James, welche Aufgaben hat der Frontflügel?
James Allison: Der Frontflügel hat zwei Funktionen. Die erste ist offensichtlich: Er soll Downforce produzieren. Rund 30 Prozent des gesamten Abtriebs eines Formel-1-Autos werden vom Frontflügel generiert. Die andere Funktion besteht darin, dass wir über das Verstellen einzelner Luftleitbleche, der Flaps, die Fahrzeugbalance ändern können, damit der Fahrer genau die Handling-Charakteristik bekommt, die er sich wünscht.
Wie viel Abtrieb erzeugt denn ein moderner Flügel?
James Allison: So filigran die Flügel auch aussehen - sie können sehr große Abtriebskräfte aufbauen. In einer schnellen Kurve generiert ein Frontflügel so viel Abtrieb, als würden sechs oder sieben kräftige Männer mit ihrem ganzen Gewicht auf dem Flügel stehen.
In dieser Saison sind verstellbare Frontflügel erlaubt. Wie funktioniert das und wie nutzen Robert Kubica und Vitaly Petrov diese Technik?
James Allison: Wir haben in der Nase einen kleinen Elektromotor, der den Neigungswinkel der Flaps verstellt. Wie oft und wie weit er die Flaps bewegt, wird durch die vom Weltverband FIA vorgeschriebene Einheitselektronik abgespeichert. Denn wir dürfen den Frontflügel ja nicht nach Belieben verstellen. Die Fahrer dürfen pro Runde zwei Mal die Neigung um maximal sechs Grad verändern. In der Regel nutzen sie das nicht, um ein Überholmanöver vorzubereiten, sondern um die Balance des Autos zu trimmen. Wenn sie zu viel Untersteuern haben und das Auto nicht ordentlich einlenkt, stellen sie den Frontflügel steiler. Bei Übersteuern machen sie es umgekehrt.

Die Frontflügel sind bei Fans und Medien mit das größte Thema, zumindest, was die Technik angeht. Wie wichtig ist dieses Bauteil überhaupt im Gesamtsystem Rennwagen?
James Allison: Jeder Teil des Autos ist wichtig, aber es stimmt: Der Frontflügel spielt eine besondere Rolle. Seine Form bestimmt, was sich aerodynamisch am Rest des Autos abspielt. Zum Beispiel entscheidet der Frontflügel, wie die Luft um die Vorderräder herum geführt wird, ein Bereich, in dem sich besonders chaotische Verwirbelungen abspielen. Wenn der Frontflügel nicht gut designt ist, wird "stromabwärts" nichts funktionieren, da kann am Rest des Autos auch die beste Aerodynamik nicht mehr helfen. Der Frontflügel organisiert den Luftfluss für alle weiteren aerodynamischen Teile.
Wenn im Rennen die Nasen gewechselt werden, sieht es so aus, als wären diese Teile extrem leicht und sehr schnell auszutauschen. Ist das so?
James Allison: Sie sind nicht extrem leicht. Wer sich die Mechaniker beim Nasenwechsel genau anschaut, wird feststellen, dass diese Jungs eher zu den kräftigeren gehören. Denn sie müssen mit dem kompletten Element aus Nase und Frontflügel hantieren. Und dieses Teil ist heutzutage ganz schön sperrig, weil der Flügel ja so breit ist wie das ganze Auto. Außerdem sind dort häufig noch Ballastgewichte untergebracht, um den Schwerpunkt des Autos zu senken. Und er ist wie gesagt stabil genug, um sechs oder sieben schwere Kerle zu tragen. Der Flügel kann also gar nicht federleicht sein - aber daran gemessen, was er aushält, ist er leicht.
Wer sich die Technik-Updates von Rennen zu Rennen anschaut, sieht fast immer neue Details an den Frontflügeln. Wird in diesem Bereich besonders intensiv entwickelt?
James Allison: Wir entwickeln jedes Teil des Autos weiter, aber die Frontflügel sind natürlich besonders augenfällig und deshalb wird auch am meisten darüber berichtet. Aber es stimmt schon, dort tut sich immer etwas. Wir haben nach in den ersten elf Rennen der Saison bereits zehn verschiedene Konfigurationen ausprobiert.
Wie läuft die Konstruktion eines neuen Flügels ab?
James Allison: Da die Frontflügel die wichtigsten aerodynamischen Teile des Autos sind, kümmern sich unsere Konstrukteure ganz besonders um sie. Zunächst in unserem CFD-Rechenzentrum und später im Windkanal widmen wir diesen Teilen sehr viel Aufmerksamkeit. Im Lauf einer Saison testen wir viele, viele hundert Versionen im Windkanal. Erfolgreiche Entwürfe werden an die Fertigungsabteilung weitergereicht und an Grand Prix-Wochenenden am Auto ausprobiert.

diese Formel 1 Interview