jetzt mal interessieren, welche Aufgabe dieser Mann überhaupt hatte und wann dieser "Beifahrer" aus der Mode kam.
Mit Dank im voraus
Baudolino

Beitrag Do Okt 10, 2002 9:59 pm
Tom Tom

Beiträge: 2713
@Baudolino,
anbei findest du einige Daten über den Beifahrer aus internationalen Regelwerken:

Gordon Bennet - Formel (1901 - 1905)
2 Fahrer, die im Mittel je 60 kg wiegen müssen. Ausgleich durch totes Gewicht möglich

Grand Prix - Formel (ab 1906)
2 Fahrer mit mittlerem Gewicht von je 60 kg

Zwei Liter - Formel (ab 1922)
2 Wageninsassen mit mindestens 120 kg Gesamtgewicht

Zwei Liter - Formel und alle weiteren Formeln (ab 1925 bis heute)
Wagen nur mit einer Person besetzt, also nur der Fahrer

Der Beifahrer hatte mehrere Aufgaben/Funktionen:
Mechaniker, Scout und/oder Ausgleichsgewicht !
Herzliche Grüße

Tom

Beitrag Fr Okt 11, 2002 11:23 am

Beiträge: 8060
In Indy wurde bis weit in die Dreißiger noch mir 'Riding Mechanic' gefahren, nachdem man witzigerweise eine Zeit lang damit aufgehört hatte. Müßte mal die exakten Daten nachschlagen.[br]----------------[br]Bild
Alfalfa = Apple User.

Beitrag Fr Okt 11, 2002 1:32 pm

Beiträge: 383
Auch im GP-Sport gab es diesen 'Rückfall' - nämlich im Jahr 1931.

Beitrag Sa Okt 12, 2002 10:45 am

Beiträge: 383
In dieser Form nehme ich das zurück, aber zumindest waren wiederum zwei Sitze vorgeschrieben. Das Thema bedarf näherer Beleuchtung.

Vielleicht hat ja irgendjemand da draussen mehr Zeit als ich. Würde mich interessieren, wie sich die ganze Sache mit den Mechanikern entwickelte. Nicht nur, ob da einer mitfuhr, sondern wer zum Beispiel 'Hand ans Auto legen' durfte, u.s.w. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß in den frühen zwanzigern Bugatti ein Rennen verlor (heißt: disqualifiziert wurde), weil der Boß selbst bei einem Boxenstop es nicht lassen konnte, sich persönlich um seine Autos zu kümmern und irgendeinen Deckel aufschraubte (oder so etwas ähnliches). Damals war es nur dem Fahrer und dem mitfahrenden Mechaniker erlaubt, den Wagen zu berühren. Das muß sich logischerweise geändert haben, als man vom Beifahrer abkam. Nur, wie waren die Regeln, und wie entwickelten sich diese?

P.S.: Das wäre ein guter Punkt für Mosley's 10. Punkt in seinen Verbesserungsvorschlägen für die Zukunft gewesen: Nur noch zwei Mechaniker in der Box erlaubt .... :))

Beitrag Mo Okt 14, 2002 7:52 pm

Beiträge: 1477
Na klar, bei McLaren Ron Dennis und Norbert Haug! Dennis hat schon in seinen historischen Mechanikerzeiten des öfteren Sch.... gebaut, und Haug täte die körperliche Betätigung sicherlich ganz gut! Minardi überrundet McLaren beim Boxenstop ...

Ich glaube nicht, dass 1931 die 2 Sitze vorgeschrieben waren, denn in dieser Zeit wurde ja nach Formula Libre gefahren, also dürfte es gar keine Regeln gegeben haben. Ausserdem habe ich jede Menge Bilder aus diesem Jahr ohne Beifahrer. Ausgenommen natürlich die Langstrecken-Sportwagenrennen wie Mille Miglia und Targa Florio.
[br]----------------[br]Bild

Beitrag Di Okt 15, 2002 8:19 pm

Beiträge: 383
Michael, für 1931 sah die AIACR folgende GP-Formel vor: 5 Liter Hubraum, Aufladungs-Verbot (mit Ausnahme von Zweitaktmotoren!), Mindestgewicht von 20,8 kg / 100ccm, mindestens aber 794 kg (entspricht ca 3,8 Liter, bei mehr Hubraum eben mehr Gewicht) und spezielle Limitierungen (nach unten und oben) der Fahrzeugbreite und der Spurbreite. Ziel war es natürlich, die Autos näher zur Serie zu bringen und die Höchstgeschwindigkeit zu senken. Nachdem die Hersteller aber klarmachten, daß die AIACR diesen Unsinn getrost vergessen solle, verzichtete diese auf alle Restriktionen betreffend die GP-Rennwagen mit Ausnahme der beiden Sitzplätze. Außerdem verfügte sie eine Mindestrenndauer von 10 Stunden für 'Grande Epreuves'. Dies führte dazu, daß die meisten Teams zwei Fahrer einsetzten, aber eben hintereinander und nicht nebeneinander.

Zur Formula Libre: Ich möchte gerne einmal wissen, woher dieser Ausdruck eigentlich stammt und zu welchem Zeitpunkt er erstmals verwendet worden ist. Ich habe den Verdacht, daß es 1932 gewesen sein könnte. Es gab keinen Grund, den Ausdruck davor anzuwenden. Man sprach damals von GP-Fahrzeugen, Rennwagen und Tourenwagen. Der Begriff 'Formel' kam möglicherweise überhaupt erst mit der 750-kg-Formel im Jahr 1934, für die ich in letzter Zeit immer wieder die Bezeichnung 'Formula Internationale' finde. Ich glaube nicht, daß der Begriff 'Formula Libre' vor 1932 entstand, möglicherweise sogar erst gemeinsam mit der 'Formula Internationale. (?!)

Beitrag Di Okt 15, 2002 10:25 pm

Beiträge: 1477
Man soll eben nicht ohne die nötige Konzentration posten, Egon hatte die Sache mit dem Beifahrer in 1931 ja bereits wieder zurückgenommen, also war meine Bemerkung in Sachen Photos 1931 ohne Beifahrer natürlich überflüssig.
Tatsache ist allerdings, dass bis einschliesslich 1931 alle europäischen Rennwagen 2-sitzig waren, den ersten Monoposto gab es erst 1932 mit dem Tipo B. Ob das jetzt eine Folge des Reglements war, oder eben einfach Stand der Technik, kann ich nicht sagen. Sicher ist allerdings, dass die 2-Sitz-Regelung 1932 nicht mehr galt.
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