WEC - So setzt ORECA die Toyota TS030 Hybrid ein

Zwischen Integration und Unabhängigkeit

Toyota vertraut beim Langstrecken-Comeback auf einen echten Haudegen: Hugues de Chaunac, Teamchef von ORECA, kann hier sein Lebenswerk vollenden.
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Motorsport-Magazin.com - Herausragende Persönlichkeiten haben die 24 Stunden von Le Mans immer wieder hervorgebracht. Ohne Henri Pescarolo wird die 2013er-Auflage des Langstreckenklassikers nicht dasselbe sein wie bislang. Eine weitere Persönlichkeit ist Hugues de Chaunac, der das ORECA-Team über viele Jahre hinweg aufgebaut und sich einen solch guten Namen gemacht hat, dass das Toyota-Werksteam ihm den Einsatz der Toyota TS030 Hybrid in der Langstrecken-Weltmeisterschaft anvertraut.

Seit 40 Jahren existiert das Unternehmen ORECA, ein Akronym für ORganisation, Exploitation, Competition Automobile (Organisation, Nutzung und Wettbewerbseinsatz von Automobilen). Es ist Einsatzteam und Konstrukteur zugleich. In der LMP2-Kategorie gilt der Oreca 03 als das Maß der Dinge. Darüber hinaus entstehen die Formula-Le-Mans-Wagen, für die in der ELMS und ALMS eine eigene Kategorie geschaffen wurde. Die Technologie-Abteilungen entwickelt Materialien, die auch in der Raumfahrt zum Einsatz kommen. Die Königdisziplin aber ist der Einsatz der Toyota-Boliden in der World Endurance Championship.

Toyota entwickelt, ORECA setzt ein

ORECA baut und unterhält die FLM-Fahrzeuge der LMPC-Kategorie - Foto: ALMS

"Unsere Beziehung ging von beiden Beteiligten aus", erinnert sich Hugues de Chaunac gegenüber Daily Sportscar an den Beginn des Jahres 2011 zurück. "Wir standen immer in Kontakt mit den Herstellern. Mir war klar, dass Toyota an einem Langstreckenprojekt arbeitete. Wir hatten informelle Diskussionen und zu dem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, was sie tun würden. Wir haben ihnen dargelegt, was wir anbieten können und im Oktober 2011 konnten wir den Deal verkünden." Es ist nicht der erste Werkseinsatz für ihn: Schon 1991 führte er Mazda zum Sieg, es folgte die Dominanz in der GT-Klasse mit der Dodge Viper.

Die Aufgabenverteilung ist beim Toyota-Einsatz dreigeteilt: "Die gesamte Arbeit am Motor wird in Japan vorgenommen und das Chassis in Köln weiterentwickelt. Was wir machen, ist das Fahrzeug bei Testfahrten und Rennen einzusetzen." De Chaunac erzählt, wie er das Toyota-Team mit seiner Langstrecken-Erfahrung unterstützen kann: "An der Strecke ist unser technischer Direktor neben dem technischen Direktor von TMG [Pascal Vasselon] im Einsatz. Wir stellen die Mechaniker und Ingenieure an der Strecke - insgesamt etwa 15 Leute. Wir helfen beim Einsatz der Fahrzeuge, das ist der Job von ORECA."

Wir hatten informelle Diskussionen und zu dem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, was sie tun würden. Wir haben ihnen dargelegt, was wir anbieten können und im Oktober 2011 konnten wir den Deal verkünden.
Hugues de Chaunac

Für die neue Saison hat sich de Chaunac hohe Ziele gesetzt: "Die Beziehung zu Toyota wird dieselbe bleiben, aber das Resultat wird besser sein", erklärt er optimistisch. Ob das den Le-Mans-Sieg mit einschließt? "Wir versuchen es, absolut! Le Mans ist Dreh- und Angelpunkt und unser Hauptziel. Wir arbeiten im Moment hart daran."

Emotionalster Moment: Sebring 2011

Im Jahre 2011 setzte ORECA einen Vorjahres-Peugeot 908 HDI FAP ein, doch die Beziehung zu Peugeot sei eine ganz andere gewesen, wie de Chaunac versichert: "Peugeot hat uns kontaktiert, damit wir das Fahrzeug einsetzen. Wir haben den Wagen bekommen und konnten komplett unabhängig agieren. Peugeot wollte ein viertes Auto im Einsatz sehen und wir standen für die ganze Sache bereit." Es war das Jahr der großen Hubraumbeschneidung in der LMP1 und Peugeot wollte eine Rückversicherung mit einem eingebremsten Vorjahreswagen.

Nach dem Sieg in Sebring 2011 brachen alle Dämme - Foto: ORECA

Und das sollte sich auszahlen: Bei den 12 Stunden von Sebring gelang ORECA ein sensationeller Sieg. Die Bilder gingen um die Welt, als de Chaunac mit Tränen in den Augen die letzten Runden von Loic Duval zitternd verfolgte und sich bei der Zieldurchfahrt alle Emotionen an der Box entluden. Das gesamte Fahrerlager freute sich mit dem privaten Rennstall, der die Werksteams von Audi und Peugeot geschlagen hatte. Noch heute bekommt er bei dem Gedanken eine Gänsehaut: "Normalerweise ist es unmöglich, die Hersteller zu besiegen. Ich weiß nicht, ob der Moment günstig war, aber es war mein emotionalster Sieg - es war unglaublich. Das passiert nur einmal in zehn Jahren."

Natürlich war gegen die Werksteams sonst nichts auszurichten und ORECA musste sich regelmäßig mit dem Rang des besten Privatiers abfinden. Für de Chaunac ist das kein Antrieb: "Ich mag es nicht, bester Privatier zu sein. Ich will gewinnen und die einzige Chance, zu gewinnen, ist mit einem Hersteller zusammenzuspannen." Diese Chance ergibt sich 2013: "Wir sind mit Toyota verwachsen wie es Joest mit Audi ist: Wir sind komplett in das Werksteam integriert. Für uns war es gut, von Toyota ausgewählt worden zu sein, denn das heißt, dass sie ORECA als beste Alternative gesehen haben, um Erfolg zu haben und das ist wiederum gut für Toyota."

Motorsport als Leidenschaft, nicht als Business

Vor dem Peugeot 908 setzte ORECA einen Audi R8 Prototypen ein. De Chaunac sieht aber keine Möglichkeit zum Vergleich zwischen den drei Fahrzeugen: "Man kann sie nicht vergleichen, denn es sind drei verschiedene Generationen. Jedes Auto hat seine Vorzüge, aber die Details behalte ich für mich", grinst er. Dem tragischen Schicksal von Henri Pescarolo hofft er durch ein breit aufgestelltes Unternehmen aus dem Weg zu gehen: "Ich leite das gesamte Unternehmen. Würde ich mich nur auf den Einsatz von Fahrzeugen konzentrieren, würde es ORECA nicht mehr geben."

Stets gefürchtet: Die ORECA-Dodge bzw. Chrysler Viper - Foto: ORECA

Dass er ein echter Racer ist, lässt er immer wieder durchblicken: "Ein Teil unseres Erfolgs ist, dass wir Racing nicht nur als Geschäftsmodell sehen. Racing ist Leidenschaft. Es kostet Geld. Man muss gewinnen und wenn man gewinnen will, muss man Geld ausgeben. Über die Jahre hinweg habe ich dieses Unternehmen aufgebaut, um die Rennaktivitäten zu finanzieren." Wenn er auf die vierzig nicht immer einfachen Jahre zurückschaut, möchte er sich auf die guten Zeiten konzentrieren: "Ich bin stolz darauf, so viele Rennen gewonnen zu haben und dass ORECA eine gute Reputation hat."

Für die Zukunft kann er sich vorstellen, in die Rallye oder zurück zu Formelfahrzeugen zu expandieren - ORECA setzte bereits in den 80er-Jahren Fahrzeuge in der Formel 2/Formel 3000 ein. Ausgeschlossen ist für de Chaunac hingegen die Formel 1. "Die Art und Weise dort passt nicht zu ORECA," so de Chaunac. Der Ruhestand ist für den 66-jährigen übrigens kein Thema: "Da denke ich gar nicht dran. Ich habe noch 30 Jahre vor mir!"


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