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DTM / Hintergrund

Sophia Flörsch vor DTM-Debüt 2021: Was kann sie erreichen?

Was ist von DTM-Debütantin Sophia Flörsch in der Saison 2021 sportlich zu erwarten? Motorsport-Experten geben ihre Einschätzung zur Abt-Audi-Pilotin ab.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Sophia Flörsch und das Audi-Team Abt Sportsline haben am Montag mit der Bekanntgabe ihres DTM-Debüts den erwarteten Medienwirbel ausgelöst. Große deutsche Tageszeitungen sowie internationale Medien berichteten ausführlich über den DTM-Einstieg der ersten Frau seit 2012 sowie der zwölften Rennfahrerin in der über 30-jährigen Geschichte der Traditionsserie.

Für ein ähnliches Medieninteresse hatte zuletzt der frühere Formel-1-Fahrer Robert Kubica mit seinem Eintritt in die DTM gesorgt. Nach schwachen Ergebnissen aufgrund unterschiedlicher Umstände (DTM-Debüt, BMW-Privatteam, viele technische Probleme) nahm das öffentliche Interesse in Deutschland am Polen jedoch schnell wieder ab.

Experten hatten Anfang 2020 ohnehin vorausgesagt - und behielten rückblickend Recht - dass Kubica sich in seinem DTM-Debütjahr schwertun würde. Ähnlich steht es nun um die 20-jährige Nachwuchspilotin Flörsch, von der allein wegen ihrer internationalen Bekanntheit - auch in Folge des schweren Formel-3-Unfalls in Macau 2018 - von Fans und weniger Motorsport-affinen Medien 'Wunderdinge' in der DTM erwartet werden.

Sophia Flörsch im Interview: DTM-Debüt im Abt Audi: (30:16 Min.)

Scheider: Top-10 wäre sensationelles Ergebnis

Dabei sieht die Realität ganz anders aus. Szene-Kenner würden es tatsächlich als einen Erfolg erachten, wenn es Flörsch mit dem Audi R8 LMS GT3 gelingt, bei wenigen Rennen in die Punkteränge zu fahren. Zu viele äußere Umstände sprechen gegen eine sportliche Sensation der Münchnerin in der ihr größtenteils unbekannten DTM-Umgebung.

"Wenn sie es in Richtung der Top-10 schafft, wäre das ein sensationelles Ergebnis. Alles andere wäre eine unglaubliche Überraschung. Ich traue ihr das zu, aber Realismus ist ganz wichtig", sagt der zweifache DTM-Champion Timo Scheider im aktuellen ran-Podcast. Der heutige TV-Experte kennt die DTM quasi auswendig nach 181 Rennen von 2000 bis 2016 für Opel sowie Audi und ist auch mit der GT3-Szene bestens vertraut.

Haug: Sophia Flörsch hat mich beeindruckt

Diese Einschätzung teilt auch der frühere Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, der im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com betont, dass Ellen Lohr von 1991 bis 1996 und zuletzt Susie Wolff, geborene Stoddart, von 2006 bis 2012 die Chance geboten bekommen hätten, sich über viele Jahre in der DTM zu etablieren.

"Ich verfolge die Rennkarriere von Sophia Flörsch schon seit ihrer Zeit in der Formel 4, in der sie mich mit ihren guten Leistungen beeindruck hat", sagt Haug. Jetzt in der DTM müsse man ihr die Möglichkeit geben, mit den Profis um Top-10-Plätze zu kämpfen, sagte der Schwabe. "Ich würde mich für Sophia tierisch freuen, wenn da was weitergeht."

Sophia Flörsch zu Besuch bei Abt Sportsline in Kempten - Foto: Abt

"Unfassbar große Challenge" für Sophia Flörsch

Flörsch saß bislang nur einmal in einem GT3-Rennwagen, 2016 bei einem von Mercedes ausgerichteten Young Driver Test. Die im Auto verbauten Fahrhilfen ABS und Traktionskontrolle kennt sie aus ihrer bisherigen Formel-Laufbahn überhaupt nicht. DTM-Fahrer wie Abt-Teamkollege Kelvin van der Linde, zweifacher GT-Masters-Champion, hat hingegen schier unzählige Rennen mit GT3-Audis bestritten.

Scheider erklärt: "Sophia macht jetzt einen doppelt schwierigen Schritt. Sie kommt jetzt - gelinde ausgedrückt - in einen Traktor im Vergleich zu den DTM-Autos, die wir vorher hatten. Früher waren es Sport-Prototypen, jetzt haben wir ein richtiges GT-Auto mit 1.200 bis 1.300 Kilo und relativ wenig Abtrieb im Vergleich zum DTM-Auto. Heißt: Die Challenge wird unfassbar groß für Sophia."

Flörsch: Erster Test an diesem Mittwoch

Flörsch selbst hält die Erwartungshaltung flach und hofft, sich so schnell wie möglich an das unbekannte GT3-Auto zu gewöhnen. Vieles wird davon abhängen, wie viele Test-Möglichkeiten sie vor oder auch während der Saison erhält. Aus Budgetgründen hinkte sie in dieser Hinsicht während ihrer Formel-Zeit, die sie in Zukunft am liebsten in der FIA Formel 2 fortsetzen möchte, im Wettbewerb oftmals hinterher.

Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com kann sich Flörsch am Mittwoch dieser Woche auf dem Hockenheimring bei einem Test mit dem Audi R8 und dem Team samt ihrer neuen Ingenieurin Laura Müller vertraut machen. Dabei soll sie auch das Space-Drive-Lenksystem probieren, das sie in diesem Jahr wie einige andere DTM-Fahrer an Bord haben könnte. Anschließend warten die offiziellen DTM-Testfahrten in Hockenheim und auf dem Lausitzring.

ABS im GT3-Auto? Flörsch: Eigentlich schade

"An das ABS im Auto muss ich mich herantasten", sagt Flörsch im Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Eigentlich schade, weil im Formel- und Prototypenbereich das Bremsen immer zu meinen großen Stärken gehörte. Traktionskontrolle, die es ja im GT3-Auto gibt, kenne ich zwar nicht aus dem Formel-, aber aus meinem LMP2-Fahrzeug. Das Niveau der Fahrer in der DTM ist wahnsinnig hoch und dieses Jahr sind große Namen am Start. Ich muss also richtig Gas geben und arbeiten."

2020 musste sich Flörsch an den ständigen Wechsel zwischen einem Formel-3- und einem LMP2-Fahrzeug gewöhnen. Beide Kategorien weisen große Unterschiede zu einem GT3-Auto auf, das einst für den Kundensport und damit ambitionierte Amateure entwickelt wurde. Vor allem an die mangelnde Downforce bei Kurvenfahrten wird sich Flörsch gewöhnen müssen.

Sie erklärt: "Mit der Formel 3 und dem LMP2 war es 2020 etwas einfacher, weil beide Autos über viel Aerodynamik verfügen. Das GT3-Auto weist mehr Unterschiede auf zum LMP2, aber ich denke nicht, dass ich mir mit der Umstellung allzu schwertun werde. Immerhin kenne ich den Prototypen jetzt schon bei jeglichen Bedingungen und hoffe, dass ich mir das ebenso schnell im GT3-Auto aneignen kann."

Sophia Flörsch mit Abt-Geschäftsführer Thomas Biermaier - Foto: Abt

Rockenfeller: Sophia Flörsch muss sich neu einstellen

Im Feld der rund 17 permanenten Starter ist Flörsch nicht die einzige, die ein GT3-Auto nicht in- und auswendig kennt. Der amtierende DTM-Vizemeister Nico Müller (Team Rosberg) ging in den vergangenen Jahren fast ausschließlich bei den 'großen' 24-Stunden-Rennen in einem Audi R8 an den Start, der frühere Formel-1-Fahrer Alex Albon (AF Corse) kennt den GT3 überhaupt nicht und auch Mike Rockenfellers Kenntnisse beschränken sich vor allem auf den DTM- und Prototypen-Sport.

Rockenfeller, DTM-Meister 2013 und Flörschs Teamkollege bei den Äbten im ran-Podcast: "Ich bin mir sicher, dass Sophia alles gibt. Sie hat natürlich einen anderen Background. Ich muss mich auch neu aufs GT3-Auto einstellen, das wird bei ihr genauso sein. Wenn man aus dem Formel-Auto oder LMP kommt, ist das natürlich etwas ganz anderes. Aber ich bin sicher, dass sie und das Team alles daran setzen, dass sie schnell lernt und vorne mitmischen kann."

Abt Sportsline startet mit drei Audi R8 LMS GT3 in der DTM - Foto: Audi Sport/Twitter

Abt: Wollen Sophia in die Punkte bringen

Abt Sportsline galt in den vergangenen Jahren selbst nicht als ausgewiesenes GT3-Team, sondern fokussierte sich auf die Audi-Werksprogramme in der DTM und der Formel E. Anhand des öffentlich ausgesprochenen Anspruchs, die Team-Meisterschaft 2021 in der DTM verteidigen zu wollen, lässt sich erkennen, wie ambitioniert die Äbte auch dieses Projekt in Angriff nehmen. Bei ersten Tests konnten sich das Team und die Fahrer Rockenfeller und van der Linde bereits mit dem neuen Michelin-Reifen vertraut machen.

"Frauen-Power in der DTM war schon immer etwas Besonderes, damit haben wir Erfahrung gemacht", sagt Abts Geschäftsführender Gesellschafter Hans-Jürgen Abt im ran-Podcast und bezieht sich auf Katherine Legge und Rahel Frey, die in der DTM für die Mannschaft aus Kempten antraten. "Wir werden alles tun, um Sophia in die Punkte zu bringen. Das wird bestimmt nicht leicht. Aber mit harter Arbeit und ihrem Ehrgeiz, den ich sehr an ihr schätze, glaube ich, dass wir ein gutes Paket geschürt haben."

Abt Sportsline engagiert sich 2021 in der DTM, Formel E und Extreme E - Foto: Abt Sportsline

Kleinschmidt: Fahrerin wird gern als PR-Aushängeschild gesehen

Vorteil Flörsch im Vergleich zu einigen ihrer Vorgängerinnen in der DTM: Sie erhält das gleiche Material wie ihre Teamkollegen. Früher wurden Damen von den Herstellern gern in sogenannte Vorjahresautos oder sogar noch ältere Generationen gesetzt.

Dieses Vorgehen kennt auch Jutta Kleinschmidt, die erste und bis heute einzige Frau, die den Gesamtsieg bei der legendären Rallye Dakar feiern konnte, aus dem Offroad-Sport. "Man muss ehrlich sagen, dass es für Frauen schwieriger ist, an gutes Material zu kommen, weil der Glaube an die Frauen noch nicht so wirklich da ist", sagt die Sport-Legende zu Motorsport-Magazin.com.

Kleinschmidt, die Flörsch einiges im Rennsport zutraut, weiter: "Es gibt ein paar Ausnahmen, aber im Allgemeinen hat man noch immer mehr Vertrauen in einen männlichen Fahrer. Die Fahrerin wird hingegen gern als PR-Aushängeschild gesehen und wenn es drauf ankommt, wer das beste Material bekommt, sehen Teams die Männer eher als Fahrer Nummer eins. Und dann wird es schwierig, sein Potenzial zeigen zu können, weil das Material nun einmal eine große Rolle spielt."

Ellen Lohr: Sophia fokussiert und sauschnell

Dass man als Frau in der DTM über einen längeren Zeitraum Erfolg haben kann, hat bislang nur Ellen Lohr bewiesen. Der Sieg der heutigen AVL-Motorsport-Direktorin 1992 für Mercedes auf dem Hockenheimring bleibt den meisten Fans bis heute im Gedächtnis, dabei hat Lohr in der DTM noch wesentlich mehr geleistet. In 141 Rennen zwischen 1991 und 1996 fuhr sie für Mercedes viermal auf das Podium. Zudem errang die Wahl-Monegassin 1987 auf dem Salzburgring einen weiteren Podestplatz, allerdings mit einem Alpina-BMW M3, in dem sie insgesamt drei Gaststarts absolvierte.

"Ich bin superhappy, dass wir jetzt eine fokussierte und sauschnelle Frau in der DTM haben", sagt Lohr anlässlich Flörschs DTM-Debüt zu Motorsport-Magazin.com. "Eine Saison mit DTM und Sportwagen-Weltmeisterschaft ist ein Traumprogramm für alle RennfahrerInnen, die Sophia nacheifern. Sie spielt damit in Topligen des Motorsports und das mit nur 20 Jahren, das darf man dabei auch nicht vergessen."

Sophia Flörsch: Keine pubertierenden Jungs in der DTM

Flörsch selbst gibt keine konkreten Ziele für ihre erste Saison in der DTM aus. Nicht zuletzt werden sämtliche Resultate auch mit der Balance of Performance zusammenhängen, die 2021 streckenspezifisch die unterschiedlichen Fahrzeugkonzepte auf ein vergleichbares Niveau bringen soll. Der von Rosberg und Abt Sportsline eingesetzte Audi R8 LMS GT3 verfügt über einen V10-Saugmotor, der es bei einem Basisgewicht von 1.235 Kilo auf bis zu 585 PS je nach Einstufung bringt.

"Ich möchte so viel wie möglich lernen und versuchen, so schnell wie möglich das Niveau meiner Teamkollegen zu erreichen", sagt die junge Rennfahrerin und fügt mit einem Grinsen im Gesicht an: "Und geile Rennen zeigen, da freue ich mich wirklich drauf! Das Fahrer-Niveau in der DTM ist so hoch und es gibt keine pubertierenden Jungs mehr, bei denen sich plötzlich ein Schalter umlegt."