MotoGP - Ein Testtag mit Stefan Bradl

Never can be perfect

Stefan Bradl bestreitet ein erfolgreiches Rookie-Jahr in der MotoGP und ist trotzdem immer auf der Suche nach Verbesserungen.
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Motorsport-Magazin.com - Die Luft ist trocken und warm, ein erfrischender Wind weht über den Circuit de Catalunya. Die Sonne zeigt sich ab und an, die Fans haben schon lange den Heimweg angetreten, auch die Händler rund um den Kurs bauen ihre Verkaufsstände ab - es ist der Montagmorgen nach dem Gran Premi Aperol de Catalunya und noch immer sind die MotoGP-Piloten im Fahrerlager anzutreffen. Alle 21 Fahrer bereiten sich nach dem anstrengenden Rennsonntag auf den offiziellen Test vor, um weitere Runden auf der spanischen Strecke zu drehen. Auch Stefan Bradl kommt kurz nach 10:00 Uhr bereits umgezogen in die LCR Honda Box. Crewchief Christophe Bourguignon, Ingenieur, Mechaniker, Reifentechniker, HRC-Techniker, Papa Helmut und beide RC213V sind ebenso bereit für die erste Ausfahrt. Wäre da über Nacht nicht der Regen gewesen, der nicht nur alle Spuren vom Rennsonntag weggespült, sondern auch den Asphalt komplett durchtränkt hat, sodass ein Rausfahren am Morgen zu gefährlich wäre. Schließlich sollen Fahrer und Material keinem unnützen Risiko ausgesetzt werden.

Das Warten an sich hat nicht genervt, ich konnte ja trotzdem noch genügend Runden zurücklegen
Stefan Bradl

Jetzt heißt es warten, bis der Kurs abgetrocknet ist. In der Zwischenzeit erklärt Crewchief Bourguignon dem Motorsport-Magazin schon einmal den Plan: "Am Vormittag wollen wir an der Front arbeiten, also verschiedene Einstellungen der Gabeln probieren. Für den Nachmittag steht das Hinterrad auf dem Programm. Wir wollen versuchen, die Traktion zu verbessern." Bradl selbst entspannt sich derweil noch ein wenig. Um 12:00 Uhr wird endlich grünes Licht gegeben. Alle Leute in der LCR-Box schnappen sich ihre Ohrenschützer, Bradl setzt seinen Helm auf den Kopf und streift die roten Handschuhe über. Fast gleichzeitig ziehen die Mechaniker die Reifenwärmer von den Gummis, der Deutsche steigt zum ersten Mal an diesem Montag auf die RC213V und fährt auf die Strecke hinaus. "Das Warten an sich hat nicht genervt, ich konnte ja trotzdem noch genügend Runden zurücklegen", sagt der LCR-Pilot am Abend. Während der 22-Jährige seine erste fliegende Runde zurücklegt, beginnt in der Box hektisches Gewusel - die Mechaniker beginnen, das zweite Bike vorzubereiten und aufzuwärmen.

Nach vier gezeiteten Runden kehrt Bradl zur Box zurück, stellt das Motorrad ab, setzt sich neben Bourguignon und beginnt, seine Eindrücke zu schildern. Auch Papa Helmut sowie die HRC- und Bridgestone-Techniker lauschen konzentriert seinen Ausführungen. Die Mechaniker schließen derweilen das Garagentor und beginnen an der Front der RC213V zu schrauben. "Was genau wir alles verändert haben, geht ziemlich ins Detail, aber ich glaube schon, dass wir speziell an der Steifigkeit des Vorderrads etwas gefunden haben, damit es für mich ein bisschen direkter reagiert - das kommt mir sehr entgegen", erklärt Bradl später. "Ich glaube, ich bin schon ein Fahrer, der sehr spät bremst und eigentlich ein gutes Gefühl am Vorderrad braucht, auch im Kurveneingang. Da haben wir einen kleinen Schritt gefunden, der ganz positiv war." Nach zehn Minuten geht es für den Zahlinger wieder auf die Strecke. Vier Runden später fühlte er sich besonders beim Bremsen etwas besser, wie er seinem Crewchief mitteilt. "Ein kleiner Schritt, der funktioniert."

Bevor es zum dritten Run geht, muss erst einmal aufgetankt werden. Wieder wechseln die vier Mechaniker mit geübten Handgriffen Teile am Vorderrad, ziehen die eine oder andere Schraube etwas fester an, bauen die Verkleidungsteile zurück ans Bike und schon steigt Bradl wieder auf und legt weitere vier getimte Umläufe zurück. Obwohl sich Dani Pedrosa und Casey Stoner damit im Honda-Werksteam nicht wohl fühlen, hatte Bradl sogar schon im Rennen die neue weiche Bridgestone-Reifenmischung am Vorderrad aufgezogen, mit der er auch am Testtag unterwegs ist. "Ich komme damit zurecht", sagt er.

Stefan Bradl sucht im Detail - Foto: Milagro

Bourguignon schätzt den neuen Gummi ebenso: "Wir haben damit nicht so viele Probleme wie die Werksfahrer. Für uns ist der neue Reifen sogar eine kleine Verbesserung." Nach einem weiteren Run und einer kompletten Stunde voller Testaction heißt es erst einmal Mittagspause. Für das Motorsport-Magazin Zeit zum Nachhaken. Wird ein Teil weiterverwendet, wenn es sich nach einem Run schon als gut erwiesen hat oder probiert Bradl zusammen mit seiner Crew dann trotzdem noch weitere Optionen? "Man muss schon Einiges durchprobieren; dafür ist ein solcher Test da - 'Never can be perfect'. Es kann natürlich auch passieren, dass etwas einmal in die negative Richtung geht und deshalb muss man eben viel rumprobieren. Das kostet eben sehr viel Zeit", erläutert er seine Vorgehensweise.

Zum gemütlichen Mittagessen bleibt keine Zeit. Bradl zieht sich mit seinem Crewchief in den LCR-Truck zurück, lässt sich einen prall gefüllten Nudelteller bringen und wertet weiter Daten aus. Um 14:30 Uhr geht es in der Box weiter, nach zwei weiteren Vier-Runden-Runs, zwischen denen am Lenker und noch immer am Vorderrad geschraubt, der Reifenluftdruck mehrfach geprüft und die Reifenwärmer auf und abgezogen wurden, ist das Hinterrad fällig. Ein Rennen dauert nur eine knappe Stunde, am Testtag ist Bradl acht Stunden auf den Beinen - und auf dem Motorrad. Bedeutet das mehr Stress? "Eigentlich schon, ja. Es ist hin und wieder sogar schwierig, immer die richtige Motivation zu finden, weil es doch ab und zu zäh ist und man kann nicht einfach direkt attackieren, weil man auch mit abgefahrenen Reifen rumprobieren muss", beschreibt er die Anstrengung.

In Barcelona findet der MotoGP-Rookie die nötige Motivation. Ab dem siebten Run wird am Hinterrad gebastelt. "Ich muss das noch einmal mit dem gleichen Reifen probieren", sagt er nach seiner Rückkehr in die Teambox zum Crewchief. Bourguignon gibt die Anweisung an die Mechaniker weiter, das Bike wird entsprechend präpariert und es geht zum achten Mal auf die Strecke. Zum Team in der Box gesellt sich mittlerweile auch ein Öhlins-Techniker, der sich jede Änderung genau ansieht und Daten sammelt. Sobald Bradl wieder zurückkehrt, wird die neue Verkleidungsscheibe geputzt und Reifen, Radaufhängungen und Federbeine gewechselt. Jeder einzelne Handgriff macht sich bemerkbar. "Es kommt natürlich darauf an, wie groß die Veränderung ist und welcher Bereich gerade betroffen ist. Es hat auch viel damit zu tun, ob ein neuer Reifen aufgezogen ist, aber grundsätzlich sind wir schon sehr sensibel", kommentiert Bradl.

Die Zeiten sind dabei allerdings gar nicht so ausschlaggebend, das Gefühl ist wichtig
Stefan Bradl

Zusammengenommen fährt der Deutsche an diesem Montag zwölf Mal auf die Strecke und legt ganze 62 Runden auf dem katalanischen Kurs zurück. Damit ist er nach Nicky Hayden summa summarum der fleißigste Pilot. "Hinten haben wir viel rumprobiert, aber es ist nicht wirklich etwas dabei herausgekommen. Wir haben zum Beispiel verschiedene Hinterradaufhängungen und andere Federbeine probiert", erklärt Bradl etwas enttäuscht. 17:45 Uhr ist Schluss, das Tor zur LCR-Garage wird ein letztes Mal heruntergezogen, Bradl setzt sich erneut mit seiner Crew zusammen und die beiden Honda-Bikes werden für den Transport zum nächsten Test nach Aragon vorbereitet. In Runde 50 legt er mit 1:42.769 Minuten die schnellste Rundenzeit hin und landet damit auf Position neun der Testzeitenliste. Zum Vergleich: Casey Stoners Qualifikationsbestzeit lag bei 1:41.295 Minuten. Auch Bradl wirft noch einen Blick auf die Zeitentabelle, schließlich lässt die Rundenzeit einen professionellen Piloten nie kalt. "Man sieht eben automatisch hin. Das gehört zum Job. Die Zeiten sind dabei allerdings gar nicht so ausschlaggebend, das Gefühl ist wichtig."

Insgesamt hat das Team im Laufe des Testtags acht Bridgestone-Reifen verbraten, vier für die Front und vier Hinterreifen. "Das sind im Grunde genommen relativ wenig neue Reifen", so Bradl. Der Tag ist für den Honda-Fahrer nicht schlecht verlaufen. Er konnte sein Gefühl fürs Vorderrad verbessern und schließlich ist es das Wichtigste, sich bei einem Test zu verbessern. Um 19:00 Uhr gibt Bradl die letzten Interviews. "Der Test war gut, ich bin zufrieden. Wir konnten uns ganz gut mit dem Vorderrad steigern. Das passt zu meinem Fahrstil, ich bin glücklich, dass wir da einen Schritt nach vorne gemacht haben. Leider ist uns dasselbe nicht mit der Hinterradabstimmung gelungen. Wir wollten am Hinterrad noch ein bisschen Grip finden, speziell wenn der Reifen abbaut. Wir haben verschiedene Sachen probiert, das hat allerdings nicht optimal funktioniert, aber wir können für den heutigen Tag trotzdem zufrieden sein. Wir sind einigermaßen gut dabei und von daher passt's", fasst er zusammen. Etwas später ist der Tag endgültig beendet. Die Teams packen zusammen. Schon am Dienstag reist Bradl weiter nach Aragon. Während die Sonne über dem Circuit de Catalunya langsam verschwindet, denkt der Zahlinger bereits an den nächsten Test, bei dem er hofft, sich weiter zu verbessern, um für den Rest seiner Rookie-Saison weiter vorne dabei zu sein.

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