Motorsport-Magazin.com Plus
Formel 1 / Historisches

Nelson Piquet - Seine große Karriere

Nelson Piquet. Ein klangvoller Name und eine ruhmreiche Karriere, die derzeit ihre Fortsetzung in Nelson Poquet Jr. findet.
von Tom Distler

Motorsport-Magazin.com - Am 17. August feierte Nelson Piquet seinen 50. Geburtstag. "Mein Gott ist der schon alt" waren daraufhin die Worte seines letzten Formel 1 - Teamkollegen Michael Schumacher. Ich möchte im Namen des gesamten Teams herzliche Glückwünsche übermitteln und mit einem History Report an die Leistungen des Südamerikaners und an seine menschliche Seite erinnern. Hilfreich waren mir dabei auch Aussagen einiger seiner Wegbegleiter.

Als 1978 ein Sunnyboy aus Brasilien in Hockenheim die Königsklasse betrat, begann auch für mich, dem frisch gebackenen Motorsport Fan eine aufregende Zeit. Ich bewunderte die jungen Löwen, allen voran natürlich Gilles Villeneuve, Didier Pironi und Nelson Piquet, für den ich 14 Jahre die Daumen drückte.

Nelson Piquet im Jahr 1990. - Foto: Sutton

Ein Blick in die Statistik zeigt ein erfreuliches Ergebnis, es hatte sich gelohnt. Nelson wurde 1981, 1983 und 1987 Formel 1-Weltmeister, bestritt 204 GPs (24 Poles, 23 Siege, 485.5 Punkte) und lag 7465 Kilometer in Führung. Mit folgender Aussage möchte ich nochmals bekräftigen, daß sich Nelson einen Platz unter den besten Piloten aller Zeiten verdient hat.

"Mit Nelson Piquet habe ich auch schon die Antwort auf die Frage, wen ich aus meiner Sicht für den besten Rennfahrer der Welt halte. Er hat alles was ein Champion braucht: Format und innere Gelöstheit, Konzentration aufs Wesentliche, Intelligenz, Kraft und Schnelligkeit. Er macht praktisch keine Fehler, ist immer schnell, immer in Form. Daneben mag ich Nelson auch menschlich. Ich spüre gern seine Sicherheit und Offenheit, daneben bewundere ich seinen Lebensstil, und ich beneide ihn um etliche Fähigkeiten, die er mir voraus hat." (Niki Lauda, 1985)

Nun aber der Blick zurück, ganz zurück. Unsere Biografie beginnt mit der Stadt Rio de Janeiro, in der am 17. August 1952 ein gewisser Nelson Souto Maior das Licht der Welt erblickte. Seine Geschwister hießen Alex, Geraldo und Gerusa. Vater Dottore Estacio Souto Maior war Gesundheitsminister Brasiliens und eine lokale Größe des weißen Sports. Auch der Sohn schlug die gelbe Filzkugel sehr, sehr gut übers Netz und galt schon fast als Wunderknabe. An seinem 16. Geburtstag schlug er seinen Vater und hatte einen Wunsch frei, ein Stipendium für 3 Semester an einer Hochschule vor San Francisco. Nelson war unschlüssig über seine Zukunft, denn die dortige Werkstatt zog in magisch an. Er dachte an Technik, Tennis und Motorsport. Tennisprofi, wie es der Vater gerne gesehen hätte, oder Automobilsport ? Er mußte sich entscheiden. Zurück in Brasilien traf er auf Alex Ribeiro (Formel 1 – Pilot 1976/77), der eine Werkstatt betrieb, dort Sportwagen, Motorräder und Karts verhökerte. Neslon arbeitete mit und stieg mit 17 Jahren in den Kart–Sport ein.

"Statt Asse über das Netz zu schlagen, entschloß ich mich, gegen sie Rennen zu fahren. Ich wäre auch als Donald Duck gestartet, wenn Vater das verlangt hätte. Für mich war eben nur wichtig, daß ich Rennen fahren konnte."

Der Brasilianer an seinem Arbeitsplatz. - Foto: Sutton

Aus Rücksicht auf die politische Stellung seines Vaters nahm er den Mädchennamen (Piquet) seiner Mutter an. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Nelson wurde von 1970 bis 1972 Kart - Meister in Brasilien und 1971 Sportwagenmeister nach nur sporadischen Einsätzen. Auch die Bildung sollte nicht zu kurz kommen, ein 1973 begonnenes Studium (Philosophie, Volkswirtschaft, Maschinenbau) brach Nelson, der während der Vorlesungen von Fittipaldi im Lotus träumte, bald ab, um sich voll und ganz seiner Karriere widmen zu können. Im Jahr 1974, als sein Vater einen Herzinfarkt erlag, gab es auch die erste Begegnung mit Carlos Reutemann. Ich möchte sie hier im Originalwortlaut wiedergeben.

Piquet hatte einen kurzzeitigen Gelegenheitsjob bei Brabham und reinigte den Helm von Carlos Reutemann. Nachdem seine Aufgabe beendet war, sagte der Argentinier: "Kid, you don't know even how to clean a helmet!", die Antwort kam viel später: "I wasn't worthy to clean your helmet but maybe you can clean mine now that I am World Champion!"

"Er ist ein schwieriger Mensch, ein Schauspieler, scheu und unzugänglich. Innerlich ist er butterweich. Aber es dauert lange, ehe man da herankommt. Nelson ist der Typ, der nicht zupackt, sondern wartet, bis sich ihm etwas anbietet. Ich halte ihn für sehr intelligent. Er setzt Prioritäten, stellt weniger wichtiges zurück. Aber er hat auch kein Sitzfleisch, ist unruhig und sprunghaft." (Jan Lammers, Weggefährte 1977)

1976 gewann Nelson die Formel Super V Meisterschaft in Brasilien, mit ihr den Paulista – Titel und sein erfolgreicher Landsmann Emerson Fittipaldi (Weltmeister 1972/74) riet zu einem Wechsel nach England. "Geh nach Osten, mein Sohn" waren seine weisen Worte. Mit 40 000 Mark klopfte er bei March an, dürfte auch einen 773 fahren, nur leider stellte sich kaum Erfolg ein und auch das Geld ging langsam zur Neige. Um zu sparen, schickte er auch seine damalige Ehefrau Maria – Clara nach Hause, die ihm 1978 einen Sohn (Geraldo) schenkte, etwas später zerbrach die Ehe allerdings. Nelson lebte in Novara (Italien), tingelte mit 2 Mechaniker in einem alten Bus durch Europa und gab sein letztes Geld für einen Ralt RT 1 aus. Die Entscheidung sollte sich als richtig erweisen, denn nach Siegen in Kassel–Calden und Jarama reichte es noch zu Platz 3 in der Formel 3–Europameisterschaft hinter Piercarlo Ghinzani (Formel 1 – Pilot 1981 bis 1989).

"Ich hatte überlegt, ob ich 1978 mein Glück nochmals auf dem Kontinent versuchen sollte. Aber England war wichtiger. Gewann Chico dort, war sein Name in aller Munde. Der Europameister zählt viel weniger. Ich muß ihn in England schlagen. Er wollte besonders clever sein, doch vielleicht kommt plötzlich jemand, der einfach viel besser ist..."

Das neue Michelin-Männchen des Jahres 84? - Foto: Sutton

Nächster Schritt Formel 2 ? "Nein danke", es ging endgültig nach England. Ein Wechsel in die dortige BP - Formel 3 Meisterschaft machte ihm zum Superstar und Seriensieger dieser Klasse. Die Rivalität zwischen den beiden Brasilianern heizte die Stimmung während des Championats bis zur Weißglut auf. Chico Serra (Formel 1 – Pilot 1981 bis 1983) hatte die besseren Karten, doch schon im Formel 3 – Rahmenrennen zum GP von Frankreich viel nur die tolle Fahrt von Nelson auf und durch den Massenunfall vor vollen Tribünen in Brands Hatch, sein Rennwagen wurde in ein handliches Blechknäuel verwandelt, war er bekannt wie ein bunter Hund. Nelson wurde von BS Fabrications zu Formel 1 Testfahrten nach Silverstone eingeladen und landete bald bei Morris Nunn im Ensign – Team, in der Formel 1!

"Dieter ich muß dir jemand vorstellen. Einen Brasilianer. Mein Gott, Domingos hab ich gesagt, schon wieder einer von der Sorte, laß mich in Ruh, der will eh nur Gratis Formel 2 – Motoren. Als ich den Namen Piquet hörte, bin ich mitgegangen, denn 9 Siege in 10 Rennen, diese beeindruckende Formel 3 – Serie blieb auch in meinem Gedächtnis haften. Das schmale Bürscherl am Ensign – Transporter hatte ein lockeres Grinsen auf und fragte gleich kess nach Formel 1 – Motoren. OK, ich werde schauen, was ich für dich tun kann war meine Antwort. Keiner dachte damals bei BMW an die Formel 1 und ahnte die erfolgreiche Partnerschaft, die sich mit Nelson entwickeln sollte." (Dieter Stappert, 1983)

Nelson Piquet stand beim Debüt in Hockenheim in der vorletzten Startreihe, noch vor Harald Ertl im zweiten Ensign und hatte nach 32 Runden Motorschaden. In Kanada, nach drei Rennen neben Bret Lunger in einem alten "Hunt–McLaren" (2 Ausfälle, Platz 9 in Monza), gab er seinen Einstand bei Brabham (Nummer 66) mit Platz 10, während seine Teamkollegen Lauda und Watson durch Unfall ausschieden. Im gleichen Jahr wurde auch noch ein Dreijahres–Vertrag mit 100 000 Dollar Lohn unterschrieben.

"Ich bekam damals den Nummer 2 Platz hinter Lauda nicht, weil ich so gut war, sondern weil Bernie Ecclestone mich mochte und weil Parmalat gerade in Brasilien eine Fabrik baute."

Die erste volle Saison verlief im unzuverlässigen Brabham–Alfa enttäuschend und obwohl Nelson im Training überzeugen konnte (Zolder, Dijon, Silverstone, Hockenheim, Montreal in Reihe 2), die Duelle gegen Niki ausgeglichen gestaltete (6:7), reichte es nur zu WM - Platz 15 und 3 Punkten, ein 4. Platz in Zandvoort war dabei sein bestes Resultat. "Gringo", wie Piquet seinen Lehrmeister Lauda nannte, trat in Montreal zurück und wurde durch den Argentinier Ricardo Zunino ersetzt, der auch 1980 an seiner Seite fuhr.

"Der Piquet ist ein harter Hund. Der wird mal Weltmeister" (Niki Lauda, 1979)

Piquet zwischen den Wolkenkratzern. - Foto: Sutton

1980 verlor er die Meisterschaft nach langen und harten Kampf. Leider zerplatzte die Hoffnung vom ersten Titel bereits beim vorletzten Rennen in Montreal. Sein ärgster Widersacher Alan Jones löste im Williams – Ford am Start eine Massenkarambolage aus und Nelson mußte in den Ersatzwagen umsteigen. Dennoch führte der Brasilianer 23 Runden, ehe der Motor streikte. Nun war der Weg für den Australier frei. Als Vizeweltmeister mit 3 Siegen (USA, Holland, Italien) und 54 Punkten im Brabham – Ford beendete Nelson diese Saison.

"Als ich beim Finalrennen in Las Vegas plötzlich hinter Carlos Reutemann lag, spürte ich, daß er schon ein geschlagener Mann war, daß er förmlich die Pfoten einzog. Der Titel ist gut für mein Team, für meine Sponsoren, für mein Land. Für mich persönlich hat er hingegen eher Negatives bewirkt. Mehr Termine, mehr PR – Jobs, weniger Freizeit. Gut, ich bin glücklich Weltmeister zu sein, aber ich glaube, ich wäre über einen zweiten Platz hinter Carlos genauso froh. Für mich ist die Hauptsache Rennen zu gewinnen oder zumindest vorne mit dabei zu sein, die Weltmeisterschaft ist da längst nicht so wichtig"

Carlos Reutemann stand 1981 bereits so gut wie sicher als neuer Titelträger fest. Doch ein rätselhafter Leistungseinbrach brachte Piquet und Laffite nochmals ins Rennen. Piquet zog im letzten Rennen mit Platz 5 sogar noch an den fassungslosen Argentinier vorbei und gewann die Meisterschaft im Brabham – Ford mit einem Punkt (50 zu 49) Vorsprung. Der Williams – Pilot wurde nach Poleposition nur Achter. Siege bei den GPs von Argentinien, San Marino und Deutschland standen zu buche und ein Millionenangebot von McLaren wurde vom "unterbezahlten" Weltmeister abgelehnt. Bernie ging an seine "Schmerzgrenze" und besserte den Vertrag auf ca. 800 000 Dollar pro Jahr auf. Teamkollege war ja schließlich Hector Rebaque (Formel 1 – Pilot 1977 bis 1981), der für sein Cockpit zahlte.

"Nach einem Rennen brauche ich ein paar Tage, um wieder gesund zu werden. Denn nach jedem Rennkilometer bekommt man blaue Flecken an den Armen und Beinen. Im Hirn tanzen bei den Bodenwellen die Sterne und die Rippen schreien nach jeder Kurve vor Schmerzen. Ich bemühe mich, das zu tun, was mir Spaß macht, jeden Tag für sich zu genießen und das Beste daraus machen. Schwimmen, Windsurfen, Segeln, Fernsehen – dabei kann ich mich wieder entspannen."

Nelson in seinem Brabham des Jahres 1983. - Foto: Sutton

Das Jahr 1982 begann mit dem legendären Fahrerstreik (Pilotenrechte) in Kyalami recht turbulent, worauf Bernie seinen beteiligten Pilot sogar feuerte. Erst der neue Partner BMW konnte den Brabham – Boss besänftigen. Beim Heim – GP brach Piquet nach glanzvoller Vorstellung (inklusive Kühlerwassertrick und nachträglicher Disqualifikation) auf dem Siegerpodest in Rio sogar zusammen und wirkte auch sonst oft platt. Das weitere Jahr wurde als Entwicklungszeit für den neuen Motor genutzt und erwähnenswert ist hierbei Hockenheim. Ein später Boxenstopp sollte den ersten Sieg bescheren. Piquet fuhr einen großen Vorsprung heraus, dominierte das Rennen und wurde vom Nachzügler Salazar (ATS – Ford) abgeschossen. Der verärgerte Weltmeister packte die Fäuste aus. Ein Lieferwagenfahrer wollte ihn abholen, doch als Nelson sah, das Salazar bereits auf dem Beifahrersitz saß, weigerte er sich, ins Fahrzeug einzusteigen. Die beiden stiegen aus und wollten den immer noch aufgebrachten Brasilianer beruhigen, der diesen Moment eiskalt ausnutze, in den Lieferwagen sprang und alleine davonbrauste. Deutlich erinnerte sich Piquet auch an den Unfall von WM – Leader Didier Pironi im verregneten Trainig, wo er als Erster die Unfallstelle passierte und einen Schock bekam. Schon vor Gilles Villeneuves tödlichen Sturz in Zolder hatte Piquet den Ferrari als "Sarg auf Rädern" bezeichnet. 11. Platz, 20 Punkte, versöhnlich war nur der Sieg in Montreal und die Aussicht auf 1983. Teamkollege Ricardo Patrese (Rekordstarter der Formel 1) fuhr meist mit dem alten zuverlässigen Ford – Motor und konnte nicht zuletzt dadurch einen Punkt mehr gewinnen. Ach genau, die mangelnde Fitneß wurde im Winter auch durch "stolze" 51 Tage auf den Skibrettern mit Freund Harti Weirather (EX – Abfahrtsweltmeister) und Dieter Stappert (BMW - Rennleiter) verbessert.

"Dieser zweite Titel freut mich noch mehr als der Erste, weil die BMW – Techniker so tolle Arbeit geleistet haben. Meine Mechaniker sind für mich die Freunde des Lebens. Es war phantastisch, mit 1500 PS durch die Gegend zu rasen"

1983 wurde Nelson Piquet im Brabham – BMW der erste Turboweltmeister der Geschichte. Mit einem Heimsieg beim Saisonauftakt legte der Brasilianer bereits den Grundstein für eine erfolgreiche Saison. Es wurde allerdings keine Kaffefahrt, sondern ein harter Kampf mit Alain Prost. Nelson siegte noch bei den GPs von Italien und Europa, hat nach Südafrika (3.Platz, Prost Ausfall) 59 zu 57 Punkte. Hätte Prost den Brabham – Piloten in Zandvoort nicht abgeschossen, würde er aufgrund von Streichresultaten vermutlich die nötigen Punkte mehr auf dem Konto haben. Teamkollege Patrese fuhr weitere 13 Punkte fürs Team ein.

Kein perfektes Rennende für Nelson. - Foto: Sutton

"Einen GP zu gewinnen, mag ja unglaublich wichtig sein. Aber seinen Leuten einen Streich zu spielen, ist für Piquet ebenso wichtig. Vor allem, weil wir ihn ja kennen. Aber immer wieder auf den Kerl reinfallen. Ein Beispiel ? The engine is shit, but the driver is perfect sagte er mal in ernster Mine zu Bernie, ich verschlucke mich fast an meinem Weißbier, darauf folgte sein typisch blechernes und schepperndes Gelächter" (Dieter Stappert, 1983)

Zwischen 1979 und 1985 gewann Brabham 15 GPs, 13 davon mit Piquet. 1984 siegte er in Kanada und der USA, stand insgesamt 9 (!) mal auf der Pole und wurde mit 29 Punkten Fünfter der WM. Als Teamkollegen wechselten sich die Fabi – Brüder und Manfred Winkelhock ab. Im letzten Jahr mit Brabham – BMW reichte es noch zum Sieg in Frankreich und 21 Punkte standen für Platz 8. Zu erwähnen sind noch Francois Hesnault und Marc Surer, die sich den zweiten Rennwagen teilten. Seine Bilanz viel positiv aus und das sollte sich auch in seiner neuen Herausforderung, beim Team von Frank Williams nicht ändern.

"Er hat nur erzählt, wie er auf seinem Boot sitzt und angelt und taucht und schwimmt, und wie schön das alles ist, wenn du den ganzen Tag nix tust. Mir war völlig unklar, wie ein Mensch Kräfte entwickeln und seine Disziplin schulen kann, wenn er die ganze Woche lang das Verkehrte macht - nämlich sich gehen lassen, nix tut." (Niki Lauda, 1985)

Er war ein bedingungsloser Kämpfer, der von seinem Team alles abforderte und der seine Erfolge am liebsten im Kreise der Mechaniker feierte. Nur vor dem Start wurde er etwas nervös, kaute schon mal an den Fingernägel, aus Angst, nicht die beste Leistung abrufen zu können. Aber er ist auch ein Mann für die schönen Seiten des Lebens. Ein Playboy, wohnhaft in Monaco, der sich nach den Rennen auf seine Luxusyacht (Gostosa oder Pilar Rossi) ins Mittelmeer zurückzog, meist nur seine hübsche Freundin Sylvia oder Prinzessin Stephanie als Begleitung akzeptierte und unerreichbar für die Presse blieb. Das Meer ist seine Leidenschaft, nur seine Frauen hatten auch mal andere Namen (Emanuela, Catherine, Viviane), auch heute noch, in den nordöstlichen Ceara – Gewässer von Brasilien!

Nelson Piquet und Keke Rosberg im Doppelpack. - Foto: Sutton

"Ich hatte einen Vertrag als Nummer 1 bei Williams, und sie haben dann alles verdorben. Technisch war es das beste Team, für das ich je gefahren bin. Aber ich bin nicht dorthin gegangen, um den Wagen für meinen Partner abzustimmen, der mir dann das Siegen schwer macht."

Bei einem nächtlichen Rendevouz im Mondschein erlag er im Spätsommer 1985 den Verlockungen von Frank Williams. Eine Jahresgage von 3,3 Millionen Dollar war ein gutes Argument nach 7 Jahren beim "sparsamen" Bernie. Piquet wurde angagiert um Weltmeister zu werden, da man diese Rolle Nigel Mansell noch nicht zutraute, doch dann mauserte sich auch dieser zum Siegfahrer. Noch bevor die Saison 1986 begann, hatte Frank Williams einen schweren Autounfall, bei der Heimfahrt von Testfahrten in Le Castellet überschlug sich der Brite und war seitdem gelähmt. In Rio gewann Piquet gleich sein erstes Rennen, doch dann folgten 3 Ausfälle in aussichtsreicher Position, Mansell holte auf und begann die WM zu dominieren, der Brasilianer wurde nervös (Ausrutscher in Detroit), konnte aber dann zurückschlagen (Siege in Deutschland, Ungarn, Italien) und die WM bis zum letzten Rennen offen halten. In Adelaide kämpften die Honda – Piloten im Williams mit Alain Prost um den Titel. Mansell reichte ein dritter 3 Platz, doch ein Reifenplatzer machte alles zunichte. Piquet hätte daraufhin nur seinen ersten Platz gegen den aufholenden McLaren halten müssen und wäre erneut Weltmeister geworden, doch da man ein weiteres Unglück vermeiden wollte, holte man den Brasilianer (WM – Rang 3 mit 69 Punkten) an die Box. Ein Irrtum, wie sich später herausstellte, denn der Reifen von Mansell fiel einem Materialfehler zum Opfer. Alain Prost zog vorbei und staubte den Titel ab, den er bei einer möglichen Stallregie (statt Stallkrieg) im Team von Frank Williams nie erhalten hätte.

"Ich glaube, man kann sagen, daß ich bisher zwei Weltmeisterschaften gewonnen habe. Nigel hat es bisher nur geschafft, eine zu verlieren."

Nicht nur Piquets Körpersprache verriet, das er mit Williams am Ende war, dennoch kämpfte er wie ein Löwe und holte trotz monatelangen Schmerzen mit viel Mut und Klasse die Weltmeisterschaft. Was war passiert ? Im Training von Imola raste der Brasilianer nach Reifenplatzer mit Tempo 300 in die Tamburello, schlug ein und verlor das Bewußtsein. Nach einer Nacht im Krankenhaus wollte er schon wieder ins Rennauto steigen, doch Professor Sid Watkins verweigerte dem noch sichtlich verwirrten Piquet, der zudem nur einen Schuh trug, den Start. Nelson litt Monate später noch an starken Kopfschmerzen und fand kam Schlaf. Er sprach von einem Wendepunkt seiner Karriere, die ihm ein Teil seiner Schnelligkeit kostete.

Piquet in seinem 87er Williams. - Foto: Sutton

Piquet siegte in Deutschland, Holland und Italien und holte vorallem durch seine taktischen Plazierungen (sieben zweite Plätze) mit 73 (76) Punkten den Titel. Teamkollege Mansell konnte nach einem Unfall in Japan, die Reise zum Saisonfinale nicht mehr antreten und wurde durch Patrese vertreten. Geprägt wurde die Saison auch durch Piquets "Psychospielchen", die Mansell oft den Verstand raubte, so daß es schon mal vorkam, das der Brite vor Wut sein Fahrzeug neben die Strecke stellte. Hier aber ein harmloseres Beispiel: Einmal stahl Nelson das gesamte Toilettenpapier eines Badezimmers, gerade noch rechtzeitig, bevor Mansell es dringend betreten mußte. Ein Interview paßt vielleicht noch gut ins Bild. Nelson wurde gefragt, warum er Salazar damals verprügelte. "Salazar mußte was lernen" war die Antwort. Daraufhin die Frage, warum er Mansell nie verprügelt hat ? "Der würde nie was lernen".......!

"Ich mag meinen Job, ich gebe mein Bestes, aber ich lebe nicht mehr 24 Stunden am Tag für den Rennsport. Das habe ich in meiner Formel 3 – Zeit getan, vielleicht auch am Anfang der Formel 1. Aber das ist vorbei."

Nelson Piquet wechselte zu Lotus, die 1988 an die Turbomotoren von Honda kamen. Das Auto war dennoch eine Katastrophe und 22 Punkte bedeuteten für den plötzlich sieglosen Brasilianer Rang 6. Durch die Judd – Motoren ging es 1989 weiter bergab, Platz 8 mit 12 Punkten war die magere Ausbeute. Teamkollege Satoru Nakajima holte in 2 Jahren nur 4 Punkte. So waren die 3,75 Millionen Pfund im Jahr, die Sponsor Camel locker machte, nicht mehr als ein hohes Schmerzensgeld. 1990 (3.Platz, 43 Punkte) und 1991 (6.Platz, 26.5 Punkte) befand sich Nelson unter Flavio Briatore auf seiner Abschiedstour und gewann in Japan, Australien und Kanada. Der Vertrag war stark leistungsbezogen und zahlte sich dennoch aus. Seine letzten Teamkollegen hießen Alessandro Nannini, Roberto Moreno und Michael Schumacher. Ein weiteres Angebot von Frank Williams (1994) als Nachfolger des verunglückten Senna lehnte er dankend ab!

"Im Nachhinein muß ich sagen, das es sehr schön ist, Teamkollege von ihm gewesen zu sein, weil es über Nelson so viele abendfüllende Geschichten zu erzählen gibt" (Michael Schumacher, 2002)

Bei Benetton erlebte er dank eines Deutschen dunkle Zeiten. - Foto: Sutton

Auch die Geschichte seiner Karriere ist noch nicht zu Ende geschrieben. Nelson versprach seinen Fans noch einen Auftritt beim wohl traditionsreichsten Rennen der Welt, dem Indy 500. 1992 wollte er dieses Versprechen einlösen, doch ein schwerer Unfall im Training verhinderte einen möglichen Start. Sein Menard – Lola raste mit 350 km/h in eine Betonmauer, Nelson wurden neben einer Gehirnerschütterung beide Unterschenkel zerschmettert. Er schien am Ende seiner brillanten Karriere angekommen zu sein, aber nach einem langen schmerzhaften Genesungsweg (8 Operationen) stand er ein Jahr später mit Startplatz 13 erneut auf der Bahn von Indianapolis, mußte aber nach einigen Runden aufgeben. In den folgenden Monaten managte er den F 3000 – Piloten Olivier Beretta. Seine weiteren Auftritte im GT - und Tourenwagensport waren eng mit BMW verknüpft, der Spaß stand dabei natürlich im Vordergrund. Beim 1000 Meilen Rennen 1994 in Interlagos erreichten Cecotto/Hoffmann/Piquet einen vierten Platz. Bei den 24 Stunden von Spa 1995 wurden Burgstaler/Duez/Piquet Zweiter und in Le Mans 1996 Cecotto/Sullivan/Piquet Achter. Imgleichen Jahr gewann der Brasilianer auch drei Rennen in seiner Heimat, ebenfalls mit Cecotto in Curitiba und Rio, sowie die 1000 Meilen in Brasilia. Ein weiterer LeMans – Autritt mit Stuck/Lehto endete im Kies. 1997 folgte mit Cecotto/Winkelhock ein zweiter Platz bei den 24 Stunden von Spa. 2000 gewann er dann nochmals die 1000 Meilen von Brasilia.

"In zwei Jahren werde ich mehr verdienen als Michael Schumacher"

Nelson Piquet ist auch ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Es ist wohl unmöglich, alle Projekte aufzuzählen, hier aber ein Teil seiner Tätigkeiten. Er begann mit einer Pirelli – Reifenvertretung in Brasilia, einem Autohaus für Suzuki – Fahrzeuge, baute einen Mercedeshandel auf, verkaufte synthetisches Öl aus Italien und hat in Madison ein Geschäft mit Freizeitkleidung, sowie eine Agentur in Monaco, die alle Aktivitäten koordiniert. 210 Angestellte arbeiten gegenwärtig für Autotrac, sein selbstentwickeltes Satellitensystem für Lastwagen und Schiffe. Er kümmert sich auch um die brasilianische Motorsportszene, unterstützt/e dabei junge Fahrer (Rubens Barrichello, Christian Fittipaldi, Bruno Junqueira, Mario Haberfeld, Felipe Giaffone usw) auf den Weg nach Europa. Ein Flugplatz in Brasilia und die GP – Strecke in Rio tragen seinen Namen. Eng verbunden ist Nelson auch mit dem Fußballclub Vasco da Gama und der Sambaschule "Salgueiro" (beides Rio). Welche Tätigkeit er dort ausübt, ist mir leider nicht bekannt.

"Wenn einer meiner Söhne in die Formel 1 will, werde ich ihn mit aller Kraft unterstützen"

Nelson Piquet Jnr. setzt derzeit die Tradition fort. - Foto: Sutton

Nelson pflegt eine freundschaftliche Beziehung zu den ehemaligen Berufskollegen Niki Lauda, Emerson Fittipaldi, Ingo Hoffman, Eddie Cheever, Riccardo Patrese, Raul Boesel, Roberto Moreno, Jean Alesi und viele andere. Nigel Mansell und Ayrton Senna zählten hingegen nie zu seinen Favoriten. Freunde, Heimat und Familie sind natürlich sehr wichtig im Leben des Südamerikaners. Er hat 7 (?) Kinder (Geraldo, Nelson jr, Kelly, Laszlo, Julia, Pedro, Estacio) von 4 oder 5 Frauen und lebt mit Viviane Leao, die er inzwischen vermutlich geheiratet hat, in Brasilia. Diese Angaben sind zur Sicherheit ohne Gewähr, denn die Dunkelziffer ist bekanntlich oft viel höher. Auf Nelson Angelo jr. will ich noch ein wenig näher eingehen. Er wurde als Kind von Sylvia und Nelson am 25. Juli 1985 in Deutschland geboren, holte von 1997 bis 2000 alle wichtigen brasilianischen Kart – Titel und versucht sich nun mit ersten Erfolgen im Formel 3 – Sport. An Talent scheint es Nelson jr. nicht zu fehlen und so wird wohl auch in Zukunft ein Piquet ganz oben im Motorsport mitmischen. Nelson ist schon jetzt mächtig stolz und will zusammen mit seinen Sohn die englische Formel 3 – Szene zurück erobern.....