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MotoGP - Interview - Mielke: Habe Beleidigungen nicht verdient

Opfer des deutschen Mecker-Gens

Eddie Mielke kommentiert seit 100 Rennen für SPORT1. Motorsport-Magazin.com traf den polarisierenden Kult-Kommentator zum Interview.
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Motorsport-Magazin.com - Eddie, SPORT1 hat an diesem Wochenende zum 100. Mal einen Grand Prix live übertragen. Konntet ihr in diesen 100 Rennen dazu beitragen, den deutschen Motorrad-Fans die MotoGP schmackhafter zu machen?
Eddie Mielke: Ich bin überzeugt, dass ich mit Alex und dem gesamten SPORT1-Team aus Kameraleuten, Fotografen und Redakteuren dazu beigetragen haben, dass der Sport in Deutschland populärer geworden ist. Kleines Beispiel dazu: Papa Vettel hat sich gewünscht, bei uns vorbei schauen zu dürfen am Sachsenring, weil er immer die Rennen bei uns verfolgt. Wir bekommen ganz viel Zuspruch von befreundeten Rennfahrern aus der DTM, aber auch der Formel 1, wie etwa von Nico Rosberg, der in Le Mans bei uns in der Kommentatorenkabine war und völlig begeistert war. Man sieht aber auch an den Zuschauerzahlen am Sachsenring oder in Brünn, welches Potenzial der Sport hat. Ich bin stolz darauf, dass wir es geschafft haben, den Fans in Deutschland seit sechs Jahren ein gutes Angebot zu bieten, das immer besser geworden ist.

Ich lasse mich gerne kritisieren und diskutiere auch gerne mit jedem darüber. Dass ich aber die Beleidigungen, die es manchmal gab, verdient habe, wage ich zu bezweifeln.
Eddie Mielke

Dein Kommentar polarisiert und du wirst dabei sehr emotional. Ist etwas davon gespielt, um zusätzliche Emotion in die Sache zu bringen, oder bist du in diesen Momenten zu einhundert Prozent Eddie Mielke?
Nein, das ist alles echt und ich kann einfach nicht anders. Wenn Stefan Bradl auf das Podest fährt oder um die Pole kämpft, dann fiebere ich da voll mit. So ist mein Naturell. Ich bin 52 und habe gar keine Lust mich irgendwie zu verbiegen. Meine Chefs finden meine Art zu kommentieren gut und SPORT1 gibt mir auch die Freiheit mein Ding so durchzuziehen. Natürlich polarisiert das und es gibt einige, die das nicht so gut finden. Kritik an sich ist ja nicht schlimm, wenn sie respektvoll dargebracht wird. Ich lasse mich gerne kritisieren und diskutiere auch gerne mit jedem darüber. Dass ich aber die Beleidigungen, die es manchmal gab, verdient habe, wage ich zu bezweifeln.

Manche Leute finden ja auch, dass du zu sehr für Stefan Bradl Partei ergreifst.
Bei der ganzen Sache spielt das deutsche Mecker-Gen eine Rolle. Es wäre undenkbar, dass in Italien einem Kommentator vorgeworfen würde, er rede zu viel über Valentino Rossi. Alleine bei der Vorstellung würden sich die Fans kaputtlachen. Das sieht in Deutschland leider etwas anders aus. Hiervon kann sicher auch Stefan Bradl ein Lied singen, den dieses Gen genauso trifft wie mich. Stefan ist Weltmeister geworden, nicht weil er 2011 Glück hatte, sondern weil er der cleverere Fahrer war. Er ist der letzte Fahrer, der Marquez in einer Meisterschaft geschlagen hat. Und wenn ihn mal eine Pechsträhne ereilt, wie derzeit, wird ihm von manchen in Deutschland ja gleich die Eignung für die MotoGP abgesprochen. Ich hingegen rede ja auch nicht dauernd nur über Stefan, sondern versuche auch dem Nachwuchs wie Luca Grünwald oder Philipp Öttl zu helfen. Das betrachte ich als meinen Auftrag.

Gibt es auch positives Feedback auf deinen Stil als Kommentator?
Natürlich. Ich hatte erst vor kurzem sehr positive Erlebnisse beim Deutschland GP. Das Publikum am Sachsenring, übrigens das in meinen Augen tollste MotoGP-Publikum der Welt, war in diesem Jahr sehr freundlich und nett zu mir. Das hat mir Mut gemacht und mir gezeigt, dass es so schlecht nicht ist, was wir hier seit 100 Rennen machen. Ein anderes Beispiel ist Valentino Rossi, dem wir einmal den Mitschnitt unserer Übertragung seines legendären Duells mit Jorge Lorenzo in Barcelona 2009 gezeigt haben. Er sagte: Ich verstehe kein Wort, aber ich fühle die Emotion und das gefällt mir sehr. Früher hat man in der deutschen Motorrad-Fanszene oft neidisch nach Italien oder England geblickt und der Tenor war: So emotionale Kommentatoren wollen wir auch bei uns. Ich glaube, von diesem Ideal bin ich nicht weit entfernt. Ja, ich bin sehr emotional, aber ich liebe die MotoGP einfach und deshalb kann ich gar nicht anders.

Motorsport-Magazin.com durfte Mielke und Hofmann in Brünn in der Kabine besuchen - Foto: Motorsport-Magazin.com

Wie lange hat es gedauert, bis das Duo Mielke/Hofmann ein eingespieltes Team war und wie wurdet ihr im MotoGP-Paddock angenommen?
Ich mache den Job seit 1991 und kannte die wichtigsten Leute bereits. Alex und ich mussten uns auch nicht großartig aufeinander abstimmen, denn ich war in seiner aktiven Zeit schon einer seiner Journalistenschatten und wir hatten schon davor viel gemeinsam erlebt. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Sendung moderiert habe, und Alex im zarten Alter von 17 Jahren zum ersten Mal mein Studiogast war. Davon habe ich noch lustige Fotos. Alex hatte damals eine tierisch große Klappe und einen fürchterlichen Pullover.

Aber gemeinsam zu kommentieren ist dennoch eine ganz andere Liga...
Ja, aber wir haben uns schon damals über die Jahre angefreundet und sind mittlerweile gute Freunde. Wir sind auch ganz unterschiedliche Typen, aber gerade das ist wahrscheinlich der Reiz. Was ich zu viel an Optimismus in mir trage, hat er vielleicht zu viel an Zurückhaltung. Alex ist eher der ruhigere Typ, der analysiert und ich bringe die Emotion hinein. Wir haben unseren Weg gefunden und es macht riesigen Spaß. Da darf ich wohl für Alex auch sprechen.

Nun ist ja noch unklar, wie es mit den TV-Rechten auf dem deutschen Markt weitergeht. Was würde dir am meisten fehlen, falls die Rechte zu einem anderen Sender wandern?
Meine Truppe, die coole SPORT1-Mannschaft samt Alex und natürlich die MotoGP als Ganzes. Ich habe schon viele Sportarten kommentiert, aber MotoGP ist und bleibt mein Lieblingssport. Ich hoffe, das merken die Leute daheim vor den Fernsehschirmen auch. Es ist sensationell und es wäre für mich ein echter Tiefschlag, sollte es nicht weitergehen.

Ich habe einmal in meinem Leben während des Kommentierens geheult und laut Scheiße gesagt: als Marco Simoncelli verstarb.
Eddie Mielke

Die Frage nach dem traurigsten Moment der letzten 100 Rennen beantwortet sich wohl von selbst.
Ich habe einmal in meinem Leben während des Kommentierens geheult und laut "Scheiße" gesagt: als Marco Simoncelli verstarb. Das war der schwärzeste Tag in meinem beruflichen Leben. Das war so fürchterlich, dass ich überhaupt keine Lust mehr auf irgendetwas hatte. Ich habe sofort das Schlimmste befürchtet, als ich den Hem da kullern sah. Das war ganz schlimm, auch weil Alex und ich Marco persönlich gut kannten.

Was war der schönste Moment der letzten 100 Rennen?
Ganz ehrlich? Meine Crew, die tolle Truppe und der Spaß an dieser Arbeit haben dafür gesorgt, dass die letzten sechs Jahre für mich ein einziger schöner Moment waren.


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