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24 h von Le Mans

Sophia Flörsch strahlt bei 24h Le Mans: Geile Strecke, Hammer!

Sophia Flörsch im Interview kurz vor ihrem Renndebüt bei den 24 Stunden von Le Mans 2020: So fühlt es sich als Rookie beim größten Rennen der Welt an.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Debüt für Sophia Flörsch! Zum ersten Mal startet die Münchnerin bei den legendären 24 Stunden von Le Mans. Beim Langstrecken-Klassiker tritt sie zusammen mit Tatiana Calderon und Beitske Visser für das Richard Mille Racing Team an. Das reine Damen-Team teilt sich einen rund 600 PS starken Prototypen in der hart umkämpften LMP2-Klasse und nimmt das Rennen vom 25. Startplatz in Angriff. Am Freitag vor dem Rennbeginn traf Motorsport-Magazin.com die 19-jährige Nachwuchspilotin Flörsch zum Interview in Le Mans.

Sophia, wie waren deine ersten Eindrücke von Le Mans?
Sophia Flörsch: Mega! Die Strecke ist der Hammer, Porsche-Kurven oder Tertre Rouge, geil! Aufgrund des derzeitigen Zeitplans ist es ganz schön stressig, normalerweise gibt es zwischen den einzelnen Sessions ja mehr Zeit, um sich mit den Ingenieuren auszutauschen. Allein am Donnerstag standen insgesamt elf Stunden Fahrtzeit von morgens bis um Mitternacht an. Für uns mit drei Le-Mans-Rookies war das nicht ganz optimal.

Wie unterscheidet sich Le Mans von deinen bisherigen Erfahrungen im Formelsport?
Sophia Flörsch: Für mich als Fahrerin ist es erst mal etwas Besonderes, beim weltweit größten Autorennen dabei zu sein. Mit meinen Teamkolleginnen teile ich mir in dieser Woche ein kleines Bungalow direkt an der Strecke, so etwas kannte ich nicht aus dem Formelsport. Und im Formelsport bin ich arrogant, da habe ich mein eigenes Auto und stelle es so ein, wie ich es möchte. Hier teilst du dir das Auto hingegen mit deinen Teamkolleginnen.

Was noch?
Sophia Flörsch: Vieles ist anders, macht aber enormen Spaß. Fahrerwechsel finde ich cool, auch, wenn ich mir dabei schon ein paar blaue Flecken zugezogen habe. Und hier arbeiten viel mehr Leute am Auto, es gibt viel mehr Daten. Du bekommst beim Fahren per Funk direkt Feedback vom Team, weil die auf den Live-Daten alles sehen und überwachen können. Du musst im Auto ständig ans Team berichten, vom Streckenzustand bis hin zum Spritverbrauch. Und dann haben wir noch so unglaublich viele Knöpfe im Auto, die man ständig auch auf Teamanweisung bedienen und immer im Auge haben muss.

Diesen LMP2 steuert Sophia Flörsch in Le Mans - Foto: LAT Images

Hast du den Donnerstag mit all den Trainings und dem Qualifying als anstrengend empfunden?
Sophia Flörsch: Ja, schon. Du bist so damit beschäftigt, all die neuen Eindrücke zu verarbeiten, hast aber eigentlich gar keine Zeit dafür, weil du von einer Session in die nächste springst. Aber ich bin einfach mega-froh, dass das Rennen trotz der Umstände stattfinden und ich zum ersten Mal dabei sein kann.

Wegen der Corona-Krise ist diesmal der wichtige Vor-Test in Le Mans ausgefallen. Wie hast du dich vorbereitet?
Sophia Flörsch: Im Juni war das 24h Le Mans Virtual, da habe ich ziemlich viel Zeit im Simulator verbracht und dadurch die Strecke kennengelernt. Überraschenderweise fühlte es sich auf der realen Rennstrecke dann ziemlich ähnlich an. Der Unterschied ist, dass du hier im echten Rennauto sitzt und es nicht so gut wäre, wenn du von der Strecke abfliegst. Zudem habe ich mir viele Onboard-Videos aus den letzten Jahren angeschaut, auch Unfälle, um zu wissen, wie man sich in solch einem Fall verhalten sollte.

Sophia Flörsch in Le Mans im Interview mit Motorsport-Magazin.com - Foto: Motorsport-Magazin.com

Du bist euer LMP2-Auto bei nur einem Rennen der European Le Mans Series in Le Castellet gefahren. Fühlt es sich in Le Mans ähnlich an?
Sophia Flörsch: Das Fahrverhalten ist ähnlich. Hier haben wir allerdings ein völlig anderes Aero-Package. Beim Bremsen haben wir uns alle zunächst ziemlich schwergetan, weil du mit hohem Speed und wenig Aero in einer Kurve mit teilweise starken Bodenwellen ankommst und herausfinden musst, wo das Limit ist. Da sich die Strecke vom 1. Freien Training bis zum Qualifying sehr verändert hat, mussten wir uns immer wieder anpassen.

Wie bist du hier deine ersten Runden im Auto angegangen?
Sophia Flörsch: Wichtig war, dass das Auto in den Freien Trainings heil bleibt, weil ja noch ein 24-Stunden-Rennen folgt. Es war unsere Prämisse im Team, uns langsam an die Limits heranzutasten und nicht direkt ein Risiko einzugehen. In den ersten beiden Trainings bin ich je zwei Stints mit jeweils fünf Runden gefahren. Das ist nicht so viel, wenn noch Slow Zones oder Full Course Yellows dazukommen. Aber mei, das ist halt Endurance-Racing!

Sophia Flörsch teilt sich das Auto mit Tatiana Calderon und Beitske Visser - Foto: LAT Images

Bist du vorher schon mal ein Rennen im Dunkeln gefahren?
Sophia Flörsch: Zum einzigen Mal vor drei Wochen in Le Castellet, wo wir mit so ziemlich allen Wetterbedingungen konfrontiert wurden. Das hat mir riesengroßen Spaß gemacht und ich habe im Dunkeln auch keine Probleme mit der Sicht. Hier werde ich natürlich auch einige Stints in der Nacht zu fahren, das taugt mir mega.

Was ist aufregender: der erste Start in der FIA Formel 3 oder dein erster Stint bei den 24 Stunden von Le Mans?
Sophia Flörsch: Eher Le Mans, weil das für mich etwas komplett Neues sein wird. Formelsport ist vom Ablauf her meist relativ gleich. Wenn ich hier meine ersten Runden im Rennen fahre, wird es darum gehen, konstant schnell zu sein. Das ist oft leichter gesagt als getan. Ich werde versuchen, so gut wie möglich mit dem Verkehr auf der Strecke und dem Fuel-Management umzugehen. Das ist hier extrem wichtig. Meine Teamkolleginnen und ich sind neu im Endurance-Racing, während andere Fahrer in den vergangenen Jahren nichts anderes gemacht haben. Dagegen müssen wir erst einmal ankämpfen und so stark wie in diesem Jahr war das LMP2-Grid schon lange nicht mehr.

Sophia Flörsch beim Fahrerwechsel in Le Mans - Foto: LAT Images

Schaust du eher in die Rückspiegel oder nach vorne?
Sophia Flörsch: Auf jeden Fall nach vorne! Das Allerwichtigste ist aber, die 24 Stunden zu überleben. Im Rennen soll es auch regnen und ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass dann einiges auf der Strecke passieren wird... Bedeutet für uns: konstant nach vorne fahren, keinen Unfall haben und dann ankommen.

Ein großes Thema in Le Mans sind Amateur-Fahrer aus der GTE-Am-Klasse, die das Leben für Profis nicht immer leicht machen.
Sophia Flörsch: Es gibt in der Amateur-Klasse manche Fahrer, die nicht berechenbar sind. In den Briefings heißt es immer, dass man auf der Rennlinie bleiben soll. Einige verlassen sie trotzdem, weil sie nett sein wollen. Wenn du dahinter dann angeflogen kommst, stört das, weil du nicht weißt, was diese Fahrer machen. Bei so einem langen Rennen gehört also auch Glück dazu, aber unser Team macht einen super Job.

Die Saison 2020 der FIA Formel 3, in der du in diesem Jahr dein Debüt gegeben hast, ist bereits beendet. Wie fällt dein Fazit aus?
Sophia Flörsch: Das war eine sehr emotionale Saison vom Auftakt im Juli auf dem Red Bull Ring bis zum Finale vergangene Woche in Mugello. Eine sehr stressige Zeit und schwierig, mental runterzukommen, um sich auf das nächste Rennen vorzubereiten. Das war kaum möglich, weil in den zweieinhalb Monaten alles so geballt kam. Ich war Rookie und das Ziel war, zu lernen, Fortschritte zu machen und sich auf die nächste Saison vorzubereiten. Das ist uns gelungen, auch, wenn es die Ergebnisse vielleicht nicht ganz so gezeigt haben. Das Feld war unheimlich eng zusammen und die Qualifyings entscheidend. Das haben wir nicht immer gut hinbekommen und entsprechend fielen die Ergebnisse aus.

Auch in Le Mans gilt permanente Maskenpflicht - Foto: LAT Images

2021 willst du wieder in der FIA Formel 3 antreten?
Sophia Flörsch: Ja, das ist auf jeden Fall mein Plan. Das Budget ist aber wieder ein Thema, so wie jedes Jahr. Die Formel 3 ist mein Plan A und mein Engagement im Endurance-Sport ist auf zwei Jahre angelegt. In der ELMS stehen in dieser Saison noch zwei Rennen an. Danach entscheidet sich, wie es weitergeht. Hoffentlich kann ich noch mal in Le Mans starten - und dann am liebsten mit Zuschauern!


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