Formel 1 / Historisches

Alex Zanardi - Privatmann und Rennfahrer

Alex Zanardi lehrt uns nicht nur, wie man mit einem Rennwagen umgeht, sondern auch mit seinem Schicksal.
von Tom Distler

Motorsport-Magazin.com - Das Schicksal geht oft grausame Wege und macht auch vor dem Motorsport nicht halt. Beim American Memorial (German 500) verunglückte Alex Zanardi schwer und befindet sich in sehr kritischem Zustand. Unsere Gedanken sind in dieser schweren Stunde auch ganz besonders bei Alex, seiner Frau Daniela und der ganzen Familie, denen wir viel Kraft und alles erdenklich Gute wünschen.

Alex sagte einmal: "Glücklicherweise versuche ich immer positiv zu denken, Hoffnung und Kraft helfen mir, kritische Momente zu meistern". Möge er auch diese schwere Situation meistern können.

So kennen und lieben die Fans Alessandro Zanardi. - Foto: Sutton

Wir haben in der Vergangenheit viele Piloten bewundert, die uns mit ihren Leistungen, ihrem Einsatz, ihrer Ausstrahlung, auf und neben der Piste begeistern konnten. In den letzten Jahren möchten wir hier ganz besonders jenen Alex Zanardi erwähnen, der mit seiner Herzlichkeit, Leidenschaft zum Beruf und sportlichen Leistung ein wichtiger Botschafter des internationalen Motorsportes wurde.

Darum blicken wir an dieser Stelle auf die Person Zanardi und auf die wechselhafte, aber erfolgreiche Karriere des Italieners zurück.

Alex ist ein sehr heimatverbundener und naturliebender Mensch. Geboren am 23.10.66 in Castelmaggiore (Bologna), liegt natürlich die Vorliebe für italienische Küche nahe. Sogar in amerikanischen Talkshows gab Alex einige Pasta - Rezepte seiner Mutter und Großmutter durch. Auf die Gesellschaft seiner alten Freunde legt Alex bei Heimatbesuchen sehr viel wert. Eine Leidenschaft des Hobby - Navigators ist das Bootfahren und Tauchen im Meer. Auch Fischen und Modellflugzeuge zählen zu seinen Freizeitbeschäftigungen. Während Sport treiben und Gedanken sammeln in der freien Natur seine "Ausbildung des Geistes wurde", zieht Alex im Winter das Skifahren vor. Alex hat Wohnsitze in Italien, Monaco und Miami. Privat fährt/fuhr er einen BMW M 5, Honda NSX oder Honda CRU, womit wir bei seiner Karriere angelangt wären.

Auf dem EuroSpeedway Lausitz wurde alles anders... - Foto: Sutton

Diese begann 1980 mit mittelmäßigen Go-Karts, die Alex "vergnügungshalber" fuhr. Aus Spaß wurde Leidenschaft und nach Gewinn von 2 italienischen Meisterschaften holte er sich auch den Europameisterschaftstitel (5 Siege). Mit "wenig Geld und viel Verlangen" konnte Alex in der italienischen Formel 3 von 1988 - 90 einen Vizetitel einfahren, stand in Monaco auf Pole und gewann den Eurocup für Formel 3-Fahrzeuge in Le Mans 1991 dominierte der Italiener (2 Siege) im Barone Rampante Team die Formel 3000-EM. James Hunt und Gerhard Berger wurden damals große Fans von ihm. Im Laufe der Saison kam ein Formel 1-Angebot, von Jordan ins kalte Wasser geworfen, wurde er zweimal Neunter und fiel einmal aus.

Beim ersten GP in Barcelona musste Alex dringend zur Toilette (konnte aber nicht) und vermied es daher, über die Kerbs zu fahren. Im Warm up von Suzuka überholte er mit vollem Tank den verdutzten Alain Prost (Ferrari) außen in der Schikane.

Trevor Foster (Teamchef Jordan): "Wir spürten, das Alex genau so schnell wie Michael war", nur zeigen konnte er es leider nicht und auch den Formel 3000-Titel staubte Christian Fittipaldi mit 5 Punkten Vorsprung ab.

In der F1 kam Alex nicht zurecht. - Foto: Sutton

Für 1992 war Alex mit Ken Tyrrell fast einig, ehe Andrea de Cesaris kurzfristig vorgezogen wurde. Es blieb der Testfahrerjob bei Benetton. Bei einem Fitnessprogramm in Paul Ricard rannten die Fahrer um den Kurs und Alex zog kurz vor Schluss das Tempo an, denn "Michael hasst es geschlagen zu werden".

In Hockenheim gab es ein kurzes Gastspiel bei Minardi. Zanardi qualifizierte sich 2 Plätze vor Teamkollege Morbidelli und schied nach einer Runde aus. Zanardi war damals sehr schüchtern und sprach kaum Englisch. Journalist Boccafogli vermittelte ein Treffen mit Peter Collins von Lotus. Seine Freundin Daniela Manni (heute Zanardi) übersetzte und man einigte sich mit dem Lotus - Direktor auf einen Einjahresvertrag für 1993.

Collins: "Den Grund warum wir Alex holten, war die unglaubliche Klarheit im Denken bei technischen Fragen in unserem Gespräch". Zanardi war ein Fahrer mit sehr großen Technikkenntnissen, der in Europa unterschätzt wurde. Ein 6. Platz in Brasilien sollte sein bestes Ergebnis bleiben und anschließend ging es mit Lotus abwärts. Nach 11 GPs und einen schwereren Trainingsunfall in Spa ("Ich hätte sterben können"), war die Saison für Alex beendet. Mit seinem Teamkollegen Johnny Herbert verband Alex eine Freundschaft und nach seinem Testfahrerjob durfte Zanardi ab Barcelona 1994 wieder für Lotus fahren, der Erfolg blieb aber weiter aus und Geld fehlte bei der Entwicklung. Geplante Testfahrten wurden gestrichen und als Team Lotus Ende der Saison seinen Rücktritt bekannt gab, stand der Italiener ohne Cockpit da. 1995 bestritt er einige Sportwagenrennen in der britischen BPR-Meisterschaft (GT-Sieg in Silverstone) auf einem Lotus und das Porsche-Super-Cup-Rennen in Imola. Peter Collins vermittelte ihn darauf an den amerikanischen Rennstallbesitzer und Ex-Pilot Chip Ganassi.

The Pass machte Alex in Laguna Seca zur Legende. - Foto: Sutton

Ganassi: "Ich hab diesen Italiener einen Vertrag gegeben, weil er so sympathisch war" und bei der Testfahrt natürlich überzeugte. Renningenieur Mo Nunn (Ensign - Gründer)war nach anfänglicher Skepsis ebenfalls begeistert. Die CART - Serie 1996 war sein letzter Strohhalm und auch der Stern Zanardi beginnt endlich hell zu leuchten. Alex wird "Rookie of the Year" mit 6 Poles / 3 Siegen (Portland, Mid Ohio, Laguna Seca) und Dritter in der Meisterschaft.

Beim vorletzten Lauf in Vancouver wurde Alex in Führung liegend von Nachzügler P.J. Jones abgeschossen, sonst hätte der PPG-Champion wohl damals schon Alex Zanardi geheißen.

Sein unbändiger Siegeswille macht selbst Unmögliches möglich: Legendär sein Überholmanöver beim Saisonabschluss in Laguna Seca. Wie ein Schatten folgte er den Führenden Brian Herta, bis in die letzte Runde. In der Corkscrew (Korkenzieher - Kurve) schoss er innen in den Abgrund, flog über die Kerbs, schnitt den Ausgang, haarscharf an einer Mauer vorbei und kam vor Herta zurück auf die Bahn.

Auch in Long Beach 1998 überrumpelt er Herta nochmals, bereits überrundet und mit verbogenem Auto, ging Zanardi dennoch als erster durchs Ziel. Sein Markenzeichen nach Siegen wurden Donuts, um seine Anspannung rauszulassen. "Ich liebe es einfach, manchmal Unsinn zumachen."

1997 wurde Zanardi mit 5 Siegen (u.a. Road America, Mid Ohio) CART-Meister. In Cleveland wurde er durch 2 Stopp and Go - Strafen auf Rang 22 zurückgeworfen und gewann das Rennen dennoch. Sein erstes Ovalrennen gewann der "aggressive" Italiener ausgerechnet auf der "Geduldsstrecke" in Michigan beim US 500.

Mittlerweile dreht Alex wieder seine Runden in der FIA WTCC. - Foto: Sutton

Ingenieure schwärmten: "Alex versteht mehr über die Technik von Rennautos als Prost und Senna zusammen" Der Franzose versuchte vergeblich, Zanardi bereits 1998 in die Formel 1 zu locken.

Zanardi: "Als Sieger schläftst Du gut und bleibst ein netter Mensch" 1998 verteidigte der Italiener in überlegener Manier seinen Meistertitel mit 7 Siegen (Long Beach, Detroit, Portland, Cleveland, Toronto, Surfers Paradise,..) und bekam Formel 1 - Angebote von Ferrrari, BAR und Williams. Chip wollte ihn mit einem "überdimensionalen Scheck" halten, doch eine alte Rechnung mit der Formel 1 war noch offen...

Zanardi: "Es wäre schön mit meiner Familie in der Heimat zu sein und meinen Sohn Niccolo in Italien aufwachsen zu lassen." 1999 ging der "Hoffnungsträger" von Bernie Ecclestone zu Williams. Viele sprachen von Charme, Charisma und Spass, das mit Alex wieder in die Formel 1 zurückkam. Alex Zanardi wollte GP´ s gewinnen, aber "diese Autos" waren viel diffiziler zu fahren als die CART - Autos. Linksbremsen, halbautomatisches Getriebe und Rillenreifen machten Alex schwer zu schaffen.

Er konnte nur selten glänzen (z.B.Monza), die Saison wurde zum Desaster (0 Punkte) und so trennte man sich nach einem Jahr wieder. Alex war glücklich, keinen Williams mehr fahren zu müssen, denn "ein Debakel mit dem elektronischen System", technische Missverständnisse und fehlendes Vertrauen machte Erfolg unmöglich.

Nach einem Jahr Rennpause musste Zanardi, der mit viel Ergeiz in Formel 1 zurückgekehrt war, wieder von vorne anfangen und entschied sich für ein Comeback 2001 in der CART-Serie.

Mo Nunn hatte inzwischen ein eigenes Team gegründet und so lag ein Engagement bei Mo Nunn-Racing nahe. Die Saison begann durchwachsen, das Team war noch nicht allzu Konkurrenzfähig und Freund Max Papis drehte inzwischen nach Siegen die Donuts. Zanardi: "Ovals sind sehr gefährlich, wir fahren da mit extrem hoher Geschwindigkeit und wenn etwas an der falschen Stelle passiert, kann dich das dein Leben kosten."

Beim German 500 schien man endlich die richtige Abstimmung gefunden zu haben und nach dem 22. Startplatz (gestartet wurde nach Meisterschaftsstand) war Alex nicht mehr zu halten und fuhr wie in seinen besten Zeiten. Alex lag in Führung, alles war angerichtet für ein gelungenes Comeback, ehe das Schicksal seinen Lauf nahm...


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