Exklusiv
Formel 1 - Interview - Felipe Massa: Darum bin ich zurückgekommen

Ich bin mehr Teamplayer als Schumacher

Der Rücktritt vom Rücktritt: Felipe Massa verrät im Exklusiv-Interview, warum er 2017 doch noch Formel 1 fährt - und 2018 womöglich auch.
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Motorsport-Magazin.com - Ich weiß nicht, ob du dich noch an unser letztes Interview beim Brasilien GP erinnerst. Wir haben eine Bildergeschichte über deine Karriere gemacht. Heute habe ich nur ein Foto für dich. Was denkst du, wenn du dieses Bild [siehe oben] jetzt siehst?
Felipe Massa: Ich denke, das war ein Moment, in dem mir so viele Emotionen gleichzeitig durch den Kopf gegangen sind. Alles, was ich erlebt habe. Alles, was ich gelernt habe. Meine ganze Lebenserfahrung, meine ganze professionelle Erfahrung. Und das alles an einem der wichtigsten Orte für mich überhaupt - in meinem Land. Der Ort, an dem für mich alles angefangen hat und der Ort, an dem ich eigentlich 'Bye, bye!' gesagt habe. Da sind mir so viele Dinge im Kopf herumgeschwirrt. Es war unmöglich, da nicht emotional zu werden. Es war unmöglich, meine Emotionen zu verstecken. Und es ist unmöglich, das jemals zu vergessen. Einer der unglaublichsten Momente, die ich in meinem Leben erlebt habe - all die Leute, die sich nur für mich erhoben hatten. All die Fans, aber auch all die Leute im Paddock, mit denen ich in der Formel 1 gearbeitet habe. Es ist definitiv ein Bild, ein Moment, den ich niemals vergessen werden.

Was denkst du heute über diesen Moment? Nachdem, wie es dann alles ausgegangen ist. Dass du in die Formel 1 zurückgekommen bist ...
Felipe Massa: Nun ... am Ende tue ich, was ich liebe. Ich mache genau das, wovon ich immer geträumt habe. Ich bin einfach hier, weil ich die Gelegenheit bekommen habe weiterzumachen. Mit diesem Team, das mich wirklich respektiert. Ein Team, für das ich, wie ich glaube, wichtig sein kann und meinen Teil dazu beizutragen kann, dass es sich verbessert. Ich glaube, dass ich wichtig bin. Das ist wirklich schön. Es ist ein großartiges Gefühl, genau das tun zu können, was ich tun möchte und was ich genieße. Und ich habe noch immer jede Menge Spaß dabei! Solang ich dieses Gefühl habe - wieso sollte ich aufhören?

Ich habe gesagt, dass ich aufhöre, weil ich keine Gelegenheit mehr habe, weiter Rennen auf die Art zu fahren, wie ich es will. Aber dann habe ich doch noch die Chance bekommen.
Felipe Massa

Denkst du, dass du da vielleicht von manchen Leuten einfach falsch verstanden wurdest? Weil du selbst nie gesagt hast, dass du mit der Formel 1 aufhören willst?
Felipe Massa: Ich habe gesagt, dass ich aufhöre, weil ich keine Gelegenheit mehr habe, weiter Rennen auf die Art zu fahren, wie ich es will. Aber dann habe ich doch noch die Chance bekommen, so Rennen so fahren, wie ich es mir erhoffe. Das habe ich immer gesagt - seit langer Zeit. Ich habe sogar zu Beginn meiner Zeit bei Williams gesagt, ich fahre hier für ein Team, das ich mag. Ich bin hier, um etwas zu tun, das ich wirklich richtig genieße. Wenn das einmal nicht mehr so sein wird, dann werde ich mich entscheiden, aufzuhören. Und deshalb habe ich mich dann entschieden, aufzuhören.

Und dann gibt es ja noch die neuen Autos. Das diesjährige Auto scheint Felipe Massa sehr viel mehr zu liegen als die Autos der vorherigen Jahre. Im letzten Interview hast du gesagt, dass man es durchaus so sehen kann, dass du nach deinem Unfall in Ungarn nicht mehr gewonnen hast. Aber man kann auch sagen, dass du kein Rennen mehr gewonnen hast, nachdem sich die Regeln nach 2009 dramatisch verändert haben. Jetzt kommen wir wieder dahin zurück, wo die Autos vorher waren - mit so viel Downforce, viel mehr Grip.
Felipe Massa: Naja - ich hätte schon ein Rennen gewinnen können. Aber das Team hat es mir nicht erlaubt. Aber tatsächlich habe ich es nie richtig gewonnen. Aber ja, auf jeden Fall: Es ist so, wie du sagst. Du kannst dieses Auto jetzt wieder wie ein richtiger Fahrer bewegen, nicht wie eine Oma. Du weiß, was ich meine ... Du fährst viel aggressiver, kannst pushen. Das ist mir viel lieber, mein Fahrstil passt viel besser zu dieser Art von Regeln. Das habe ich in der Vergangenheit ja gezeigt als die die Regeln schon einmal von dieser Machart waren. Ich bin sehr happy damit und kann einen guten Job machen.

Hockenheim 2010 - es hätte Massas bislang letzter Sieg sein können - Foto: Sutton

Ich fühle mich konkurrenzfähig. Ich fühle, dass ich einen guten Job machen kann, wichtig sein kann. Ich fühle, dass ich auf jeden Fall einen sehr konkurrenzfähigen und wichtigen Job mache - sowohl was das Fahren als auch das Arbeiten angeht. Und ich bin sicher, dass ich wichtig für das Team bin. Wenn ich das nicht mehr sehe und spüre, dann - da kannst du sicher sein - würde ich mich entschließen, aufzuhören.

Du sagst, viel aggressiver. Geht es da mehr um das Auto an sich oder eher um die Reifen?
Felipe Massa: Beides. Wenn du mehr Downforce hast kannst du auch die Reifen besser zusammenhalten. Aber auch die Reifen sind größer, du hast mehr mechanischen Grip und kannst sie viel härter rannehmen.

Von deinem alten Teamkollegen Fernando Alonso haben wir zuletzt ein paar Sprüche gehört wie 'das war das beste Qualifying meines Lebens' oder 'das beste Rennen meines Lebens' und so weiter. Würdest du sagen, dass wir in der Formel 1 gerade auch den besten Felipe Massa sehen?
Felipe Massa: Ich sage ja, dass ich einen richtig guten Job machen. Ich bekomme es hin, das Auto auf perfekte Art zu fahren. Wie gesagt: Ich bin sehr zufrieden damit, was mir gerade gelingt. Das ist genug.

Es gibt so viele junge Fahrer, die jetzt gerade angefangen haben und zu kämpfen haben.
Felipe Massa

Macht dich Erfahrung zu einem besseren F1-Fahrer?
Felipe Massa: Ich denke schon. Wenn ich mich so erinnere: Als junger Fahrer hast du in jeder Runde das Qualifying im Kopf. Aber wenn du erfahrener wirst, verstehst du die Dinge besser. Du wirst besonnener und kennst das Auto einfach besser. Du weißt besser, was du in verschiedenen Situationen tun musst. Du weißt, dass die Qualifying-Runde im Qualifying stattfindet. Und manchmal ist die ordentliche Qualifying-Runde nicht in Q1, sondern in Q3. Du weißt einfach so viele Dinge. Wenn du dies machst, weißt du, dass jenes passiert - beim Setup. Da gibt es einfach so viele Dinge, die du erst einmal verstehen musst. Die Erfahrung hilft dir da, sie hilft dir, keine Zeit zu verlieren. Aber natürlich: Wenn du jung bist, schnell bist und Qualfying fährst, dann kannst du da auch schnell sein. Keine Frage. Aber schnell sein ist nicht genug. Du musst schnell sein und die Dinge fast die ganze Zeit richtig hinbekommen. Es gibt so viele junge Fahrer, die jetzt gerade angefangen haben und zu kämpfen haben. Aber sie sind eigentlich schnell! Da hilft dann einfach irgendwann die Erfahrung, die Dinge ordentlich und perfekt hinzubekommen.

Felipe Massa hat sich also stark entwickelt über die Zeit. Wie denkst du, hat sich die Formel 1 über die Jahre verändert? Wie würdest du die Entwicklung der F1 von Beginn deiner Karriere an bis heute beschreiben?
Felipe Massa: Ich denke, in der Formel 1 war es sehr ruhig. Sie hat über Jahre nicht die richtigen Veränderungen vorgenommen. Ich spreche da nicht über die Autos - die Autos haben sich sehr oft und viel verändert. Es geht mir mehr darum, dass sich die Welt verändert hat und die Formel 1 ihr nicht gefolgt ist. Das geht jetzt nicht gegen Bernie, denn Bernie ist ein großes Talent, ein Genie. Aber jetzt sehe ich mit all den Änderungen und den neuen Besitzern dieses Jahr, dass die Formel 1 beginnt der Welt zu folgen. Sie beginnt sich zu verändern. Und das brauchen wir. Wir müssen etwas verändern. Ich habe in Barcelona so viele Dinge gesehen. Das war schon klasse. Der Roboter, die Game Zone, Leute, die geflogen sind, die Kinder, selbst die Bilder von den Fahrern überall, Social Media. So viele Dinge, so viele Ideen. Da kann viel wachsen, man kann noch viel verbessern. Wenn du Coca Cola kaufst, musst du nichts machen. Wenn du die Formel 1 kaufst, musst du viel machen. Ich denke, sie können viel verändern. Veränderungen, die die Leute viel mehr für die Formel 1 interessieren werden. Genau das brauchen wir!

Massa-Stroll wie Schumacher-Massa

Du hast mit Lance Stroll einen jungen und unerfahrenen Teamkollegen. Du hast gesagt, die Situation erinnert dich gerade ein bisschen daran, wie es damals mit dir und Michael Schumacher bei Ferrari war. Wo genau kannst du wie ein Lehrer für ihn sein?
Felipe Massa: Ich bin viel offener mit Lance als Michael es damals mit mir war. Besonders, als ich angefangen habe, konkurrenzfähig zu werden und seinen Rundenzeiten näher zu kommen, dann hat er angefangen, die Dinge vor mir zu verbergen. Aber es war immer sehr eng mit Michael. Für mich bleibt er immer mein Lehrer. Ihm hat das auch gefallen. Er hat mir schon alles mitgegeben, was ich nur verlangen konnte. Und Lance ... ich kenne ihn seit er sieben oder acht Jahre alt war. Ich habe ein gutes Gefühl, was ihn angeht. Ich hoffe, dass ich ihm alles beibringen kann, was möglich ist.

Aber das sagst du jetzt doch auch nur, weil du vor ihm bist! Wenn er auch näher kommt, dann ...
Felipe Massa: Nein, das ist nicht wahr. Du kannst auch Valtteri fragen oder so viele andere Fahrer.

Ja, war ja auch nicht ganz ernst gemeint.
Felipe Massa: Yeah, schon klar! (lacht)

Denkst du in dieser Situation daran, dass in der Formel 1 Fahrercoaches Sinn machen würden? In der MotoGP sind Rider Coaches ja ganz normal. Könntest du dir sowas für dich nach deiner Karriere als Fahrer auch in der Formel 1 vorstellen?
Felipe Massa: Ich als Coach? Nein. Nur wenn es mein Sohn sein sollte. Nein, ich kann ihm jetzt helfen. Aber ich würde das nicht als richtigen Job machen, als Coach. Die Dinge können sich ändern, aber ich bin da nicht so sicher, ob das mal mein Job wird in Zukunft.

Klar!
Massa auf die Frage, ob er auch 2018 noch F1 fahren könnte

Wo wir schon über die Zukunft sprechen: So ein bisschen haben wir natürlich auch schon 2018 im Kopf. Falls du die Möglichkeit hast, weiter Formel 1 auf die Art zu fahren wie du es willst, wie du beschrieben hast, kannst du dir vorstellen, wieder dabei zu sein?
Felipe Massa: Klar! Wenn ich die Gelegenheit bekomme es auf die richtige Weise zu machen und immer noch der Meinung bin, dass ich einen guten Job mache, wirklich in der richtigen Verfassung bin, dann werde ich es machen, natürlich.

Ist nur Williams der richtige Ort dafür oder gehen dir auch andere Optionen durch den Kopf?
Felipe Massa: Natürlich genieße ich es hier. Williams wächst ja gerade wieder sehr. Die Mentalität des Teams, die Arbeitsweise ist jetzt wieder viel besser als es in der Vergangenheit war. Ich sehe, dass Williams da noch weiter nach vorne kommen kann. Aber Dinge ändern sich, warten wir mal ab.

Beim FIFA-Zocken ist Massas Sohn Felipinho schon eine Macht - Foto: Williams

Du hast deinen Sohn schon erwähnt beim Thema Driver Coach. Wir haben ja gerade eine Menge junger Talente. Max Verstappen, der von seinem Vater gecoacht wurde, Mick Schumacher, der im Motorsport Fuß fasst. Was ist mit deinem Sohn? Wir haben ja schon dieses Rennen mit Daniel Ricciardo gesehen ...
Felipe Massa: Hmm ... Was ich sagen kann: Er hat ein sehr ausgeprägtes Talent für Sport allgemein. Egal, was er tut. Wenn er Fußball spielt, dann macht er das sehr gut. Besser als die anderen Kinder im selben Alter in der Schule. Wenn du dir anschaust, wie er Tennis spielt. Er lernt auch das sehr schnell. Er hat null Angst. Er fährt Roller - total verrückt. Als ich ihn mal zum Go-Kart mitgenommen habe, hat er auch großes Talent bewiesen. Er ist gut im Sport, sehr, sehr konkurrenzfähig. Wenn wir FIFA spielen - eins gegen eins - dann will ich gegen ihn gewinnen und er gegen mich. Es ist wie ein großer Kampf! Er hat das Talent. Aber ob er ein Fahrer werden wird hängt von ihm ab, nicht von mir. Ich werde ihm helfen so gut ich kann - als Vater. Aber er muss entscheiden, was er machen möchte. Und ich bin hier, um ihm als Vater zu helfen. Aber klar - falls er Fahrer werden will, werde ich ihm helfen und ihm alles beibringen, was ich kann, damit er seinen Job auf der Strecke so gut wie möglich hinbekommt.

Manche Eltern sagen ja, dass sie ihre Kinder nicht im Rennauto sehen wollen, weil es so gefährlich sei. Hast du da keine Angst?
Felipe Massa: Natürlich habe ich da Angst. Wenn ich ihn zum Go-Kart bringe dann habe ich manchmal ein bisschen Angst um ihn. Er ist ja noch so klein. Aber es ist wichtig, dass er entscheidet, was er machen möchte. Wenn das seine Entscheidung ist, dann werde ich ihm helfen es richtig zu machen. Was auch immer er machen will. Ob es Go-Kart ist oder etwas anderes.


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