Formel 1 - Russland-Analyse: Reale Vettel-Gefahr für Bottas

Saubere Arbeit von Mercedes und Ferrari

Valtteri Bottas gewann den Russland GP hauchdünn vor Sebastian Vettel. Doch Ferrari war mit der Strategie auf der richtigen Fährte. Am Ende fehlte nur die Zeit.
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Motorsport-Magazin.com - In Russland hieß es zum vierten Mal in dieser Saison Mercedes vs. Ferrari. Doch statt Superstar Lewis Hamilton war es Valtteri Bottas, der für die Silberpfeile im Kampf gegen Scuderia-Speerspitze Sebastian Vettel die Kohlen aus dem Feuer holte - und das mit einem hauchdünnen Vorsprung von nur 0,617 Sekunden. Beinahe hätte Vettel den Gegner noch abgefangen, doch die Zielflagge kam ihm zuvor. Motorsport-Magazin.com nimmt den Großen Preis von Russland unter die Lupe

Auf den ersten Blick war die 2017er Ausgabe des Russland GP kein atemberaubendes Rennspektakel. Lediglich ein Überholmanöver gab es in den 51 Umläufen nach der Startunde zu bestaunen. Diese wiederum hatte es in sich und sorgte letztendlich bei einigen Piloten schon für die rennentscheidende Szene. So auch an der Spitze: Eigentlich hatte Ferrari mit Vettel und Räikkönen in der ersten Startreihe alle Trümpfe in der Hand, doch Bottas lag schon vor der ersten Kurve in Führung.

Ich hatte einen guten Start, etwas besser als die Jungs vor mir.
Valtteri Bottas

Dabei kam Vettel nicht einmal schlecht von der Linie weg. "Ich hatte ein gutes Gefühl, auch wenn es sich auf den ersten Metern so angefühlt hat, als ob ich hinter mir ein Zelt aufgespannt hatte, als Valtteri angeschossen kam", beschreibt der Ferrari-Pilot die Schlüsselszene des Rennens. Bottas machte von Startplatz drei aus nicht nur ebenfalls alles richtig, sondern hatte auch noch sämtliche Trümpfe auf seiner Seite. Neben seiner Mercedes-Power durfte sich der Finne über 844 Meter Vollgas bis zum ersten Bremspunkt freuen, inklusive einem üppigen Windschatten.

"Ich hatte einen guten Start, etwas besser als die Jungs vor mir", resümierte der spätere Rennsieger, der Vettel eiskalt überraschte und noch vor dem Bremspunkt für Turn 1 vor dem Ferrari einscherte. "Ich wusste, dass es eng werden würde. Aber dass er es sogar schafft vor uns zu kommen und dann die Tür zuzumachen - das hat er geschickt gemacht, es war eine der Schlüsselszenen", streute der Zweitplatzierte seinem Konkurrenten Rosen.

Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen verpennten beide den Re-Start - Foto: Sutton

Bottas zieht davon

Noch in der ersten Runde wurde das Rennen nach der Kollision zwischen Palmer und Grosjean neutralisiert. Die Chance für Vettel, sich am Re-Start beim Finnen zu revanchieren. Doch als das Rennen in Runde vier wieder freigegeben wurde, lag Vettel bereits 1,276 Sekunden hinter Bottas. Ein klarer Fall von Re-Start verpennt. Doch nicht nur ihm ging es so, denn der hinter ihm fahrende Räikkönen hatte ebenfalls über eine Sekunde abreißen lassen.

In der Folge riss Bottas an der Spitze Runde um Runde ein größeres Loch zu seinem ersten Verfolger, der sich wiederum ebenfalls von den hinter ihm fahrenden Räikkönen und Hamilton absetzen konnte. Der Mercedes schien mit dem Ultrasoft-Reifen bestens zurechtzukommen, so dass Bottas bis zur 20. Runde 5,547 Sekunden Vorsprung herausfahren konnte. "Er ist einen super ersten Stint gefahren, da muss man den Hut ziehen, wir konnten nicht mithalten", erkannte Vettel neidlos an.

Mercedes wollte alte Fehler vermeiden

Ab Runde 20 war bei Vettel jedoch mehr Leben in der Bude, denn er feilte den Rückstand ab diesem Zeitpunkt Zehntel um Zehntel herunter. Der Mercedes schien den Reifen wieder einmal schneller gefressen zu haben und obendrein standen für Bottas mit Magnussen und Kvyat die ersten beiden Überrundungen an. "Die Kommunikation mit dem Fahrer war recht klar: Er sagte uns, dass der Reifen Grip verliert", so Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Unsere Simulationen zeigten, dass wir bei einem so frühen Stopp in massivem Verkehr zurück auf die Strecke kommen.
Toto Wolff

Einen früheren Boxenstopp wollte das Team allerdings nicht riskieren, um nicht nochmal einen Fehler wie in Melbourne zu machen. "Unsere Simulationen zeigten, dass wir bei einem so frühen Stopp in massivem Verkehr zurück auf die Strecke kommen. Also haben wir ihn mit seinem roten Kopf draußen gelassen", so der Teamchef weiter. Vettel verkürzte dadurch den Rückstand wieder auf zweieinhalb Sekunden. Mercedes reagierte spät und holte Bottas in Runde 27 für seinen einzigen Boxenstopp und folglich den Wechsel auf Supersoft an die Box, um Ferrari dieses Mal nicht die Chance zum Undercut zu geben.

Ferrari versucht es per Alternativ-Strategie

Mit 2,36 Sekunden ließ sich die Boxencrew der Silberpfeile nicht lumpen und schickte Bottas an vierter Stelle liegend wieder zurück auf die Strecke. Vettel wurde indessen von seinem Team angewiesen, weiterhin auf dem Ultrasoft-Reifen draußen zu bleiben, auf dem er das Rennen gestartet war. "Es gab ja eine Lücke zu Kimi und deshalb habe ich versucht, einfach so lange wie möglich den ersten Satz zu fahren. Wir haben gehofft, dass sich vielleicht noch eine Möglichkeit ergibt", erklärte Vettel den Plan seiner Strategen.

Dass es am Ende nochmal so spannend wurde, lag daran, dass wir auf dem Supersoft nicht so stark waren wie auf dem Ultrasoft.
Toto Wolff

Die Rundenzeiten ihres Piloten schienen dem Ferrari-Kommandostand weitestgehend Recht zu geben. Bottas konnte auf dem frischen Supersoft nur kurzzeitig und auch nur wenige Zehntel gutmachen. Aus zunächst 20,607 Sekunden Rückstand machte der Finne in Runde 31 nur noch deren 19,680 Sekunden, danach holte Vettel wieder eine Sekunde heraus. In Runde 34 kam der viermalige Weltmeister dann schlussendlich auch zu seinem ersten und einzigen Boxenstopp in diesem Rennen.

Mit 3,21 Sekunden war der Reifenwechsel eine ganze Ecke langsamer als der der Konkurrenz. Nichtsdestotrotz schien die Taktik von Ferrari in der zweiten Rennhälfte aufzugehen - obwohl Vettel am Ende der 35. Runde zunächst über viereinhalb Sekunden Rückstand hatte. Der Ferrari schien mit dem Supersoft-Reifen erstens besser zurechtzukommen und zweitens konnte sein Pilot auch noch davon profitieren, dass der Pneu sieben Runden frischer war.

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Vettel jagt Bottas in einen Fehler

"Dass es am Ende nochmal so spannend wurde, lag daran, dass wir auf dem Supersoft nicht so stark waren wie auf dem Ultrasoft", erklärte Wolff die Herausforderung für Bottas in der zweiten Rennhälfte. In der Tat zeigte Vettel, was auf dem Supersoft-Reifen im Ferrari steckt und holte in den Runden nach seinem Boxenstopp etwa drei Zehntel pro Runde auf. "Am Schluss hatte ich dann frischere Reifen und war deutlich schneller, aber es ist unheimlich schwer, hier nah genug heranzukommen", so der Deutsche.

Das Team hatte mich gebeten, die Bremsbalance zu ändern, um die Reifentemperaturen zu regulieren.
Valtteri Bottas

Wie sehr Bottas den Druck spürte, machte sich schon in Runde 38 bemerkbar. Beim der Anfahrt auf Kurve 14 verbremste sich der Finne, wobei beim Anbremsen zunächst das linke und dann das rechte Vorderrad für einen etwas längeren Moment stehenblieb. Ein Fehler mit Folgen, wie der Teamchef erklärte: "Er hatte dann in beiden Vorderreifen einen Bremsplatten." Bottas selbst führte den Fahrfehler auf eine veränderte Bremsbalance zurück. "Das Team hatte mich gebeten, die Bremsbalance zu ändern, um die Reifentemperaturen zu regulieren. Danach hatte ich den Bremsplatten und musste die Balance wieder zurückstellen", erklärte der spätere Sieger, der zu diesem Zeitpunkt im Boxenfunk sichtlich genervt das Team darum bat, weniger auf ihn einzureden.

Zum Druck Vettels und dem nun vorhandenen Bremsplatten kamen weitere Überrundungen und Bottas tat sich sichtlich schwer, nicht aus der Rolle zu fallen. "Diese Strecke ist so speziell was den Rhythmus angeht. Wenn du ihn findest, kannst du so schnell hier sein und konstante Rundenzeiten fahren. Wenn du ihn aber verlierst, brauchst du immer ein paar Runden, um ihn wiederzufinden", erklärte er.

Bottas hält dem Druck stand

Der Mercedes-Pilot sollte seinen Rhythmus wiederfinden, doch vorher war Vettel erst noch am Drücker und war in Runde 42 erstmals seit dem Start des Rennens wieder auf unter anderthalb Sekunden am Führenden dran. Wenige Zehntelsekunden vom DRS-Fenster entfernt verbiss sich Vettel im Gegner und versuchte bis zum Schluss alles. Dass sein Ferrari jetzt die schnellere Pace hatte, konnte zu seinem Leidwesen jedoch nicht die Streckencharakteristik außer Kraft setzen - denn in Schlagdistanz kam er bis zwei Runden vor Schluss nicht.

Ich war mir sicher, dass Massa rüberfahren und mich vorbeifahren lassen würde. Ich habe dann mehr Zeit verloren als mir lieb war.
Sebastian Vettel

"Am Schluss hatte ich dann frischere Reifen und war deutlich schneller, aber es ist unheimlich schwer, hier nah genug heranzukommen", so Vettel, der ab Runde 50 im DRS-Fenster war. In der 52. und letzten Runde roch es förmlich nach dem Showdown zwischen den Rivalen an der Spitze, doch eine letzte entscheidende Überrundung entpuppte sich zum Zünglein an der Waage. Zunächst einmal profitierte Bottas davon, dass er angesichts des zur Überrundung anstehenden Felipe Massa auf der Start- und Zielgeraden das DRS öffnen und sich so vor Vettel in Sicherheit bringen konnte.

Der Finne zog am Ende der Geraden am Brasilianer vorbei, während Vettel sich hinten anstellen musste und erst in der vierten Kurve mit freundlichem Autofahrergruß am Williams vorbeigehen konnte. "Ich war mir sicher, dass Massa rüberfahren und mich vorbeifahren lassen würde. Ich habe dann mehr Zeit verloren als mir lieb war", so Vettel, der nach dieser Aktion im letzten Sektor zwar noch einmal den Anschluss herstellen konnte, für einen Angriff jedoch nicht mehr genug Zeit hatte. Unter dem Strich stand damit nach einer heißen Schlussphase der erste Sieg für Valtteri Bottas in der Formel 1.

Fazit: Ferrari machte beim Russland-GP keine Fehler und verlor doch gegen Mercedes. Vettels Start war gut, doch Bottas hatte einfach alle Trümpfe auf seiner Seite und überrumpelte den völlig wehrlosen Ferrari-Piloten. In der Folge hätte die Scuderia nur mit einem früheren Stopp auf Supersofts noch einen Unterschied machen können, denn Vettel hätte den Vorteil des besseren Reifenmanagements seines Boliden so länger nutzen können. Der Zeitpunkt seines Boxenstopps kann aber trotzdem keinesfalls als Fehler beurteilt werden. Unter dem Strich bleibt damit festzuhalten, dass der Russland GP das erste Rennen in diesem Jahr war, an dem beide Kommandostände fehlerfrei taktierten. Das Resultat war ein spannender Schlagabtausch um den Sieg - zwar nicht wie vielerorts herbeigesehnt von Hamilton und Vettel, aber immerhin endlich von Mercedes und Ferrari.


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