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1000 PS und zurück

'Wollen wir mal schauen, was Spielkonsolen-Zocker wirklich drauf haben', denkt sich Motorsport-Magazin.com, steigt ins Flugzeug und legt sich mit 1000 PS an.
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Motorsport-Magazin.com mit dem GT-R in Silverstone - Foto: adrivo Sportpresse

Ein Ärgernis vieler besorgter Eltern: der eigene Sprössling kommt von der Schule nach Hause, knallt den Schulranzen in die Ecke, macht sich vor der Spielekonsole breit und zockt bis in die Abendstunden. Soziale Kontakte, Fitness? Pustekuchen! Dass es auch anders geht, macht Nissan seit nunmehr vier Jahren vor. Der japanische Autohersteller rief 2008 die Nissan GT Academy ins Leben, um ambitionierten Playstation-Zockern die Möglichkeit zu geben, einmal selbst hinterm Steuer eines realen Rennwagens Platz zu nehmen.

Um sich für ein sechstägiges Training in der Nissan GT Academy zu qualifizieren, müssen die Teilnehmer sich zuerst einmal gegen haufenweise Konkurrenz bei einem Rennspiel auf der Playstation durchsetzen - im vergangenen Jahr versuchten sich mehr als eine Million Zocker im Wettbewerb. Die besten 20 reisen anschließend zum legendären Silverstone-Kurs, um ihr Konsolen-Talent unter realen Bedingungen unter Beweis stellen zu können. Ein interessantes Konzept, das bereits Erfolg brachte. So fuhr der erste Academy-Absolvent, Lucas Ordonez, 2011 im International Le Mans Cup und gewann mit Signatech in der LMP2-Klasse.

Grund genug für Motorsport-Magazin.com, die GT Academy einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Nein, wir haben uns nicht hinter die Playstation geklemmt - das wäre ja zu einfach. Stattdessen machten wir uns auf nach Silverstone, um einen der berüchtigten Nissan GT-R der Academy selbst zu testen. Auf die GP-Strecke konnten wir zwar nicht - das britische Schmuddelwetter ließ grüßen - aber ein abgesteckter Parcours neben dem Traditionskurs sollte es auch tun. Wer will schon einen geliehenen GT-R in der Wall of Champions parken...

Keine leichte Aufgabe: der GT-R im Nassen - Foto: adrivo Sportpresse

Also rein in den Boliden und los geht's! Schnell ein paar Rahmendaten: der GT-R zaubert 485 PS aus einem 3,8-Liter-V6, 588 Newtonmeter sorgen für Drehmoment en masse, das per Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe variabel auf alle vier Räder verteilt wird. Oder anders ausgedrückt: dieser Renner hat's faustdick unter der Haube. Das bekomme ich schnell zu spüren, als mich kurz nach dem Start schon fast das Heck dieses Schwergewichtlers überholt. Okay, also vorsichtig mit dem Gas. Vor allem auf dem extrem nassen Untergrund, der die Sache nicht gerade einfacher gestaltet.

Nach ein paar Runden quer (nur teilweise geplant) über den Handlingkurs stellt sich das GT-R-Gefühl ein. Das rot-weiße PS-Monster ist im Race-Modus zwar alles andere als gutmütig, aber wir wollen hier ja auch Motorsport machen. Zumindest ansatzweise. Die Lenkung ist trotz der rund 1,6 Tonnen Leergewicht ein Traum, das Alcantara-Lenkrad liegt geschmeidig in der Hand. Die Bremsen sind knackig, pressen mich mit aller Kraft in die 5-Punkt-Gurte und innerlich bin ich ganz froh, beim vorangegangenen Buffet nicht allzu sehr zugelangt zu haben.

Not a great racer - Foto: adrivo Sportpresse

Nach einigen Runden ist der Spaß vorbei. Ich könnte jetzt zwar schreiben, dass ich mit extrem starken Rundenzeiten punkten und mich für höhere Rennsportaufgaben bei Nissan empfehlen konnte. In Wahrheit fand allerdings mehr als nur eine Pylone den Tod durch Überfahren meinerseits. Aber es hat ja auch geregnet, der Sitz war nicht auf mich angepasst, ich kannte die Strecke nicht, der Race-Instructor roch komisch (stimmt nicht), die Sonne blendete und ich hatte keine Zeit, mit meinen Ingenieuren zu sprechen... Machen wir uns nichts vor, die Jungs von der GT Academy wissen - im Gegensatz zu mir - ganz genau, was sie da tun und wie man den GT-R richtig rannimmt.

Gut, die Rennfahrer-Karriere lege ich erst einmal wieder auf Eis. Dafür kann ich Euch noch ein besonderes Schmankerl präsentieren: den Nissan Juke-R, der uns im Nissan Technology Centre in Cranfield nahe Milton Keynes präsentiert wurde.

Mattgraues Monster mit 500 PS - Foto: adrivo Sportpresse

Der normale Crossover ist Euch nicht sportlich genug fürs Motorsport-Magazin.com? Kein Problem, dachten sich die Nissan-Jungs, und packten kurzerhand einen 485 PS starken Motor aus dem GT-R in den Juke. Kein Joke: das Auto sieht einfach nur brachial aus. "Wir wollten mit dem Juke-R die Grenzen austesten", erzählte mir RML-Chefingenieur Chris Horton, der das Projekt leitete. Business as usual, schließlich arbeitet RML seit Jahrzehnten in der Le Mans Serie und der WTCC.

Mit dieser Grenzerfahrung von knapp 1000 spektakulären PS an einem Tag verabschiede ich mich wieder aus Großbritannien. Hat sich also doch gelohnt, dass mich der Wecker morgens um 4:00 Uhr aus dem Bett geworfen hat, denke ich mir, als ich nachts um 0:00 Uhr wieder vor meiner Wohnungstür stehe. I'll be back.


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