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24 h Nürburgring

Herbert Schnitzer Senior feiert 80. Geburtstag

Eine Ikone des deutschen Motorsports wird 80 Jahre alt: Herbert Schnitzer Senior feiert ausgerechnet während des 24h-Rennen Nürburgring Geburtstag.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Herbert Schnitzer Senior feiert - ausgerechnet heute - seinen 80. Geburtstag. Zum Ehrentag verbinden sich die Glückwünsche mit Wehmut. Jahrzehnte lang hat das Freilassinger BMW-Team der vier Brüder Schnitzer / Lamm zum Establishment des internationalen Motorsports gehört - heute ist es nicht mehr am Start.

Am 05. Juni feiert mit Herbert Schnitzer ein Urgestein des Tourenwagen- und GT-Sports 80. Geburtstag. Der Name Schnitzer steht seit 1963 für Spitzenleistungen im Motorsport, mehr als 50 Jahre flitzten die Rennautos mit dem schnellen, schräg gestellten Schriftzug auf der Frontscheibe dort, wo es weltweit was zu gewinnen gibt. Häufig genug überqueren sie als Erste den Zielstrich. Und Herbert Schnitzer hatte immer den Überblick!

Gerhard Berger nennt Herbert "die Seele" der Schnitzer-Truppe. Herbert Schnitzer war zu seiner Zeit immer der Patron dieser Familie. "Ein knochenharter Geschäftsmann, der sich aber nicht zu gut war, um 24 Stunden lang die Rundentabelle zu führen" (Dieter Quester). Herberts Lebensgeschichte in Steno: Geboren in Freilassing, wie sein zwei Jahre älterer Bruder Josef lernt er im elterlichen, später vom Stiefvater geleiteten Betrieb das Kfz-Handwerk.

1966 übernehmen die Brüder die BMW Vertretung, ein Jahr später gründen sie die Rennabteilung und das Team Schnitzer. Inzwischen hat der Bruder sein Ingenieurstudium abgeschlossen und schickt sich erfolgreich an, im selbst frisierten BMW 1800 TISA und im BMW 2000ti Deutscher Rundstreckenmeister zu werden. Von da an bilden die Schnitzer-Brothers die Doppelspitze des Familienunternehmens. Während Josef ebenso eigensinnige wie erfolgreiche technische Meisterleistungen vollbringt, sorgt Herbert dafür, dass "der Laden" - Autohaus und Rennteam - "brummt".

Foto: BMW AG

Technische Eckpfeiler des oberbayerischen Teamworks sind der mutige Schritt eines eigenen BMW Formel 2-Motors (Europameister Jacques Lafitte siegte 1975 mit Schnitzer-Power) und der Einzug der Turbotechnik in die kleine Division der Deutschen Rennsport-Meisterschaft 1977. Umso schwerer trifft Herbert der Unfalltod des genialen Bruders 1978. Es spricht Bände über den Geist im Team, wenn alle in "jetzt erst recht"-Manier loslegen und im selben Jahr mit Harald Ertl Deutscher Rennsportmeister werden.

Gewissermaßen als Auftakt zu einer Sammlung von Meisterschaften ohnegleichen. Überall, wo BMW um sportliche Erfolge bemüht ist, verrichtet das Team Schnitzer schnellen, soliden Dienst und meldete stetig: Auftrag ausgeführt, Tourenwagen-Europa- und Weltmeisterschaft, Deutsche, Italienische, Britische, Japanische, Asien Pazifik-Tourenwagen-Meisterschaft, American Le Mans-Series - alles gewonnen!

Dann entwickeln die Schnitzers, Herbert und seine Halbbrüder Dieter und Karl ("Charly") Lamm, der seit vielen Jahren virtuos die Renneinsätze inszeniert, eine neue Domäne: Es gibt praktisch weltweit kein namhaftes 24 Stunden-Rennen, das nicht mindestens einmal mit einem von Schnitzer eingesetzten Auto gewonnen wurde. Prominentester Triumph dabei: 1999 siegten Dalmas/Martini/Winkelhock im BMW V12 LMR bei dem 24 Stunden in Le Mans - gegen die stärkste Konkurrenz, die je dort angetreten ist.

Schnitzer ist weltweit das einzige Renntream mit Gesamtsiegen in Le Mans, am Nürburgring und in Spa-Francorchamps (insgesamt elf Triumphe. Mit fünf Erfolgen in Spa und am Ring ist Schnitzer zudem das erfolgreichste BMW-Team bei diesen Langstreckenklassikern!).

Foto: BMW AG

Kein Wunder, dass sich in den zurückliegenden Jahrzehnten die Creme de la Creme der Vollgasbranche die Türklinke zu Herbert Schnitzers Büro in die Hand gab. Die Liste reicht, um nur ein paar wenige zu nennen, von A wie Aaltonen über Bellof, Berger, Cecotto, Farfus, Fitzpatrick, Ickx, Ludwig, (Dirk und Jörg) Müller, Piquet, Priaulx, Quester, Röhrl, Rosberg, Spengler, Stommelen, Stuck bis W wie (Manfred und Jockel) Winkelhock.

Seine beiden Halbbrüder können Herberts 80. Geburtstagsfest nicht mehr mitfeiern: Dieter verstarb 2014, Charly fünf Jahre später. So bleibt dem Jubilar nur die Erinnerung an gemeinsame Großtaten, in jüngster Zeit primär das Jahr 2012 - als Schnitzer mit BMW nach jahrlanger Abstinenz mit Glanz und Gloria in die DTM zurückkehrte: Gewinn der Fahrer-, Marken- und Teamwertung!

Ein Jammer, dass dieses über Jahrzehnte so erfolgreiche und sympathische Team seit Jahresbeginn, wohl in letzter Konsequenz aus wirtschaftlichen Gründen, nicht mehr an den Start geht. Hat doch gerade Herbert immer wie ein Löwe für den finanziellen Background der Schnitzer-Aktivitäten gekämpft. Unvorstellbar! Unvorstellbar?

Was ist da für eine Motorsportgeschichte geschrieben worden, im bayerischen Freilassing, nur einen Steinwurf von Salzburg entfernt? Als die Brüder Josef und Herbert Schnitzer 1963 einen gebrauchten FIAT kauften, um damit Rennen zu fahren, hätten sie wahrscheinlich niemals gedacht, dass sie einmal maßgeblich dazu beitragen sollten, BMW das sportliche Image einzuhauchen.

Ob Europa-Bergmeisterschaft, Flugplatzrennen, Rennsportmeisterschaft, Formel 2, DTM, FIA-GT, ALMS, oder die großen Langstreckenklassiker Le Mans, Spa und Nürburgring - bei all diesen Rennserien waren die von Schnitzer vorbereiteten Rennwagen die Garanten für Podiumsplätze.

Der älteste Privat-Rennstall Deutschlands ist durch die Trennung von BMW seit Januar 2021 endgültig Geschichte. Die Tore von Schnitzer Motorsport sind seit kurzem für immer geschlossen und der Titel des jetzt ältesten, im Profisport noch aktiven Privatteams, geht über an Zakspeed in der Eifel.


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