Formel 1 - Vettel: Glück und Coolness retten Top-Qualifying

Fatalen Fehler gerade noch abgewendet

Sebastian Vettel schrammt in Spanien um Haaresbreite vorbei an der Pole. Beinahe wäre schon im Q1 alles furchtbar daneben gegangen. Was Ferrari rettete.
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Motorsport-Magazin.com - Was für ein Thriller: Sensationell spannendes Qualifying der Formel 1 in Spanien! Nur 51 Tausendstelsekunden trennen Sebastian Vettel nach einem Schlagabtausch der Spitzenklasse mit Mercedes-Pilot Lewis Hamilton von dessen Pole Position.

Argh! Das ärgert mich jetzt. Dieses Bisschen hätte ich wirklich noch rauspressen können!
Sebastian Vettel

Ein so knapper Abstand, dass sich der Deutsche ganz gewaltig in den Allerwertesten beißen möchte, als er davon erfährt. "Argh! Das ärgert mich jetzt. Dieses Bisschen hätte ich wirklich noch rauspressen können!" Doch habe er sich in der letzten Ecke leicht verbremst. "Normalerweise muss man den Scheitelpunkt am inneren Kerb der Schikane treffen, aber den habe ich leicht verpasst. Da sind dann gleich mal die fünf Hundertstel futsch", analysiert der Ferrari-Pilot. "Im ersten Umlauf im Q3 hat es schon nicht so gesessen und im zweiten dachte ich dann 'okay - jetzt sitzts'. Aber dann habe ich wieder so ein bisschen ein stehendes Rad gehabt."

Das ist echt mein Lieblingsplatz auf der ganzen Welt - diese Schikane.
Vettel, der Sarkast

Noch nie stand Vettel - trotz seiner starken Bilanz von 47 Karriere-Poles - in Barcelona auf Startplatz eins. Vor allem wegen genau jener Schikane. Pure Schikane des Erbauers? "Das ist echt mein Lieblingsplatz auf der ganzen Welt - diese Schikane", so Vettel sarkastisch. "Ich bin sie vielleicht mehr als zwei- oder dreitausend Mal gefahren und bekomme sie trotzdem nicht immer richtig hin", hadert Vettel. Das ist eine echt gemeine Kurve. Richtig eklig, abfallend - ich weiß nicht, wer das so gebaut hat. Vielleicht sollten wir mal die MotoGP-Schikane fahren oder zurück zum alten Layout gehen", ergänzt Vettel scherzhaft.

Gleich zwei Mal am Wochenende blieb Vettels Ferrari schon stehen, fast ein drittes Mal im Qualifying - Foto: Sutton

Vettel verzockt vier Zehntel Vorsprung

Bis zu dieser fast schon schicksalhaften Kurve lief es für Vettel wie am Schnürchen. Hamilton verbesserte sich in seinem zweiten Run nicht, Vettel hatte nach zwei Sektoren in seinem letzten Schuss mehr als vier Zehntel (0,434 Sek.) Vorsprung auf dessen Bestzeit (s. Tabelle). Der Patzer im engen dritten Sektor kann es also fast nicht allein gewesen sein, offenbar schmeckt das Geschlängel dem Ferrari grundlegend weniger gut. So war Vettel etwa auch in seinem ersten Run an selber Stelle nur unwesentlich schneller gewesen (0,028 Sek.).

Vettels und Hamiltons beste Runden im Vergleich

Fahrer 1. Sektor 2. Sektor 3. Sektor Rundenzeit
Sebastian Vettel 2. Run 21.626 29.440 28.134 1:19.200
Lewis Hamilton 1. Run (Pole-Zeit) 21.807 29.695 27.647 1:19.149

Motorwechsel zwischen FP3 und Qualifying fast fatal

Eine Ferrari-Pole in Montmeló lag also durchaus im Bereich des Möglichen. Doch war der Weg dahin alles andere als leicht. "Unser Auto ist hier insgesamt sehr gut. Heute gab es aber ein paar Stolpersteine", berichtet Vettel. Schon im FP3 am Morgen ging es los. Wie schon am Freitag rollte Vettel in der Boxengasse aus. Defekt am Ferrari, kaum Zeit für Vettel sich auf die Qualifikation einzuschießen. Nur sieben Runden gelangen dem WM-Leader.

Es ist ein Wunder! Ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben - normal dauert das um die drei Stunden.
Vettel zum Motorwechsel

Damit jedoch längst nicht genug. Zur Sicherheit musste Ferrari an der Power Unit Hand anlegen, wechselte noch vor dem Qualfiying Turbolader und MGU-H. Angesichts der kurzen Pause ein mutiges Unterfangen. "Es ist ein Wunder! Wenn du dir das Auto ohne Unterboden und Motorabdeckung anschaust - Wahnsinn was du da alles siehst an Anschlüssen. Die wahre Kunst des Autos liegt innen, nicht außen. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben - normal dauert das um die drei Stunden wenn man sich beeilt. Heute haben sie es unter zwei geschafft, was unglaublich ist. Deshalb hätte ich gerne noch einen Platz mehr zurück gegeben."

Ich war ja schon früher beim Mofa ausgelastet. Wenn man sich das mal anschaut - das ist ja ein Albtraum, sich da dran zu trauen.
Sebastian Vettel

Vettel weiter: "Ich war ja schon früher beim Mofa ausgelastet. Wenn man sich das mal anschaut, wie so ein Strang da dran hängt an dem Motor - das ist ja ein Albtraum sich da dran zu trauen. Aber die Jungs sind da echte Künstler. Dank der Arbeit konnte ich dann überhaupt teilnehmen am Qualifying", lobt Vettel die Ferrari-Mechaniker. Nicht nur seine allein: "Die Jungs haben alles gegeben, auch die Jungs vom Kimi haben kräftig mit angepackt. Beim Auto von Kimi standen zwei Leute, alle anderen schwirrten wie Bienen um mein Auto herum."

Räikkönen und Vettel erlebten in Spanien beide kuriose Fehlermeldungen - Foto: Sutton

Glück, Coolness, Zufall: Was Vettel im Q1 rettete

Apropos Räikkönen - zu Vettels Teamkollegen sollte es später im Qualifying eine unschöne Parallele geben. Bereits am Freitag hatte dessen Renningenieur die Ferraristi weltweit mit einem Funkspruch nervös gemacht, es gebe ein Motorenproblem an seinem Boliden. Genau dasselbe erlebte nun Sebastian Vettel im Qualifying.

Nach der Highspeed-Reparatur kaum im Q1 auf die Strecke gefahren und seine Jungs per Funk gelobt, kam als Antwort zurück: Motorenproblem, stell das Auto ab. "Mir war bewusst, das wir da ein Problem hatten. Ich habe es direkt auf Start-Ziel gemerkt als ich Anlauf nehmen wollte für die schnelle Runde - alles hat geblinkt. Deswegen war mir klar, dass irgendwas los ist. Ich wollte aber nicht groß funken und fragen - die Jungs können das in der Garage ja auch sehen", schildert Vettel.

Es hat sich herausgestellt, dass es nur ein Programmierungsfehler in der Elektronik war.
Sebastian Vettel

Plötzlich sah also alles nach dem ersten dicken Rückschlag im WM-Kampf aus für den Wahl-Schweizer. Und doch kam es anders. Vettel wurde gerettet - durch Zufall, Glück und Coolness zugleich. Denn auf einmal hieß es wieder: Kommando zurück, weiterfahren! "Es hat sich herausgestellt, dass es nur ein Programmierungsfehler in der Elektronik war, der uns kurz Kopfschmerzen bereitet hat. Das konnten wir dann aber sogar noch auf der Strecke beheben,obwohl wir erst dachten, dass es vielleicht etwas Gröberes ist", berichtet Vettel.

Gott sei Dank habe ich den Motor nicht ausgeschaltet!
Sebastian Vettel

Sein Glück: er war noch nicht am Streckenrand stehen geblieben. "Ich hatte da gerade die letzte Ausfahrt an der Strecke verpasst und musste dann sowieso um die nächste Ecke rollen", schildert Vettel. "Dann habe ich nochmal nachgefragt und konnte plötzlich doch weiterfahren. Gott sei Dank habe ich den Motor nicht ausgeschaltet. Und so ist der ganze Tag eigentlich gelaufen. Gestern gab es ja auch schon ein paar Sachen, die nicht aus einem Guss kamen. Aber wir haben großartig reagiert, denn wir sind ruhig geblieben und haben schnell genug realisiert, dass es ein Problem war, dass wir noch auf der Strecke lösen konnten. Wir konnten sogar mit dem selben Run noch ins Q2 einziehen!", lobt Vettel die ungeahnte Besonnenheit der Ferrari-Truppe.

Ferraris Vorschau auf den Spanien GP in Barcelona: (01:28 Min.)

Vettel sicher: Turbulenzen ausgestanden!

Angst, dass die Turbulenzen des bisherigen Wochenendes bei Ferrari auch im Rennen weitergehen, hat Vettel derweil nicht. "Jetzt sollten wir alles hinter uns gebracht haben. Mit Sicherheit sind an diesem Wochenende zu viele Sachen nicht immer rund gelaufen, aber wir konnten uns immer irgendwie wieder retten. Wichtig war, dass wir dann zum Schluss da waren und keine Probleme hatten. Aber sicher war bis dahin der Aufbau nicht ideal. Da muss man dann cool bleiben und reagieren", sagt Vettel.

Im Renntrimm sollten wir auf Augenhöhe mit Mercedes sein.
Sebastian Vettel

Für das Rennen verspricht sich Vettel auch deshalb viel, weil es dabei generell leichter falle, im Rhythmus zu bleiben. Mercedes zu besiegen komme auch ohne Pole auf jeden Fall noch in Frage. "Im Renntrimm sollten wir auf Augenhöhe mit Mercedes sein und es gibt auch ein paar strategische Möglichkeiten für uns, an die Spitze zu gelangen", sagt Vettel. "Wir sind guter Dinge, aber für mich bleibt Mercedes der Favorit."


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