Formel 1 - Interlagos: Die 7 Schlüsselfaktoren

Wenn es Nacht wird in Sao Paulo...

... ärgert sich Sebastian Vettel schon lange im Hotel, jammert Jenson Button über die Reifenwahl und grinst Rubens Barrichello über das gesamte Gesicht.
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1. - S wie Startaufstellung

Mit gut 160 Minuten Länge geht die Qualifikation von Sao Paulo in die Geschichtsbücher ein. Aber das lange Warten hat sich gelohnt: Der Regen sorgte für eine verrückte Startaufstellung zum vorletzten Saisonrennen in Brasilien. Ganz vorne steht einer der drei WM-Kandidaten: Rubens Barrichello schnappte sich bei seinem Heimrennen die Pole Position.

"Ich bin überglücklich. Es war eine fantastische Runde, auch wenn wir vielleicht nicht soviel Sprit an Bord haben wie die anderen. Aber es ist besser vorne zu starten und die Rennpace vorgeben zu können", sagte Barrichello, der sich vom Wetter nicht beeinträchtigen ließ. "In den ersten beiden Qualifying-Abschnitten war es eine Lotterie", betonte Mario Theissen. "Q1 und Q2 wurden ganz klar vom Wetter dominiert."

Ich steckte im Verkehr fest und als ich endlich freie Bahn hatte, war zu viel Wasser auf der Strecke.
Sebastian Vettel

Das forderte Opfer. Das erste war Sebastian Vettel. "Ich bin überhaupt nicht glücklich, sondern eher sauer. Es war ein enttäuschendes Qualifying", klagte Vettel sein Leid. Er schied bereits im Q1 aus und startet nach einer Strafversetzung von Tonio Liuzzi von Platz 15. "Es gab heute ein Zeitfenster, in der die Strecke schnell war und wir haben dieses Zeitfenster nicht genutzt. Ich steckte im Verkehr fest und als ich endlich freie Bahn hatte, war zu viel Wasser auf der Strecke."

Auch das Setup des Deutschen scheint eher in Richtung Trockenrennen vorbereitet worden zu sein. "So eine Entscheidung wird vom Team und dem Fahrer gemeinsam getroffen", sagte Christian Danner. "Man muss eben alles einkalkulieren, aber sie sind auf Risiko gegangen, weil sie das hier machen müssen. In ihrer Position müssen sie auf Risiko setzen." Niki Lauda beurteilte das anders: "Bei Sebastian ist es ein Team-/Fahrerfehler. Nur ich hätte mich als Fahrer durchgesetzt. Wie man gemeinsam zu solchen Fehlentscheidungen kommt, verstehe ich persönlich nicht."

Jenson Button machte es nicht besser. Der WM-Leader schied im Q2 als 14. aus und startet somit direkt vor Vettel. "Wir haben einen Fehler gemacht als wir nicht auf Intermediates gegangen sind", begründete Button sein Ausscheiden.

Sebastian Vettel musste sich viel am Bart kratzen. - Foto: Sutton

Auch die im Trockenen zu den Favoriten zählenden McLaren Mercedes schieden schon frühzeitig aus: Beide Autos waren nach Q1 draußen. "Eine herbe Enttäuschung. Wir waren gestern im Trockenen voll konkurrenzfähig - heute im Nassen war's das krasse Gegenteil", sagte Norbert Haug. "Unsere Autos lagen für diese Wassermassen vielleicht zu tief und sind deshalb mehr gesurft als gefahren."

2. - S wie Start

Normalerweise konzentriert sich am Start alles auf die erste Reihe, dort könnte Mark Webber auch direkt auf dem Weg in die erste Kurve einen Angriff auf Rubens Barrichello wagen - Startprobleme hatte der Brasilianer in dieser Saison ja schon genug.

Aber wirklich spannend wird es im Mittelfeld. Einerseits, weil es bei einem Regenrennen dort eine üble Gischt und null Sicht geben könnte, andererseits, weil dort auf den Plätzen 14 und 15 Jenson Button und Sebastian Vettel direkt hintereinander losfahren.

"Soweit hinten zu stehen, ist ein Risiko, aber Button ist erfahren und er weiß, dass er vorsichtig sein muss", sagt Ross Brawn. "Aber das gleiche Risiko hat Vettel. Beide Piloten stehen direkt hintereinander." Und wenn es trocken ist, kommen von hinten auch noch die KERS-McLaren angeschossen. Im Regen müssen sie auf ihren Vorteil verzichten.

3. - S wie Strategie

Ich bin auf Regenreifen schneller als auf Intermediates gewesen.
Robert Kubica

Angesichts eines Regen- oder Teilregenrennens müssen die Teams flexible Strategien bereit halten und auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. "Wir müssen im richtigen Moment schnell reagieren", sagt Fernando Alonso. So erhofft er sich vielleicht eine Chance auf Punkte oder gar mehr. Die Spritladungen sprechen eine deutliche Sprache: Vorne ist Mark Webber schwerer als Pole-Mann Rubens Barrichello. Auch Adrian Sutil und Jarno Trulli können länger draußen bleiben, sollte es zu einem normalen ersten Stint kommen. Für Barrichello heißt das: Vorsicht vor Webber und dem Trulli-Train!

Etwas überraschend ist, dass Nick Heidfeld trotz seines Startplatzes nicht viel aufgetankt hat: Er hat zusammen mit Barrichello das leichteste Auto im Feld!

Bei den Reifen gibt es viele Fragezeichen bezüglich der beiden Trockenmischungen, die aber eh beseitigt sein dürften, sollten einmal Regenreifen aufgezogen werden. Dann müssen die Fahrer nämlich nicht mehr zwingend beide Trockenreifenmischungen verwenden. Aber auch bei den Regenreifen gab es Unterschiede: "Ich bin auf Regenreifen schneller als auf Intermediates gewesen", berichtete Kubica, der damit nicht alleine war. "Wir haben ein Problem die Reifen auf Temperatur zu halten", bestätigte Kimi Räikkönen die Worte des Polen.

Auch Nico Rosberg erlebte dieses Problem: "Wir waren mit den Regenreifen super unterwegs", sagte er. Aber die Intermediates bekam er auf einer Runde nicht auf Temperatur. Im Rennen könnte das besser gehen. Denn zum Ende des Q2 war Rosberg auch auf Intermediates gut dabei: "Im Q2 waren wir auf Intermediates noch schnell, weil ich mehr Runden gefahren bin als die anderen und so mehr Temperatur rein bekommen habe. Das hat das Bild verfälscht."

1. Barrichello Brawn-Mercedes 650.5 kg (21. Runde)
2. Webber Red Bull-Renault 656.0 kg (24. Runde)
3. Sutil Force India-Mercedes 656.5 kg (24. Runde)
4. Trulli Toyota 658.5 kg (25. Runde)
5. Raikkonen Ferrari 651.5 kg (22. Runde)
6. Buemi Toro Rosso-Ferrari 659.0 kg (25. Runde)
7. Rosberg Williams-Toyota 657.0 kg (24. Runde)
8. Kubica BMW-Sauber 656.0 kg (24. Runde)
9. Nakajima Williams-Toyota 664.0 kg (28. Runde)
10. Alonso Renault 652.0 kg (22. Runde)
11. Kobayashi Toyota 671.5* kg (32. Runde)
12. Alguersuari Toro Rosso-Ferrari 671.5* kg (32. Runde)
13. Grosjean Renault 677.2* kg (35. Runde)
14. Button Brawn-Mercedes 672.0* kg (32. Runde)
15. Liuzzi Force India-Mercedes 680.0* kg (36. Runde)
16. Vettel Red Bull-Renault 683.5* kg (38. Runde)
17. Kovalainen McLaren-Mercedes 656.5* kg (25. Runde)
18. Hamilton McLaren-Mercedes 661.0* kg (26. Runde)
19. Heidfeld BMW-Sauber 650.5* kg (21. Runde)
20. Fisichella Ferrari 683.5* kg (38. Runde)

Die Angaben der ersten Boxenstopps basieren auf einer Hochrechnung von Motorsport-Magazin.com und sind ohne Gewähr.

4. - S wie Strecke

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Länge: 4,309 Kilometer, langsame, mittelschnelle und schnelle Kurven - das ist Interlagos, die Strecke zwischen den Seen und das konnte man am Samstag ruhig wörtlich nehmen - eigentlich bestand so ziemlich alles rund um und auf der Strecke aus diversen Seen.

"Am besten gefällt mir Kurve eins. Du bremst in eine lang gezogene Linkskurve, die durch einen Rechtsknick auf die Gegengerade führt. Dann Ferra Dura, eine schnelle Rechtskurve, in der dein Körper fest an die Seitenwand des Cockpits gedrückt wird. Schließlich folgt die Zielgerade - hier beschleunigst du bergauf und kannst dabei die begeisterten Fans und ihre brasilianischen Trommeln von der Haupttribüne hören", beschreibt Lewis Hamilton den Kurs.

Die Strecke gilt wegen ihrer Bodenwellen als "Waschbrettkurs", allerdings scheinen die jüngsten Neuasphaltierungen gewirkt zu haben: Nick Heidfeld konnte am Freitag keine der bösen Bodenwellen ausmachen. "Es ist ganz okay. Man hat zwar nicht mehr daran geglaubt, dass es passieren kann, aber die haben einen guten Job gemacht."

5. - S wie Sonntagswetter

F1-Autos sind keine Straßenautos. Sie sind schnell und liegen nah über dem Boden. Sie fliegen schnell ab, wenn die Bedingungen nicht stimmen.
Mark Webber

Die Aussagen zu den Streckenbedingungen zu Beginn des Qualifyings waren fast einstimmig: "Sobald es anfing zu regnen, war es unfahrbar - es gab so viel Aquaplaning", sagte Nico Rosberg. "Ich bin auf der Gerade vom Gas gegangen, weil ich jede Sekunde in der Mauer landen konnte. Das war nicht witzig." Auch Nick Heidfeld und Mark Webber sahen teilweise unfahrbare Zustände und hätten das Q2 nicht so früh freigegeben.

Heidfeld erinnert sich: "Ich musste zu diesem Zeitpunkt leider schon zuschauen, aber als ich gesehen habe, dass Nico [Rosberg] mit freier Sicht sehr langsam auf der Gerade gefahren ist, habe ich schon gesagt, dass gleich jemand in der Gischt abfliegen würde - und zack hing Liuzzi eine halbe Minute später in den Leitplanken."

Webber war schon in Malaysia einer der Wortführer, der sich gegen einen Neustart des Rennens einsetzte. "Alle Fahrer mit denen ich gesprochen habe, waren der gleichen Meinung. F1-Autos sind keine Straßenautos. Sie sind schnell und liegen nah über dem Boden. Sie fliegen schnell ab, wenn die Bedingungen nicht stimmen. Ich bin mir sicher, dass sie heute eine Etage höher etwas gelernt haben."

Aber was passiert, wenn es im Rennen genauso stark regnen sollte? "Wenn das im Rennen genauso ist, dann wird es problematisch, das wäre eine Katastrophe", glaubt Rosberg. "Dann kann man kein Rennen fahren, es gäbe nur Safety Car Phasen und Abbrüche."

Auch Nico Rosberg haderte mit dem Wetter. - Foto: Sutton

Heidfeld und Webber sind davon überzeugt, dass die Rennleitung am Samstag gelernt hat, bei welchen Bedingungen man fahren kann und bei welchen nicht. "Sie werden das Rennen bestimmt nicht starten, sollten die Bedingungen unfahrbar sein", sagt Heidfeld. Seine Vorhersage rechnet am Vormittag mit Regen, am Nachmittag mit besseren Bedingungen. Allerdings kann sich das schnell ändern. "Angesichts meines Startplatzes könnte ich von ein bisschen Chaos ja profitieren", so Heidfeld. "Aber, wie gesagt: Befahrbar sollte die Strecke schon sein."

Unfahrbar, katastrophal, gefährlich - nur ein Fahrer hatte mit den Bedingungen im Qualifying keine Probleme. "Die Bedingungen waren ganz okay", sagte Kimi Räikkönen. "Manchmal war zu viel Wasser auf der Strecke und ich bekam Probleme mit Aquaplaning. Aber wir hatten schon öfters solch schwierige Bedingungen."

6. - S wie Setup

Regen- oder Trockensetup? Das war die Frage vor dem Qualifying in Sao Paulo. Die Antwort lautete ganz klar Regensetup. Bei McLaren verspekulierten sich die Fahrer und das Team und setzten auf eine Trockenabstimmung. Das Ergebnis: Beide Fahrer schieden schon im Q1 aus. Dabei war die Fahrhöhe das größte Problem, denn laut Nico Rosberg kann man an einem modernen F1-Auto gar nicht so viel zwischen Regen- und Trockensetup verstellen. Außer den Flügeln bleibe vieles gleich.

Wenn das im Rennen genauso ist, dann wird es problematisch, das wäre eine Katastrophe.
Nico Rosberg

Bei BMW Sauber setzten Robert Kubica und Nick Heidfeld unterschiedliche Nuancen. "Die Setups sind nicht ganz unterschiedlich, aber meines ist ein bisschen mehr auf Regen abgestimmt", verriet der Pole. "Im letzten Jahr habe ich mich in Silverstone mit dem Setup vertan und Nick war damals Zweiter. Ich konnte mit dem Wagen nicht fahren, ich bin nur geschwommen, während Nick keinerlei Probleme hatte. Jetzt ist es das komplette Gegenteil. Das zeigt, dass schon Kleinigkeiten einen großen Unterschied ausmachen können."

Testfahrer Christian Klien präzisiert: "Zwischen Trocken und Regen bleiben drei Millimeter. Viel ist es nicht, aber das macht schon einen riesigen Unterschied aus." Auch Heidfeld beklagte, dass er ein paar mehr Millimeter Bodenfreiheit vertragen hätte können: "Man muss einen Kompromiss finden. Es ist möglich, dass es am Sonntag trocken ist, dann möchte man auch nicht zu hoch sein, weil man dann Abtrieb verliert. Aber wenn man nur auf Regen setzt, könnte man schon vier Millimeter hochgehen. Zwei, drei hätten mir heute aber schon geholfen."

Für die Fahrer in den letzten Startreihen könnte es eine Überlegung wert sein, das Rennen aus der Box zu starten und dann je nach Wetter auf ein Regen- oder Trockensetup umzubauen. "Es ist eine Überlegung, aber wir verlassen uns auf unsere Wettervorhersage und ich glaube nicht, dass es so schlimm wird wie heute", sagt Heidfeld. "Für ein Trockenrennen hätten wir eh nicht so viel umzubauen."

7. - S wie Spannung

Jenson Button möchte wieder einmal eine Aufholjagd hinlegen. - Foto: Sutton

An Spannungsmomenten mangelt es vor dem vorletzten Rennen nicht. Ganz vorne ist Rubens Barrichello der Favorit. "Er wird gewinnen", glaubt Niki Lauda. Aber Mark Webber schickte schon eine Kampfansage an den Brasilianer: "Wir werden ihm ein heißes Rennen liefern."

Trotzdem hat Christian Danner den WM-Zweiten wieder mehr auf dem Schirm: "Ich würde mich ja am meisten für Rubens Barrichello freuen, aber das wäre großartig, wenn er hier gewinnen und in Abu Dhabi Weltmeister werden würde." Aber so schnell schreibt Jenson Button seine Titelchancen nicht ab. "Ich will nicht nur ein paar Punkte holen. Ich will ein viel besseres Resultat als das. Ich werde morgen kämpfen", stellte der Brite klar. "Wir haben im Trockenen eine sehr gute Pace. Die Chancen zum Überholen sind da und ich denke, dass das Rennen im Trockenen Spaß machen könnte."

Aber auch Vettel ist aufgrund seines Setups im Trockenen im Vorteil. "Wenn es im Rennen trocken ist, könnten er und Vettel aber einen Vorteil haben", glaubt Danner. "Wir werden morgen sehen, wie es läuft. Wir sollten auch im Regen konkurrenzfähig sein", gab sich Vettel kämpferisch. "Wir starten von ziemlich weit hinten, ich hoffe jetzt, dass es im Rennen drunter und drüber geht und wir nach vorne gespült werden." Heidfeld macht ihm zusätzlich Mut: "Klar, wenn man mit einem Safety Car, einem Boxenstopp oder Ausfällen Glück hat, kann alles passieren. So kann auch Sebastian noch nach vorne kommen."

Unter normalen Umständen erwartet Heidfeld aber Barrichello mindestens auf dem Podium und Button und Vettel außerhalb der Punkte. "Damit wäre es im letzten Rennen noch einmal spannend." Barrichello schert sich um all das nicht. "Ich kümmere mich nicht darum, was hinter mir passiert", sagte er. "Ich werde so hart fahren wie möglich, um das Rennen zu gewinnen. Erst wenn das Rennen vorbei ist, werde ich nachsehen, wo Jenson und Sebastian sind."


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