Exklusiv
Formula EM

Formel-3-Chef Mertes nach Absage: Cockpits kaum noch bezahlbar

Walter Mertes, Geschäftsführer der Formel 3 Vermarktungs GmbH, im Exklusiv-Interview: Gründe zur Absage des Formula European Masters, Kosten, Sophia Flörsch
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Herr Mertes, worin liegen die Gründe für die Absage des Formula European Masters?
Walter Mertes: Es gibt einfach zu viele Formel-Nachwuchsserien. Immer mehr Rennserien, aber nicht genügend Fahrer. Wir sprechen doch immer von den gleichen Fahrern, die von der einen in die andere Serie wechseln. Die Cockpits sind kaum noch bezahlbar. Und die Fahrer, die wirklich Talent haben, kommen ja kaum noch dahin. Und am Ende hat uns ja die FIA unseren Vertrag nicht verlängert. Sie hat die Rechte und den Namen Formel 3 wie auch andere Rennserien verkauft.

Gab es weitere Schwierigkeiten?
Walter Mertes: Es hat sehr lange gedauert, bis klar ob, ob und wie viele Superlizenzpunkte das Formula European Masters erhält. Wir konnten erst im November damit beginnen, die Meisterschaft richtig aufzubauen. Das war ohnehin ein sehr ambitionierter Zeitplan, aber die Teams waren loyal und so dachten wir, dass wir es schaffen.

Die Kosten für Formel-Nachwuchssport sind in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Was muss mit Blick auf die Zukunft passieren?
Walter Mertes: Die Kosten müssen runter, und zwar in allen Serien bis hin zur Formel 1. Das Geld ist nicht mehr so vorhanden wie früher. Die Automobil- und Zuliefererindustrie ist stark unter Druck. Aber sie sind die Ersten, die den Motorsport unterstützen. Wir befinden uns in schwierigen Zeiten, da fällt auch das Sponsoring für den Motorsport kürzer aus. Selbst in der Formel 1 sehe ich kaum neue Namen auf den Werbebanden. Es ist einfach alles zu teuer geworden.

Walter Mertes war seit 2004 für die Organisation der Formel-3-EM verantwortlich - Foto: FIA F3 Media

Die Fahrer hätten im Formula European Masters Superlizenzpunkte sammeln und anschließend Testfahrten im DTM- oder Superformula-Auto bestreiten können. Hätten Sie noch mehr unternehmen können, um weitere Fahrer zu überzeugen?
Walter Mertes: Wir hatten in der Vergangenheit die beste Plattform. Bei uns sind die Fahrer zur besten Uhrzeit gefahren. Nicht wie im Rahmen der Formel 1 am frühen Morgen... Und niemand hatte mehr Fernseh-Präsenz als wir, die Rennen wurden im Free-TV übertragen, zudem gab es Highlight-Sendungen. Die Teams hatten im DTM-Fahrerlager stets einen super Platz und auch eine eigene Hospitality. Ich wüsste nicht, was wir noch mehr hätten bieten können. Und noch etwas...

Ja, bitte?
Walter Mertes: Wir sprechen hier von einer Nachwuchsserie. Die muss sich ja auch irgendwie finanzieren. Dank unseres umfangreichen TV-Paketes haben sich die Teams dank Sponsoren refinanziert. Geld verdienen kann man auch nicht damit. Ich mache den Job seit mehr als 20 Jahren und kenne die Zahlen. Wenn man heute mit nur zwölf Autos in einer Serie startet, macht man ein so großes Minus, das sich niemand mehr erlauben kann.

Lewis Hamilton, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, zuletzt Mick Schumacher: So viele berühmte Fahrer haben in den vergangenen 16 Jahren in der Formel-3-Euroserie bzw. der Formel-3-Europameisterschaft ihr Handwerk erlernt. Woran lag das?
Walter Mertes: Es gibt keine Formel-Nachwuchsklasse auf der Welt - und das wird auch die neue Formel 3 bei der Formel 1 nicht sein - die eine bessere Ausbildung geboten hat. Bei unserem Auto konnten die Fahrer das richtige Abstimmen des Setups mit Blick auf die Formel 1 lernen. Die Autos waren zwar kleiner und nicht so leistungsstark wie ein F1-Bolide, aber die Proportionen haben sehr gut gepasst. Schauen Sie doch mal, wer heute in der Formel 1 die Stars sind. Vettel, Hamilton oder Verstappen - die sind alle bei uns gefahren!

Die Formel-3-Euroserie 2005: Vettel, Hamilton und Di Resta auf dem Podium - Foto: Mercedes

Wie gehen Sie persönlich mit der Absage um?
Walter Mertes: Ich bin sehr traurig. Es war kein schöner Tag, als wir die Absage der Serie bekanntgeben mussten. Aber was will man machen? Wir und auch Gerhard Berger mit der ITR haben alles Mögliche getan. Wenn aber der Zuspruch nicht da ist, musst du den Stecker ziehen. Mit acht oder zehn Autos kann man keine Rennen fahren.

Glauben Sie, dass die Fans die Formel 3 im Rahmenprogramm der DTM vermissen werden?
Walter Mertes: Die Formel 3 war in den Umfragen immer die absolute Nummer zwei aller Rahmenserien nach der DTM. Die Fans werden sicherlich traurig sein. Vor allem die, die immer zu den Rennstrecken gereist sind. Es waren immer gute und spannende Rennen mit einer hohen Qualität. Die Jungs haben alles gegeben. Es ging ja darum, in die Formel 1 zu kommen. Ich habe es immer genossen, solch eine Art von Motorsport anschauen zu können.

Mick Schumacher ist der letzte Formel-3-Europameister - Foto: FIA F3 / Suer

Sophia Flörsch wäre 2019 eines der Aushängeschilder des Formula European Masters gewesen. Was wünschen Sie ihr in Zukunft?
Walter Mertes: Sophia Flörsch wird ihren Weg gehen, da bin ich sicher. Sie hat ein gutes Team um sich herum und ist wirklich gut. Sie ist in der Lage, auch mal ganz vorne mitzufahren. Es tut mir auch leid für die Teams wie Fortec Motorsports, Motopark und Van Amersfoort Racing, die uns bis zuletzt zur Seite gestanden haben.

F3-Euroserie/Formel-3-Europameisterschaft: Top-3 der Jahre im Überblick

Jahr Meister 2. Platz 3. Platz
2003 Ryan Briscoe Christian Klien Olivier Pla
2004 Jamie Green Alexandre Prémat Nicolas Lapierre
2005 Lewis Hamilton Adrian Sutil Lucas di Grassi
2006 Paul Di Resta Sebastian Vettel Kohei Hirate
2007 Romain Grosjean Sebastien Buemi Nico Hülkenberg
2008 Nico Hülkenberg Edoardo Mortara Jules Bianchi
2009 Jules Bianchi Christian Vietoris Valtteri Bottas
2010 Edoardo Mortara Marco Wittmann Valtteri Bottas
2011 Roberto Merhi Marco Wittmann Daniel Juncadella
2012 Daniel Juncadella Pascal Wehrlein Raffaele Marciello
2013 Raffaele Marciello Felix Rosenqvist Alex Lynn
2014 Esteban Ocon Tom Blomqvist Max Verstappen
2015 Felix Rosenqvist Antonio Giovinazzi Jake Dennis
2016 Lance Stroll Max Günther George Russell
2017 Lando Norris Joel Eriksson Max Günther
2018 Mick Schumacher Dan Ticktum Robert Shwartzman

Weitere Inhalte:
Mehr Motorsport
Wir suchen Mitarbeiter
Mitarbeiter Motorsport Designer Journalismus Programmierer Video