Formel 1 - Kolumne - Mark Sutton

Ich will Wein und Käse

Mark Sutton musste in Magny Cours zusehen, wie Köstlichkeiten nicht gegessen wurden und Cricket-Spieler beinahe unbekannt blieben.
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Motorsport-Magazin.com - Oh, das schöne Magny Cours. Wieder war es nicht das letzte Mal, dass wir dort waren. Ich werde jetzt nicht darüber schreiben, wie lange wir dort womöglich noch hin müssen. Für mich war der Käse und der Wein auch interessanter, denn gerade als ich im Paddock angekommen war, kam eine Dame von BMW zu mir und fragte mich, ob ich ein paar Bilder von den Fahrern machen will, die eine Käse- und Weinverkostung machten. Natürlich ging ich mit und da waren außer mir nur noch ein, zwei andere da, es war also eine angenehme Situation. Da waren dann Robert Kubica und Nick Heidfeld bei der Verkostung von Wein und Käse, außer dass sie weder Wein getrunken, noch Käse gegessen haben.

Als professionelle Rennfahrer mussten sie sich da zurückhalten, aber die Atmosphäre und die Umgebung haben einfach richtig gut gepasst. Wir sind da zu einer Farm gefahren, wo es eine Windmühle gab, es war sehr guter Käse und köstliches Brot vorbereitet. Das Brot haben die Fahrer gegessen, sonst nichts. Der Käse war für sie doch etwas beängstigend, vor allem für Kubica, der ja sehr auf sein Gewicht achtet. Mit dem Abnehmen hat er zwar aufgehört, aber er muss darauf achten, genug Energie zu haben, aber nichts Dummes zu essen.

Ein Fahrrad mit der passenden Aussicht - Foto: Sutton

Es war ganz interessant, als ich ein japanisches Magazin gesehen habe. Dort hatten sie ein von uns gemachtes Bild von Robert aus Australien im Vorjahr. Daneben war eines von diesem Jahr abgedruckt und da hat man den Unterschied in der Physis genau gesehen. Das hat ihm aber offensichtlich geholfen und der Sieg in Kanada ist wohl auch deswegen möglich gewesen. Die Foto-Gelegenheit an sich war aber wirklich spaßig. Es war doch alles sehr gestellt, da die Fahrer keinen Wein probiert haben und auch keinen Käse. Ich hätte Wein und Käse allerdings gerne probiert, sogar am Morgen. Es hat sehr verführerisch ausgesehen. Es war aber schon einmal ein guter Start ins Wochenende.

Das Wochenende an sich war aber generell recht interessant und unterhaltsam. Wir hatten viele Anfragen für Shootings. Dazu gehörte auch eines, bei dem wir dieses Fahrrad fotografieren sollten, das die Arden-Mannschaft in der GP2 bekommen hatte. Die Idee, die dahinter steckt, ist recht interessant. Man sitzt zwar auf dem Rad, hat aber den Blickwinkel wie im Rennauto. Mit dem Rad geht man dann auf die Strecke und in den Kurven bekommt man einen besseren Eindruck davon, wie das später im Auto aussehen wird, wenn man so tief unten sitzt. Wenn man um die Strecke geht, bekommt man nicht immer den besten Einblick in die Kurven, auf die Kerbs oder in spezielle Blickwinkel der Strecke, da er Kopf einfach höher oben ist.

So ein Bild ist schwer einzufangen - Foto: Sutton

Mit dem Rad ist man zwar nicht so schnell wie mit dem Auto, aber es vermittelt einem zumindest den Eindruck davon, wie es aussieht, wenn man im Auto an die verschiedenen Stellen kommt - Schikanen, Kurven, Bergauf-Passagen; die man natürlich rauf radeln muss. Das Konzept ist sehr klug und das ganze Rad ist aus Karbonfiber und man kann auch die Gänge wechseln. Bergauf kann man es sich also ein wenig leichter machen. Die Sitzposition ist klarerweise ganz anders als bei einem normalen Rad, da muss man sich schon etwas dran gewöhnen.

Was ich an Magny Cours besonders toll finde, ist die letzte Schikane. Man muss dort einfach einmal hin und dabei zusehen, wie die Autos über die Kerbs springen. Die Zeitlupen-Kamera zeigt ganz gut, wie das Auto am ersten Kerb abhebt und dann am zweiten, bevor es raus geht und Bruno Senna hat im GP2 Qualifying gezeigt, dass man es da wirklich schnell durchschaffen kann, auch wenn man rückwärts herauskommt oder in die Absperrung einschlägt. Senna hat ja Pole geholt, nachdem er beide Kerbs voll getroffen hatte und dann rückwärts in den Reifenstapel geflogen war.

Der Flug von vorne - Foto: Sutton

Ich habe auch ein paar tolle Bilder geschossen, als die Autos über die Kerbs geflogen sind, aber als Fotograf muss man sich wirklich darauf konzentrieren, was man tut. Eigentlich muss man jede Runde, jedes Auto fotografieren, da man nie weiß, wann es passieren wird. Man muss da wirklich viele Fotos machen und Material sammeln, um dann zwei oder drei gute Bilder zu bekommen. Wenn so eine Session eineinhalb Stunden dauert, dann macht man sehr viele Bilder und mein Redakteur war nicht sehr angetan von der Flut an Aufnahmen. Immerhin habe ich ein Bild geschafft, wo alle vier Räder vom Boden weg waren und dann eines, wo zwei Räder abgehoben haben. Auf anderen Strecken gibt es das kaum, aber Magny Cours zeigt auch, wie stark die Aufhängungen eigentlich sind.

Es war aber einfach nur ziemlich schwer, das ganze wirklich einzufangen. Oft habe ich gedacht, ich hätte das Bild, aber dann hatte ich es doch nicht. Sogar mit meiner Kamera ist das sehr haarig und die macht zehn Bilder pro Sekunde. Noch dazu fährt da jedes Auto eine andere Linie durch die Kurve und eigentlich sollte man dem Auto da durch folgen. Da werden dann wirklich viele, viele Bilder gemacht, die dann erst aussortiert werden müssen.

Es wurde eifrig diskutiert - Foto: Sutton

Die Fahrer hatten am Wochenende andere Dinge auszusortieren, da es darum ging, wie viel sie an die FIA für die Superlizenz zahlen müssen. Denn sie bezahlen pro gewonnenem WM-Punkt aus der Vorsaison und das Geld soll in die Sicherheit gesteckt werden. Die Gebühr wurde auf 2000 Euro pro Punkt angehoben und die Fahrer waren nicht sehr glücklich darüber. Wenn ein Fahrer wie Kubica bis zum Ende des Jahres 100 Punkte einfahren würde, dann müsste er 200.000 Euro bezahlen. Ich weiß jetzt nicht, wie viel er genau verdient, aber es gab einfach das Argument, dass wenn ein Fahrer eine gute Saison hat und nicht besonders gut bezahlt wird, er ein Viertel oder vielleicht sogar die Hälfte seiner Einkünfte bei der FIA abliefern müsste.

Es gab da also einen kleinen Streit darüber, wo das Geld den überhaupt hingeht und ob die FIA nicht ohnehin reich genug sei. Deswegen gab es ein großes Treffen mit Bernie in seinem Motorhome und da ließen sich ein paar nette Bilder machen. Die Fahrer plauderten alle miteinander und es war recht lustig, Mark Webber und Pedro de la Rosa dabei zu beobachten, wie sie unterwegs waren und alle einluden. Alle kamen zu Bernies Motorhome und dort wurde dann eine Stunde gesprochen. Ich weiß zwar nicht, was gesagt wurde, aber es war doch recht interessant. Denn es gab gute Bilder her und darum geht es in meinem Job.

Es spiegelte sich - Foto: Sutton

Was mir aber noch gute Motive verschaffte, war die Art und Weise, wie in Magny Cours das Paddock angeordnet ist. Normalerweise stehen die Motorhomes den Trucks gegenüber, aber in Magny Cours wird alles in einem Quadrat angeordnet. Das ist an sich schon schön, weil man hinein geht und man dann wie auf einem Platz steht. Auf Motorhomes wie dem von McLaren bekommt man dann wunderschöne Spiegelungen von anderen Motorhomes und für einen Fotografen ist das eine gute Gelegenheit, um Bilder zu machen.

Am Donnerstagabend war dann noch dieses wichtige Fußballspiel, Deutschland gegen Portugal und das habe ich mir im Paddock angesehen - inklusive ein bisschen Essen und Trinken. Als wir vom Spiel wegkamen, war es dunkel. Die Motorhomes bekommt man im Dunkeln nicht so oft zu sehen und in das von McLaren kann man dann sogar hineinschauen, da das verspiegelte Glas tagsüber keinen Blick hinein zulässt. Wenn in der Nacht drinnen Licht ist, kann man alles sehen. Diese Bilder bekommen wir sonst eigentlich nie, da wir nicht bis so spät arbeiten, höchstens am Sonntag machen wir das. In Magny Cours kann man sonst allerdings kaum wo hin, also ist man etwas länger im Paddock.

Toyota und Jarno Trulli feierten auch für Ove Andersson - Foto: Sutton

Das Schönste an diesem Wochenende war für mich aber der dritte Platz für Toyota und dass Jarno endlich wieder auf das Podest kam. Kurz zuvor hatte es ja noch die traurige Nachricht vom Tode Ove Anderssons gegeben, der einem Rallye-Unfall zum Opfer gefallen war. Für Toyota war diese Nachricht natürlich sehr traurig und auch für mich war es traurig, da ich rund sieben Jahre für das Team gearbeitet habe. Ove hat bei Toyota wirklich viel bewegt, er hat nicht nur das Formel 1-Team gegründet, sondern auch das Rallye-Team. Er hat das Sportwagen-Projekt und das Rallye-Projekt nach vorne gebracht und dann die Formel 1 übernommen. Er hat seinen Ruhestand wirklich genossen und fuhr noch bei ein paar Rallyes mit älteren Autos mit. Das hat leider gezeigt, dass auch solche Rallyes gefährlich sein können, da man einfach nicht weiß, was auf der Straße passieren wird. Unglücklicherweise hatte er einen Frontal-Unfall.

Das ganze Team war dadurch klarerweise geknickt und es war einfach großartig, dass sie diesen Podestplatz geholt haben. Alle hatten den Trauerflor um und Jarno war auf dem Podest so emotional berührt, dass er das Ergebnis Ove gewidmet hat. Es war dann auch toll, wie er zum Team zurückkam und alle so richtig feiern konnten. Er wurde in die Luft geworfen und es war fast so, als hätte er das Rennen gewonnen. Es hat wirklich Spaß gemacht, da dabei zu sein und diesen magischen Moment mitzuerleben und mitzufeiern. Das ist die Formel 1 und das hat wieder einmal die Hochs und Tiefs in diesem Sport gezeigt. Und es ist schön, wenn diese Teams Erfolg haben. Denn wenn McLaren oder Ferrari vorne sind, dann wirkt das bei ihnen etwas gelangweilt, weil sie ohnehin so viel Erfolg haben. Wenn andere Teams einmal vorne dabei sind, dann bricht die Freude wirklich aus ihnen heraus und es ist toll, das mitzuerleben.

Berühmte Cricket-Spieler kennen nicht alle - Foto: Sutton

Ein paar Berühmtheiten waren am Wochenende natürlich auch wieder dabei. Darunter auch Sachin Tendulkar, der im Cricket ein großer Star ist. In Frankreich, wo kaum Cricket gespielt wird, kannte ihn kaum jemand, nur ein paar Leute im Paddock wussten, wer er war. Er ist in der Cricket-Welt aber wirklich ein Superstar, ähnliche Pele beim Fußball. Nur dass Sachin noch aktiv ist, auch wenn er für Indien nicht mehr antritt, sondern für ein paar lokale Teams. In Indien, England und den anderen Ländern, wo Cricket weit verbreitet ist, ist er aber nach wie vor sehr bekannt.

Ebenfalls dabei war Ronaldo - nicht der von Manchester United, sondern der Brasilianer. Ich habe ihn kaum erkannt. Er hat etwas zugenommen und bei den Haaren hat er ein wenig auf Afro umgestellt. Es war aber nett, ihn dort zu sehen, auch wenn ich zunächst nicht wusste, wer er war. Es haben nur alle Bilder gemacht und ich glaubte zuerst, das wäre ein Pop-Star oder so. Irgendwann habe ich dann doch herausbekommen, wer er war.

Da war ein Lock im Ferrari - Foto: Sutton

Was dann natürlich noch ein Thema in Magny Cours war, war das Loch im Ferrari von Kimi Räikkönen. Ich muss zugeben, ich war in der Situation ein wenig dumm. Ich habe ja das Kangaroo TV das ganze Jahr dabei und das war bislang immer hilfreich, damit ich wusste, was so passiert. In Magny Cours habe ich es aber nicht verwendet, weil ich es versäumte, mir den Code abzuholen. Bei den Formel 1-Rennen sind die Funk-Frequenzen streng aufgeteilt. Jedes Team bekommt eine bestimmte Frequenz zugewiesen und auch Kangaroo TV hat eine eigene. Deswegen muss man an jedem Wochenende einen Code in das Gerät eingeben, damit man das Signal empfängt. Ich hatte ihn mir dort nicht geholt, weil ich dachte, ich brauche ihn nicht, aber natürlich hätte ich ihn gebraucht.

Denn ich hatte keine Ahnung, was so passierte. Ich schaue normal zwar nicht wirklich zu, aber ich höre zu, da man den Kommentar von BBC Radio 5 Live hört und der alles auch gut einfängt. Als Kimis Auspuff explodierte und das Loch ins Auto riss, wusste ich gar nichts davon. Als er das Auto zurückbrachte, sah ich nur, wie er sich drüber beugte und etwas genauer beobachtete. Ich dachte mir nur, das ist aber ein verdammt großes Loch. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was los gewesen war. Ich wusste nur, das nächste Mal muss ich mir den Code für das Kangaroo TV wieder besorgen.

Ihr Mark Sutton


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