MotoGP - Mensch und Rennfahrer: Erinnerungen an Luis Salom

Abschied von Luis Salom

Die größte Katastrophe der MotoGP-Saison 2016 war unbestreitbar Luis Saloms Tod in Barcelona. Wir erinnern uns an einen großartigen Menschen und Fahrer:
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Motorsport-Magazin.com - Am 3. Juni 2016 verlor Luis Salom nach einem Sturz im Moto2-Training von Barcelona sein Leben. Motorsport-Magazin.com verabschiedet sich von einem 24-jährigen Motorrad-Ass, vor allem aber von einem jungen Menschen, der zu den herzlichsten Charakteren im Fahrerlager zählte.

Luis Salom, der Mensch

Die Geschichte beginnt, als es gelang, meine beiden leider gehandicapt zur Welt gekommenen Freunde Dominik und Patrick Siede mit meinem Freund Luis bekannt zu machen. Die beiden Zwillinge, die an spastischer Tetraparese leiden und auf ihre Rollstühle angewiesen sind, verstanden sich auf Anhieb blendend mit dem Rennfahrer mit der Nummer 39. Und Luis Salom war ebenso begeistert vom schwarzen Humor und dem MotoGP-Fachwissen der beiden. Offenbar hatten sich da ein paar Seelenverwandte getroffen. Luis Salom hatte wie immer vor nichts Angst. Auch nicht vor dem, für ihn völlig normalen, Umgang mit zwei körperlich schwer benachteiligten, aber geistig hellwachen Individuen.

Dazu muss man wissen, dass Luis Saloms geliebter Bruder ebenfalls ein Handicap hat. Und dies hat Luisito vielleicht geprägt. Weder sein Bruder noch seine Freunde Dominik und Patrick werden jemals ein Rennen fahren. Dann macht es eben Luis für sein Umfeld, holt Podestplätze, gewinnt Rennen. Auch für die, die ihm wichtig waren. Denn Luis Salom war einer, der gerne gegeben hat: Freude, Liebe und vor allem Kraft. Er hatte die Fähigkeit, Menschen zum Lachen zu bringen und etwas glücklicher zu machen. Im Falle der Zwillinge im Rollstuhl ist ihm das auf jeden Fall gelungen. Knie-Slider und ähnliche Dinge waren ab sofort tolle Geschenke für die beiden Jungs, die mit ihren von schwarzem Humor geprägten SMSen Luis oft zum Lachen brachten. Die gemeinsamen Treffen waren immer absolute Highlights. Und daraus wurde viel mehr.

Luis Salom hatte wie immer vor nichts Angst.
Edgar Mielke

Luis sorgte mit seiner Mutter Maria dafür, dass die Twins so oft wie möglich etwas erlebten. Sicherlich auch durch seine Erfahrungen mit seinem Bruder in den eigenen vier Wänden sensibilisiert, wusste 'Mexicano' ganz genau, was er da tat. Wenn er den Jungs 'Gute Nacht' wünschte genauso, wie wenn er Ihnen T-Shirts mit seinem Logo schenkte. Wer das Privileg hatte, das beobachten zu dürfen, kam nicht umhin, beeindruckt zu sein. Von der Kraft, die Luis Salom der ganzen Familie Siede gab. Die ebenfalls ordentlich zurückgegeben hat. In der Schule wurde mal eben kurz die beste Zeichnerin für eine Kohle-Zeichnung aktiviert, die Luis auf dem Bike in Action zeigte. Beim am Sachsenring ansässigen Modelabel 'Born 2B Awesome' wurden spezielle Salom-Shirts und Mützen angefertigt. Mit allen Wassern gewaschene Fahrerlager-Haudegen wie Tony Congram von der IRTA hatten Tränen in den Augen, als Luis Salom seine beiden Freunde am Sachsenring aus dem Rollstuhl ins BMW-Safety-Car beförderte, um ihnen eine Runde Sachsenring mit ihm zusammen zu ermöglichen.

Als einer der Dorna-Offiziellen die beschriebene Safety-Car-Fahrt verhindern wollte, wurde Luis Salom mal kurz unwirsch. Und zu dem Vulkan, der er manchmal, zum Beispiel nach einem Sturz, für jeden Zuschauer sichtbar auf der Rennstrecke wurde. Und so fuhr Luis Salom zusammen mit Lucio Cecchinello und den Twins Safety Car am Sachsenring. Und beschrieb ihnen dabei, wie es dort auf der Strecke mit dem Bike ist. Eine durch nichts zu ersetzende Erfahrung für alle Beteiligten. Die Twins, bewaffnet mit den neuen Uhren im Luis-Salom-Design, hatten einen unbeschreiblichen Spaß. So nah ran waren sie an ihr Lieblings-Hobby MotoGP noch nie gekommen. Die, die nur zugeschaut hatten, wie Luis' Mutter und der Verfasser dieser Zeilen, trafen sich zum gemeinschaftlichen Heulen hinter dem nächsten LKW. Tränen der Freude. Quasi 'Ziemlich beste Freunde' im MotoGP-Fahrerlager. Wer den Film gesehen hat, weiß, was gemeint ist.

Luis Salom bescherte Dominik und Patrick Siede viele schöne Momente - Foto: Edgar Mielke

Luisa Salom, das Motorrad-Ass

Vom Glück verfolgt sollte die Karriere des Luis Salom von Beginn an nicht sein. Oft stand er sportlich kurz vor dem ganz großen Wurf, der ihm letztlich aber bis zum tragischen Ende verwehrt bleiben sollte. Auf Mallorca aufgewachsen, machte klein Luis im Alter von acht Jahren seine ersten Schritte im Motorradsport. In diversen balearischen Meisterschaften verdiente er sich seine ersten Sporen, holte seine ersten Siege und erste Titel. 2007 gelang Salom im Alter von 15 Jahren der erste große Sprung, als er es sowohl in die Premierenauflage des Red Bull Rookies Cups, als auch in die spanische 125cc-Meisterschaft schaffte. Dort stellten sich rasch Erfolge ein: Im ersten Rennen des Rookies Cup gleich auf Pole Position, gewann er dort noch vor seinem 16. Geburtstag sein erstes Rennen in Assen.

In der spanischen Meisterschaft kletterte er schon in seinem zweiten Rennen in Barcelona auf das Podest und beendete die Saison als zweitbester Rookie auf Platz sieben. 2008 ging es in beiden Serien weiter und während in der MotoGP mit Jorge Lorenzo ein Mallorquiner für Furore sorgte, machte Salom sowohl im Rookies Cup, als auch der nationalen 125cc-Meisterschaft seiner Heimatinsel alle Ehre. Siege und Podestplätze am laufenden Band sollten das Jahr zu Saloms bislang erfolgreichstem machen. Da sich bei all diesen Erfolgserlebnissen allerdings auch bittere Stürze einschlichen, ging der 17-jährige Luis trotz Titelchancen beim Finale beider Rennserien jeweils nur als Vizemeister von der Strecke. Trotz der tollen sportlichen Leistungen blieb ihm ein Sprung in die Weltmeisterschaft vorerst versagt. Mit Wildcard-Einsätzen in Jerez und Barcelona konnte er allerdings so stark auf sich aufmerksam machen, dass sich das spanische Jack&Jones-Team dazu entschloss, nach sechs Rennen Simone Corsi zugunsten von Salom vor die Tür zu setzen. Kurz vor seinem 18. Geburtstag hatte Luis es endlich in die WM geschafft, deren fixer Bestandteil er bis zu seinem Tod bleiben sollte.

Er hatte die Fähigkeit, Menschen zum Lachen zu bringen und etwas glücklicher zu machen.
Edgar Mielke

In der Achtelliterklasse entwickelte sich Luis rasch zum soliden Punktefahrer, brauchte allerdings 35 Rennen, bis er in Assen 2011 als Zweiter endlich auch seinen ersten Podestplatz holte. So richtig durchstarten konnte er 2012, als das Moto3-Reglement die alten 125cc-Maschinen ablöste. Für das kleine niederländische RW Racing Team holte er schon im zweiten Saisonrennen Platz zwei in Jerez und sorgte für zwei von drei Saisonsiegen des Kalex-KTM-Motorrads. Bis zum Start der Asientournee noch im Titelkampf mit Sandro Cortese, musste er sich nach schwachem Saisonfinish aber wieder einmal mit dem Titel des Vize zufrieden geben. Doch diesmal wurden die sportlichen Leistungen ausreichend honoriert und das KTM-Werksteam holte Salom als Nachfolger des in die Moto2 aufgestiegenen Champions Cortese.

Von Beginn an wurde Luis seiner Favoritenrolle gerecht, gewann das Auftaktrennen in Katar und verpasste in den ersten elf Rennen nur einmal das Podest. Doch wieder einmal verspielte er im Saisonfinale alles. Ein Ausfall beim vorletzten Rennen in Motegi und nur Platz 14 nach Crash beim letzten Lauf in Valencia machten aus einem Weltmeister Salom nur einen WM-Dritten. Doch wieder durfte Salom einem Champion nachfolgen, als er 2014 in der Moto2 Pol Espargaro im Pons-Team ersetzte. Einem soliden ersten Jahr (Platz 3 im dritten Rennen) folgte ein etwas durchwachseneres zweites, weshalb Luis im Winter beim deutlich schwächeren SAG Team andocken musste. In Katar bewies er einmal mehr sein Ausnahmetalent, als er es als Zweiter auf das Podest schaffte und unter Tränen den letzten Pokal seiner Karriere in die Höhe stemmte.

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