MotoGP - Best of 2009 - Die Leiden der Japaner

MotoGP-Fahrerlosigkeit

Das Beste zum Schluss. Motorsport-Magazin.com blickt mit den besten Artikeln des Jahres zurück auf die Saison 2009. Heute: Die Leiden der Japaner.
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Motorsport-Magazin.com - Japan und die MotoGP, das ist aufgrund der japanischen Hersteller eine nicht wegzudenkende Verbindung. Doch trotz der Überzahl an japanischen Motorradbauern sieht die Situation bei japanischen Fahrern anders aus. Entweder setzen sie sich nicht an der Weltspitze durch, sterben leider zu früh oder scheitern an ihrem Aberglauben.

In unserem Special "Best of Motorsport-Magazin.com 2009" können Sie das Feature zu den Leiden der japanischen MotoGP-Piloten aus der Juli-Ausgabe des Motorsport-Magazins nachlesen. Dabei warfen wir einen Blick auf tragische und traurige Helden und schauen, was die Zukunft so bringen könnte - dass Hiroshi Aoyama 250cc-Weltmeister werden würde, war bei der Entstehung des Hefts im Juni noch nicht abzusehen. Mehr Interviews und Hintergrundgeschichten gibt es jeden Monat neu im Motorsport-Magazin.

Japanische MotoGP-Fahrerlosigkeit

In Japan sind die größten Motorradschmieden zu Hause und abgesehen von MV Agusta, das 1974 seinen letzten Titel einfuhr, führen sie die Bestenliste der WM-Sieger geschlossen an. Nur auf Fahrerseite will es in der Königsklasse nicht klappen.

4 Werke, 372 Siege als Hersteller, aber nur 12 Einzelsiege durch sechs Fahrer (Italien 211 Siege/19 Fahrer); Stand Mugello 2009. Eine Bilanz, die nicht wirklich als Vorzeigestatistik gilt. Tadayuki Okada ist noch der erfolgreichste mit vier Siegen, danach kommt schon Norick Abe mit drei ersten Plätzen. Entweder sie geben entnervt auf, scheitern an sich selbst oder sind durch einen Unfall ums Leben gekommen.

Die Stärken und Schwächen der Fahrer aus dem Land der aufgehenden Sonne im Schnelldurchlauf. Aus den kleinen Klassen kamen gar nicht alle zu höheren Weihen. Sogar für Weltmeister und x-fache GP-Sieger war nach der Einstiegsklasse 125 schon Schluss. Noby Ueda, Youichi Ui oder Kazuto Sakata traten in einer anderen Kategorie gar nicht mehr an. Die "Fireball" Brüder Aoki schafften außer Haruchika (2 WM-Titel 125cc) nie den richtigen Durchbruch. Lediglich Takuma konnte in der 500er-WM 1997 die Saison einmal als Fünfter recht weit vorne abschließen. Insgesamt verteilen sich auf die Brüder acht Podiumsplätze, aber kein einziger Sieg.

Haruchika Aoki war noch der erfolgreichste Aoki-Bruder - Foto: Honda

Nobuatsu belegte in Imola 1997 den zweiten Platz sein Bruder Takuma wurde in diesem denkwürdigen Rennen Dritter. Takuma sitzt nach einem Testunfall in Japan seit über 10 Jahren im Rollstuhl, ein Schock für die Brüder, die danach nie mehr so richtig in den Vordergrund treten konnten. Norick Abe, dreifacher 500cc GP-Sieger konnte die in ihn gesetzten Erwartungen nie richtig umsetzen, er verunglückte 2007 auf der Straße mit einem 125cc-Roller. Tetsuya Harada gewann 17 Rennen in der Viertelliterklasse, der WM-Titel blieb ihm verwehrt. In der 500er konnte er mit der Aprilia Zweizylindermaschine zwei Mal als Dritter das Podium erklimmen.

Ähnliches gilt für Shinya Nakano, sechs 250er-Siege stehen auf seinem Konto. Der verlorene WM-Titel gegen Oliver Jacque im Jahr 2000 in Australien schien ihm nicht mehr aus dem Kopf zu gehen. Er verlor ein tolles Rennen auf Phillip Island um 14 Tausendstelsekunden und um sieben Punkte die WM. An der Vorgeschichte war ein anderer Japaner schuld, Daijiro Kato. Beim Pacific Grand Prix in Motegi lieferten sich die Beiden im wahrsten Sinne des Wortes eine Schlacht über 23 Runden. Im letzten Umlauf konterte Nakano noch mit der schnellsten Zeit von 1:52.253, doch Kato war nicht zu besiegen. Noch Stunden nach dem Rennen war Nakano von Weinkrämpfen geschüttelt. Wie gut seine Rundenzeit wirklich war, zeigt der Umstand, dass der Rundenrekord von ihm bis 2008 hielt. Erst Alvaro Bautista gelang mit 1:51,4 eine schnellere Runde bei den 250ern. In acht Jahren Königsklasse durfte Nakano drei Mal auf das Podest, ein Mal als Zweiter und zwei Mal als Dritter. Sein Ausgedinge findet er mittlerweile in der Superbike WM.

Daijiro Kato selbst war der Auserwählte von HRC, um endlich das Ziel zu erreichen, wovon alle Japanischen Hersteller seit der Nachkriegszeit träumen - der erste 500cc-Weltmeister (MotoGP) des Landes überhaupt zu werden. Kato fristete ein bescheidenes Dasein wie viele Japaner Ende der 90er im Fahrerlager. Ein kleines Motorhome, die Frau sowie das kleine Kind mit dabei, eine Spielkonsole und einen besonderen Tick. Bei Kato war es die Leidenschaft, Turnschuhe zu sammeln, weit über 100 Paar nannte er sein Eigen. Youichi Ui verbrachte den Winter über statt zu trainieren lieber rauchend den ganzen Tag in einem Pachinko Salon.

Norick Abe fuhr beeindruckend, setzte sich aber nie ganz durch - Foto: Yamaha

Spirituelle Dinge sind allen Japanern nicht fremd. Der Eine ging damit mehr in die Öffentlichkeit, der Andere weniger, aber alle hatten sie ihre Eigenheiten. Harald Bartol, der mit vielen gearbeitet hat, sagte ein Mal treffend: "Japaner sehen nicht nur anders aus, sie sind auch anders". Ui zum Beispiel überraschte immer wieder durch neue Facetten. Einmal war es ein Spezialsalz, das er über das Motorrad streute, das andere Mal eine kleine Trillerpfeife, die er um den Hals trug und das Moped anpfiff, um damit böse Geister zu vertreiben. Oder eine Klebefolie von irgendeinem ominösen Hersteller in Japan, die Vibrationen unterbindet und die ein Vermögen kostete. So hatte jeder etwas zu bieten, verschiedene Helme, am Vormittag eine andere Farbe als am Nachmittag, nur von links aufs das Motorrad oder dann von rechts. Auf den Boden setzen vor dem Aufsteigen und, und, und.

Geholfen hat es, wie die Statistik zeigt, nicht. Der Unfalltod von Kato wird immer ein Mysterium bleiben. In der zweiten Runde beim Auftakt Grand Prix in Suzuka kam er vor der letzten Schikane außerhalb des Schwenkbereichs der Kameras zu Sturz und verstarb mehrere Tage später im Krankenhaus ohne je wieder aus dem Koma erwacht zu sein. Das größte Talent von allen Japanern mit dem vielleicht kleinsten Tick war tot. Ob er am Ende wirklich das Zeug gehabt hätte, einen wie Valentino Rossi in der Königsklasse in die Schranken zu weisen, lässt sich genauso wenig feststellen wie die Tatsache, wie Michael Schumacher gegen Ayrton Senna ausgesehen hätte.

Fakt ist viel mehr, dass nichts aus Nippon nachkommt. Yuki Takahashi beim Team Scot war eine Notlösung, die ihresgleichen sucht. Hiroshi Aoyama durfte nicht, weil er zuvor für KTM gefahren war und den Japanern untreu geworden ist. Ob er es besser könnte oder kann, wird sich zeigen. Wahrscheinlich nicht. Eines muss man den Verantwortlichen ja lassen, sie bleiben ihren Verhaltensregeln treu. Wer sich abwendet, muss sich erst wieder zurück dienen und um Gnade winseln. Das gäbe es in Europa nicht. Der vermeintlich schnellere würde den Sitz bekommen. Trotz Nachwuchsakademien und Förderprogrammen gelingt es den Japanern nicht, Konkurrenz für den Rest der Welt aus dem Hut zu zaubern. Vielleicht hilft ja die komplette Umstellung auf Viertakter. Moto2 ist der Anfang und Honda scheint jedes nur erdenkliche Mittel recht zu sein, um Erfolg zu haben. Schließlich muss es irgendwann klappen, dass aus dem Land der größten Motorradhersteller auch einmal ein Fahrer kommt, der in der größten Klasse den Titel holt.

Das Feature über die Japaner in der MotoGP wurde in der Juli-Ausgabe des Motorsport-Magazins veröffentlicht. Mehr Technikhintergründe, Interviews und Reportagen lesen Sie monatlich im Motorsport-Magazin - im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder am besten direkt online im Vorzugs-Abo bestellen:


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