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MotoGP - Die neuen Reifen und ihre Auswirkungen

Taktik, Ausgeglichenheit und Stürze

Für die Saison 2014 hat Bridgestone seine MotoGP-Pneus völlig überarbeitet. Motorsport-Magazin.com weiß, was das für die Königsklasse bedeutet.
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Motorsport-Magazin.com - Das Jahr 2014 stellt einen Paradigmenwechsel in der Geschichte der MotoGP dar. Spritmengen werden strenger limitiert, eine Einheitselektronik inklusive Software für die Open-Fahrer wurde eingeführt und auch das Bindeglied zwischen Motorrädern und Strecke, der Reifen, wurde völlig überarbeitet. Bereits im Rahmen der Testfahrten in Sepang führte dies zu heftigen Diskussionen. Die Starter der Open-Klasse, die am Hinterrad eine weichere Mischung verwenden dürfen, hätten einen zu großen Vorteil, hörte man aus dem Factory-Lager. Jorge Lorenzo war insgesamt mit den Neuentwicklungen aus dem Hause Bridgestone gar nicht glücklich. Er sah einen beträchtlichen Nachteil für sich und sein Team: "Dieser Reifen ist für Yamaha viel schlechter als für Honda - der Unterschied ist unfassbar. Mit diesem Reifen sind wir richtig schlecht, haben zwar alles ausprobiert, aber nichts hat sich auch nur im Ansatz verbessert. Und wenn der Reifen abbaut, werden die Probleme nur noch größer."

Jorge Lorenzo war die Verzweiflung anzusehen - Foto: Milagro

Yamaha brachte die Probleme nicht in den Griff und so ging es zum Saisonauftakt nach Katar, wo sich an der Situation ebenfalls wenig änderte. Lorenzo strauchelte weiterhin und ließ seinem Frust freien Lauf. "Abgesehen von meinem Debüt 2008 hatte ich noch nie ein so schlechtes Gefühl für die Reifen", meinte der Vizeweltmeister trotzig, auch Valentino Rossi pflichtete ihm, wenn auch weniger drastisch, bei. Eine Kritik, die allerdings nicht einmal Markenkollege Bradley Smith nachvollziehen konnte: "Ich weiß nicht worüber sie sich beschweren. Wir wussten genau wie die Situation aussehen wird, Bridgestone hat von den ersten Testfahrten an Klartext gesprochen."

Packendes Rennen und enges Qualifying

Bei aller, teilweise wohl auch berechtigter Kritik Lorenzos, sorgten die neuen Bridgestone-Gummis sowie das dazugehörige Reglement doch für einen äußerst spannenden Saisonauftakt. Schon im Qualifying zeichnete sich ab, dass das Kräfteverhältnis in der Saison 2014 deutlich ausgeglichener sein wird als im Vorjahr. Ein Umstand, den Bridgestones Entwicklungsmanager Shinji Aoki natürlich den neuen Reifen anrechnet: "In Q2 lagen die ersten Zwölf nur gut sechs Zehntelsekunden auseinander. Das ist ein unglaubliches Resultat und ein deutliches Zeichen dafür, dass es die Fahrer geschafft haben, aus unseren 2014er-Slicks das Maximum herauszuholen."

In Q2 lagen die ersten Zwölf nur gut sechs Zehntelsekunden auseinander. Das ist ein unglaubliches Resultat.
Shinji Aoki

Auch im Rennen ging es eng her, Hauptgrund dafür war wohl der neue weichere Hinterreifen der Open-Klasse, der von sieben Fahrern - darunter alle Piloten auf dem Production-Racer von Honda - verwendet wurde. "Scott Redding und Nicky Hayden, die auf den Rängen sieben und acht gelandet sind, waren auf ihrem schnellsten Umlauf nur 0,8 Sekunden langsamer als die beste Rundenzeit im Rennen. Betrachtet man die Sektorzeiten, sieht man, dass die Open-Fahrer in den ersten drei Sektoren sehr gut mithalten konnten und nur im letzten Abschnitt, wo hauptsächlich Motorleistung zählt, zurückfielen", analysierte Aoki.

Ein weiteres Ziel von Bridgestone war es, mit den neuen Pneus den Piloten im Rennen eine ernstzunehmende Wahl zwischen zwei Mischungen geben zu können. Am Sonntag in Katar waren dies die Optionen Medium und Hard. Während sich im Vorjahr stets alle Spitzenpiloten für dieselbe Mischung entschieden hatten, gab es dieses Mal einen Ausreißer. Marc Marquez wählte den härteren Hinterreifen und setzte sich schließlich am Ende des Rennens gegen Valentino Rossi auf der weicheren Mischung durch. "Ich habe den härteren Hinterreifen gewählt. Das hat mir zu Beginn des Rennens etwas Sorgen bereitet, aber ich konnte bald sehen, dass er gut funktioniert. Am Ende konnte ich deshalb voll pushen", zeigte sich Marquez mit seiner Wahl hochzufrieden. Aoki glaubt, dass die Wahl der Reifen in dieser Saison zu einem wesentlichen taktischen Element werden könnte: "Wir konnten in Katar sehen, dass beide Mischungen am Hinterrad sehr gut funktionierten und ernsthafte Optionen waren. Ich gehe davon aus, dass dieser Trend anhält."

Stürze am laufenden Band

Stefan Bradl landete als einer von vielen Fahrern im Kies - Foto: Milagro

Trotz aller Freude über spannende Rennen, enge Qualifyings und taktische Spielchen hatte die Premiere der 2014er-Modelle von Bridgestone auch einen etwas faden Beigeschmack. Im Rennen flogen die Piloten - vor allem im Spitzenfeld - reihenweise ab. Jorge Lorenzo, Stefan Bradl, Alvaro Bautista, Bradley Smith und Andrea Iannone gingen allesamt unsanft zu Boden. Zunächst waren die Akteure ratlos, doch der Grund für die aus Fahrersicht unerklärlichen Stürze war bald gefunden. Die Streckentemperatur sank im Vergleich zum Warm-Up von 24 auf 18 Grad und war damit so niedrig wie das gesamte Wochenende nicht, gleichzeitig stieg die Luftfeuchtigkeit von 29 auf 60 Prozent rasant an. Gift für die linke Seite der Vorderreifen, die in Katar an einigen Streckenpassagen stark abkühlt. Die darauffolgenden Linkskurven wurden dann zur Falle für die MotoGP-Piloten. Eine Falle, an der auch Bridgestone nicht unschuldig ist.


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