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DTM / Hintergrund

DTM 2021 für Insider: BoP-Bilanz, BMW-Benzin, Transponder-Trick

Von der ersten Bilanz zur Balance of Performance über Transponder-Tricks bei Abt bis zu falschem Sprit bei BMW: Was hinter den Kulissen der DTM los war.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Viel los beim Start zur DTM-Saison 2021 in Monza! Von der ersten Bilanz zur Balance of Performance über Transponder-Tricks bei Abt bis zu 'falschem' Sprit bei BMW: Bei unseren Recherchen direkt vor Ort wurden durchaus interessante Details aufgedeckt, die bisher noch unbekannt waren und auf Rückfrage von den Verantwortlichen bemerkenswert offen und ehrlich kommuniziert wurden.

Auch der neue DTM-Technikpartner AVL, ein unabhängiges österreichisches Unternehmen für die Entwicklung, Simulation und Prüftechnik von Antriebssystemen mit Hauptsitz in Graz, hat gegenüber Motorsport-Magazin.com ausführlich Stellung bezogen.

DTM-Inside 1: Die Balance of Performance

Das Thema BoP ist so hochkomplex, dass es auch für Experten und Insider nicht leicht ist, die richtigen Schlüsse aus den Entscheidungen zu ziehen. Unterschiedliche Konzepte wie Front- oder Mittelmotor, Turbo oder Sauger, acht oder zehn Zylinder, sollen per Einstufung ein vergleichbares Niveau erreichen.

"Das Fundament der Simulation bieten die virtuellen Modelle von allen Fahrzeugen der in der DTM vertretenen Hersteller/Marken", erklärt die AVL gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Diese virtuellen Modelle wurden bereits vor dem ersten Test in Hockenheim mit Hilfe aller verfügbaren Daten, die das Fahrzeug charakterisieren - beispielsweise Aerodynamik, Motorleistung, Radstand, etc. - erstellt."

"Im Zuge der offiziellen DTM-Testfahrten in Hockenheim und auf dem Lausitzring wurden die virtuellen Modelle weiter verfeinert und mit den realen Daten verglichen. Dabei wurde so weit wie möglich berücksichtigt, welche Testprogramme die Teams absolvierten und wie weit das wahre Potenzial aufgedeckt wurde oder nicht."

Auch für die AVL wenig überraschend, hat jedes Team erwartungsgemäß erst im Qualifying zum ersten Rennen in Monza erstmals das volle Potenzial der GT3-Sportwagen aufgedeckt. Dabei sei laut dem Dienstleister zu berücksichtigen, dass Monza als Hochgeschwindigkeitsstrecke eine größere Herausforderung an die BoP stellt, als auf jeder anderen Rennstrecke im DTM-Kalender.

Wie fällt das Fazit der Verantwortlichen bei AVL nach der Feuertaufe der DTM, die in Monza mit einem neuen Reglement und neuen Autos in eine neue Ära mit GT3-Sportwagen gestartet ist, aus?

"In der Summe war die AVL mit ihren Simulationsdaten für das erste Wochenende in Monza sehr zufrieden, sodass letztlich nur wenige nachträgliche Anpassungen der BoP durchgeführt werden mussten. Ein Beispiel, die die erfolgreiche Einstufung der Fahrzeuge untermauert: Im Qualifying am Samstag lagen zwar vier Mercedes-AMG auf den ersten vier Plätzen, aber von Platz vier bis Platz neun waren sechs Piloten mit Fahrzeugen von vier Marken um weniger als eine Zehntelsekunde getrennt."

Die BoP sei am Wochenende in Monza zwei Mal angepasst worden, was übrigens nur bei den ersten drei Rennwochenenden möglich ist: nach dem ersten Qualifying und nach dem ersten Rennen. Das erste Rennen am Samstag war grundsätzlich ein gutes, spannendes Rennen, dennoch wurde am Samstagabend die BoP noch einmal etwas nachgeschärft.

So kam es dann, dass im Qualifying zum zweiten Rennen am Sonntag sogar die ersten 17 Fahrzeuge innerhalb von weniger als einer Sekunde lagen. Der Wettbewerb war also an beiden Tagen eng. Und weil alle fünf vertretenen Hersteller im Qualifying am Sonntagmorgen unter den Top-6 vertreten waren, erschien der AVL eine weitere Anpassung nicht mehr erforderlich.

DTM Monza: Sonntags-Qualifying (Top-6)

Position Fahrer Marke Rückstand
1 Kelvin van der Linde Audi -
2 Liam Lawson Ferrari + 0,078
3 Sheldon van der Linde BMW + 0,230
4 Nico Müller Audi + 0,234
5 Esteban Muth Lamborghini + 0,245
6 Vincent Abril Mercedes-AMG + 0,248

Bezüglich der Vierfach-Pole von Mercedes am Samstag fand die AVL: "Eine augenscheinliche Dominanz von Mercedes lässt sich natürlich auch dadurch erklären, dass sie eindeutig die größte Anzahl von Autos im Feld haben. Mercedes stellt gleich viele Fahrzeuge (7) im Starterfeld wie BMW, Ferrari und Lamborghini zusammen."

Diese Tatsache hat sich im zweiten Rennen aber nicht erneut in Zahlen widergespiegelt. In die Punkteränge eins bis zehn haben es alle Marken und immerhin auch acht verschiedene Teams geschafft.

DTM Monza: Sonntags-Rennen als Zusammenfassung: (02:54 Min.)

DTM-Inside 2: BoP für Autos mit Space Drive

Drei Fahrzeuge im DTM-Starterfeld 2021, ein Audi (#99 Sophia Flörsch), ein BMW (#16 Timo Glock) sowie die Mercedes-AMG (#18) von Maximilian Buhk respektive Gary Paffett sind mit dem innovativen Space-Drive-System ausgerüstet, fahren also ohne mechanische Lenksäule, dafür aber mit viel Elektronik. Wie ist der Gewichtsnachteil dieses Systems, der nach Informationen von Motorsport-Magazin.com rund 30 Kilogramm beträgt, über die BoP ausgeglichen worden?

"Der systembedingte Gewichtsnachteil dieser drei Fahrzeuge, welche mit dem Steer by Wire-System ausgestattet sind, wurde basierend auf den Erkenntnissen der Pre-Season-Tests in Hockenheim und auf dem Lausitzring zu einem angemessenen Anteil ausgeglichen", teilte die AVL mit.

Die Einschätzung der ITR wird auch von Klaus Graf, Ex-Rennfahrer und Mitglied der Geschäftsleitung von Schaeffler Paravan bestätigt, der zu Motorsport-Magazin.com sagte: "Diesbezüglich standen wir schon sehr früh mit der ITR im Dialog und sind mit der BoP-Entscheidung zufrieden. Unser Ziel, einen Top-10-Platz zu erreichen, haben wir schon im ersten Rennen (mit P7 durch Maxi Buhk; d. Red.) realisiert. Die Konkurrenzfähigkeit der Fahrzeuge, die mit unserem System fahren, im Vergleich zum restlichen Teilnehmerfeld, ist gegeben."

Sophia Flörsch startet mit einem Space-Drive-Audi in der DTM - Foto: Hoch Zwei

DTM-Inside 3: Die verkürzte Renndistanz

Im Vorfeld des DTM-Saisonstarts in Monza wurde bekannt, dass die ITR die ursprünglich geplante Renndistanz um mehr als fünf Minuten verkürzt hat. "Es hat sich in Monza bestätigt, dass es hinsichtlich der Sicherheit aller Teilnehmer sinnvoll war, die Renndauer auf 50 Minuten zu begrenzen, denn bei der normalen Dauer von 55 Minuten plus eine Runde wäre es kritisch geworden - das wurde mit der Änderung der Renndauer erfolgreich verhindert", erklärte die AVL.

Diese Entscheidung erwies sich als Volltreffer, denn in Monza blieb kein einziges Fahrzeug in der letzten Runde stehen oder musste das Rennen im Schleichtempo beenden. Genau das wäre aber nach Informationen von Motorsport-Magazin.com geschehen, wenn statt der gefahrenen 28 Runden nur ein einziger Umlauf mehr gefahren worden wäre.

DTM-Inside 4: Sprit-Rätsel um BMW

Die beiden BMW-Teams ROWE Racing und Walkenhorst hatten hinsichtlich des Kraftstoffverbrauchs ihrer drei BMW M6 GT3 einen signifikanten Nachteil. Aber warum war von den insgesamt fünf teilnehmenden Marken #nur BMW von diesem Problem betroffen?

"Motoren reagieren unterschiedlich sensibel auf den Oktan-Wert des Kraftstoffes, der die Klopffestigkeit des Kraftstoffes angibt. Diese Klopffestigkeit ist mitentscheidend für die maximalmögliche Verdichtung eines Motors, die wiederum die Leistung maßgeblich beeinflusst. Gemäß Reglement wird in der DTM Kraftstoff mit 100 Oktan verwendet. Diesbezüglich ist der AVL zunächst ein Fehler unterlaufen, da in der BMW-Simulation ein Oktan-Wert von 102 vorgegeben war, was aber schnell korrigiert werden konnte", teilte AVL bezüglich des BMW-Nachteils mit.

Und weiter: "Der BMW-Turbo-Motor reagiert sehr sensibel auf die Oktanzahl, somit ergibt sich eine signifikante Änderung der maximal möglichen Leistung. Auch die Umgebungstemperaturen, die am Monza-Wochenende vergleichsweise hoch waren, hatten einen bedeutenden Einfluss. Unter den gegebenen Umständen war der Verbrauch des BMW-Turbo-Motors etwas höher."

ROWE setzt zwei BMW M6 GT3 in der DTM 2021 ein - Foto: DTM

DTM-Inside 5: Abt-Trick mit dem Transponder

Nach dem ersten Freien Training am vergangenen Freitag und den später kommunizierten Zeiten fiel Motorsport-Magazin.com auf, dass die Zeitnahme (swiss timing) von den drei R8 LMS des Audi-Teams Abt (Sophia Flörsch, Kelvin van der Linde und Mike Rockenfeller) keine Runden- und Sektorzeiten angegeben hat und der AVL damit auch keine weiteren relevanten Daten für die Erstellung der Balance of Performance vorlagen. Was hatte das 'Versehen' der mit allen Wassern gewaschenen Äbte, ohne Transponder zu fahren, für Konsequenzen?

"Im DTM-Reglement 2021 war nicht explizit geregelt, dass auch das Freie Training mit aktivem Transponder gefahren werden muss. Zwischenzeitlich wurde dies für die künftigen Rennveranstaltungen im Reglement geändert. Die betreffenden Teams haben also keinen Verstoß oder Fehler begangen", stellte die AVL klar. "Durch das Fehlen des Transponders in einigen Fahrzeugen und damit den fehlenden Informationen wie Rundenzeiten und Sektionszeiten sind AVL am Freitag einige Daten entgangen, was jedoch nicht entscheidend war."