Michael Schumacher hat in seiner Karriere sicher schon fast alles in der Formel 1 erlebt. Doch an der Nervosität vor den ersten Runden im neuen Boliden ändert das wenig. Am Dienstag enthüllt Mercedes in Valencia das neue Auto für die Saison 2011. "Es kribbelt schon überall und die Unruhe wird immer schlimmer. Ich fühle mich wie ein Kind vor der Weihnachts-Bescherung", beschreibt der Rekord-Champ seine Ungeduld bevor es endlich losgeht im Interview mit der Bild.

Obwohl der Kerpener sein neues Arbeitsgefährt noch nicht ausprobieren konnte, ist Schumacher bereits äußerst zuversichtlich. "Ich habe ein gutes Gefühl. Heutzutage braucht man gar nicht mehr im Auto zu sitzen, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Es gibt genügend Daten", erklärte der 42-Jährige. Und eben diese Daten seien bislang sehr vielversprechend. "Die Jungs in Brackley haben einen super Job gemacht, da bin ich sehr zufrieden. Wir hatten ja recht früh begonnen, das neue Auto zu bauen. Alles, was am 2010er-Auto zu verbessern war, haben wir auch maßgeblich verbessert", freute sich Schumacher.

Der Mercedes-Pilot stellte auch klar, dass er an der Entwicklung des Boliden maßgeblich beteiligt war. "Ich war ständig mit den Ingenieuren in Kontakt. Im Winter kann ich nicht so viel draußen trainieren, deshalb habe ich drinnen ein Rad auf einer Rolle. Da sitze ich und schwitze und denke nach. Wie können wir dies und jenes erreichen? Wo stehen wir im Ablaufplan? Womit kann ich die Ingenieure noch ein bisschen nerven, um es besser zu machen? Das Handy habe ich immer griffbereit, den Knopf im Ohr. Und wenn ich anrufe, wissen die in England, der Schumacher trainiert wieder und grübelt übers Auto", schmunzelte der Deutsche.

Der 2011er Mercedes muss schneller werden als sein Vorgänger - dann sollen Siege her, Foto: Bridgestone
Der 2011er Mercedes muss schneller werden als sein Vorgänger - dann sollen Siege her, Foto: Bridgestone

Dass Schumacher noch hungrig ist, hat auch Rivale Fernando Alonso bemerkt und den Mercedes-Piloten in der Kreis der Titelfavoriten gelobt. Für den Kerpener wenig überraschend: "Fernando kann sich an fünf Fingern abzählen, dass es bei uns aufwärts geht. Er weiß, wie unsere Entwicklungskurve verlaufen ist, die ging am Ende ja deutlich nach oben und er weiß, dass wir uns viel Zeit für das neue Auto genommen haben. Es ist realistisch von ihm, Mercedes mit auf die Rechnung zu nehmen", stellte der 42-Jährige nüchtern klar. Aber so ganz wollte er in die spanischen Lobeshymnen dann doch nicht einstimmen. "Titelkandidat sind wir meiner Meinung nach noch nicht. Die Situation ist die: Wir bei Mercedes wissen zu diesem Zeitpunkt ziemlich genau, wo wir stehen. Allerdings wissen wir nicht, wo die anderen stehen", grübelte Schumacher.

An seiner Person oder seinem Alter liege es aber nicht. "Ich bin topfit. Letztes Jahr musste ich nach drei Jahren Erholung so richtig neu starten. Aber diesen Winter habe ich einfach weiter trainiert", erklärte der Ex-Jordan, Benetton und Ferrari-Pilot. "Ich musste ich mich letztes Jahr rein körperlich absolut nicht verstecken, um überhaupt noch in der Weltspitze mitfahren zu können", sagte der 42-Jährige stolz. Seine von den Medien in den letzten Tagen oft diskutierten Probleme im Simulator spielte Schumacher zudem herunter. "Ich denke fast jeder Pilot kennt dieses Problem und es ist auch nicht neu. Ich hatte das bei Ferrari auch schon - es hat also nichts mit dem Alter zu tun", meinte der 91-fache Grand-Prix-Sieger.

Relevanz der Silmulatoren fragwürdig

Gleichsam stellte Schumacher das ganze Prinzip der Simulatoren in Frage. "Für uns Fahrer ist der größte Vorteil doch nur, dass man eine Strecke kennen lernen kann. Das war für mich aber ohnehin nie ein Problem. Ich sehe also den großen Vorteil nicht", resümierte der Mercedes-Fahrer. "Außerdem gibt es noch weitere Top-Teams, die den Simulator nicht in dem ausgedehnten Maße nutzen, wie beispielsweise McLaren oder manch andere es tun", stellte Schumacher fest. "Ich denke die Möglichkeiten des Simulators sind sowieso sehr eingeschränkt und nur wenige haben ein wirklich gutes Gerät", ließ der Kerpener seinen Optimismus nicht durch das Thema schmälern.

Im Alter immer in der Position des durch die jungen Wilden Verfolgten - selbst nach seinem Unfall in Abu Dhabi bleibt Kollege Liuzzi Schumacher im Nacken, Foto: Sutton
Im Alter immer in der Position des durch die jungen Wilden Verfolgten - selbst nach seinem Unfall in Abu Dhabi bleibt Kollege Liuzzi Schumacher im Nacken, Foto: Sutton

Zuversicht wird in Stuttgart momentan ohnehin groß geschrieben. Bei Schumacher ist das nicht anders. "Ich habe dieses Jahr ein richtig gutes Gefühl. Nun habe ich hoffentlich ein Auto, um vorne mitzufahren. Ich liebe den Sport und ich werde ja fast täglich in irgendeiner Art und Weise mit der Formel 1 konfrontiert", meinte der Mercedes-Pilot. Abschalten könne er aber trotzdem noch. "Es gibt auch Tage, da bin ich ausschließlich mit Freunden und der Familie zusammen und schalte ab", erklärte der Rekordweltmeister.

Entspannung zu finden sei gerade auch vor dem Hintergrund des prall gefüllten Termin- und Rennkalenders äußerst wichtig. Schlimmer als früher seien die Strapazen aber nicht. "Es gibt ja keine Testfahrten mehr. Was ich jetzt an Zeit für die Formel 1 aufwende, ist weitaus weniger als in der Vergangenheit", lächelte Schumacher. "Wir können unser Leben jetzt so planen, dass im Familiengefüge niemand zurückstehen muss. Da bin ich auch glücklich drüber. Nur unter dieser Prämisse ist das ganze Comeback für mich denkbar gewesen und ich habe das mit Ross Brawn und Norbert Haug abgesprochen, dass ich die PR einschränke", stellte der Neunte des vergangenen Jahres klar.

Die nötigen Pausen gönnt sich Schumacher also - an Motivation mangelt es aber dennoch nicht. "Das ist einfach mein Naturell. Ich habe Freude an meiner Arbeit und versuche durch meine eigene Leistung auch das Team anzustecken", erklärte der siebenfache Weltmeister. "Wenn meine Jungs sehen, dass ich 100 Prozent gebe, dann hauen die sich natürlich auch voll rein. Mein Umfeld ist so gepolt: Wenn es nicht an Schumacher scheitert, soll es auch nicht an uns scheitern. Aber es bedarf auch mal persönlicher Gespräche oder Gesten, wie ein Schulterklopfen oder einfach mal ein Lächeln. Ich kenne alle meine Mechaniker und über die Zeit baut man Freundschaften auf. Auch wenn ich nicht gut im Namen merken bin", gab Schumacher zu.

Zu Sebastian Vettel pflegt Michael Schumacher ein freundschaftliches Verhältnis, Foto: Sutton
Zu Sebastian Vettel pflegt Michael Schumacher ein freundschaftliches Verhältnis, Foto: Sutton

Freundschaft verbindet Michael Schumacher auch mit Neo-Weltmeister Sebastian Vettel. Dass dieser irgendwann seinen Platz bei den Silbernen übernehmen könnte, konnte sich auch der Mercedes-Pilot vorstellen. "Es ist ja kein Geheimnis, dass Sebastian immer wieder mal bei uns ist. Wir feiern zusammen, essen gemeinsam zu Abend und es gibt eine längere Freundschaft zwischen ihm, mir, uns, Norbert. Rein hypothetisch gesehen, wäre es unvernünftig, wenn Mercedes nicht versuchen würde, rauszufinden, ob Sebastian in Zukunft bei uns fahren will. Denn meine Zukunft ist doch relativ berechenbar", erklärte der 42-Jährie.

Bis einschließlich 2012 hat Schumacher bei den Stuttgartern noch Vertrag. Was seinen Kumpel Vettel betrifft, gibt es im Hause Mercedes aber auch konkrete Pläne. Demnächst wollen die beiden deutschen Weltmeister nämlich zusammen Fallschirmspringen gehen. Bisher sei dies nur zeitlich nicht drin gewesen. "Sebastian hatte als frisch gebackener Weltmeister einfach keine Zeit. Zu viele Termine", schmunzelte Schumacher gelassen.