Die Formel 1-Motoren sind längst schon ausgekühlt - mit dem Doppelpack in Japan und China gab die Königsklasse des Automobilrennsports eine elektrisierende Abschiedsgala, mit zwei spannenden Läufen weckte sie bei vielen Fans die unbändige Lust auf mehr. Viele können den Saisonauftakt in Bahrain schon jetzt nicht mehr erwarten. Wie jedoch die Formel 1 des Jahrgangs 2006 aussehen wird, welcher Qualifikationsmodus angewandt wird, ob es das Comeback der Reifenwechsel oder sonstige Regeländerungen geben wird - darüber konnte auch beim Saisonfinale in Shanghai nur spekuliert werden. Während die Techniker schon im Hochsommer dafür plädierten, den aktuellen Modus beizubehalten, sorgte FIA-Präsident Max Mosley in Suzuka mit seinen radikalen Regelvorschlägen für Aufregung. Der F1-Tross beendete seine Welttournee mit vielen Fragezeichen. In der kommenden Woche dürften einige dieser offenen Fragen geklärt werden.
Montag: Welcher Qualifying-Modus?
Die wichtigste der Entscheidungen soll am Montag getroffen werden. In London tagt die 26köpfige Formel 1-Kommission - bestehend aus den Vertretern der zehn F1-Teams, der Sponsoren und Veranstalter sowie Bernie Ecclestone und FIA-Präsident Max Mosley. Ein wesentliches und umstrittenes Thema ist ein möglicher neuer Qualifikationsmodus.
Es geht um jenen Vorschlag, für den sich Formel 1-Zampagno Bernie Ecclestone seit einiger Zeit einsetzt. Nachdem im Frühjahr nach einer Fan-Abstimmung offensichtlich wurde, dass eine große Mehrheit der Formel 1-Freunde mit dem aktuellen Einzelrundenmodus und dem Tankverbot vor dem Rennen unzufrieden ist, wurden einige Alternativen in den Raum gestellt - doch wie so oft versandete die Frage, konnten sich die F1-Protagonisten zu keiner Einigung durchringen. Als dann im Spätsommer die Techniker der Teams erklärten, es sei zu spät für eine Änderung des Modus, schien es wahrscheinlich zu sein, dass der aktuelle Quali-Modus auch 2006 zur Anwendung kommen wird.

Doch seitdem Max Mosley in Japan seine Regeländerungsvorschläge für 2006 publiziert hat, inklusive jenem vom Ecclestone forcierten K.O.-Quali-Modus, scheint wieder alles offen zu sein. Die großen Befürworter einer Beibehaltung des Einzelrundenmodus - die Privatteams, die so ihren Sponsoren TV-Zeit garantieren konnten - wurden mittlerweile von Automobilgiganten oder anderen Konzernen aufgekauft.
Der Vorschlag von Ecclestone sieht vor, dass in den ersten beiden 15 Minuten-Sessions jeweils die langsamsten fünf Piloten ausscheiden und die Startplätze 16 bis 20 sowie 11 bis 15 belegen, sodass am Ende zehn Piloten in einer 20 Minuten andauernden Session um die Top 10-Startplätze fighten. In einer Variante des Vorschlags war vorgesehen, dass alle Piloten mit freier Spritwahl, also mit "Low Fuel" unbegrenzte Rundenanzahlen fahren dürfen. Eine andere Variante wäre, dass die verbleibenden zehn Top 10-Piloten die finale Session mit Rennsprit bestreiten müssen, also danach nicht mehr aufgetankt werden dürfen.
Während die einen diesen Modus stürmisch begrüßen, lehnen ihn die anderen ab - mit dem Hinweis, man möge die Zuschauer nicht schon wieder mit einer weiteren Änderung verwirren. Und auch aus anderen Gründen wird vor dem Ecclestone-Modus gewarnt. Ron Dennis erklärt: "Wenn man ein Qualifying-Format einführt, welches wieder nach dem alten Prinzip arbeitet, wonach der Schnellste vorne und der Langsamste hinten losfährt, werden wir weniger aufregende Rennen erleben." Dennis sagt daher: "Man soll das jetzt bis 2008 ruhen lassen und dann dafür ordentliche Änderungen vornehmen." Dennis ist nicht der Einzige, der die Buntheit der Startaufstellung für die oftmals spannenden Läufe der Saison 2005 verantwortlich macht. Ironischerweise sind es auch Regeln wie die Zurückversetzung nach einem Motorwechsel, welche als Pfeffer in der F1-Suppe fungiert haben...

Dem gegenüber steht die erwähnte Unzufriedenheit der Fans mit dem aktuellen Modus, vor allem mit dem Verbot des Nachtankens und den daher wenig bis gar nicht aussagekräftigen Rundenzeiten. Viele Fans wünschen sich daher das alte "Low Fuel"-Quali zurück, weil dadurch die wahren Kräfteverhältnisse offensichtlich werden.
Das Formel 1-Lager ist gespalten. Für eine Ablöse des aktuellen Modus müssen am Montag 18 der 26 Entscheidungsträger für eine solche Änderung stimmen. Völlig unmöglich ist eine solche Lösung nicht, man darf gespannt sein...
Montag: Comeback der Reifenwechsel?
Noch eine wesentliche Frage wird am Montag erörtert. Max Mosley schlägt vor, ab 2006 wieder Reifenwechsel zu erlauben. Die Fahrer sollen für das gesamte Rennwochenende sieben Trocken-Reifensätze erhalten, wie sie diese einsetzen, können sie frei entscheiden. Einzige Ausnahme: Die Reifen für Qualifying und Rennen müssen die gleiche Gummimischung aufweisen.
Doch auch diese Frage ist höchst umstritten. Manche erkennen darin einen Gefallen an die Scuderia Ferrari - denn gerade das Reifenwechselverbot im Rennen hat den Roten in diesem Jahr große Probleme bereitet. Und so ist es kein Wunder, wenn sich Mercedes-Rennleiter Norbert Haug mit dem Vorschlag wenig anfreunden kann: "Ich verstehe überhaupt nicht, wieso das jetzt zur Diskussion steht. Sollte hier der Hintergrund bestehen, dass jene Leute, die ihren Job gut erledigt haben bestraft werden sollen, dann kann dieser Weg nicht der richtige sein, oder? Warum also sollten wir diese Regel ändern?"
Es ist unübersehbar, das die von Mosley vorgeschlagene Regeländerung den Bridgestone-Teams entgegenkommen würde. Umgekehrt ist es zu erwarten, dass sich die Michelin-Kunden gegen eine solche Änderung aussprechen werden. Da die Verteilung der Teams auf die beiden Gummigiganten mittlerweile wieder ausgeglichen ist, darf man auch in diesem Punkt gespannt sein...

Schließlich wird auch über die weiteren Vorschläge des Mosley-Pakets gebrütet: Verbot der Ersatzautos, Abschaffung der Freitagstester, Personalbeschränkung beim Boxenstopp, Verbot von Reifenwärmern und schließlich eine neue Fahrerparade, die in der Zeit von 13.25 Uhr bis 13.40 Uhr stattfinden soll. Auch in diesen Punkten teilen sich die Meinungen.
Mittwoch: Der neue Formel 1-Kalender
Was immer am Montag in London beschlossen wird, muss am Mittwoch bei der Generalversammlung der FIA in Rom abgesegnet werden. Dann soll auch feststehen, wie viele Stationen der Formel 1-Tross im kommenden Jahr auf seiner Welttournee einlegen wird. Formel 1-"Zirkusdirektor" Bernie Ecclestone möchte seine Schäfchen in der Saison 2006 sage und schreibe 20mal auftreten lassen. Doch viele der F1-Protagonisten haben bereits in der abgelaufenen Saison über die 19 Rennen geklagt, vor allem die "Doppelpackungen", also zwei Rennwochenenden direkt hintereinander, sind vielen einfach zu viel.

"Ich hoffe, ich stehe mit meiner Meinung zu dem, was ich für einen ausbalancierten Rennkalender halte, nicht alleine da. Ich weiß nicht, aber ich finde, dass im nächsten Jahr 18 Rennen eher wahrscheinlich sind als 19", sagt McLaren-Boss Ron Dennis. John Howett von Toyota hingegen findet, dass "20 Rennen durchaus im Bereich des Möglichen liegen". Als zwanzigstes Rennen könnte laut Ecclestone ein "Pacific GP" auf der japanischen Fuji-Rennstrecke eingestreut werden.
Freitag: Die Präsidentenwahl
Schließlich endet die Woche der Entscheidungen mit der FIA-Präsidentenwahl, welche am Freitag ebenfalls in Rom abgehalten wird. Weil es keine Gegenkandidaten gibt und die Frist für eine Bewerbung bereits abgelaufen ist, wird Max Mosley wohl abermals zum Präsidenten gewählt werden. Es wird also - im Gegensatz zu den Tagen am Beginn der Woche - wenige Überraschungen geben.
Allerdings könnte Mosley im Rahmen seiner Wiederwahl eine neue Struktur rund um sein Amt vorstellen, der Brite deutete an, dass er Verstärkung braucht. In einem vor einiger Zeit publizierten Brief schrieb Mosley: "Die FIA hat sich zu einer komplexen Organisation entwickelt. Sie ist nicht nur die Sportbehörde für alle Formen des Motorsports, sie hat mittlerweile auch in punkto Alltagsverkehr einen großen Wirkungsbereich. Sie kann daher nicht mehr nur von einem Präsidenten und seinem Sekretariat geführt werden. Gebraucht wird ein Team, eine Art Regierung." Und so ist es denkbar, dass Mosley am kommenden Freitag ein paar neue "Regierungsmitglieder" vorstellt. Wie gesagt: Die großen Entscheidungen, in Sachen Qualifying und Reifenwechsel, sind dann aber bereits gefallen, hoffentlich...

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