MotoGP - Die Zukunft der Königsklasse

Utopie oder Dystopie?

Casey Stoner mag den Weg nicht mehr, den die MotoGP eingeschlagen hat. Ist der Rücktrittsgrund des Australiers aber wirklich Anlass zur Sorge?

Motorsport-Magazin.com - "Nach so vielen Jahren in diesem Sport, den ich liebe und für den ich und meine Familie so viele Opfer gegeben haben, nach so vielen Jahren des Versuchs, dorthin zu kommen, wo wir jetzt sind, hat sich der Sport sehr verändert und er hat sich so verändert, dass ich ihn nicht mehr genießen kann. Ich habe keine Leidenschaft mehr dafür und deshalb ist es an diesem Punkt besser, aufzuhören." - Casey Stoner

Unverständnis, Erstaunen, Entsetzen und irgendwie doch alles zusammen überkam einen Großteil der GP-Welt, als Casey Stoner am 17.5.2012 bekanntgab, seine Karriere in der MotoGP mit Ende der Saison 2012 beenden zu wollen. Eine Einordnung des Geschehenen fiel schwer, immerhin hatte hier nicht irgendwer gesagt, dass er aufhören will. Stoner ist amtierender Weltmeister und er wird zum Saisonende gerade einmal 27 Jahre alt sein, da haben viele Motorsportler die beste Zeit erst noch vor sich. Als Vergleichs-Szenario drängte sich ein Rücktritt von Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel mit Saisonende auf, also ein Ereignis, das eigentlich unvorstellbar ist.

Es gab viele Dinge, die mich enttäuscht haben und auch viele Dinge, die ich an diesem Sport geliebt habe
Casey Stoner

"Es gab viele Dinge, die mich enttäuscht haben und auch viele Dinge, die ich an diesem Sport geliebt habe, aber unglücklicherweise ging diese Balance jetzt in die falsche Richtung. Und so werden wir grundsätzlich nicht weitermachen. Ich würde gern sagen, ich bleibe noch ein weiteres Jahr, aber wo hört es dann auf? Also entschieden wir, alles so zu beenden, wie es momentan ist", erklärte Stoner. Das warf klarerweise die Frage auf, ist der Weg, den die MotoGP für die Zukunft eingeschlagen hat, der falsche? Sind CRTs, Drehzahlbegrenzungen, eine Standard-Elektronik, nur vier Werks-Prototypen pro Hersteller und ähnliches das Ende des reinen Prototypen-Rennsports bei den Zweirädern?

Das Motorsport-Magazin wollte es genau wissen und hörte sich im Fahrerlager bei Fahrern und Teamchefs um. Wir wollten wissen, steht der Zweirad-Königsklasse eine utopische oder dystopische Zukunft bevor? "Sicher verstehe ich Caseys Meinung, aber es gibt bei einer Geschichte immer zwei Seiten", sagte sein Teamkollege Dani Pedrosa. Und dabei müsse es nicht immer um Dinge gehen, die den Rennsport an sich betreffen. "Es gibt Sachen, die ein Fahrer nicht mag. Wenn die Serie im Fernsehen lieber in der Primetime sein will oder solche Dinge, das schadet dem Racing und manchmal sogar der Sicherheit. Es ist schwierig, da einen Kompromiss zwischen Rennsport und Show zu haben."

Pedrosa war klar der Meinung, dass die MotoGP nicht weiter in Richtung Claiming Rule Teams gehen sollte, also in Richtung von Teams mit Maschinen, die zwar noch einen Prototypen-Rahmen haben, aber sonst viele umgemodelte Serienteile verbauen. "Aber Carmelo [Ezpeleta] weiß es besser." Und auch andere glauben, es besser zu wissen, etwa Valentino Rossi. Der Italiener konnte Stoners Gefühle zwar verstehen, er betonte aber, dass man mit der Zeit gehen müsse. "Natürlich wäre es schöner für alle, mit 25 Prototypen im Feld anzutreten, aber keiner hat mehr das Geld dazu", erklärte Rossi. "Ich genieße die Rennen immer noch sehr, man kommt her und arbeitet mit dem Team zusammen an dem Ziel, das Bestmögliche zu erreichen. Die Rennen sind im Vergleich zu früheren Jahren vielleicht weniger unterhaltsam, aber ich denke nicht, dass es an den Fahrern liegt."

Etwas anders gelagert war der Fall für Loris Capirossi. Der nunmehrige Dorna-Sicherheitsberater meinte, dass Neuerungen nie schlecht sein werden, solange sie alles besser und sicherer machen. Stoners Ansicht konnte er nicht nachvollziehen. "Ich finde, Casey ist wirklich stark, so etwas zu entscheiden und ich kann ihm nur viel Glück wünschen, aber trotzdem denke ich, dass die Arbeit hier weiter in die richtige Richtung geht." Dabei ist es für die MotoGP schon einmal eine schlechte Richtung, wenn ein Champion wie Stoner sich aus ihr zurückzieht. Er mag zwar nie ein Publikumsliebling wie Valentino Rosis gewesen sein - das wollte er auch nie sein -, aber er ist ein Talent, wie es selten eines gibt.

Fausto Gresini, der Teamchef des Gresini Teams, war überzeugt, dass Stoners Rückzug nicht gut für die Weltmeisterschaft ist, wollte die Entscheidung aber akzeptieren. "Wenn ein Fahrer keine Motivation mehr hat, dann ist es richtig, aufzuhören. In der Entwicklung der MotoGP haben wir jetzt eine Umwälzung, es beginnt eine neue Ära mit neuen Bikes. Genau an diesem Punkt ist es wichtig, dass wir alle auf die Kosten achten und neue Lösungen suchen, damit diese Meisterschaft nicht zu teuer wird. CRT ist eine neue Kategorie innerhalb der MotoGP. Ich denke jetzt, das war eine gute Idee. Sicherlich ist ein Starterfeld mit nur zehn oder elf Bikes keine Meisterschaft, deshalb ist es jetzt gut und diese Möglichkeit zu schaffen, ist eine gute Sache."

Gresini war bewusst, dass noch einiges verbessert werden muss, damit die CRTs nicht nur als Unterklasse mitfahren, wobei das eben ein Punkt war, der Stoner nicht so schmeckte. Entweder gibt es echte Prototypen oder nicht, eine halbseidene Lösung war der Albtraum des Australiers. "Momentan haben die CRTs noch einen Nachteil. Die Richtung war an sich aber nicht schlecht und eine Änderung war notwendig. Zukünftig wäre es besser, wenn alle Teams mitreden könnten", sagte Gresini trotzdem. Eine Gegenstimme kam dazu aber von Moto2-Pilot und Ex-MotoGP-Fahrer Mika Kallio, der Stoners Ansicht genau verstand. "Ich denke, er mag es einfach nicht, in welche Richtung sich die Bikes momentan entwickeln. Durch die CRTs sieht es so aus, als entwickele sich alles zu Standard-Motorrädern und das gefällt ihm sicherlich nicht", meinte der Finne.

Es gibt unheimlich viele neue Technologien und allgemein viele neue Dinge, die ich ziemlich mag, aber ich will nicht für Casey sprechen
Nicky Hayden

Einen etwas differenzierteren Blick versuchte Nicky Hayden auf die Sache zu werfen. Er sah positive und negative Entwicklungen in der MotoGP. "Es gibt unheimlich viele neue Technologien und allgemein viele neue Dinge, die ich ziemlich mag, aber ich will nicht für Casey sprechen. Teilweise teile ich seine Meinung aber auch. Natürlich gefallen mir die Elektronik und einige andere Dinge nicht, aber es gibt andere Sachen, die ich wirklich mag", erklärte der Ducati-Pilot. Die Meinungslage im Fahrerlager ist vielfältig, was ein weiteres fundamentales Problem der Zukunftsrichtung der Königsklasse aufzeigt: allen kann man es sowieso nie recht machen. Dessen ist sich auch LCR Honda Teamchef Lucio Cecchinello bewusst, der sagte, dass wohl jeder seine eigene Meinung darüber hat, wie die MotoGP gestaltet werden sollte.

"Ich denke, dass es immer viel zu leicht ist, die Arbeit anderer zu kritisieren. Ich persönlich bin mit gar nichts einverstanden, was MSMA, die Dorna, die FIM oder die Teamvereinigung beschließt, aber natürlich bin ich realistisch genug, um zu wissen, dass es nicht meine Aufgabe ist, etwas zu beurteilen oder zu verurteilen. Wir müssen offen genug sein, um daran zu denken, dass es viele Elemente gibt, die dazu beitragen. Vielleicht kennen wir auch nicht jedes Detail, um die Arbeit anderer einzuschätzen. Sicherlich ist momentan eine harte Zeit, denn die Verkaufszahlen von Motorrädern in Europa liegen durch die Wirtschaftskrise sehr weit unten, aber ich bin zuversichtlich, dass die Sponsoren schon bald wieder damit beginnen werden, in die MotoGP zu investieren. Wenn wir in der Lage sind, mehr Sponsoren an Land zu ziehen, wird alles einfacher und eindeutiger", lautete das Urteil Cecchinellos.

Als Präsident der Teamvereinigung IRTA ist Tech 3 Teamchef Herve Poncharal selbst ein Teil jener Kommission, die die Regeln festlegt, wobei er dem Motorsport-Magazin sagte, dass ihn die Regeln an sich weniger interessieren. "Mein Job ist es nicht, ein Bike zu fahren, sondern zu versuchen, mit dem Bike und im Einklang mit den Regeln ein möglichst gutes Ergebnis zu holen. Momentan weiß ich selbst nicht, welchen Weg ich einschlagen werde. Ehrlich gesagt, kann ich dir auf die Frage keine Antwort geben."

Nicky Hayden würde gerne mehr Sponsoren sehen - Foto: Milagro

Was lässt sich nun aber wirklich besser machen? Immerhin braucht es konkrete Ideen, um eine bestimmte Richtung einzuschlagen. "Ich verstehe die Situation von Casey, denn sicherlich ist momentan die weltweite Wirtschaftskrise stark und es ist schwer, viel Geld zusammen zu bekommen. Aber ich denke, wir müssen einfach weiterarbeiten und alle Bereiche verbessern", war die eher unkonkrete Antwort Capirossis. Hayden hatte einen einfachen Plan, der allerdings ebenfalls Konkretes vermissen ließ: "Ich würde gern mehr Sponsoren und mehr Geld sehen."

Poncharal wurde in seiner Betrachtung etwas genauer und äußerte klar die Ansicht, dass in der MotoGP am besten jeder einen reinen Prototypen fahren sollte. Andererseits räumte er aber ein, dass dies im Moment einfach nicht möglich ist. "Die ganzen neuen Teile kommen trotzdem von den Herstellern und die haben auch alle Probleme, genug Geld zusammenzubekommen und alles zu entwickeln. Alle versuchen momentan, die beste Lösung zu finden, um die Kosten zu reduzieren. Was die beste Lösung ist, ist natürlich schwer herauszufinden. Wenn man weiter in eine teure Richtung geht, dann bleiben nur ein paar Bikes im Starterfeld übrig. Ich denke, CRT wird falsch kommuniziert", sagte er.

Er brachte die Überlegung ins Spiel, noch etwas anderes zu machen, das nicht so viel kostet. "Wenn die großen Hersteller wie Honda, Yamaha und Ducati zum Beispiel in der Lage wären, interessante Motoren und ein Motorenmanagement wie das der Prototypen vom Vorjahr an kleinere Chassis-Hersteller wie Suter oder so zu vermieten, dann könnten wir vielleicht eine interessante Maschine ohne hohe Kosten bekommen, die gute Leistung zeigt. Ich glaube, das momentane Problem der CRTs ist das Motorenmanagement und außerdem haben sie keinerlei Referenzen. Sie fahren auf allen Strecken zum ersten Mal, sie haben vorher nicht geübt, sie brauchen erst ein bis zwei Sessions, um die Strecke mit dem Bike zu entdecken. Deshalb gibt es eine ziemlich große Lücke. Allerdings finde ich, dass die Lücke gar nicht ganz so groß ist", meinte Poncharal.

Er war überzeugt, 2013 werden die CRTs dank vorhandener Referenzdaten um einiges besser aussehen. Dazu verwies er auf die Moto2, wo sich die Maschinen von 2010 auf 2011 überall um rund eine Sekunde steigerten. "Außerdem kann man auch die Fahrer vergleichen. So etwa 15 Prozent der Lücke zwischen den Prototypen und den CRTs liegen am Niveau des Fahrers, de Puniet [auf der CRT-Maschine von Aspar] zum Beispiel ist schon um einiges schneller als die anderen", urteilte Poncharal. Ungeachtet dessen versprach Capirossi, dass weiter sehr hart daran gearbeitet wird, neue Regeln auf die Beine zu stellen, die auch den Geist der MotoGP erhalten. "Ich denke, wir werden in ein paar Jahren große Änderungen miterleben", sagte der Italiener.

Gresini konnte nur noch einmal betonen, dass die Zeit aktuell einfach schwierig ist, wobei das nicht nur die MotoGP, sondern die ganze Weltwirtschaft betrifft. "Für die MotoGP ist es ein wichtiger Umbruch und es wäre wichtig, sich die Strategie genau zu überlegen, nach der man vorgehen will. Momentan arbeiten alle sehr hart, alle Teams, die Dorna und die Hersteller, alle denken darüber nach, was das Beste für die MotoGP ist", meinte er. Für ein wenig Erleichterung sorgte dann aber noch Cecchinello, der einer dystopischen Zukunft in der Königsklasse eine Absage erteilte: "Ich denke nicht, dass es bald nur noch CRT-Bikes und keine Prototypen mehr geben wird, ganz im Gegenteil."

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