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Sophia Flörsch: Das große Exklusiv-Interview zum Macau-Unfall

Sophia Flörsch im ausführlichen Exklusiv-Interview bei Motorsport-Magazin.com: Macau-Unfall, Operation, weltweite Aufmerksamkeit und die Folgen.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Der schwere Unfall von Sophia Flörsch beim Formel-3-Weltfinale in Macau sorgte für weltweite Aufmerksamkeit - und hinterließ viele offene Fragen. Motorsport-Magazin.com hatte zusammen mit den Kollegen der dpa die Möglichkeit, als erstes Medium auf der Welt exklusiv mit der 18-Jährigen ausführlich über den Unfall, die Operation und die Auswirkungen zu sprechen. Am vergangenen Dienstag, 11. Dezember trafen wir Sophia Flörsch abends in der Nähe von München zum zweistündigen Interview, das wir nun in voller Länge veröffentlichen.

Sophia, wie geht es dir?
Sophia Flörsch: Den Umständen entsprechend wirklich gut. Ich konnte vor ein einigen Tagen mit der Reha beginnen. Schmerzen habe ich zwar noch, aber es wird jeden Tag besser.

Wieso trägst du ein Pflaster vorne am Hals?
Sophia Flörsch: Ich habe ein Pflaster am Hals, weil ich da operiert wurde und das noch nicht ganz verheilt ist. Auch an der Hüfte habe ich eine Narbe. Die Halskrause trage ich immer noch. Ich darf sie abnehmen, solange ich keine Schmerzen habe. Wenn ich länger sitze, wird der Nacken ein bisschen steif. Ansonsten kann ich ohne Halskrause rumlaufen. Ich darf nur keine zu hektischen Bewegungen machen.

Wann hast du die Unfall-Videos eigentlich zum ersten Mal gesehen?
Sophia Flörsch: Ich habe ein paar Tage gebraucht, weil ich komplett unter Schmerzmitteln stand. Das Video habe ich erst am Freitag nach meinem Unfall angeschaut, also fünf Tage später. Abgeschlossen habe ich inzwischen mit dem Unfall, weil ich einfach glücklich bin, dass ich alles bewegen und so schnell mit der Reha anfangen kann. Die Ärzte sagen, dass ich Millionen Schutzengel hatte. Sie sind guter Dinge, dass ich Ende Februar, Anfang März wieder so fit bin, dass ich ein Rennauto fahren kann.

Sophia Flörschs Unfall in Macau ging um die Welt - Foto: CHRISTIAAN HART PHOTOGRAPHY

Bei dem Unfall wurden neben dir auch zwei Streckenposten und zwei Fotografen verletzt. Wie gehst du damit um?
Sophia Flörsch: Ich wusste zuerst überhaupt nicht, dass sich bei dem Unfall weitere Menschen verletzt haben. Das habe ich erst später am Abend erfahren, als mein Papa mir sagte, dass alle anderen auch leben. Ich bin in Tränen ausgebrochen. Ich glaube, das wäre für mich das Schlimmste gewesen, wenn bei dem Unfall anderen Menschen etwas sehr Schlimmes passiert wäre.

Was empfindest du, wenn du heute die Bilder vom Unfall siehst?
Sophia Flörsch: Um ehrlich sein, ist das surreal für mich. Wenn man im Auto sitzt, erlebt man das komplett anders. Durch die Luft zu fliegen, das ein ganz anderes Gefühl. Wenn ich das Video anschaue, denke ich, das ist jemand anders.

Wie oft hast du die Videos seitdem angeschaut?
Sophia Flörsch: Ich schaue mir das Video schon noch jeden dritten Tag an, weil ich selber nicht so wirklich glauben kann, dass ich das bin. Das ist ein superschreckliches Video und ein superschrecklicher Unfall. Und selbst, wenn ich das Video anschaue, denke ich: 'Puh, ob der noch lebt da drin...'. Und jetzt zu wissen, dass ich einige Wochen nach dem Unfall fast alles wieder normal machen kann, ist schon verrückt.

Wie hat sich der Unfall aus deiner Sicht zugetragen?
Sophia Flörsch: Nach dem Safety-Car-Restart bin ich hinter Jehan Daruvala die Gerade runtergefahren in seinem Windschatten. Ich bin rausgefahren zum Überholen, bis er auf einmal verzögert hat. Ich habe dann meinen linken Reifen (durch die Kollision; d.Red.) verloren. Man bremst zwar, aber ich hatte (ohne die Radaufhängung; d.Red.) keine Kontrolle mehr über das Auto. Ich bin erst rechts in die Wand rein und habe die Hände wegen der Kräfte vom Lenkrad genommen. Dann wartest du eigentlich nur noch auf die Wand. Das Fliegen an sich hat sich im Auto anders angefühlt. Dann weiß ich nur noch, wie ich auf dem Reifenstapel gelandet bin. Ich hatte Schaum im Gesicht, weil der Feuerlöscher aufgegangen ist. Das hat echt gebrannt in den Augen und im Mund.

Was hast du direkt nach dem Unfall gedacht?
Sophia Flörsch: Man denkt da gar nicht so drüber nach. Ich hatte Schmerzen im Rücken und Nacken. Aber mein erster Gedanke war: 'Mein Gott, meine Augen brennen und das schmeckt echt eklig, was ich da im Mund hab'. Dann kamen ja auch schon die Marshalls und die Ärzte und haben mich gefragt. Da merkt man dann erst den Schmerz, das Adrenalin hat das davor etwas gedämpft. Nachdem ich mir mit den Händen den Feuerlöschschaum aus dem Gesicht gewischt hatte, wusste ich, dass ich meine Hände bewegen kann. Ich hatte mir die Schienbeine am Cockpit angeschlagen, deshalb waren sie aufgeschürft. Die habe ich dann auch bewegt und dadurch wusste ich, dass ich auch meine Beine bewegen kann.

Wie lief es an der Unfallstelle mit den Marshalls und Ärzten?
Sophia Flörsch: Das ging alles sehr schnell. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich alles bewegen kann. Dann kam der Doktor und dann geht es ziemlich schnell. Ich meinte, dass mein Nacken und mein oberer Rücken wehtun. Dann ziehen sie dir den Helm und das HANS-System aus und befestigen deinen Kopf mit einer Halskrause. Dann haben sie mich abgeschnallt und aus dem Sitz gezogen. Ich glaube, für die war das etwas schwieriger, weil ja halb auf der Mauer hing. Aber sie waren sehr schnell und weil das Krankenhaus ja nicht weit von der Strecke entfernt ist, war ich auch da sehr schnell. Die Ärzte und Marshalls haben wirklich einen super Job gemacht!

Hat bei dir irgendwann Angst eingesetzt, dass doch was Schlimmeres passiert sein könnte?
Sophia Flörsch: Ich hatte nie wirklich Angst, konnte den Schmerz aber nicht wirklich einschätzen und wusste nicht, was los ist. Da die Doktoren alle chinesisch gesprochen haben, konnte ich natürlich auch nichts verstehen. Dann kam mein Papa ins Krankenhaus.

Es muss ein gutes Gefühl gewesen sein, dann ein vertrautes Gesicht gesehen zu haben.
Sophia Flörsch: Bis ich Papa gesehen habe, hatten die schon X-Rays und Checks gemacht. Der zweite Satz, den ich zu Papa gesagt habe, war: 'Hast du der Mama Bescheid gesagt?'

Wie war es, als du nach der Rückkehr nach Deutschland deine Mutter wiedergesehen hast?
Sophia Flörsch: Das war am Dienstag vor knapp zwei Wochen. Wir wurden mit einem Ambulanzwagen vom Flughafen abgeholt und sind nach Hause gefahren. Da sind wir erst mal beide in Tränen ausgebrochen. Es war generell einfach schön, wieder zuhause zu sein. Macau ist ja auch nicht gleich um die Ecke. Ich glaube, das war für meine Mama und meine Schwester eine ziemlich harte Zeit.

Sophia Flörschs Macau-Unfall aus allen Perspektiven: (02:26 Min.)

Hat jemand aus deinem näheren Umfeld dir geraten, lieber mit dem Motorsport aufzuhören?
Sophia Flörsch: So deutlich hat das niemand zu mir gesagt, nein. Natürlich gab es Fragen, ob ich weitermache und wie mein Plan aussieht. Ich habe immer offen geantwortet, dass ich weitermachen will und mich nicht von einem Unfall unterkriegen lasse. Die meisten verstehen das auch. Ich meine, ich mache den Sport seit 13 Jahren, das ist mein Leben und ich will in die Formel 1 kommen. Den Traum wegen so einem Unfall aufzugeben, macht für mich keinen Sinn.

Was war für dich das Schlimmste am Tag des Unfalls?
Sophia Flörsch: Für mich war schlimm, dass sie mir im Krankenhaus keine starken Schmerzmittel geben wollten. Sie wollten vermeiden, dass ich es nicht bemerken könnte, falls irgendwelche Gliedmaßen taub werden. Das war in der ersten Nacht nicht so toll. Ich hatte wirklich krasse Schmerzen die ganze Nacht über. Ich wollte nur eine OP haben, weil die Schmerzen so schlimm waren.

Verheilt alles wieder komplett?
Sophia Flörsch: Laut den Ärzten sollte alles wieder ganz normal werden. Es wird natürlich ein paar Wochen oder Monate dauern, aber es soll sich wieder normalisieren. Ende Februar, Anfang März soll laut den Ärzten eine Chance bestehen, dass ich wieder im Rennauto sitzen kann. Am Freitag nach der OP durfte ich das erste Mal fünf Meter gehen. Das konnte ich aber nicht so wirklich, weil die Hüfte so geschmerzt hat. Aber jetzt kann ich wieder gehen. Es ist jetzt wichtig, zu sehen, wie der Knochen wieder zusammenwächst.

Dein Unfall hat für riesengroße Aufmerksamkeit gesorgt. Wann hast du das mitbekommen?
Sophia Flörsch: Der Unfall war ja um 15:30 Uhr Ortszeit und mein Handy habe ich erst abends um 20:30 Uhr bekommen. Ich hatte hunderte Nachrichten auf WhatsApp und plötzlich 155.000 Follower statt 38.000 auf Instagram. Ich dachte: Was ist denn jetzt los?! Ich habe den Unfall ja ganz anders miterlebt. Dass der so schlimm aussah und solche Auswirklungen hatte, wusste ich in dem Moment einfach nicht. Ich konnte mit der ganzen Situation überhaupt nichts anfangen, ich hatte den Unfall ja nicht gesehen. Ich habe auch überhaupt nicht verstanden, wieso mir selbst meine Lehrer geschrieben haben. Ich dachte: 'Woher wissen die denn von dem Unfall?'

Hat dich das nicht neugierig gemacht?
Sophia Flörsch: Nein, ich habe erst auch nur mit meiner Familie geschrieben. Ich bin selbst heute noch nicht durch mit all den Nachrichten aus aller Welt, weil es so viele waren. Dass mir Rennfahrer wie Fernando Alonso geschrieben haben, habe ich erst am Freitag, Samstag, Sonntag nach der OP mal angeschaut. Ich war davor auf Morphium und starken Schmerzmitteln und habe heute keine richtige Erinnerung mehr daran. Aber es war natürlich schön, zu merken, dass die ganze Motorsportwelt - irgendwie ein bisschen die ganze Welt - dich unterstützt und dir Genesungswünsche schickt.

Ist es nicht ein merkwürdiges Gefühl, wenn die ganze Welt plötzlich über dich berichtet?
Sophia Flörsch: Ja, das ist schon komisch. Ich hatte eigentlich gehofft, dass das mal aufgrund eines Erfolges passiert - und nicht wegen eines Unfalls. Aber dann kommt das eben als Nächstes!

Würdest du in Zukunft noch mal in Macau an den Start gehen?
Sophia Flörsch: Ich will nach Macau zurück! Wenn die Chance besteht und das Rennen nächstes Jahr wieder stattfindet, will ich da wieder fahren. Der Unfall war schrecklich, aber ich glaube, dass da sehr viel Unglück zusammengekommen ist. Unterm Strich hatte ich sehr viel Glück. Ich will nicht wissen, wie der Unfall geendet wäre, wenn ich nicht abgehoben, sondern in das andere Auto reingefahren wäre und wir zusammen in die Mauer gerutscht wären. Das zeigt, wie sicher das Auto, Helm und Co. sind.

Glaubst du eigentlich an Zufälle?
Sophia Flörsch: Ich sage immer: 'Meine Oma hat mich dahingeschoben aus dem Himmel'. Meine Oma ist mein Schutzengel. Als ich früher Kart gefahren bin, hat meine Oma immer gesagt, dass das viel zu gefährlich sei und ich diesen Sport nicht machen dürfe. Und jetzt hat sie von da oben weiter ein Auge auf mich.

Behältst du irgendein 'Erinnerungsstück' an das Wochenende in Macau?
Sophia Flörsch: Meinen Rennoverall und die Rennunterwäsche habe ich zuhause. Meinen Helm hat die FIA noch. Ich habe mich aber schon erkundigt, ob ich ihn wiederbekomme. Als Erinnerung an Macau.

Sophia Flörsch flog mit über 250 km/h von der Strecke ab - Foto: Youtube/Screenshot

Dein Unfall hat wieder die Diskussion ausgelöst, ob Macau als Rennstrecke zu gefährlich ist. Wie siehst du das?
Sophia Flörsch: Zu gefährlich ist Macau meiner Meinung nach nicht. Jeder Rennfahrer dort kennt das Risiko. Vielleicht ist es für Motorradfahrer zu gefährlich, die sind da einfach verrückt. Aber für Formelfahrer nicht. Und wenn ich mir meinen Unfall anschaue: Ich will nicht wissen, was passiert wäre, wenn ich auf einer Rundstrecke mit dem Speed ins Kiesbett gerutscht wäre, mich mehrfach überschlagen hätte und dann in die Leitplanken gekracht wäre.

Was nervt dich am meisten an der ganzen Geschichte?
Sophia Flörsch: Am meisten nervt mich, dass ich in Macau den Unfall hatte. Denn ich war das ganze Wochenende echt schnell! Ich war in den Freien Trainings die ganze Zeit die Schnellste bei Van Amersfoort. Im Qualifying war ich leider ein bisschen über dem Limit und habe das Auto in die Leitplanke gesetzt. Deshalb musste ich von Platz 18 starten. Nach vier Runden habe ich dann schon um Platz 14 gekämpft und hatte einen guten Speed. Das regt mich eigentlich am meisten auf.

Kannst du dir vorstellen, dass der Unfall dich in Zukunft beim Rennfahrern mental beeinflusst?
Sophia Flörsch: Ich glaube nicht, dass ich jetzt anders ans Rennfahren herangehen werde. Es gibt bestimmt Leute, die denken, dass der Unfall mich in Zukunft hemmen wird. Aber ich kenne mich gut genug, um sagen zu können, dass ich über den Unfall hinweg bin. Ich mache so weiter, wie ich bisher auch gefahren bin.

Wie genau sieht dein Reha-Programm aus?
Sophia Flörsch: Mein Körper muss sich erst wieder an die Belastungen gewöhnen, im Training fühle ich mich aktuell wie eine alte Oma. Es wird aber mit jedem Tag besser und die Ärzte sagen, dass meine Muskelmasse bald wieder zurückkommen sollte. Ich trainiere mit meinem bisherigen Trainer. In den ersten Tagen ging es darum, den Kreislauf wieder richtig in Gang zu bringen, nachdem ich einige Tage nur im Bett gelegen hatte. Ich habe einiges an Muskelmasse verloren, die muss ich jetzt wieder aufbauen. Rücken und Nacken darf ich noch nicht beanspruchen, aber Arme, Schultern und Beine darf ich trainieren.

Du hättest eigentlich den Formel-E-Test in Saudi-Arabien für HWA bestreiten sollen. Wie sehr trauerst du dem hinterher?
Sophia Flörsch: Na klar ärgert mich das. Aber mich ärgert es generell, dass ich im Dezember zuhause sitze, während alle anderen testen! Vor allem, weil ich mich so sehr auf diesen Winter gefreut hatte - das ist der erste, in dem ich keine Schule habe und nur Auto fahren könnte. Ich wäre natürlich gern beim Formel-E-Test gewesen, das war eine tolle Chance. Ich bin aber sicher, dass sich noch weitere in Zukunft ergeben werden.


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