Motorsport - Mythos Macau oder Spielplatz für Stars?

Kein Ort für Rookies

Über Nacht zum Superstar: Der Mythos rund um den Macau Grand Prix hält sich hartnäckig. Tatsächlich sind die Grenzen aber schon lange verschwommen.
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Motorsport-Magazin.com - Senna, Schumacher, Coulthard und Co.: Einst galt der Macau Grand Prix als Sprungbrett für die Stars von morgen. Relativ unbekannte Namen, die sich mit Erfolgen beim chinesischen Stadt-Klassiker in den weltweiten Fokus katapultierten. Und jetzt? Antonio Felix Da Costa sicherte sich am Wochenende schon seinen zweiten Sieg in Macau nach 2012 - vor dem zweimaligen Champion Felix Rosenqvist, der bereits zum siebten Mal auf dem Guia Circuit antrat. Die Ära der Rookies scheint vorbei zu sein. Stattdessen machen die Etablierten die Siege unter sich aus.

Selbst für den Drittplatzierten Sergio Sette Camara war es der zweite Start in Macau gewesen. In den Top-10 der diesjährigen Ausgabe fanden sich mit Jake Hughes, George Russell und Pedro Piquet nur drei Rookies wieder. Allgemein gilt: Wer in Macau heutzutage gewinnen will, braucht Erfahrung. Außergewöhnliche Rookie-Überraschungen sind zur Seltenheit geworden. Felix Da Costa und Rosenqvist sind seit Jahren etabliert in der Szene, die Rückkehr ins Formel-3-Auto stellte keine Schwierigkeit dar.

Sieg ohne weiteren Wert

Was bedeutet der Sieg im Quali- und Hauptrennen nun für Felix Da Costas weitere Karriere? Vermutlich nicht allzu viel. Als BMW-Werksfahrer in der Formel E hat der 25-Jährige seinen Job ohnehin sicher - und der Zug in die Formel 1 ist schon vor einiger Zeit abgefahren. Als früherer Red-Bull-Junior hatte er einmal ans Tor zur Königsklasse geklopft, doch inzwischen dürfte die F1 keine Option mehr sein. Gleiches gilt für Rosenqvist, der sich in den letzten Jahren ohnehin auf die DTM fokussierte und in der Formel E nun eine neue Heimat gefunden hat.

Ist der Macau Grand Prix immer noch Schauplatz für künftige Stars oder mehr Spielplatz für etablierte Fahrer? Die Grenzen scheinen inzwischen ein wenig verschwommen zu sein. Sicherlich können Rookies weiter auf sich aufmerksam machen. Auf den Zetteln der Talente-Jäger stehen sie auch im Falle eines Nicht-Sieges. Doch mit den Lorbeeren eines Macau-Sieges hat es tatsächlich schon lange kein Fahrer mehr in die Formel 1 geschafft. Der letzte war Lucas di Grassi im Jahr 2005.

Macau-Sieger seit 2000 in der Formel 1

Jahr Fahrer Formel 1 GP-Starts?
2000 Andre Cuoto Nein
2001 Takuma Sato 2002-2008
2002 Tristan Gommendy Nein
2003 Nicolas Lapierre Nein
2004 Alexandre Premat Nein
2005 Lucas di Grassi 2010
2006 Mike Conway Nein
2007 Oliver Jarvis Nein
2008 Keisuke Kunimoto Nein
2009 Edoardo Mortara Nein
2010 Edoardo Mortara Nein
2011 Daniel Juncadella Nein
2012 Antonio Felix Da Costa Nein
2013 Alex Lynn Nein
2014 Felix Rosenqvist Nein
2016 Felix Rosenqvist Nein
2016 Antonio Felix Da Costa Nein

Schon lange kein Mythos mehr

Der Mythos des Macau-Sieges als Sprungbrett in die F1 ist ausgestorben. Längst haben sich Hersteller und große Teams die Dienste der hoffnungsvollsten Talente gesichert, auch im Nachwuchsbereich hat die Professionalität ein völlig anderes Level erreicht im Vergleich zu alten Zeiten. Mit dem Aussterben der nationalen Formel-3-Serien fiel zudem der direkte Vergleich bei einem inoffiziellen Weltfinale wie in Macau weg. Dafür gibt es inzwischen die F3-Europameisterschaft, in der Nachwuchspiloten aus aller Welt an den Start gehen.

Der Macau Grand Prix bleibt nach wie vor eines der atemberaubendsten Rennen der Welt. Zeiten, in denen aus Nobodys über Nacht potentielle Superstars wurden, sind jedoch längst vergangen. Doch es gibt Grund zur Hoffnung für weitere Motorsport-Märchen: Felix Da Costa ließ bereits durchblicken, dass er in Zukunft nicht mehr im F3-Auto in Macau antreten werde. Er will den Mortara-Weg einschlagen und in die GT-Welt wechseln. Ob bei Rosenqvist ein achter Macau-Start hinzukommt, ist ebenso fraglich.

Macau 1983: Triumph für Ayrton Senna!: (02:00 Min.)

Neue Regel für Macau-Veteranen

Kurzzeitig war nicht einmal klar gewesen, ob Macau-Schwergewichte wie Felix Da Costa, Rosenqvist oder Juncadella überhaupt in China würden starten dürfen. Ursprünglich war es einmal die Vorgabe gewesen, dass Teilnehmer in der abgelaufenen Saison an mindestens einem Formel-3-Rennen teilnehmen mussten. Mit dem damaligen Promoter fand sich in Ausnahmefällen immer eine Einigung, doch diesmal wurde der Macau Grand Prix erstmals unter dem Banner der FIA veranstaltet.

Der Motorsportweltverband legte in der Vergangenheit großen Wert darauf, dass Nachwuchsserien nicht verwässert werden. Bestes Beispiel: Der frühere Formel-1-Pilot Nelson Piquet Junior wollte dieses Jahr beim Grand Prix de Pau starten. Er erhielt jedoch keine Startberechtigung mit dem Argument, dass die Formel-3-Europameisterschaft jungen Talenten vorbehalten sei. Sollte das nicht auch der Anspruch von Macau sein, zumal das Rennen dieses Mal sogar als FIA-Weltmeisterschaft ausgerufen war?

Macau 2016: Die Highlights vom F3-Rennen: (03:18 Min.)

Pau ist nicht Macau

Der Unterschied zwischen Pau und Macau: Das Rennen in Frankreich zählte zur laufenden Europameisterschaft, Macau war ein komplett eigenständiges Event. "Wäre es Teil einer Meisterschaft, wäre es definitiv unfair", sagte Rosenqvist kürzlich zu Motorsport-Magazin.com. "Es war immer offen für ältere Fahrer, um mitzufahren." Doch wegen des FIA-Einflusses musste eine Möglichkeit gefunden werden, auch Fahrern den Start zu ermöglichen, obwohl sie kein einziges Rennen gefahren waren.

Die Legitimation findet sich im offiziellen Macau-Reglement der FIA. In Artikel 4.2. heißt es: "Kein Fahrer darf am World Cup teilnehmen, der nicht zuvor erfolgreich eine FIA Training absolviert hat". Vorrangig aus diesem Grund spulte das DTM-Trio Felix Da Costa, Rosenqvist und Juncadella vor Macau zwei Testtage im Formel-3-Auto ab. Den Start bei einem kompletten F3-Rennwochenende konnten sie sich somit sparen. Es hätte ohnehin kaum eine Möglichkeit dazu gegeben, nachdem die Saison quasi abgelaufen war.


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